Anton Chai trainiert Kampfposen im Shaolin-Kloster
© Meiko Herrmann

Buddhas harte Hände

  • TEXT ADRIAN PICKSHAUS
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

In der chinesischen Provinz Henan liegt das Shaolin-Kloster. Die Kampfkunst seiner Mönche zieht Millionen Besucher an, aus aller Welt kommen Schüler, um von den Ordensbrüdern zu lernen. Erstickt der Mythos an seiner eigenen Größe?

Wenn es nach Antons Großeltern gegangen wäre, stünde er heute hinter einem Sparkassenschalter. Ein junger Finanzkaufmann, seriös gekleidet, weißes Hemd und grauer Anzug vielleicht. Doch es ging nicht nach Oma und Opa, es ging Antons Träumen hinterher.

Und deshalb schwebt Anton Chai, 22, Einser-Abiturient aus Karlsruhe, jetzt über meterhohe Stahlpfosten und schwingt ein Schwert. Die Klinge glänzt in der Mittagssonne, umschwirrt ihren Träger wie ein böser Hornissenschwarm, dann verharrt sie in der dicken Luft des chinesischen Sommers.

Anton Chai ist ein Kung-Fu-Kämpfer. Eine Körpermaschine, an der seit drei Jahren mythenumrankte Männer basteln: Shaolin-Mönche, Ordensbrüder aus dem gleichnamigen Kloster in der chinesischen Provinz Henan. Für seine Verwandlung hat Anton viel Geld bezahlt. 1000 Dollar im Monat waren es zu Beginn, heute zahlt er etwas weniger, er ist ja schon lange da. Als Gegenleistung erhält er Kost (Tofu und Nudeln), Logis (ein Bett im Viererzimmer) und sechs Stunden hartes Training täglich.

Bald will er abreisen, den Tempel am Fuß des Songshan-Gebirges hinter sich lassen, um in Deutschland vielleicht eine Kung-Fu-Schule zu eröffnen. Ein anderer Schüler wird Antons Platz einnehmen. Einer, der denselben Traum verfolgt: Kämpfen lernen. Sich in Demut üben. Teil der Legende werden. Wer es nicht ganz so ernst meint, besucht das Shaolin-Kloster als Tourist.

Das Shaolin-Kloster liegt idyllisch am Fuße des Songshan-Gebirges

Das Shaolin-Kloster liegt idyllisch am Fuße des Songshan-Gebirges

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Kung-Fu-Schüler beim Zweikampf

Stock trifft Schwert – Kung-Fu-Schüler beim Zweikampf

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Junge Shaolin-Kämpfer bei einer Showeinlage

Ein Traum, der Schmerzen bringt: Die meisten jungen Kämpfer wollen Teil von Showteams werden ...

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Auftritt eines Kung-Fu-Kämpfer-Showteams

... und damit Geld verdienen

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  Anderthalb Millionen Gäste kamen im vergangenen Jahr, 80 Millionen Euro Gewinn sollen die Mönche laut chinesischen Medien so erwirtschaftet haben. Der Tempel des Kung-Fu ist heute auch ein Tempel des Geldes. Kann der Mythos daran zerbrechen? Wer profitiert von ihm? Und wer verliert?

„Everybody was Kung Fu fighting / Those kicks were fast as lightning“ – der Song von Carl Douglas wurde 1974 zum echten Gassenhauer. „Kung Fu Fighting“ verkaufte sich elf Millionen Mal, machte den Soulsänger zu einem der größten One-Hit-Wonder aller Zeiten – und trug den Namen der chinesischen Kampfkunst in jede Dorfdisco.

Der Song war als witziger Kommentar auf eine Welle von „Eastern“ gedacht, die damals durch die Bahnhofskinos schwappte. Eastern, also das Gegenstück zum Western, waren billig produzierte Action­streifen aus Hongkong, in denen äußerst filigran ­geprügelt wurde. Die Stars des Genres hießen Bruce Lee, Jackie Chan oder Jet Li, der 1982 mit „Meister der Shaolin“ die Kampfmönche wieder aus der Versenkung holte. Nach dem Kinobesuch probten Raufbolde auf deutschen Schulhöfen den Stil der ­Tigerklaue.

„Natürlich habe ich früher Kung-Fu-Filme geliebt. Welcher Junge will denn nicht so kämpfen können?“ Anton Chai lehnt an der Klostermauer, die sehnigen Arme verschränkt. Junge Kung-Fu-Schüler joggen an ihm vorbei, einen steilen Pfad hinauf, die Gesichter zu Masken erstarrt.

