Lufthansa Magazin August 2016 Rio de Janeiro Stark am Strand
© Lianne Milton

Stark am Strand

  • TEXT ANDRZEJ RYBAK
  • FOTOS LIANNE MILTON

Rio de Janeiro, Gastgeber der Olympischen Spiele, huldigt dem Körperkult – ein schweißtreibender Ortstermin

Um die beiden Enden der Eisenstange sind zwei zylindrische Betonklötze gegossen. Die Hantel wiegt etwa 35 Kilo, doch Napoleão Gonçalves Filho hebt sie mit einer Leichtigkeit, als wäre alles bloß Styropor. Er lupft die Stange auf Brusthöhe, hält ein paar Sekunden still und senkt sie wieder ab. 20-mal wiederholt er die Übung, dann macht er eine Verschnaufpause. Wo der Muskelmann Filho trainiert, zeigt sich Rio de Ja­neiro von seiner attraktiven Seite. Links liegt die Praia do ­Diabo, der Teufelsstrand, wo ein paar Surfer auf Wellen lauern. Rechts schimmert durch die Kokospalmen der Strand von Ipanema, den der Bossa-Nova-Song „The Girl from Ipanema“ weltberühmt gemacht hat. Dazwischen ragt der Felsen von Arpoador aus dem Ozean, zu dem jeden Abend Touristen und Einheimische pilgern, um der untergehenden Sonne nachzublicken.

Es ist früher Morgen, kurz vor acht, doch am Ipanema-Strand sind bereits Dutzende Jogger unterwegs. Keine Wolke trübt den Himmel, die Sonne bringt die Bodybuilder, die mit Filho trainieren, mächtig ins Schwitzen. Früher hat sich der 48-jährige Geschichtslehrer aus Copacabana im Fitnessstudio ertüchtigt, mittlerweile bevorzugt er den Strand. „Ich trainiere hier jeden Morgen“, sagt der Athlet, „die Landschaft ist fantastisch, ich kann das Rauschen der Wellen und die Brise genießen – so macht das Krafttraining viel mehr Spaß.“ Rio de Janeiro, die Sieben-Millionen-Einwohner-Metropole, in der vom 5. bis 21. August die 31. Olympischen Sommerspiele ausgetragen werden, ist ein wahres Amphitheater des Sports.

Mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages füllen sich die mit Wellenmustern gepflasterten Fußwege und Radstrecken entlang der insgesamt 91 Kilometer langen Strände mit Joggern, Inlineskatern und Radfahrern aller Altersgruppen. Junge, athletisch gebaute Männer machen Klimmzüge und Liegestütze an den edelstahlglänzenden Turn­stationen, die in regelmäßigen Abständen die Strandpro­menaden säumen. Ältere Jahrgänge trainieren unter der Aufsicht – und manchmal auch Anleitung – selbst ernannter Fitnesstrainer auf dem Strand, sie ziehen an Fitnessbändern, die an den Palmen befestigt sind, und trippeln durch Parcours aus bunten Plastikreifen. Das Ziel ist klar: ein perfekter Körper, den man am Strand zur Schau stellen kann.

Lufthansa Magazin August 2016 Rio de Janeiro Stark am Strand

Die Lagune von Rio

© Lianne Milton

 In Rio de Janeiro spielt sich ein Großteil des Alltags- und Soziallebens an den 23 Stränden ab. Hier blenden die Cariocas, wie die Bewohner von Rio genannt werden, die Probleme aus, die Armut, die Kriminalität, die Krise der Politik. Der Strand ist demokratisches Gebiet, hier ist es egal, ob man schwarz oder weiß ist. Der Strand ist die heilige Stätte des Körperkults, Kraftraum und Laufsteg zugleich. Deswegen turnen, rennen und schwitzen die Cariocas sich permanent die überschüssigen Kalorien vom Leib. Jeder Dritte macht regelmäßig Sport, heißt es in einer Untersuchung des brasilianischen Gesundheitsministeriums. Dennoch bleibt eine perfekte Bikinifigur für viele nur ein Traum. Die Brasilianer essen zu viel, sie lieben Fleisch und Pommes, trinken viel Bier. Laut Statistik sind 54 Prozent der Männer und 46 Prozent der Frauen übergewichtig. Die Oberschicht achtet viel mehr auf das Körpergewicht als die Unterschicht. In den besseren Kreisen treibt man Sport, um länger jung zu bleiben.

