Ein gigantischer Schatz, noch zu heben: Überreste des Dschungels im Brokopondo-Stausee
© Tillmann Franzen

Wald unter Wasser

  • TEXT TIEMO RINK
  • FOTOS TILLMANN FRANZEN

Im Osten Surinams steht in bis zu 35 Meter Tiefe begehrtes Tropenholz – unterwegs mit den tauchenden Holzfällern vom Brokopondo-Stausee

Freitagmorgen auf dem See: Ironildo Gomes da ­Silva und seine drei Kollegen tuckern mit einem Stahlboot, das seine besten Tage lange hinter sich hat, übers Wasser. Das Boot macht an einem der Äste halt, da Silva, 29, setzt die Taucherbrille auf und springt ins Wasser. Verschwindet kurz, taucht wieder auf und gibt seinem Kollegen ein Zeichen. Daraufhin nimmt der eine Motorsäge und wirft sie neben da Silva ins Wasser, nahe genug, dass der sie greifen kann. Zuvor wurde der Baum mit einem Stahlseil am Boot befestigt. Nun taucht da Silva, Unterwasser-Holzfäller seit zehn Jahren, hinab bis an den Grund.

Anfang der sechziger Jahre war der Brokopondo-Stausee im Osten Surinams noch ein weites Tal im Dschungel, in dessen Mitte der Fluss Surinam gen Atlantik strömte. Nicht irgendein Wasserweg, nein, der wichtigste des Landes, es passt gut, dass das Land so heißt wie der Fluss. Gelegen im Nordosten Südamerikas, zwischen Guyana, Fran­zö­sisch-Guayana und Brasilien: das kleinste Land des Kontinents. Auf dem Surinam transportieren sie, was sie dort haben – Bauxit, Holz und Aluminium –, in Richtung der Hauptstadt Paramaribo, wo der Fluss ausläuft in einem braun-brackigen Farbton und sich dümpelnd ins Meer ergießt. Vorbei an dem einstigen Frachtschiff Goslar, das dessen deutsche Besatzung 1940 mit Absicht versenkte, damit die niederländische Kolo­nial­macht es nicht beschlagnahmen konnte.

Schwimmende Monteurszimmer: Hausboote der Holzfäller auf dem Brokopondo-Stausee

Schwimmende Monteurszimmer: Hausboote der Holzfäller auf dem Brokopondo-Stausee

© Tillmann Franzen
Das wichtigste Werkzeug der Holzfäller an Deck

Das wichtigste Werkzeug der Holzfäller an Deck

© Tillmann Franzen
Die Säge wird durch Druckluft angetrieben, zugeführt durch den schwarzen Schlauch

Die Säge wird durch Druckluft angetrieben, zugeführt durch den schwarzen Schlauch

© Tillmann Franzen
Kurzes Durch­atmen: Holzfäller Ironildo Gomes da Silva zwischen zwei Tauchgängen

Kurzes Durch­atmen: Holzfäller Ironildo Gomes da Silva zwischen zwei Tauchgängen

© Tillmann Franzen

 So liegt das Schiff bis heute im Hafen von Paramaribo, ein rostiger Klumpen im Fluss Surinam, wie ein Zeichen dafür, dass die Dinge nicht verschwinden, dass sie bleiben, auch wenn Wasser sie umspült. Und so ist es ja auch mit dem See, der eigentlich gar kein See ist, sondern ein mit Wasser vollgelaufenes Stück Urwald mit einer Sperre davor.

Irgendwann hörte der Wasserspiegel auf zu steigen, viel später als erwartet, dann war der Stausee fertig, einer der größten Stauseen Südamerikas, dreimal so groß wie der Bodensee. Den sie viel kleiner geplant hatten, als sie einen Fluss im Dschungel aufstauten und ein Wasserkraftwerk in Betrieb nahmen, um ein paar Aluminiumwerke mit Energie zu versorgen. Aluminium ist in Surinam eines der wichtigsten ­Exportprodukte, neben anderen Boden­schätzen wie Gold und Öl.

Surinam, einst niederländische Kolonie, ist erst seit 1975 unabhängig. Die Nachfahren der Sklaven machen gut 35 Prozent der Bevölkerung aus. Die Nachfahren der indischen und indonesischen Vertragsarbeiter, die nach dem Ende der Sklaverei ins Land kamen, zusammen gut 40 Prozent. Plus Europäer, Indigene, Chinesen und Araber. Die gut 500 000 Einwohner leben vorwiegend an der Küste, die meisten in Paramaribo. Etwa 80 Prozent des Landes bestehen aus Regenwald. Vom Küstenstreifen aus gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten, ins Landesinnere vorzustoßen. Entweder nimmt man das Flugzeug, oder man nimmt das Boot. Natürlich: Auch in Surinam wird in die Natur eingegriffen, auch durch den Stausee. Gemessen aber an der Zerstörung durch Brandrodung und Kahlschlag in anderen südamerikanischen Ländern, ist der Dschungel in Surinam intakt.

Als das Wasser nach Brokopondo kam, versank der Wald, und mit ihm wurden auch die Dörfer im Tal überflutet. 10 000 Menschen verloren ihr Zuhause, wurden umgesiedelt ans Seeufer. Und weil das Wasser schneller kam als erwartet, öffnete es auch frische Gräber, und so schwammen Särge im See, aus der Erde herausgelöst durch die Wassermassen, und so könnte die Geschichte aufhören: wie der Stärkere den Schwächeren kaputt macht, bis nichts mehr bleibt.

