© Monika Höfler

Auf Sindbads Spuren

  • TEXT OLAF TARMAS
  • FOTOS MONIKA HÖFLER

Seit Jahrhunderten prägen das Meer und die Seefahrt den Oman. Unser Autor besuchte die letzte Dau-Werft, die Hafenstadt Sur und  spektakuläre Fjordlandschaften im Norden.

Zwei Masten, lang gezogener Bug, schwungvoll ansteigende Reling mit filigranem Schnitzwerk. Wie alt mag das Schiff sein, das da so erhaben auf dem Gelände des Dau-Museums in Sur steht? 200 Jahre? 300? Mitnichten: Die Fatah al-Khair (Sieg des Guten), so der Name der eleganten Fracht-Dau, wurde erst 1952 in Dienst gestellt.

Bis in die 1990er-Jahre fuhr sie, beladen mit Datteln, Weihrauch und Trockenfisch, nach Iran und Indien, nach Somalia und Sansibar und kam von dort mit Gewürzen, Reis und Teakholz zurück, so wie omanische Daus es viele Jahrhunderte lang getan hatten. Mit ihrer Hilfe schufen arabische Seefahrer ein Handelsimperium, das sich noch im 19. Jahrhundert über das gesamte Arabische Meer und Teile des Indischen Ozeans erstreckte. Eine glorreiche Vergangenheit, die bis heute in Nischen weiterlebt.

Die Daus werden ohne Bauplan, nur aus dem Kopf heraus gezimmert

So in der Hafenstadt Sur, lange das Zentrum des Dau-Schiffbaus auf der Arabischen Halbinsel. Noch heute symbolisiert der Leuchtturm, der unter den schlanken Minaretten der weißen Stadt heraussticht, die Bedeutung der Seefahrt. Und ein paar hundert Meter neben dem Schiffsmuseum, auf der Werft von Ali Al-Araimi, werden noch immer Daus gebaut, nach alter Art: aus Teak-, Akazien- und Zedernholz, komplett von Hand und ohne eine einzige Konstruktionszeichnung.

„Es gibt keine Pläne, keine Bauanleitung“, erklärt Khaled Al-Araimi, der Sohn des Werftbesitzers. „Jeden Handgriff hat mein Vater im Kopf. Und von dort aus“, der 30-Jährige hebt beide Hände zur Stirn,„muss alles in meinen Kopf.“ Äußerlich wirkt Al-Araimi 
cool: Er trägt Flip-Flops, Sonnenbrille, T-Shirt, einen schwarzen Wickelrock. Lässiger Omani-Style. Doch bei dem Satz über die zwei Köpfe scheint er einen Moment lang überwältigt. Als spüre er plötzlich die Verantwortung, die es mit sich bringt, alleiniger Träger eines jahrhundertealten Wissens zu sein: Sein Vater zieht sich langsam aus dem Alltagsgeschäft zurück, die Werft der Al-Araimis ist die letzte ihrer Art in Oman.

Schnell hat sich der Juniorchef gefasst und führt uns in den Hof seiner Werft, wo ein großer, rotbraun glänzender Teakholz-Rumpf aus einem Holzgerüst emporwächst. In seinem Schatten hocken zwei Schiffszimmerer und widmen sich einer fast vergessenen Bootsbautechnik: dem Kalfatern. Mit Hammer und Eisen klopfen sie ölgetränkte Baumwollkordeln in die Ritzen zwischen den Planken.

In ein bis zwei Monaten soll die Dau fertig sein, dann wird sie auf die Seite gelegt und auf einem Bett aus Palmwedeln über den Strand ins Wasser gezogen. Ein reicher Katari hat sie bestellt, um damit an seinen freien Tagen durch den Persischen Golf zu schippern. Viele Kaufleute und hochrangige Politiker bestellen bei Al-Araimi. Leute, die sich das traditionelle Handwerk noch leisten können.

Eine Familie aus den ­Vereinigten Arabischen ­Emiraten beim Bootsausflug

Eine Familie aus den ­Vereinigten Arabischen ­Emiraten beim Bootsausflug

© Monika Höfler
Mit den Zehen hält der Steuermann die Ruder­pinne auf Kurs ...

Mit den Zehen hält der Steuermann die Ruder­pinne auf Kurs ...

