Bräute, wohin das Auge blickt: Im Dorf Imerovigli auf Santorin werden große Gefühle produziert
© Gene Glover

Der Klick ins Glück

  • TEXT MAXIMILIAN KALKHOF
  • FOTOS GENE GLOVER

Für viele Chinesen ist die Kykladeninsel Santorin ein Traumziel – vor allem als Kulisse für Hochzeitsfotos

Schon wieder so einer! An einem schönen Herbst­morgen steht Vangelis Beltzenitis auf der Dachterrasse eines weiß getünchten Steinhauses, er hält ­eine Kamera in der Hand. Der 45-Jährige ist Fotograf, er dirigiert ein Hochzeitspaar, das sich vor der blauen Kuppel einer Kirche in Pose gestellt hat. Da merkt er, dass ihm jemand gefolgt ist. Nur wenige Meter neben ihm taucht ein anderer Fotograf auf, ein Asiate mit langem schwarzen Haar. Beltzenitis lässt die Kamera sinken. „Hey, hat der überhaupt ein Arbeits­visum?“, schreit er den Griechen an, der dem Asiaten das Equipment hinterherträgt. „Ja“, brüllt der Grieche zurück, „ich bin sein Assistent!“ Beltzenitis schnaubt. „Erst vor zwei Wochen hat die Polizei wieder zwei chinesische Fotografen ohne Visum erwischt“, sagt er. Dann dreht er sich zu dem Hochzeitspaar, hebt die Kamera vors Gesicht und ruft: „Smile, my friends, smile!“

Beltzenitis sagt, er sei der teuerste Fotograf auf der griechischen Insel Santorin. Er hat sich den Arbeits- oder Künstlernamen „Vangelis“ zugelegt – wie der griechische Komponist und E-Musik-Pionier, das klingt nach Anspruch. Er ist auf Hochzeitsfotografie spezialisiert, das US-Blog „Junebug Weddings“ hat ihn in die Hotlist zum Titel „Bester Hochzeitsfotograf der Welt“ aufgenommen. Das Geschäft geht gut, Beltzenitis kann nicht klagen. Doch er steckt in einem Dilemma: Die Chinesen stürmen Santorin. 2014 kamen 100 000 chinesische Touristen nach Griechenland, 70 Prozent mehr als im Vorjahr. Im vergangenen Jahr ist diese Zahl nach Angaben der griechischen Tourismuszentrale weiter gestiegen. Die meisten Touristen kommen auf die kleine Vulkan­insel Santorin, um Hochzeitsfotos zu machen. Und es sind nicht nur Chinesen. Es kommen auch Paare aus Malaysia, Singapur und Taiwan. Einerseits ein Segen für Beltzenitis. Im Oktober, dem chinesischen Hauptreisemonat, macht er 50 Prozent seines Jahresumsatzes. Andererseits ist es mit den Chinesen nicht ganz einfach, um es vorsichtig zu sagen. Ihnen ist nichts heilig, findet Beltzenitis. Sie klettern auf jedes Kirchturmdach, bringen ohne Erlaubnis ihre eigenen Fotografen mit und eröffnen einen China-Imbiss nach dem anderen. Es gebe auf Santorin, sagt er, nur noch wenige Restaurants, in denen das Essen richtig griechisch schmecke.

Beste Aussichten: Oia ist die beliebteste Kulisse für romantische Fotos

Beste Aussichten: Oia ist die beliebteste Kulisse für romantische Fotos

© Gene Glover
Meerblick gibt es auf Santorin überall

Meerblick gibt es auf Santorin überall

© Gene Glover
Drum lächle, was sich ewig bindet …

Drum lächle, was sich ewig bindet 

© Gene Glover
Rent a ... Hochzeitslimousine

Rent a ... Hochzeitslimousine

© Gene Glover
Sammelstelle für asiatische Reisegruppen: der ­Zentralplatz von Oia

Sammelstelle für asiatische Reisegruppen: der ­Zentralplatz von Oia

© Gene Glover
Fotograf Vangelis Beltzenitis weiß, wo die besten Motive warten

Fotograf Vangelis Beltzenitis weiß, wo die besten Motive warten

© Gene Glover
Planschen im warmen Wasser des Calderavulkans vor Santorin: ein ausnahmsweise völlig hochzeitfreies Vergnügen

