Friedensbrücke und Fernsehturm in Tiflis
© Fabian Weiss

Es geht voran

  • TEXT PIA VOLK
  • FOTOS FABIAN WEISS

Eine Reise durch Georgien gleicht einem Streifzug durch vergangene Jahrzehnte – nur nach der Gegenwart muss man etwas länger suchen.

Jetzt muss einer von euch ein Prost ausbringen“, sagt Irakli Pruidze, „ich habe schon so viele hinter mir.“ Dabei weiß der 54-Jährige genau, dass kein Ausländer die Kunstform des Trinkspruchs so gut beherrscht wie ein Georgier. Diese Volkspoesie, das Innehalten vor dem Genuss. Pruidze ist ein dünner Mann, seine Konturen sind unter dem Hemd kaum auszumachen. Von ihm geht eine Ruhe aus, die jegliche Zeit bedeutungslos werden lässt. Als niemand antwortet, zündet er sich die nächste Zigarette an, hebt sein Glas und spricht: „Gut, dann lasst uns anstoßen auf die Zukunft, auf das, was kommen wird, und darauf, dass wir uns wiedersehen werden. Irgendwann, an diesem Fleck.“

Zusammen mit Fabian, dem Fotografen, will ich dieses Land zwischen Europa und Asien kennenlernen: seine Menschen, Landschaften und Eigenheiten. Nun sitzen wir in der Nachmittagssonne unter einem wilden Pfirsichbaum in Kachetien. Die Region liegt an den Südhängen des Großen Kaukasus und ist eine der ältesten Weinbauregionen der Welt. Ich stelle mir vor, dass es in der Toskana der 1950er-Jahre so ausgesehen haben muss, bevor all die Agriturismo-Fans kamen und die Hobby-Aquarellmaler.

Das Land mit seinen wild wuchernden Kräutern wirkt ungezähmt und gelassen zugleich, überstrahlt von einer Sonne, die Haut und Gemüt erwärmt. Vor uns, auf einem wackeligen Tisch, steht ein Teller mit Brot und Käse, dazu ein Weißweinglas, zwei Rotweingläser, ein Wasserglas und drei Flaschen von Pruidzes Wein. Ein junger Weißer, ungefiltert und trüb; ein zweiter, der klar leuchtet und süß wie ein Sommertag schmeckt; und ein Roter, von schwerer Farbe, der herb auf der Zunge liegt. Auf dem Nachbargrundstück kräht ein Hahn, ein süßlich-waldiger Geruch von Lagerfeuer weht heran. Auf die Zukunft also!

Ein Bergführer und seine Pferde machen Rast

Weit oben: verdiente Pause für Zwei- und Vierbeiner

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Werbung auf Weinfässern auf dem Weg nach Kachetien

Wein-Werbung auf dem Weg nach Kachetien

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Melonen in Kachetien werden aus einem Auto heraus verkauft

Melonenverkauf in Kachetien

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Gäste werden in Georgien mit reichlich Speisen empfangen

Kommen Gäste, wird in Georgien das „Supra“ aufgefahren, das Festessen

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Traditionelle Teigtaschen aus Georgien

Teigtaschen gehören immer dazu

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Eine Marktverkäuferin in Tiflis verkauft ihre Ware

Marktverkäuferin in Tiflis

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  Pruidze ist eigentlich Arzt. Er hat Kinder geheilt, Vorsorgeprogramme entworfen, Institutionen beraten. Und nebenbei hat er mit vier Freunden, die nie zuvor etwas mit Landwirtschaft zu tun hatten, dieses Grundstück im Dorf Bakurtsikhe gekauft. In die trockene, von der Sonne gehärtete Erde haben sie Qvervis eingelassen, riesige bauchige Amphoren. Seit mehreren Tausend Jahren wird in Kachetien auf diese Weise Traubensaft vergoren, Pruidze und seine Freunde machen das noch heute so. 6000 Liter von ihrem Wein, den sie einfach „Our Wine“ nennen, haben sie aus Rebsorten wie Mzwane oder Rkaziteli gekeltert. Sie arbeiten ohne Zusätze und verwenden auch keine Chemikalien, um die Pflanzen zu düngen oder vor Schädlingen zu schützen.

„Wir hatten überhaupt keine Ahnung, wie man Wein macht und was daraus wird“, sagt Pruidze, als wir über das Grundstück stapfen, vorbei an wuchernden Brombeeren, an einem Hund, der im Schatten eines Feigenbaums döst. Ihre ersten Versuche starteten die Freunde schon zu Sowjetzeiten, damals aus gekauften Trauben, den Wein tranken sie selbst. „Nachdem die Sowjet­union erledigt war, haben wir noch mal von vorne angefangen, aber richtig.“ Heute verschicken sie ihren Wein in die ganze Welt – nach Italien, Kanada, Japan und Australien.