Rund 500 Schützlinge drillen die Shaolin auf dem Areal neben dem Tempel, gut 200 davon sind Ausländer. Anton schaut den Novizen hinterher. „Eigentlich bin ich gar nicht wegen des Kämpfens hergekommen“, sagt er, „ich wollte nur leben wie ein Mönch.“

Das Shaolin-Kloster wurde nicht nur durch Kung-Fu berühmt, es gilt auch als Wiege des Zen-Buddhismus. Schon 495 nach Christus wurde hier ein Tempel gebaut, frühen Ruhm erlangten die Glaubensbrüder als Übersetzer von Sutren, buddhistischen Lehrtexten.

Im Jahr 527 kam dann der indische Mönch Bodhidarma ins Kloster. Er brachte eine komplexe Kampfkunst mit, die in der Folge ver­feinert, erweitert und unterrichtet wurde. Bis zum 17. Jahrhundert wuchs der Shaolin-Orden auf 2500 Mönche an. Eine Armee aus schlagkräftigen Glatzköpfen entstand, die im Dienste diverser Herren kämpfte. Die „Friedensreligion“ Buddhismus war auf dem Schlachtfeld angekommen.

Everybody was Kung Fu fighting / Those kicks were fast as lightning

Carl Douglas, 1974

Heute kämpfen die Mönche und ihre Schüler nur noch für zahlende Zuschauer. Auf dem Gelände der „Landschaftszone Shaolin“ herrscht Gedränge. Offene Elektrobusse verteilen die Besucher auf die verschiedenen Sehenswürdigkeiten, am meisten los ist vor dem Klostertor. Reisegruppen stapfen über die heißen Steine, schnattern wild durcheinander, wedeln mit Tickets und Selfie-Stangen. Seit 2010 gehören der Shaolin-Tempel und der benachbarte Pagodenwald zum Unesco-Weltkulturerbe. Ein Ritterschlag, der die Besucherzahlen explodieren ließ.

Kung-Fu-Shop in Dengfeng

Alles, was das Kämpferherz begehrt: Kung-Fu-Shop in Dengfeng

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Sizhan Yun verkauft seit 30 Jahren Schwerter

Sizhan Yun verkauft seit 30 Jahren Schwerter

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  Nahe der Klostermauer ragt eine achteckige Halle in den Dunsthimmel. Siebenmal täglich zeigen hier Kung-Fu-Schüler ihr Können. Kitschige Wandbilder und das Discolicht in der Arena stören, aber die Show der 25 Kämpfer rockt. Wie begnadete Bodenturner flippern die jungen Männer durch den Raum, eine Fliegerstaffel in grelloranger Klamotte, beängstigend synchron.

Zwischendurch zeigt die Truppe ein paar harmlose Sketche. Tiere werden nachgeahmt, arme Trottel aus dem Publikum geholt und vorgeführt. Das Lachen auf den Rängen verstummt, als sich ein Schlaks mit großer Geste ein Schwert über den Schädel zieht. Die Klinge zerspringt, der Junge bleibt heil, Jubel in Jumbo-Lautstärke brandet auf. Ein letztes Gruppenposen der Kung-Fu-Jugend, dann geht das Licht aus. Ordner treiben die Zuschauer aus der Halle, in den Souvenirshop natürlich. Noch irgendwer ohne Holzschwert?

Was für eine Wirtschaftskraft die Shaolin entfesselt haben, zeigt eine Fahrt durch Dengfeng. In der grauen Stadt kommen auf 600 000 Einwohner 90 private Kung-Fu-Schulen, die größte unterrichtet 35 000 Schüler. Insgesamt sollen in der Region eine Million junge Chinesen lernen, wie man fließend schlägt und tritt und sich auf Nagelkissen entspannt. Die Stadt atmet Kampfsport. Auf den Bürgersteigen boxen sich Teenager in die Waschbrettbäuche, kleine Mädchen strecken die Beine hoch hinter die wippenden Zöpfe.

Einige Einkaufszentren führen nur Kung-Fu-Zubehör: Stöcke, Lanzen, Wurfsterne. Streitäxte, Sandsäcke, Schlagkissen. Mächtige Schwerter für 2500 Euro das Stück, die Klinge geschmiedet aus achtfach gefaltetem Stahl, die Scheide verziert mit Kranichen aus Gold. Sollte China einmal besetzt werden, Dengfeng wäre schwerer einzunehmen als das Dorf von Asterix dem Gallier.