Planschen im warmen Wasser des Calderavulkans vor Santorin: ein ausnahmsweise völlig hochzeitfreies Vergnügen

© Gene Glover

 Optisch dagegen ist Santorin die Klischee-Königin der Kykladen. Eine Schönheit, einerseits. Eine Vulkaninsel, die sich in den leuchtend blauen Himmel erhebt, an deren bis zu 350 Meter hohen Steilküsten Häuser kleben, Höhlen gleich, weiß glänzend, die Dörfer ein munter hingewürfeltes Durch­einander von Gassen und Treppen. Eine ­Frechheit, andererseits. Eine Honeymoon-Hölle, in deren Läden sich der Tand türmt, Bimsstein und Naturschwamm, und deren Esel unter den Touristen ächzen. Griechen und Asiaten haben in Santorin zu einer seltsamen Sym­biose gefunden. Die Griechen haben sich Dienst­leistungen zurechtgebastelt, mit denen sie das Geld der Asiaten kassieren. Und die Asiaten haben sich Erwartungen zurechtgezimmert, an denen sie die Kulisse des alten Kontinents messen.

Rund zwei Stunden vor Beginn des Shootings klopft Beltzenitis an das Hotelzimmer eines malaysischen Paares. Neben ihm stehen die Stylistin Bella Damigou und der Assistent Takis Darzentas, der die Fotoausrüstung trägt. Es ist Mittwoch, Virginia Koh und Jimes Kho sind gestern eingeflogen, am Samstag wird das Paar wieder abreisen. Beltzenitis kennt die beiden noch nicht, er hat nur Fotos gesehen, sie haben E-Mails hin- und hergeschickt, bis Virginia und Jimes das Casting „bestanden“ haben. Nicht jeder sieht vor der Kamera gut aus. Beltzenitis nimmt nur Paare, die optisch etwas hermachen.

Virginia öffnet die Zimmertür und blinzelt in die Morgensonne. Sie trägt einen Bademantel und weiße Frottee-Slipper. „Guten Morgen“, sagt der Fotograf auf Englisch, „willkommen auf Santorin.“ Virginia nickt benommen. „Wir müssen uns beeilen“, sagt Beltzenitis, „in fünf Minuten beginnen wir mit dem Styling.“
Beltzenitis arbeitet seit fünf Jahren auf Santorin. Das Kondensat seiner Erfahrung sind drei Regeln. Regel Nummer eins: früh anfangen. Wer zu spät an die Steilküste fährt, findet keinen Fleck mehr, an dem nicht schon andere Paare in die Kameras lächeln. Regel Nummer zwei: nicht alle Fotos veröffentlichen. Die Fotos der schönsten Ecken Santorins zeigt Beltzenitis nicht auf seiner Homepage. Sonst stünden da am nächsten Morgen gleich drei chinesische Fotografen auf der Matte, sagt er. Regel Nummer drei: nur gut aussehende Kunden nehmen. Das ist einfach besser für den Ruf.

Ein paar Stunden später zwängen sich Virginia und Jimes durch die Gassen von Oia. Beltzenitis ist nicht zufrieden mit dem Vormittag. Die Stylistin hat sich mit dem Lockenwickler in Virginias Haaren ­verheddert. Sie sind zu spät losgefahren, es waren schon zu viele Touristen und Fotografen unterwegs. Der Fotograf hat sich über die chinesischen „Kol­legen“ an der Küste geärgert, einen Ort hat er sogar übersprungen, weil er schon von Weitem gesehen hat, dass er überlaufen war. Oia aber muss sein, obwohl es dort immer voll ist. Mit seinen verwinkelten Gassen gilt das Dorf vielen als schönstes der ganzen Insel, für Fotografen und ihre Kundschaft gehört es zum Pflichtprogramm. Am Abend drängen die Touristen an den Nordzipfel des Ortes – von dort sind die Aussichten auf den Sonnenuntergang am besten. Die Bewohner haben sich ein paar Tricks einfallen lassen, um die Touristenströme zu bewältigen: Auf Dachterrassen stehen Stühle, die Besucher abhalten sollen, darauf herumzulaufen. Wege sind mit Schildern versperrt, auf denen Private steht – obwohl es in Oia gar keine privaten Wege gibt.