© Monika Höfler

... so schippert es sich gefahrlos zwischen den Klippen von Khor Al-Najid hindurch

© Monika Höfler
Erbe der Kaufleute: In Kumzar hat sich ein einzig­artiger Sprachmix erhalten

Erbe der Kaufleute: In Kumzar hat sich ein einzig­artiger Sprachmix erhalten

© Monika Höfler

 Arbeits-Daus, also Fischerei- und Frachtschiffe, stammen heute meist aus dem Ausland, sind aus Glasfaser statt aus Holz gefertigt, gleichen aber äußerlich noch immer dem seit Jahrhunderten bewährten Design. Sogar die Farbe ist gleich geblieben – das braune Material mutet von Weitem wie Holz an. Am Hafen von Sur, der aus nicht viel mehr als einigen 
Betonkais und einer funktionalen Markthalle besteht, dümpeln Dutzende von ihnen in der Nachmittagssonne. Sie transportieren Reis, Öl und Zucker von Umschlaghäfen in den Emiraten bis nach Jemen, eine vier- bis fünftägige Reise, die sie durch die Straße von Hormus und entlang der omanischen Küstenlinie führt. Manchmal fahren sie auch bis nach Somalia, erzählt ein Matrose, der sich als Anwar vorstellt. Immer wieder komme es auf der Strecke zu Zwischenfällen mit Piraten, sagt er. „Sie nehmen sich die Ladung, nach ein paar Tagen lassen sie die Besatzung und das Schiff wieder frei.“ Wie Anwar es schildert, scheint Seeräuberei nicht mehr als ein lästiges Übel zu sein, das toleriert wird, solange es sich im Rahmen 
hält – also kein Lösegeld erpresst wird.

Die Piraten gehören zum Inventar der Dau-Schifffahrt, genau wie die salzwassersteifen Teppiche an Deck, auf denen seit Jahrhunderten der Steuermann steht, barfuß und mit einer hölzernen Ruderpinne in der Hand. Einzige größere Veränderung: Wo einst der Mast stand, ragt heute ein Schornstein in die Höhe: Statt Segeln sorgen Dieselmotoren fürs Vorankommen. Technische Neuerungen fügen sich so unauffällig wie möglich in die überlieferte Dau-Form, der Fortschritt erscheint im Gewand der Vergangenheit.

Die Zukunft der omanischen Schifffahrt liegt allerdings nicht im Handel, sondern im Tourismus. Am deutlichsten ist das in Musandam zu sehen, der abgelegensten Region des Landes. Die 700 Kilometer nordwestlich von Sur gelegene Exklave ragt als Halbinsel in die Straße von Hormus, jene schmale Passage, die den Golf von Oman mit dem Persischen Golf verbindet. Musandam ist eine archaische Welt aus Geröll, Fels und tief ins Land einschneidenden Fjorden, den Khors. Wie in keinem anderen Teil des Landes sind die Fischerdörfer dieser zerklüfteten, kargen Gegend auf Wasserwege angewiesen: um die Kinder zur Schule zu bringen, um Einkäufe zu transportieren, für alles. Und wie wenige andere in seinem Land hat Abdul Fattah Al-Shehhi aus der Dau-Tradition Kapital geschlagen. Aufgewachsen ist er in einer einfachen Fischerfamilie, heute bietet er Gästen aus aller Welt Touren durch die wilde Schluchten-Welt von Musandam an.

Die Steilwände Musandams bieten einen erhabenen, einen archaischen Anblick

In einer blütenweißen Dishdasha, dem arabischen Männergewand, und mit dem turbanartigen Muzzar auf dem Kopf sitzt Abdul Fattah Al-Shehhi an der Ruderpinne einer kleinen blauen Holzdau, die unter den steil aufragenden Felswänden der Halbinsel entlangtuckert. Mit blitzenden Augen, einer markanten Zahnlücke und vollem Körpereinsatz an der Ruderpinne wirkt der 43-Jährige wie ein großes Kind. Doch wenn er von seinem Werdegang erzählt, werden seine Gesten gemessen und würdevoll.

Die ersten Touristen seien Mitte der 1990er-Jahre gekommen, sagt Al-Shehhi. Ein findiger Kollege nahm ein paar Ausflügler auf seiner Dau mit. „Ich habe mir überlegt: Was kann ich besser machen?“ Er verpasste seiner Dau einen frischen Anstrich, legte sie mit Sitzkissen aus, hievte einen Kühlschrank sowie eine Kiste mit Schwimmflossen und Schnorcheln an Bord. Fertig war die Ausflugs-Dau, mit der wir jetzt ins Innere von Khor Sham gleiten, Musandams größter Wasserschlucht.