Lufthansa Magazin August 2016 Rio de Janeiro Stark am Strand

Achtung, sie guckt! Anstrengung am Strand von Ipanema

© Lianne Milton
Lufthansa Magazin August 2016 Rio de Janeiro Stark am Strand

Der eine dehnt und pumpt - und die Sonne knallt von oben

© Lianne Milton
Lufthansa Magazin August 2016 Rio de Janeiro Stark am Strand

Voller Einsatz: „Strandkönig“ Marcelo Silva beim Frescobol

© Lianne Milton
Lufthansa Magazin August 2016 Rio de Janeiro Stark am Strand

Gewichtige Argumente für den Muskelaufbau

© Lianne Milton

 Rio de Janeiro ist auch die Heimat vieler Surfer, die zwischen Arpoador und Prainha ihre Wellen reiten – selbst bei Regen und Kälte. „Surfen ist auch bei den widrigsten Bedingungen noch besser als der beste Tag bei der Arbeit“, sagt Thiago Paschoa, ein 35-jähriger Theaterschauspieler, der wegen des Strands und der Wellen vor 15 Jahren aus São Paulo nach Rio zog. Nun hangelt er sich von einem Bühnenjob zum nächsten – und verbringt viel Zeit auf seinem Brett. Paschoa freut sich auf die Olympischen Spiele: „Klar werden viele versprochene Investitionen nicht rechtzeitig fertig, an manchen Bauten bröckelt schon jetzt der Beton, und der grandiose Fahrradweg ist nach nur drei Monaten eingestürzt“, sagt er. „Aber die Stadt wird nach den Spielen definitiv besser und schöner als zuvor.“ Nicht alle teilen diesen Optimismus. Um Platz für neue Olympiabauten zu schaffen, wurden Armenviertel zwangsgeräumt, trotz der Proteste der Bewohner. Tenor der Kritik: Die meisten Investitionen kommen den Reichen zugute, die soziale Ungleichheit wächst.

„Olympia wird der Stadt dennoch einen neuen Schub geben“, glaubt Marcelo Silva. Er ist brasilianischer Meister im Frescobol und trägt den stolzen Titel „Rei da Praia“, König des Strandes. Das Spiel, bei dem sich zwei Spieler mit hölzernen Schlägern einen Gummiball zuspielen, wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am Strand von Copacabana erfunden. „Das ist eines der wenigen Spiele, bei denen es nicht darum geht, den Gegenspieler auszuspielen“, sagt Silva, „das Ziel ist, den Ball so lange wie möglich in der Luft zu halten, dabei aber möglichst hart zu schlagen.“ Im Wettbewerb geht es darum, innerhalb von fünf Minuten möglichst viele Bälle zu schlagen. Der Weltrekord beträgt 544 Ballberührungen, 272 pro Spieler. Marcelo spielt seit 20 Jahren, heute leitet der 34-Jährige eine Schule an der Copacabana. Ein Streifen Strand ist hier links und rechts durch Netze abgesperrt, damit man den herumfliegenden Bällen nicht ständig hinterherlaufen muss. Offiziell darf Frescobol von 8 bis 17 Uhr nicht am Wasser gespielt werden, aus Rücksicht auf die Sonnenanbeter. Doch an Tagen mit weniger Strandbesuchern drücken die Ordnungshüter ein Auge zu. Rio ist stolz auf das Spiel: Die Stadtväter haben Frescobol 2015 zum schützenswerten Kultur­erbe erklärt, neben Samba und den Karnevalsumzügen.

Lufthansa Magazin August 2016 Rio de Janeiro Stark am Strand

Am Strand hält ganz Rio sich fit - diese hier mit Köpfchen und Fuß

© Lianne Milton

 Am Sonntag wird die Strandpromenade zwischen Leme und Leblon zur Hälfte für den Verkehr gesperrt. Die Avenida Atlântica in Copacabana verwandelt sich dann in einen Trimm-dich-Pfad, die halbe Stadt ist hier in Bewegung, zu Fuß, auf dem Fahrrad oder auf dem Skateboard. In Rio gibt es bereits über 430 Kilometer Radwege. Von dem sportlichen Ehrgeiz leben Dutzende Sportschulen am Strand, die jede Art von Unterricht anbieten, von Stand-up-Paddle bis Strandvolleyball. Viele dieser Schulen werden von ehemaligen Profis geführt, die sich auf diese Weise eine neue Existenz gesichert haben.