Auf Santorin stehen für asiatische Besserverdiener allerlei Kitschhilfen zur Verfügung

Auf Santorin stehen für asiatische Besserverdiener allerlei Kitschhilfen zur Verfügung

© Gene Glover

 Wie gerade Santorin zum Sehnsuchtsort der asiatischen Besserverdiener aufsteigen konnte, weiß niemand so genau. Das Wort „Aiqinhai“ dürfte eine Rolle gespielt haben, so lautet die chinesische Bezeichnung für die Ägäis. Es klingt auf Chinesisch so ähnlich wie „Liebesmeer“. Dass vor zwei Jahren auch noch Teile einer chinesischen Liebeskomödie auf Santorin gedreht wurden, hat den Trend dann auch nicht gerade gebremst.

Virginia und Jimes sind jetzt leger gekleidet, sie trägt Chinohose, er Jeans. Am Vormittag hat sie noch im pinkfarbenen Kleid und er im Anzug gesteckt. Virginia Koh und Jimes Kho sind Anfang 30 und chinesischstämmige Malaysier. Sie arbeiten für dieselbe Reiseagentur, sie in Schanghai, er in Peking. Noch sind sie nicht verheiratet. Sie werden auch nicht auf Santorin heiraten, sondern erst nächstes Jahr in Malaysia, mit über 200 Gästen. „Pre Wedding Photo Session“ nennt Beltzenitis den Service: Fotos, aus denen das Paar nicht nur ein Erinnerungsalbum basteln kann, sondern auch eine Dia-Show als Unterhaltungsprogramm für die Hochzeit. Gebucht haben sie das Shooting bei „Aegean Dreams“. Die Agentur mit Hauptsitz in Singapur ist darauf spezia­lisiert, Paare aus dem chinesischen Kulturkreis an Foto­grafen in Santorin zu vermitteln. Rund 4500 Euro haben die beiden Verliebten dafür an die Agentur gezahlt. Ziemlich viel, finden sie, aber sie können es sich leisten – wie immer mehr Asiaten. Die asiatischen Privatvermögen wachsen schneller als anderswo, besonders in China.

Ich nehme nur gut aussehende Kunden. Das ist besser für meinen Ruf

Vangelis Beltzenitis, Hochzeitsfotograf

Virginia und Jimes setzen sich auf den Rand eines Daches und blicken aufs Meer. Beltzenitis steht im Rücken des Paares und will es von hinten fotografieren. Der Winkel ist gerade perfekt, da biegt eine taiwanesische Reisegruppe um die Ecke. „Guckt mal, ein Hochzeitspaar!“, ruft eine Frau. Raunen, Staunen, Klatschen. Kameras werden gezückt, die Taiwaner fotografieren jetzt den Fotografen. Sie machen das sehr ausgiebig und mit Liebe zum Detail. Beltzenitis rollt die Augen. Er lehnt sich an eine Wand und zieht an seiner E-Zigarette.

Am Abend führt Beltzenitis das Paar auf einen Felsvorsprung, er will es im Sonnenuntergang fotografieren. Die Sonne neigt sich schon, es ist kühl geworden, Virginia hat sich eine Jacke über die Schultern geworfen. Nur noch einmal der Abendluft trotzen, noch einmal verliebt lächeln. Dann ist alles im Kasten, Assistent Darzentas packt Beltzenitis’ ­Tasche zusammen. Während der Fotograf das Paar mit seinem Toyota zurück ins Hotel fährt, versinken Virginia und Jimes in der Rückbank, still und müde. Als der Wagen durch die Kurve einer Serpentine gleitet, taucht die Sonne ins Meer. Die letzten orangen Strahlen fallen funkelnd durch das Autofenster. Virginia richtet sich auf. „Wow, ist das schön“, sagt sie, „noch viel schöner als gedacht.“


 

Cover Exclusive 5

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.