Auto parkt vor einem Wohnhaus in Palm Springs
© Jaime Kowal

Wüste Moderne

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS JAIME KOWAL

Gleißendes Licht und kühle Architektur: Palm Springs ist der perfekte Ort für designverliebte Sonnensucher – ein Hausbesuch mit Pool-Party.

Am Anfang waren die Oasen. Hier, direkt auf der berüchtigten San-Andreas-Verwerfung, wo sich zwei Kontinentalplatten aneinander reiben, blubbert Wasser aus ­Kaliforniens Wüstengrund. Die Cahullia-Indianer leben deshalb schon seit Tausenden von Jahren hier. Später, viel später, kamen die Stars aus Hollywood: Frank Sinatra, Marilyn Monroe, Kirk Douglas und viele andere suchten hier Zuflucht, weil die Oase rund zwei Stunden von den Studios entfernt liegt – mehr Distanz ließen die strengen Verträge damals nicht zu. Hier konnten sie lockerlassen. Abhängen. Ausschweifen. Ein feuchter Traum, mitten in der Wüste.

Paparazzi waren verboten, die Straßen eher dunkel: Es gibt in Palm Springs weniger Laternen als anderswo, angeblich damit man die Sterne besser sieht. Das Leben hier findet hinter dem Haus statt, in und an den Pools – bis heute der gesellschaftliche Mittelpunkt dieser merkwürdigen Wüstensiedlung. Wenn Las Vegas die Bühne war, dann war Palm Springs das Separee. Vielleicht wurde es deshalb so gründlich vergessen, als die goldenen Zeiten zu Ende gingen. Jahrzehntelang versank die Stadt in einem Schönheitsschlaf, wurde zur Winterresidenz für Rentner. Ein Glück! Sonst wäre das, was Palm Springs so besonders macht, wohl den Bulldozern zum Opfer gefallen.

Badeshorts mit Ananasprint

Angemessene Kleidung: Die Pools von Palms Springs sind der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens

© Jaime Kowal
Eines der sieben Alexander Steel Houses, erbaut zwischen 1961 und 1962

Eines der sieben Alexander Steel Houses, erbaut zwischen 1961 und 1962

© Jaime Kowal

  „Wir nennen es das Mekka des Modernismus“, sagt Robert Imber. Nirgendwo sonst gibt es so viele Bauten im Stil des Mid-Century Modernism auf einem Fleck. Palm Springs ist quasi ein Freilichtmuseum, der 66-Jährige wohl der beste Museumsführer hier. „Wir haben alles in Mid-Century, außer Hochhäuser und Brücken, das braucht hier keiner.“

Hochhäuser und Brücken, das braucht hier keiner

Robert Imber, Architekturexperte in Palm Springs

Viele dieser Häuser sind legendär – und während des jähr­lichen Architekturfestivals Modernism Week (16. – 26. Februar) auch zugänglich: das Kaufmann Desert House, die Tramway Gas Station, das „House of Tomorrow“, in dem Elvis Presley 1967 seine Flitterwochen mit Priscilla verbrachte. Fröhliche Geschmacklosigkeiten gibt es natürlich auch, vor allem wenn Set-Designer aus Hollywood sich an den Häusern austobten. „Es gibt zwar Regeln“, sagt Imber, „aber Kreativität ist alles.“ Von der Straße aus ahnt man meist nur, was sich innen offenbart. Oft aber zeigt schon die Fassade: Hier strebte man nach perfekter Architektur. Minimalismus in Reinform. „Sehen Sie nur dort, das Palevsky-­Haus! Es gleitet in die Landschaft und verschwindet.“ Einige der Schmuckstücke kann man buchen: Frank Sinatras Residenz gibt es ab 1950 Dollar pro Nacht. Günstiger geht’s via Airbnb.