Junge Chinesen am Chinese Shaolin Martial Arts ­Institute

Panorama trifft Propaganda? Am Chinese Shaolin Martial Arts ­Institute werden junge Chinesen auf Karrieren bei Polizei und Militär vorbereitet. Die Schule funktioniert wie ein Sportinternat. Außer Kung-Fu lernen die Jungen und Mädchen auch Rechnen, Lesen und Schreiben

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  Ein Besuch auf dem Trainingsplatz des Chinese Shaolin Martial Arts Institute. Im Morgenlicht wirkt der Hof der Privatschule wie ein Wimmelbild, das dennoch Ordnung in sich trägt. Rund 300 Schüler, die jüngsten sechs Jahre alt, sind in Kleingruppen aufgeteilt. Fast alle üben sogenannte Formen, immer wiederkehrende Bewegungsabläufe, die Grundlage des modernen Kung-Fu. Schreie liegen in der Luft, Fäuste klatschen auf Körper, Füße stampfen in den Staub.

Die Schulen bieten armen Kindern die Chance zum sozialen Aufstieg

Das ist kein Schulhoftreiben, wie man es aus Deutschland kennt. Kung-Fu-Schulen genießen in China einen guten Ruf. Die Lehranstalten funktionieren wie Sportinternate, außer Kampfkunst vermitteln sie eine einfache, aber ordentliche Schulbildung. Hinzu kommt ein Wertekanon aus Ordnung, Gehorsam, Fleiß und Disziplin. Selbst in Zeiten eines rot lackierten Turbokapitalismus steht das hoch im Kurs.

Eltern aus ländlichen Regionen sehen in den Schulen eine Chance auf sozialen Aufstieg. Mit rund 30 Euro im Monat ist das Schulgeld auch für ärmere Familien zu stemmen, ein Bruchteil von dem, was die Ausländer im Kloster bezahlen.

„Ich komme aus dem chinesischen Teil der Mongolei“, erzählt Liu Yang, 15, ein schüchternes Mädchen mit Pagenkopf und Apfelbäckchen. „Seit sechs Jahren bin ich hier auf der Schule. Nach Hause fahre ich nur einmal im Jahr, immer zum Frühlingsfest.“ Die Zugfahrt in ihr Heimatdorf dauert 24 Stunden.

Am Anfang habe sie schlimmes Heimweh gehabt. Inzwischen komme sie klar, nur das gute Essen vermisse sie immer noch sehr. „Mein Vater ist Koch. Meine Mutter arbeitet als Bedienung. Sie haben ein kleines Restaurant“, sagt Liu Yang stolz und nestelt an ihrem gelben Swatch-Imitat. Mit der Amazone, die gerade noch auf dem Schulhof mit einer Mitschülerin die Klingen kreuzte, hat sie nichts mehr gemein.

Kung-Fu-Schülern stehen Karrieren bei der Armee, der Polizei oder anderen Sicherheitsorganen offen. Viele gehen auch in die Privatwirtschaft, werden Personenschützer, Türsteher oder Wachleute. Der Bedarf ist groß, denn Chinas neue Reiche brauchen Schutz. Die Jobperspektive für die Kampfkunst-Lehrlinge ist gut. Aber der große Traum, der auch Liu Yang in ihrem Heimweh tröstet, ist ein anderer. Er handelt von Flügen um die Welt, von ausverkauften Shows und vom Applaus, der auf die jungen Botschafter des Shaolin-Kung-Fu niedergeht.

Eine Kung-Fu-Schülerin übt mit einer Altersgenossin

Chinesische Musketiere: Liu Yang (rechts) kreuzt mit einer Mitschülerin die Klingen. Die 15-Jährige stammt aus dem chinesischen Teil der Mongolei; vor sechs Jahren schickten ihre Eltern sie auf eine Kung-Fu-Schule

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  Wäre der Mönchsorden eine Marke, wäre Shi Yongxin Vorstandschef und Testimonial zugleich. Nachdem sich das Klostertor hinter den letzten Touristen geschlossen hat, empfängt der Abt, 51, zur Audienz. Sein Amtssitz liegt im dritten Hof der Tempelanlage.

Über 3600 buddhistische Schriftrollen stapeln sich an den Wänden, davor ruht ein prächtiger Altar mit Jadefresken. Shi Yongxin trägt ein orangefarbenes Gewand und grüßt mit gefalteten Händen. „Ich war schon mehrfach in Deutschland. Ich schätze die Ordnung und Disziplin Ihrer Landsleute.“ Das Prinzip des Small Talks ist ihm geläufig.

