Rote Hosen, rote Busse: feiernde Abiturienten auf dem Tryvann-Festival.
© Fabian Weiss

Eine Stadt sieht rot

  • TEXT LISA ROKAHR
  • FOTOS FABIAN WEISS

Einmal im Jahr färben sich Oslos Straßen und Wälder – dann ziehen die Abiturienten in grellen Latzhosen durch die Stadt und feiern sich selbst

Die Russe kommen! Noch ist nichts zu sehen, aber die Bässe vibrieren schon durch den Wald. Sie kommen in roten Bussen, ein reizvoller Kontrast zum Grün und Weiß des Tryvann, dem Winterpark im Waldgebiet nördlich von Oslo, wo im April und Mai oft noch Schnee liegt. Die Russe – so nennt man in Norwegen die Schulabgänger, und jedes Jahr feiern sie hier im norwegischen Idyll die wohl größte Abi-Party Europas.

Insgesamt fünf Tage lang verabschieden die 18- und 19-Jährigen hier ihr letztes Schuljahr auf dem Tryvann-Festival, rund 10 000 sind es an jedem einzelnen Tag. In dieser Zeit erbebt Oslo in einer besonderen Symbiose aus Alteingesessenen, jungen Wilden und Touristen. Die jahrhundertealte Tradition wird heute wilder und lauter denn je gepflegt, ist ein mit Beats unterlegter Initiationsritus. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es die sogenannte Russfeier, der Name „Russ“ ist eine Abkürzung des lateinischen „cornua depositurus“, was so viel heißt wie „sich die Hörner abstoßen“. Wenn man noch bedenkt, dass in „Russ“ auch das norwegische Wort „rus“ steckt, nämlich „Rausch“, ahnt man zumindest, dass von beidem etwas stimmen könnte.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

OSL

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 Auf der Fahrt vom Tryvann in die Innenstadt schlängelt sich die Metro 1 den Berg hinab – ein herrlicher Blick über die norwegische Hauptstadt am Oslofjord, über grüne Wälder, schimmern
de Seen und die kleinen vorgelagerten Inseln in der Ferne. Oslo ist eine der am schnellsten wachsenden Städte Europas, um rund zwei Prozent steigt die Einwohnerzahl jedes Jahr. Statt Hektik aber strahlt die Metropole eher eine charmante Ruhe aus. Noch gilt die Stadt als Geheimtipp. An der Pipervika, der Bucht zwischen der Festung Akerhus und dem Bezirk Aker Brygge, tummeln sich vor allem Stadtbewohner. An diesem Wochenende allerdings auch: die Russe in ihren roten Latzhosen. Die leuchtende Farbe ist in jeder Gasse der Stadt zu sehen. Bei Erwachsenen löst der Anblick Erinnerungen an ihre eigene wilde Zeit aus. Für Kinder wiederum sind die individuell gestalteten Visitenkarten der Rotrusse ein begehrtes Sammelobjekt. „Vi er tomme“, sagt Sondre, er habe keine Karten mehr. „600 Stück habe ich drucken lassen, aber die Kinder kriegen nicht genug.“ Sondre ist extra aus Trondheim angereist, um die Russ zu feiern. Das Geld dafür verdiente er sich mit Putzdiensten in Büros.