Warum gerade hier? Nüchtern betrachtet, war es ein historischer Zufall: Als Palm Springs boomte, war Modernismus in den USA das Konzept der Stunde. Die Wüste, das Klima, das Licht von Palm Springs, glaubt Imber, eigneten sich besonders gut dafür. Denn in diesen Bauten – mit ihren offenen Räumen, den langen Metallstreben, dem vielen Glas – gehen Innen und Außen fast nahtlos ineinander über. „Eine zentrale Idee war: Das Fenster muss nicht zur Wand gehören. Es kann selbst die Wand sein“, sagt er. „Man sitzt in diesen makellos ausbalancierten Räumen, aber ein Blick über die Schulter genügt, schon fühlt man sich als Teil der Umgebung. Es ist eine fast körperliche Erfahrung.“

Das Franz Alexander House von 1954

Das Franz Alexander House stammt aus dem Jahre 1954

© Jaime Kowal
Robyn Celia and Linda Krantz vor ihrer Likker Barn

Robyn Celia and Linda Krantz vor ihrer Likker Barn; die Scheune nutzen Bands für Soundchecks

© Jaime Kowal

In die Wüste

  Aus Palm Springs herausfahren, das ist, als steche man von einer Insel aus in See: Die Wüste schluckt dich wie das Meer. Und sie zwingt dir ihren Willen auf. 50 Kilometer nördlich von Palm Springs, an einer gewundenen Straße oberhalb von Yucca Valley, mitten im Nichts, betreiben Robyn Celia und Linda Krantz das Restaurant Pappy & Harriet’s. „Am Anfang war es schwer“, sagt Linda, „und manchmal fühle ich mich wie der einzige Mensch auf der Welt.“ 2003 kamen sie aus New York, mehr Kontrast geht kaum. „Aber diese Landschaft, der Himmel, die Farben! Während die Sonne wandert, sieht die Wüste immer anders aus. In jeder Minute.“

Als sie das zwei Hektar große Gelände übernahmen, am ­Rande von Pioneertown, einer alten Kulissenstadt für Western­filme, stand darauf ein Roadhouse für Biker und Cowboys – einige ­Gäste ritten noch auf dem Pferd ins Lokal. Linda und Robyn trafen sich mit dem örtlichen Präsidenten der Hells Angels zu einem ­„Sit-down“ und erklärten ihm, dass die Kuttenträger sich hier nicht mehr versammeln könnten, wenn das strauchelnde Lokal über­leben sollte. Die Rocker verstanden – und zogen sich zurück. „In New York schert sich niemand darum, was der andere tut“, sagt Robyn, „hier wurde uns schnell klar: Als Besitzer dieses beliebten Ortes haben wir eine Verantwortung.“

 

Kurz vor Sonnenuntergang im Joshua Tree National Park

Kurz vor Sonnenuntergang im Joshua Tree National Park

Wüste Moderne Palm Springs LHM 01/2017
Ryan Drobatz und Aaron Wood vor dem Pioneertown Motel in Palm Springs

Im Pioneertown Motel kann man übernachten, Ryan Crobatz und Aaron Wood haben es kürzlich renoviert

© Jaime Kowal

Ein selten buntes Publikum kommt heute hier zusammen: Fami­lien und Soldaten, Touristen und Reiter, Bewohner von Palm Springs und Musikliebhaber aus aller Welt. Robyn und Linda servieren oft selbst, und ganz egal, welche Band gerade spielt, niemand muss sich fremd fühlen. Im Oktober 2016 trat Paul ­McCartney auf die winzige Bühne – ein Überraschungskonzert, er kam auf eigenen Wunsch. Auch an solchen Abenden fühlt man sich hier wie an einem geheimen Ort.

Eine halbe Stunde südöstlich von Pioneertown geht’s tiefer ins Nichts: Wie ein Zwischenreich, ein Übergang von dieser Welt in eine andere, wirkt die karge Schönheit des Joshua Tree National Park. Die Bäume mit ihren knorrigen, in den Himmel gereckten Ästen gibt es fast ausschließlich hier, jeder einzelne hat so viel Charakter, dass man ihn ansprechen möchte. Am Keys View hält man inne, der weite Ausblick auf Coachella Valley – bis die Sonne schwindet und das Lichtfarbenspiel endet. Wieder sieht die Wüste anders aus. Kühl und sehr dunkel.

