© Meiko Herrmann

Oh, wie grün ist Panama!

  • TEXT GÜNTER KAST
  • FOTOS MEIKO HERRMANN
  • ILLUSTRATIONEN CRISTÓBAL SCHMAL

Wolkenkratzer und koloniale Pracht, Hochlandkaffee und Faultiere: Panama-Stadt gibt sich locker, fast ­mondän – doch der Dschungel liegt gleich nebenan

Schweißnass klebt das Hemd am Körper, wir stolpern mit schlammverschmierten Schuhen über rutschige Wurzeln. Als ich Halt an einer Palme suche, stechen mir ihre Dornen in die Hand. Und dann sind da noch die Moskitos … „Señor, das soll ein Stadtbummel sein?“ Igua Jiménez vom Stamm der Kuna, der den Fotografen und mich durch den Dschungel führt, lächelt milde. Soll wohl heißen: Stellt euch nicht so an! Ihr wandert schließlich auf historischen Pfaden. Recht hat er: Der Camino de Cruces im Soberanía-Nationalpark war einst die Nabelschnur zwischen Pazifik und Atlantik. Ein Panamakanal auf dem Landweg, auf dem die spanischen Konquistadoren das Gold der Azteken abtransportierten. Ein Großteil des Wegs ist seit dem Bau des schiffbaren Kanals 1914 geflutet. Doch auf einer Länge von etwa zehn Kilometern kann man ihn begehen. Zwischen Moos und welken Blättern sind noch Pflastersteine zu erkennen, die im 16. Jahrhundert von Sklaven herangeschleppt wurden, um den Pfad zu befestigen. Die mit Schätzen aus der Neuen Welt beladenen Maultiere haben handballgroße Mulden im weichen Sandstein hinterlassen.

Kajakfahrer in den tropischen Buchten des Gatúnsees, durch den auch die Fahrrinne des Panamakanals führt

Kajakfahrer in den tropischen Buchten des Gatúnsees, durch den auch die Fahrrinne des Panamakanals führt

© Meiko Herrmann

 „Perezoso“, ruft Igua plötzlich und bleibt stehen. Ein Faultier? Ah ja, da oben hängt etwas. Ein unförmiges Fellknäuel, wie ein lebloses Stück Pelz. „Nein, nein, es ist nicht tot“, insistiert der Guide. Kräftiges, eher nicht artgerechtes Schütteln führt zu einer zeitlupenhaften Bewegung: Zwei Augen öffnen sich und blicken auf uns herab. In einem Comic würde jetzt eine Sprechblase aufpoppen: „Jungs, bloß keinen Stress!“ Ohne Igua, der sich ebenso flink wie lautlos durch das Unterholz bewegt, hätten wir das eigenartige Tier glatt übersehen. Der Indianer, dessen Stamm in einer Revolte 1925 die Teilautonomie von Panama erkämpft hat, trägt zwar westliche Trekking-Kleidung und spricht fließend Englisch. Doch seine Instinkte hat er als kleiner Junge bei Jagdausflügen und Mutproben im Regenwald geschärft. Sie funktionieren noch immer. Er zeigt uns nicht nur die größeren Tiere wie Papageien, Tukane und Nasen­bären. Er macht uns auch auf die Winzlinge unter den Urwaldbewohnern aufmerksam: Heeres- und Blattschneiderameisen, die geschäftig mit ihren Straßen den Camino de Cruces kreuzen – gerade mal eine knappe Autostunde vom dichten Verkehr in Panama-Stadt.

Die Ruinen von Fort San Lorenzo bei Colón

Die Ruinen von Fort San Lorenzo bei Colón

© Meiko Herrmann
Ich sehe was, was du nicht siehst: Igua Jiménez vom Stamm der Kuna zeigt Touristen seinen Dschungel

Ich sehe was, was du nicht siehst: Igua Jiménez vom Stamm der Kuna zeigt Touristen seinen Dschungel

© Meiko Herrmann
Kleiner Kletterer: ein Geoffroy-Perückenaffe, Vertreter einer von acht Affenarten, die in Panamas Wäldern leben

Kleiner Kletterer: ein Geoffroy-Perückenaffe, Vertreter einer von acht Affenarten, die in Panamas Wäldern leben

© Meiko Herrmann
Wilford Lamastus serviert im Bajareque Kaffee aus eigenem Hochlandanbau

Wilford Lamastus serviert im Bajareque Kaffee aus eigenem Hochlandanbau

© Meiko Herrmann

 Die Metropole ist regelrecht umzin­gelt von National- und Naturparks. Selbst wer mit wenig Zeit hierherkommt, kann im Parque Natural Metropolitano – unmittelbar an der westlichen Stadtgrenze auf dem Weg zum Nationalpark Soberanía – einige Leguane, Ameisenbären und Wasserschildkröten beobachten. Für eine mehr­tägige Tour bietet sich der 30 ­Kilometer entfernte, weitläufig-wilde ­Parque Nacional Chagres im Nordosten an.