Oslo ist anders als andere Großstädte: Die Einheimischen sind offener, die Zeit fließt langsamer, die Atmosphäre ist gemütlicher, das Essen ein bisschen gesünder. Und die Abi-Partys etwas wilder. Während des Tryvann-Festivals fahren die Russe vor allem dann hinunter in die Stadt, wenn sie Hunger haben. Gegenüber vom Hafenbecken, im ehemaligen Westbahnhof, hat das Restaurant Alfred aufgemacht. Koch Joni Leskinen verwendet ausschließlich lokale Zutaten. Eco Eating ist populär in Norwegen, also kommen im Alfred nur organische Speisen auf den Tisch. Auch im neu entstandenen Viertel Aker Brygge, einem ehemaligen Werftgelände, haben unzählige Restaurants, Läden, Galerien und Hotels eröffnet. Wer in Oslo aber ein gutes Essen auf die Hand möchte, muss in den Bezirk Grünerløkka fahren. Bunte Altbauten, belebte Parks und Straßencafés – hier ist Oslo hip. Vor drei Jahren eröffneten in einer alten Fabrik die „Mathallen“: Fisch, Käse und Gebäck wird an Ständen angeboten. Auch Jarle Torgersen hat ein Geschäft hier, die „Bondens butikk“, ein Hofladen, der Erzeugnisse von Bauern anbietet, die weit im Norden Norwegens wohnen. Auch Samen sind darunter, die indigenen Bewohner des nördlichen Skandinavien, die seit Hunderten Jahren von und mit Rentieren leben. Torgensen bietet deren Fleisch in Oslo an, zusammen mit vielen anderen Produkten, die typisch für Norwegen sind, das dünne, trockene Flatbrød etwa, das schon die Wikinger aßen.

Klare Architektur prägt den Hafen im Stadtteil Tjuvholmen

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© Fabian Weiss
Ritual in Rot: die große Visiten­karten-Ausgabe

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Wandbemalung im Eingangsbereich des Smarthotel Oslo

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© Fabian Weiss
Das Hotel The Thief im Hafenviertel Tjuvholmen

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© Fabian Weiss
Das Fru Hagen ist für seine Smørre­brød-Variationen bekannt

Das Fru Hagen ...

© Fabian Weiss
Das Fru Hagen ist für seine Smørre­brød-Variationen bekannt

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© Fabian Weiss
Blumen, Lampions und Limonade: Bei acht Grad bricht im Café Dattera til Hagen der Frühling aus, dann hat Kellnerin ­Mathilde besonders viel zu tun

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© Fabian Weiss
Im Herr Nilsen geben sich Norwegens berühmte Jazzer die Trompete in die Hand

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© Fabian Weiss
Das ­Jaeger ist Anlaufstelle für die besten DJs

Das ­Jaeger ist Anlaufstelle für die besten DJs

© Fabian Weiss

 Zwischen Lokalkolorit und internationalem Flair liegen in Oslo nur fünf Stationen mit der Tram. Der Stadtteil Grønland ist etwas wilder als der Rest von Oslo. Studenten leben hier, aber auch Zuwanderer aus aller Welt. Farbenfroh ist auch das Dattera til Hagen mit seinen bunten Stühlen und Lampions. Hier trifft sich die Osloer Boheme – nicht nur auf einen Espresso, sondern gerne auch für den ganzen Nachmittag. Mathilde, die Kellnerin, hat viel zu tun am Russ-Wochenende, jeder Platz ist besetzt. „Gutes Wetter!“, sagt ein Mann im T-Shirt zu Mathilde, sie schenkt ihm eine Limo ein. Heute reden alle vom Wetter. Acht Grad sind es, in Norwegen heißt das: Der Frühling ist da. Sonnenbrille auf!

Diese Erfahrung können wir nur einmal im Leben machen

Henrik Stenslet, Abiturient

Im Tryvann allerdings taut der Schnee auch am Samstag noch immer nicht. Einige Russe haben die Nacht trotzdem in Zelten verbracht. Feiern hält warm, macht aber auch müde. Sonntag ist die Russ im Tryvann zwar vorbei, bis zum Nationalfeiertag am 17. Mai wird aber im ganzen Land weitergefeiert. „Eigentlich dämlich, denn unsere Examen beginnen zwei Tage später“, sagt der 19-jährige Henrik Stenslet, der aus der Nähe von Skarnes nach Oslo gekommen ist, „es ist eben Tradition, eine Erfahrung, die wir nur einmal im Leben machen können.“ Oft eine zweifelhafte, denn die Russ hatte über Jahre einen schlechten Ruf. Norwegische Zeitungen berichteten von Jugendlichen, die irgendwo im Wald zwischen Musik, Alkohol und Sex außer Kontrolle gerieten. Besonders die „Russeknuter“ sind umstritten. Seit Jahrzehnten ist es Brauch, sich mit Mutproben Knoten zu verdienen, die sich die Jugendlichen dann in ihre Russ-Mützen binden dürfen. Einige Mutproben sind witzig, andere gefährlich, manche an der Grenze zur Illegalität. „Doch inzwischen verdienen sich viele ihre Knoten mit Wohltätigkeitsarbeit“, sagt Henrik. Er selbst will sich zum Abschluss des Tryvann-Festivals noch einen eher harmlosen Knoten verdienen: Unter den Anfeuerungsrufen seiner Freunde isst er eine seiner Russ-Visitenkarten, spült mit Bier nach, zeigt die leere Zunge, grinst stolz und hängt die leere Dose an eine Bier-Girlande, die er zwischen die roten Busse gespannt hat.