Zwei Tage nach unserer Begegnung mit Winzer Pruidze sitzen wir erneut an einem Tisch, und wir hören wieder: „Als die Sowjetunion zusammenbrach, haben wir ganz neu begonnen.“ Wir sind in Tuschetien, im äußersten Nordosten Georgiens, die russische Grenze ist keine zehn Kilometer entfernt. Von Pruidzes Weingut aus sind wir tief in den Kaukasus gefahren. Immer höher wurden die Berge, statt an die Toskana musste ich an die Alpen denken, die vor 100 Jahren, als das Leben in den isolierten Berg­dörfern noch hart war. Wir fuhren durch ein Kaukasusdorf, durch das nächste, immer weiter, bis der Asphalt aufhörte. Stundenlang ging es weiter über Schotterpisten, am Fluss Stori entlang, wir passierten Wasserfälle und überquerten auf 2950 Meter Höhe den Abano-Pass, den höchsten befahrbaren im Kaukasus, die Grenze zwischen Kachetien im Süden und der Region Tuschetien im Norden. Schließlich sind wir auf Pferde umgestiegen, die hier klein und wendig sind und sich wie Bergziegen auf den schmalen Pfaden bewegen. Sie erklettern Höhen, springen über Felsen und waten durch Bäche. Bis wir, auf etwa 2300 Meter, im Dörfchen Vestomta ankamen, in dem gerade mal zwölf Familien leben.

Ein Toiletten-Häuschen mit Internetzugang

Lage ist alles: stilles Örtchen mit Internetzugang

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Wand-Kunst in Tschiatura

Wand-Kunst in Tschiatura

© Fabian Weiss

  Hier treffen wir Georgij Karsamauli. Seit Generationen schon besitzt seine Familie Schafe, 1200 Tiere zählt ihre Herde heute. Wir sitzen in seiner kühlen Küche, auf breiten, mit Schaffellen gepolsterten Holzbänken, nachts dienen sie als Betten. Draußen in der Sonne, neben der kleinen Hütte für die Touristen, spielen drei Welpen. Bald werden sie zu großen kaukasischen Hirtenhunden herangewachsen sein.

Die Luft hier oben ist kühl und rein. Die Berge vor dem Küchenfenster sehen aus wie von hellgrünem Samt überzogen, gesprenkelt von einigen dunkleren Flecken, das sind Nadel­wälder. Karsamauli hat Besuch, die Nachbarn sind gekommen und ein paar Freunde aus Tiflis. Zusammen kneten wir Khinkali, tropfenförmige Teigtaschen, die hier mit Lammfleisch gefüllt und mit Kreuzkümmel und Salz gewürzt werden.

Immer wieder wird angestoßen: Auf die Zukunft!

Karsamauli lebt vom Tourismus und vom Käse, den er aus Schafmilch macht. Der Käse reift in Beuteln aus Schafhaut, die in einem Verschlag aus Holzpfählen und Plastikplanen lagern. Ich probiere ihn zusammen mit unseren fertigen Khinkali, er schmeckt natürlich, elementar. Dieser Käse hat keine Kräuter nötig, erst recht keine Aromastoffe. Nach dem Essen laufe ich zum Brunnen, um Wasser zu holen. Der Weg führt am Gartenzaun entlang, den Karsamauli aus buckeligen Ästen gezimmert hat, und vorbei an einer Leine, an der gerade die Wäsche trocknet. Ist denn hier alles wie früher?

Eine Frau sitzt in einer Seilbahn in Georgien

Von der ruhmreichen Bergbau-Vergangenheit Tschiaturas zeugen noch die alten Seilbahnen ...

© Fabian Weiss
Eine alte Seilbahn in Tschiatura

... nur wenige davon sind heute noch in Betrieb

© Fabian Weiss

  Ich mache mich auf die Suche nach der Moderne in Georgien – und lande schon wieder in der Vergangenheit. Diesmal in der Sowjetzeit, den Jahren der Versprechungen, der Superlative, des Größenwahns. Zweieinhalb Stunden westlich von Tiflis hat sich diese Zeit ein monumentales Denkmal gesetzt, das inzwischen laut quietscht und rostet, von dem der Lack abblättert. „Tschiatura, unser Stolz“ steht in riesigen Lettern an einem der Berghänge, die rund um die Stadt in den Himmel ragen. Davor stehen Betonklötze wie avantgardistische Installa­tionen. Seil­bahnen verbinden die Stadtmitte mit den Vierteln in Hanglage. Stalin ließ sie in den 1950er-Jahren erbauen, als der Mangan­abbau boomte. Tschiatura liegt in der Region Imeretien am Fuße des Großen Kaukasus, dort lag damals eines der größten Manganvorkommen der Welt. Das Metall brauchte man zum Düngen, für das Färben von Glas und Ziegeln und um Stahl zu härten. Tonnenweise wurde das Erz von den Bergen hinab ins Tal transportiert. Es brachte nicht nur Geld in die Stadt, es brachte auch Stolz, Träume und Hoffnungen.