Heute ist Futevôlei der populärste Sport an den Stränden von Rio. Die Mischung aus Fuß- und Beachvolleyball wird in ganz Brasilien gespielt, auch dort, wo es keine Naturstrände gibt. Futevôlei wird über ein Volleyball-Netz gespielt, meist in Zweierteams. Der Ball darf nicht von Armen und Händen berührt werden, gezählt wird wie im Volleyball, ein Satz endet regulär bei 18 Punkten. Mitte der sechziger Jahre, als Futevôlei erfunden wurde, haben die Jungs das Spiel beherrscht. Doch nun kommen immer mehr Frauen hinzu. „Futevôlei besteht nicht nur aus Technik und Ballgefühl“, sagt Aninha Manhaes. „Es ist ein unheimlich harter Sport: Wer keine herausragende Fitness hat, ist im tiefen Sand nach wenigen Spielzügen aus der Puste.“ Ma­nhaes ist ein Star der Szene: Mit ihrer Partnerin Vânia Moraes gehört sie seit fünf Jahren zu den drei Top-Teams in Brasilien, jüngst hat sie mit ihrem Club America FC die Südamerika-Meisterschaft in Paraguay gewonnen. Sie trainiert dreimal die Woche, am Sonntag spielt sie Matches auf dem Strand von Ipanema. „Die Balltechnik ist anders als beim Fußball“, sagt Manhaes. Sie erzählt, manchmal ließen sich Fußballstars wie Ronaldinho auf eine Partie ein – und blamierten sich prompt.

Die Brasilianer kämpfen dafür, Futevôlei in das Olympiaprogramm zu bringen wie einst Beachvolleyball. Noch aber ist es nicht so weit. Das Preisgeld bei Turnieren ist mit umgerechnet 4000 bis 5000 Euro sehr niedrig, das reicht oft nicht für die Reisekosten zu den auswärtigen Wettkämpfen, sagt die 28-Jährige. Manhaes bekommt als Topspielerin ein staat­liches Sport-Stipendium, es beträgt aber nur 2000 Reais im Monat, etwa 500 Euro. Sie arbeitet als Sportlehrerin und ist auf die Unterstützung ihrer Sponsoren angewiesen: ein lokaler Sonnenbrillenhersteller und eine Schuhfirma.

Trotz allem: Die Stadt wird nach den Spielen besser und schöner als zuvor

Thiago Paschoa, Schauspieler und Surfer

Manhaes formt mit dem Fuß einen kleinen Sandhaufen und legt den Ball drauf. Mit dem Innenrist serviert sie den Ball über das Netz. Dort nimmt Rodrigo Freitas den Ball mit der Brust an und lässt ihn zu seinem Partner abtropfen. Der spielt den Ball mit seinem Knie hoch, Freitas kommt herbeigelaufen und köpft den Ball über das Netz. Punkt für Freitas. Der junge Schwarze stammt aus Cantagalo, einer Favela direkt über Ipanema. Er lebt mit seiner Mutter und vier Geschwistern in einem winzigen Haus aus roten Ziegelsteinen. Freitas hat keine Ausbildung und arbeitet nur unregelmäßig, mal verkauft er Getränke am Strand, mal treibt er sich nur herum. Der Spaß am Sport führt die Menschen in Rio de Janeiro immer wieder für ein paar Stunden zusammen. Ihren Respekt verdient man sich, wenn die Leistung auf dem Spielfeld stimmt. Es ist ein wenig wie bei Olympia: Das Motto heißt „Dabeisein ist alles“, doch jeder möchte gewinnen.


Sportlich durch Rio

Mountainbike-Tour

Rio liegt direkt am Dschungel: Diese Tour führt durch den Tijuca-Nationalpark.

bikeinriotours.com.br

 

Paragliding

Wie ein Vogel über Rio schweben – am Gleitschirm können Sie das auch.

riohanggliding.com

Surfen

Die Schule Surf Rio sitzt in Arpoador, einem der besten Surfspots der Stadt.

surfrio.com.br

 

Selarón-Treppe

Auf einem Stadtrundgang kann man 215 künstlerisch verzierte Stufen erklimmen.

rioculturalsecrets.com