Kritik an der Russ ist jedoch heikel – schließlich war jeder mal dabei. „Das ist schon verrückt, was man da macht“, sagt Sindre Strand, 21. Ihn trifft man dort, wo jene feiern, die ihre Russ schon längst hinter sich haben: im Jaeger, einem schicken Hipster-Club in der Nähe des alten Marktplatzes Stortorvet. „Schon drei Jahre danach kommt mir die Russ lächerlich und übertrieben vor, aber als wir 18 waren, war es die Zeit unseres Lebens.“ Im Keller, wo heute getanzt wird, sollen während des Zweiten Weltkriegs norwegische Widerstandskämpfer ihre Flugblätter gegen die deutschen Besatzer gedruckt haben.

Lange bevor die Musik im Jaeger leiser wird, sind die großen Bühnen im Tryvann längst leer. Die Russe feiern in ihren Oldtimer-Bussen weiter, die Scheiben beschlagen, die Musik ist gedämpft. „Drei Tage Tryvann, drei Tage kalte Füße“, bilanziert Henrik am Sonntagmorgen und blickt auf seine schlammdurchweichten Turnschuhe. „Ich glaube, nur wenn man die Russ mitmacht, weiß man, dass das hier mehr ist als nur Party“, sagt Henrik. „Hier geht es um Freundschaft, ein letztes Mal zusammen sein, bevor wir uns trennen.“ Im Herbst geht er zum Militär, in Norwegen herrscht Wehrpflicht. Viele seiner Freunde wollen für ein Jahr ins Ausland. „Vielleicht geht es bei der Russ nicht ums Erwachsenwerden“, sinniert Henrik, „vielleicht geht es darum, noch einmal jung zu sein.“


Oslo-Tipps

Dattera til Hagen

Das bunte Café im angesagten Stadtteil Grønland ist Treffpunkt der Osloer Boheme

dattera.no

The Thief

Das Hotel auf einem alten Werft­gelände bietet einen schönen Blick auf den Kanal von Tjuvholmen.

thethief.com

Mathallen

An den Ständen in dieser ehemaligen Fabrik im Viertel Grünerløkka gibt es Feinkost aus dem Umland.

mathallenoslo.no

Jaeger

Der zurzeit wohl wichtigste Club Oslos liegt in der Nähe des alten Marktplatzes Stortorvet.

jaegeroslo.no

Alle Oslo-Tipps auch bei

foursquare.com/lufthansa


Tiefer Urwald, karge Berge, weite Buchten: Der Fotograf war überrascht von der Vielfalt vor Hongkongs Haustür – ein Paradies für Naturfreunde. Und egal, wohin die Entdeckungstour führte: Am Ende wartete stets ein Stand mit Leckerbissen.

Fabian Weiss ist freischaffender Fotograf und Mitglied der Agentur LAIF. In seinen fotografischen Essays erforscht er kulturelle Veränderungen in unserer bewegten Zeit, seine intimen Bilder zeigen nuancierte und durch feinfühlige Beobachtung entstandene Porträts im Kontext der jeweiligen Kultur. Während seiner Lehrtätigkeit mit der internationalen Workshop-Reihe ‘Publish Yourself!’ erarbeitet er gerne ganze Magazine in Rekordzeit. Weiss lebt in Estland und Deutschland und arbeitet überwiegend im Baltikum, Osteuropa und noch weiter östlich.

Fabian Weiß Photography