Im Zentrum zeugt noch das große Theater von vergangener Pracht, monumental und wie für die Ewigkeit gebaut. Doch im leeren Wasserbecken davor liegen vertrocknete Blätter auf blauen Fliesen. Die Zukunft kam, aber nicht jene, nach der man sich gesehnt hatte. Von den wenigen Seilbahnen, die für Personen gedacht waren, sind noch zwei in Betrieb, unverändert seit 1954. Die Zahl der Einwohner soll sich seit 1990 halbiert haben, heute leben rund 16 000 Menschen in Tschiatura. An der Talstation in der Stadtmitte klebt ein Paste-up, ein plakatiertes Graffito, an der Wand: der Schattenriss eines Minenarbeiters mit einer Schaufel – er wartet. Von der Gondel, die gerade angerattert kommt, fällt fetzenweise goldene Farbe ab. Zusammen wirkt es wie eine Arbeit über die Hoffnung, über die Suche nach dem großen Glück. Auf einem kleinen Poster daneben finde ich einen Verweis auf den Urheber des Werks, ein Künstlerduo namens Sadarismelia. So gelange ich endlich in die Gegenwart.

Abends vor dem Restaurant Lisi Lounge in Tiflis

Abendstimmung vor dem Restaurant Lisi Lounge in Tiflis

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Die Altstadt von Tiflis am Abend

Die Altstadt von Tiflis am Abend

© Fabian Weiss

  Tiflis, am nächsten Vormittag. Es ist Samstag, wir laufen an einem Club vorbei, in dem die Menschen zu dröhnenden Bässen noch immer die vergangene Nacht feiern. „What to do with all this love“ hat jemand an eine Hauswand gesprüht, neben dem Bild eines Mädchens, das einen Pullover für einen Wolf strickt. Wären die Wände verputzt, man würde sich in Berlin, London oder New York wähnen. Ich treffe Mariam Natroshvili und Detu Jintcharadze, zusammen sind sie das Künstlerpaar Sadarismelia, dessen Spuren ich in Tschiatura entdeckt habe. Wir treffen uns im Innenhof eines Literaturcafés. Es ist vor allem Natroshvili, die redet. Immer wieder verhaspelt sie sich, verliert den Faden, nimmt ihn später irgendwo wieder auf.

Sie erzählt von Sadarismelia und von Jintcharadzes Arbeiten, von eigenen Werken und von Gemeinschaftsarbeiten, die sie kuratieren. Ihre Aktionen tragen Namen wie „Museum of word“ (Museum des Wortes) oder „Illegal Kosmonavtika“ (Illegale Astro­nauten). Die meisten davon finden in Tiflis statt, wo es Galerie­räume gibt und eine Szene, für die Kunst und die Diskussion darüber langsam selbstverständlich werden.

In Tschiatura dagegen, der Stadt der vergessenen Minenarbeiter, ist Kunst einstweilen noch der Sonderfall. Vor Kurzem wäre es undenkbar gewesen, persönliche Statements an die Wände zu kleben und zu malen – kritisch zu sein, überhaupt Orte individuell zu besetzen. Sadarismelia taten genau das. Mit historischen Fotos, mit Installationen, die in den Gondeln der Seilbahnen die Berge hinauf- und wieder hinabfuhren; mit Graffiti und öffentlich ausgestellten Gemälden. „Wir wollten den Leuten in Tschiatura zeigen, dass ihr Ort besonders ist“, sagt Mariam Natroshvili, „um die Schönheit dieser Stadt zu entdecken, muss man nur ein wenig seinen Standpunkt ändern. Wir wollen mit unserer Arbeit Prozesse anstoßen. Wo sie hinführen, ist nebensächlich.“

Mich haben sie in die Gegenwart geführt, in eine Zeit, da die Menschen ihr Land wieder selbst in die Hand nehmen. Und vielleicht führen sie mich auch in die Zukunft, denn ich weiß schon jetzt, dass ich dieses bewegte Land wieder besuchen möchte. Vielleicht wird ja auch der Trinkspruch des Winzers ­Irakli Pruidze wahr, dass wir uns wiedertreffen, eines Tages, bei einem Glas, ­unter dem wilden Pfirsichbaum.

Illustrierte Karte von Georgien und Region

1 Tschiatura
2 Tiflis
3 Vestomta
4 Bakurtsikhe

© Cristóbal Schmal