1981 stand der junge Shi, gerade 16 Jahre alt, zum ersten Mal vor dem Shaolin-Tempel. „Ich stamme aus einer sehr gläubigen Familie, für mich war früh klar, dass ich Mönch werden will“, sagt er heute. Dem Novizen, voller Vorfreude auf seine kommende Aufgabe, bot sich ein Bild des Schreckens: „Alles war kaputt. Die gesamte Anlage war eine Ruine.“ Ganze neun Mönche lebten noch in den Trümmern und scharten sich um ihren blinden Meister. Kriege, Plünderungen und die religionsfeindliche Hetze der Kultur­revolution hatten den Orden fast ausgemerzt.

Der scheinbar unermüdliche Shi geht den Wiederaufbau mit jugendlichem Feuer an. Er sammelt Spenden, verhandelt mit Banken über Kredite, ringt mit Behörden um Baugenehmigungen. Währenddessen dreht sich das gesellschaftliche Klima: Die Religion kehrt in den Alltag der Chinesen zurück, das Kloster erhält neuen Zulauf.

Dann hat Shi eine geniale Idee: Um den Shaolin-Orden bekannter zu machen, gründet er das Show-Team der kämpfenden Mönche. Es folgen Welttourneen, sogar die Queen empfängt die Truppe, als ihr Leiter ist Shi Yongxin immer dabei. Was bedeutet ihm die Kampfkunst heute? „Als Novize war mir der Glaube wichtiger. Heute aber weiß ich: Wer im Kung-Fu gelernt hat, körperliche Schmerzen zu ertragen, der ist auf Schläge des Schicksals vorbereitet.“

Kloster-Abt Shi Yongxin

Das Shaolin-Kloster blickt auf mehr als 1500 Jahre Geschichte zurück. Politiker, Geschäftsmann, religiöser Führer: Kloster-Abt Shi Yongxin

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Holzfiguren in einer Trainingshalle des Shaolin-Klosters

Zeugen der ruhmreichen Vergangenheit: Holzfiguren in einer Trainingshalle

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  Mit 34 wird Shi zum Abt gewählt. Sein Geschäftssinn bringt ihm den Spitznamen „CEO-Mönch“ ein. Er will das Shaolin-­Kloster an die Börse bringen, auch ein 300-Mil­lionen-Dollar-Resort, eine Art Shaolin-Freizeitpark in Australien, steht zur Debatte. Im Sommer 2015 dann der Skandal: Ein Whistleblower beschuldigt den Abt der Korruption, auch zwei uneheliche Kinder soll dieser gezeugt haben. Die Polizei ermittelt. Mittlerweile bezeichnen die Behörden alle Vorwürfe als „widerlegt“.

„Von diesem Ort geht eine positive Kraft aus, die vielen Menschen hilft“, sagt Shi heute blumig. Expansion sei derzeit nicht geplant, „nur wenn andere Kulturen uns brauchen“. Rund um den Tempel gebe es noch viel zu renovieren, neue Gebäude zu errichten. Greifbare Ziele. Und für die Besucher ein Lächeln zum Abschied.

Die Sonne senkt sich über der Tempelanlage. Stille und Licht verändern den Ort, man ahnt, wie es früher gewesen sein muss. Magisch. Anton Chai, der junge Mann aus Karlsruhe, der es nicht lange bei der Sparkasse ausgehalten hat, trainiert noch. Er schwingt sein Schwert auf einer Terrasse, durch deren Steinplatten Unkraut bricht. Eine hübsche Russin schaut zu, ein Hüne von der Elfenbeinküste grüßt. Multikulti-Kung-Fu.

Mit der Spiritualität hier sei das so eine Sache, erzählt Anton später. „Kurz nachdem ich ankam, nahmen mich ein paar Mönche mit in die Stadt und steuerten auf ein Haus mit roten Lichtern zu.“ Ein Bordell? „Das dachte ich auch erst“, Anton lacht. „Aber drinnen saßen nur Dutzende Mönche vor Computern und zockten Spiele.“ Ordensbrüder seien eben auch nur Menschen. Menschen, die sehr gut kämpfen können. Der Mythos lebt.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.


Die vielen im Kloster umherirrenden Touristen erschienen unserem Fotografen wie ein Spuk – der sofort vorüber war, als die Pforten abends geschlossen wurden.