Ein Fischer im Hafen von Sur schleppt den Fang der vergangenen Nacht heran

Ein Fischer im Hafen von Sur schleppt den Fang der vergangenen Nacht heran

© Monika Höfler
Eine Gruppe Delfine ­begleitet die Ausflugsboote

Eine Gruppe Delfine ­begleitet die Ausflugsboote

© Monika Höfler
Ein Fischer posiert in seinem Boot

Ein Fischer posiert in seinem Boot

© Monika Höfler
Damals wie heute: Auf der Dau-Werft bessert ein Arbeiter Löcher in einem Schiffsrumpf aus

Damals wie heute: Auf der Dau-Werft bessert ein Arbeiter Löcher in einem Schiffsrumpf aus

© Monika Höfler
Touristenboot vor der Felsenküste Omans

Touristenboot vor der Felsenküste Omans

© Monika Höfler

 Bis zu 900 Meter hoch ragen die orangeroten und ockerfarbenen Steilwände aus dem Meer. Sie bieten einen erhabenen, seltsam monotonen Anblick: Das Auge schweift über Gesteinsschichten und Schutthänge, über aufgefaltete Erdkruste und bizarre Felsformationen – und findet bei aller Faszination doch keinen Halt, gleitet ab an einer vegeta­tionslosen Landschaft.

Sechs Schiffe besitzt er mittlerweile, erzählt Al-Shehhi. Sein Unternehmen Musandam Sea Adventures beschäftigt 35 Angestellte, darunter zwei Deutsche, als Guides für seinen größten Markt. Sein neuestes Schmuckstück zeigt Al-Shehhi mir am folgenden Morgen. Die strahlend weiße Rubba, eine ­eigenwillige Mischung aus Motorjacht und traditioneller Dau. Glasfaser-Design trifft auf handwerklich bearbeitetes Teakholz, ein schnittiger Schiffsleib auf unverkennbare Dau-Elemente. Auf dem Vorderdeck lädt auch hier eine Teppich- und Kissenlandschaft zum stilvollen Herumlungern ein, dazu machen luxuriöse Kabinen mehrtägige Touren möglich.

Mit einem strahlenden Lächeln empfängt mich der Kapitän an Bord. Ich hätte ihn kaum wieder­erkannt: Statt Dishdasha trägt er Shorts und Polohemd, statt Turban eine Basecap. Und anstatt sein Körpergewicht gemütlich in die Ruderpinne zu stemmen, murmelt er mit ernster Miene Anweisungen ins Walkie-Talkie. Mit der Gravität des erfahrenen Patriarchen zur See dirigiert Al-Shehhi die Jacht durchs Khor-Labyrinth, und er genießt seine Rolle sichtlich.

Nach wenigen Stunden erreichen wir einen der isoliertesten Orte Omans, das Städtchen Kumzar, das sich auf einen schmalen Saum zwischen Strand und Steilwand quetscht. Unter Sprachforschern ist es berühmt für ein einmaliges Idiom, Kumzari, ein Mix aus Persisch, Arabisch, Portugiesisch und Englisch. Nur wenige Menschen sprechen diese Sprache 
noch. Al-Shehhi versteht ein bisschen; die Zweitfrau seines Vaters stammt aus Kumzar.

Der Himmel übergossen mit Sternen, im Wasser glitzert das Plankton

Als wir anlanden, sehen wir, wie einige Fischer große Brocken Thunfisch im Meerwasser waschen. Ihre Frauen hocken hinter ihnen am Kieselstrand und pökeln den Fisch mit Salz und Gewürzen. Sie tragen traditionelle, goldfarben schimmernde Burka-Masken, die Nase und Mund verdecken, Wieder so ein Anblick, der mich um Jahrhunderte zurückversetzt. „Hier hat sich nicht viel verändert“, sagt Al-Shehhi und deutet auf einen überdachten Felsvorsprung oberhalb des Hafens. „Da sitzt noch immer der Fischwächter: Zieht ein Sardinenschwarm in die Bucht, schlägt er Alarm.“ Eine winzige, mit Schnitzwerk verzierte Dau liegt samt vorbereiteten Netzen am Anleger. Hinter dem Geräteschuppen entdecke ich die Ausbeute des letzten Fangzugs: Tausende kleine Fischleiber, die in der Sonne trocknen.

Am frühen Abend gehen wir im nächsten Khor vor Anker, Al-Shehhi lädt mich ein, noch einmal mit von Bord zu kommen. Mit einem Beiboot tuckern wir in einen Seitenarm, Al-Shehhi will uns einen Barrakuda zum Abendessen angeln. Aber wir sind spät dran, es dämmert bereits. „Barrakudas tauchen in der Dunkelheit ab“, erklärt Al-Shehhi. Immer tiefer lässt er den Köder mit dem Senkblei hinab, während die Berge allmählich im Dunkel verschwinden und die Sterne hervorkommen. Bis auf ein leises Schwappen unter dem Boot ist es völlig still. Als ich nach oben blicke, ist der Himmel übergossen mit Sternen, die Milchstraße ist zu sehen. Und dann, auf einmal, funkelt es auch von unten. Mit einer sanften Handbewegung fährt Al-Shehhi durchs Wasser und bringt so das Meeresplankton zum Leuchten. Meine Gedanken über Vergangenheit und Gegenwart kommen zum Stillstand. Dieser Moment, er liegt jenseits von beidem.


 

 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.