Als müsste sich die Zivilisation gegen so viel Natur behaupten, stemmt sich ihr Panama-Stadt in Form einer beeindruckenden Skyline entgegen: Die 1,5-Millionen-Metropole ist das Dubai Zen­tralamerikas – mit Dutzenden von gläsernen Wolkenkratzern, im Bau oder schon fertig. Einige beherbergen schicke Apartments, andere Büros und Briefkastenfirmen – irgendwo müssen sie ja gelagert werden, die „Panama Papers“. Acht der zehn höchsten Hochhäuser Lateinamerikas stehen hier, viele sind höher als 200 Meter. Aus deren oberen Stockwerken blickt man bis zur Puente de las Américas, der Stahlbrücke, die den Kanal überspannt und auf der die Schnellstraße Panamericana Nord- und Südamerika verbindet.

Panama-Stadt ist das Dubai Lateinamerikas – mit Regenwald drumherum

Samy Ferrenbach, Bistrobesitzer

Vor der Kulisse der Wolkenkratzer drehen sonntags Radfahrer und Jogger ihre Runden auf der für Autos gesperrten Cinta Costera: Die sieben Kilometer lange, aus Kanalaushub aufgeschüttete neue Promenade ist der Laufsteg für eine neue Mittelklasse, die so spaßorientiert ist wie körperbewusst. Aus riesigen Boxen dröhnt Latino-Pop – ein Vortänzer heizt kräftig ein, dahinter sprudelt blau gefärbtes Wasser aus einer Fontäne. Weiter südlich führt die Ringstraße übers Meer und schlingt sich im großen Bogen einmal um die Altstadt Casco Viejo. Dort bilden die Fassaden verfallener und renovierter Villen ein begehbares Gemälde in Pastelltönen, wie Miami vor 100 Jahren. Wo Drogenbanden ihre Kriege führten, hat die Polizei für Ordnung gesorgt, aus Schutzgeldeintreibern sind Barbesitzer geworden. Touristen und das bunte Völkergemisch der Einheimischen, sie können wieder unbeschwert durch die Gassen flanieren. Für besonders stimmungsvolle Spaziergänge bieten sich vor allem der Nachmittag und der frühe Abend an, wenn dieses auf drei Seiten von Pazifikwellen umspülte Quartier nach der trägen Hitze der Siesta wieder zum Leben erwacht.

1 Lake Gatún / Gatúnsee 2 Panama Canal / Panamakanal 3 SoberanÍa National Park 4 Metropolitan Natural Park 5 Restaurant Donde José 6 American Trade Hotel 7 Bajareque Coffee House 8 Hat Store / Hutladen El Guayacano 9 Cinta Costera

1 Lake Gatún / Gatúnsee
2 Panama Canal / Panamakanal
3 SoberanÍa National Park
4 Metropolitan Natural Park
5 Restaurant Donde José
6 American Trade Hotel
7 Bajareque Coffee House
8 Hat Store / Hutladen El Guayacano
9 Cinta Costera

© Cristóbal Schmal

 Das koloniale Viertel, das seit 1997 zum Weltkulturerbe gehört, lässt sich am leichtesten erkunden, indem man sich führen lässt. Zum Beispiel von Yelena González. Die prominente Moderatorin des Parlamentsfernsehens kennt jede neue Bar und jedes neue Restaurant. Einmal verließ sie ihre Heimat und zog nach Barcelona, nur um bald krank vor Heimweh zurückzukehren. Was sie am meisten vermisst hat? „Die Menschen, ihr Lächeln, ihre Hilfs­bereitschaft, ihre Feste.“

Weil so ein Stadtbummel ähnlich anstrengend ist wie ein Marsch durch den Regenwald, gönnt uns Yelena eine Pause in ihrem Lieblings-Kaffeehaus Bajareque. Der Name bedeutet „weicher, samtener Nieselregen“. Wilford Lamastus, der Besitzer, röstet für uns, mahlt, brüht auf, nur mit Filter und heißem Wasser, ganz ohne Pumpendruck und Barista-Show. Der Kaffee schmeckt vielschichtig, wie ein guter Wein: mit komplexen Aromen von Waldbeeren und Obstsalat, die Säure präsent, aber nicht zu aufdringlich. „Schmeckt besser als kolumbianischer Kaffee, oder?“, fragt Lamastus. Eine Antwort erwartet er nicht. Erst draußen vor der Tür klärt uns Yelena darüber auf, was wir da probiert haben: „Elida Green-Tip Geisha“, ein Pfund zu knapp 120 Dollar. Vielen Kennern gilt er als der beste Kaffee der Welt. Die Bohnen stammen aus der Region Boquete, kurz vor der Grenze zu Costa Rica. Der Ertrag in den Höhenlagen zwischen 1700 und 2500 Meter ist sehr gering, die Anbaufläche auf Vulkanerde begrenzt und die Ernte sehr aufwendig, daher der Preis.