Richard Neutras legendäres Kaufmann Desert House von 1946

Richard Neutras legendäres Kaufmann Desert House von 1946: Innen und Außen gehen nahtlos ineinander über

© Jaime Kowal

Das neue Palm Springs

  Wer einmal Wüstensand in den Schuhen hatte, so sagt man hier, will nie wieder weg. Chris Pardo ist so einer. Der Architekt aus Seattle kam gelegentlich für einen Kurzurlaub nach Palm Springs oder zum Coachella-Musikfestival. Jedes Mal blieb der 38-Jährige ein bisschen länger, 2013 dann ganz. Er ist nicht der einzige aus seiner Generation, dem es so ging.

„Viele Millennials interessieren sich für den Modernist Life­style“, sagt Pardo. Erfolgreiche TV-Serien wie „Mad Men“, die die 1950er-Jahre glorifizieren, befeuern die Begeisterung für eine Epoche, die „unseren Eltern eher egal war. Wir entdecken jetzt etwas, das wir eigentlich gar nicht kennen, mit dem wir uns aber verbunden fühlen.“

Eine Handvoll junger Unternehmer, sie nennen sich scherzhaft „the family“, erwecken Palm Springs: Mit dem Ace Hotel, dem Restaurant Workshop, der Bootlegger Tiki Bar, dem Luxus-Club L’Horizon und den Designshops im Uptown District kommt frischer Wind in die Stadt. Chris Pardos Projekte, ob als Finanzier oder Architekt, prägen das Gesicht des neuen Palm Springs. Als er sein Prunkstück plante, das Arrive Hotel im Norden, wohnte er in einem Haus des Modernismus-Pioniers Donald Wexler. „Wir sind neu hier“, sagt Pardo, „natürlich gab es auch Widerstand.“ Man trifft hier überall auf Design-Experten. Für viele Bewohner ist die Stadt auch ihr Hobby – das Streben nach historisch exakter Baupflege hat manchmal etwas Zwanghaftes. „Aber wir sind hier, weil wir uns in diese Stadt verliebt haben. Wir verstehen ihre Geschichte, ihren besonderen Vibe.“

Jene Ruhe, die erst Schauspieler, dann Pensionäre und nun erschöpfte Großstadt-Hipster zu den Pools führte – sie wird jedem, der kommt, vom Wüstenklima anerzogen. „Wenn ich aus Los Angeles komme, von der Interstate 10 abbiege und dann diese Berge sehe“, sagt Pardo, „fällt alles von mir ab.“ Niemand hupt in Palm Springs. Eine Kleinstadt eben – aber mit Großstadt-Ambiente: Gerade mal 44 000 Menschen leben hier, doch es gibt Festivals, Museen, Märkte, Bars, Restaurants, Golfplätze und einen Flughafen. Unter den Bewohnern sind Künstler, Unternehmer, Zweithaus-Besitzer aus Los Angeles, Rentner aus der Filmbranche. „Sie suchen zwar das zurückgezogene Leben“, sagt Pardo, niemand will Verhältnisse wie in Vegas, „aber sie wollen auch ausgehen – das ist die Paradoxie von Palm Springs.“

 

Das neue und das alte Palm Springs

1 Tramway Gas Station
2 Alexander Steel Houses
3 Franz Alexander House
4 Arrive Hotel
5 Kaufmann Desert House
6 Bootlegger Tiki Bar
7 Workshop Kitchen + Bar
8 Pappy & Harriet’s
9 Joshua Tree Park

Karte von Palm Springs
© Cristóbal Schmal

Sebastian Handke war noch sehr jung, als er geboren wurde. Seine Kindheit verlebte er in San Francisco und im schwäbischen Kernland. Als es damit vorbei war, fand er sein Auskommen als Regieassistent, Flash-Entwickler, Musiker und Journalist. Jetzt schreibt er für Lufthansa Exclusive und leitet das Lufthansa Magazin Online als verantwortlicher Redakteur.