Ihren 15. Geburtstag, den Quinceañera, feiern junge Frauen gerne in Türkis und Tüll

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© Meiko Herrmann
Vor dem American Trade Hotel erinnert ein Denkmal an General Tomás Herrera, der Panama 1840 in die Unabhängigkeit führte

Vor dem American Trade Hotel erinnert ein Denkmal an General Tomás Herrera, der Panama 1840 in die Unabhängigkeit führte

© Meiko Herrmann
Tukane schnäbeln auch im Großstadtdschungel

Tukane schnäbeln auch im Großstadtdschungel

© Meiko Herrmann

 Yelena findet, für weitere Touren im Urwald sollten wir uns besser rüsten. Mit einem echten Panamahut. Gibt es denn auch falsche? „Claro que sí!“, sagt unsere Führerin, „die aus Ecuador, ich zeige euch den Unterschied.“ Im El Guayacano gibt es ein günstiges Modell für 60 bis 80 Dollar, aber das ist natürlich kein wirklicher „sombrero fino“. Erst das nächste Modell sitzt wie angegossen, kostet allerdings 1000 Dollar. Für ein paar Strohhalme auf dem Kopf? Wir erfahren: „So ein Hut, Jipijapa genannt, wird aufwendig von Hand aus dem feinen Toquilla-Stroh eines Scheibenblumengewächses geflochten. Feuchtigkeit, Wärme und Druck geben ihm danach seine spezifische Form.“ Weil immer weniger Flechter diese Kunst beherrschen und auch selbst anbauen, gehen Wissen und Rohstoff allmählich verloren.

Optimistischer blickt Samy Ferrenbach, der im Casco Viejo
das Bistro Paula Nani betreibt, in die Zukunft. „In Panama-Stadt herrscht Aufbruchstimmung“, begründet er seinen Umzug von ­Cannes nach Panama vor fünf Jahren. „In Frankreich herrscht Stillstand, hier lohnt es sich noch zu investieren.“ Er hat sich ein Haus direkt am Meer geschnappt und daraus ein trendiges Lokal gemacht. Yelena kennt viele solcher Glücksritter: „Unsere Stadt ist noch jung, sie erwacht erst.“ Noch jung? „Viele beginnen erst mit dem 31. Dezember 1999 zu zählen, als die Amerikaner den Kanal und die umliegenden Gebiete endgültig an uns zurückgaben“, erklärt Yelena. Man dürfe nicht vergessen, dass nur zehn Jahre zuvor US-Präsident George Bush die Stadt angreifen ließ, um Diktator Manuel Noriega zu stürzen. An die Bombennacht des 20. Dezember 1989 erinnern nur noch Graffiti an den Wänden der nicht so feinen Viertel: „Ni olvido, ni perdón!“ – Kein Vergessen, kein Verzeihen! Wer Panama heute kennenlernt, bekommt von dieser düsteren Vergangenheit kaum etwas mit.

Im Regenwald im Westen der Stadt sowieso nicht. Am nächsten Morgen sind wir noch einmal dort unterwegs, nun mit dem Kajak. Im aufgestauten Gatúnsee, durch dessen Mitte die Fahrrinne des Panamakanals von Colón nach Panama-Stadt verläuft, hat sich eine Inselwelt mit großer Artenvielfalt entwickelt: Weil die USA bis Ende 1999 die Hoheit über die Wasserstraße und den angrenzenden Landkorridor besaßen, waren die Tiere vor allzu vielen Jägern sicher. Heute schützt sie ein Nationalpark, an die großen Schiffe hat sich die Fauna längst gewöhnt. Lautlos gleiten wir in den Lagunen am Rande des Sees dahin, von den Bäumen seilen sich Klammeräffchen an ihrem Schwanz zum Trinken bis zur Wasseroberfläche ab, stets auf der Hut vor Krokodilen. Da tauchen plötzlich zwischen all den Grüntönen die bunten, gewaltigen Containerschiffe der Neopanamax-Klasse auf, die nur durch die erst 2016 fertiggestellten Schleusen des Kanals passen. Vom Atlantik kommend werden sie 26 Meter auf das Niveau des Gatúnsees nach oben gehoben, dann auf der anderen Seite wieder abgesenkt. Auch Igua ist – wie alle seine Landsleute – stolz auf die rund fünf Milliarden Dollar teure Anlage, obwohl er als Indianer stets die Autonomie seines Stammes betont. So verbindet der Kanal nicht nur Wildnis und Zivilisa­tion, sondern gelegentlich auch alle anderen Welten.