Per Lastwagen werden die gewaltigen Baumstämme vom Stausee zum Hafen gebracht

Per Lastwagen werden die gewaltigen Baumstämme vom Stausee zum Hafen gebracht

© Tillmann Franzen
Sägeblatt im Sägewerk

Sägeblatt im Sägewerk

© Tillmann Franzen
Fertig gesägte Bretter im Sägewerk

Fertig gesägte Bretter im Sägewerk

© Tillmann Franzen

 Aber so ist es nicht. Zumindest die Bäume sind geblieben, bis heute ragen ihre Äste aus dem Wasser. Hunderttausende Bäume, also kann die Geschichte weitergehen. Denn das Holz bringt Geld, bringt Arbeit. So gemischt wie die Bevölkerung von Surinam sind auch die Belegschaften, die das Holz aus dem See verarbeiten: Ein Chinese leitet ein Säge­werk, ein indischstämmiger Bootsführer fährt im motorisierten Einbaum über den See. Da steht ein Mann mit indonesischen Wurzeln an der Band­säge, da bringen die Nachfahren derer, die hier einst lebten, als der See noch ein Tal war, die Bretter in Form.

Und da ist da Silva, der brasilianische Unterwasser-Waldarbeiter. Was im See steht, sagt er, hat erstaunliche Qualitäten. Tropenholz, das auch nach rund 50 Jahren im Wasser noch brauchbar ist. Hartholz, beste Qualität, von Natur aus gegen allerlei Schäden imprägniert. Passt gut auf europäische Terrassen. Sieben der ein paar hundert Holzarten hier sind für die Industrie interessant, darunter robustes ­Guyana-Teak, Walaba und das Holz vom Fava-Baum.

Ein Deutscher bringt die Schätze nach Europa. Im Auftrag von Barth & Co., einem Importeur mit Sitz in Nordrhein-Westfalen, reist der 42-jährige Marco Schulze etwa alle sechs Wochen nach Surinam. Gut 14 Millionen Kubikmeter Rundholz stehen im See, vermutet er, mit einem Marktwert von etwa vier Milliarden Euro. Nach ganz Europa liefert Schulze die Hölzer, vor allem aber in die eigene Heimat. Der Wert aller Hölzer aus Surinam, die er 2015 für Barth & Co. beschaffte, lag bei vier Millionen Euro. Es soll noch mehr werden, signalisiert das Unternehmen.

Tropenholz hat keinen guten Ruf, gilt als Ergebnis von Raubbau, Kahlschlag, zerstörter Natur. Aber das Holz aus dem Stausee hat einen großen Vorteil: Wer es fällt, schlägt keine Lücken in den Dschungel. Weder durchs Ernten, wie die Holzwirtschaft das Fällen wertvoller Einzelexemplare nennt, noch für die Schneisen durch den Wald, um an sie heranzukommen. Importeur Schulze geht noch weiter: Ließe man die Bäume im See, würden sie – Hartholz hin oder her – irgendwann verrotten. Dabei setzen sie Methan frei, erklärt Schulze, ein Treibhausgas, mindestens so schädlich wie Kohlendioxid. Man schützt das Klima also doppelt, wenn man Stauseeholz auf die heimische Terrasse legt, sagt er.

Erschöpft, aber zufrieden: da ­Silva verdient rund 1500 Dollar im Monat – ein guter Lohn in Surinam

Erschöpft, aber zufrieden: da ­Silva verdient rund 1500 Dollar im Monat – ein guter Lohn in Surinam

© Tillmann Franzen

 Oder man sieht es von der profitablen Seite: Der Handel mit Holz aus Stauseen unterliegt keinen Beschränkungen. Das Washingtoner Artenschutz­abkommen verbietet den Export vieler Tropenhölzer oder schränkt ihn zumindest stark ein. Doch für Unterwasserholz gelten diese Gesetze nicht.

Deshalb taucht da Silva ab, immer wieder. Er tastet sich am Stamm entlang in die Tiefe, auf etwa 30 Meter. Er weiß schon beim Abtauchen, ob der Baum etwas taugt, sagt er, denn er spürt die Unterschiede. Bemerkt unnatürliche Einbuchtungen, fühlt, wenn der Stamm nicht kontinuierlich dicker wird auf dem Weg nach unten – ein Zeichen dafür, dass das Holz verrottet ist. Er „sieht“ das alles mit den Händen, die Augen können kaum etwas erkennen. Der See ist trüb, auch wenn er an der Oberfläche nicht so wirkt. Und er ist bewohnt, auch wenn man es zuerst nicht glaubt. Würde man ein Stück blutiges Fleisch ins Wasser halten – es dauerte nicht lange, und sie kämen: Piranhas. Waren schon immer da, hungrige Bewohner des Flusses. Als der sich verbreiterte, wuchs auch ihr Lebensraum.

Dschungel ist, wenn sich das Leben einfach breitmacht – durch den Wald schwimmen jetzt Piranhas und Anakondas

So schwimmen jetzt Fische durch den Wald, zusammen mit Anakondas und Kaimanen. Dschungel ist, wenn sich Leben breitmacht, in welcher Nische auch immer. Es ist ein Glück für da Silva, dass die Piranhas den Krach nicht mögen, den der Holzfällertrupp im Wasser verbreitet. Aber sie würden ihre Abneigung dagegen zügig überwinden, sollte einmal passieren, was auf keinen Fall geschehen darf: dass sich ein Arbeiter unter Wasser verletzt. Kein Kratzer darf es sein, kein Griff in die Ketten­säge, dieses pneumatisch betriebene Werkzeug, das über zwei Schläuche angetrieben wird, die auf dem Schiff an einen Kompressor angeschlossen sind. Ein Schlauch pumpt Öl in die Säge und treibt die Kette an, durch einen zweiten Schlauch wird das Öl wieder nach oben gepumpt. Also bloß keine Verletzung unter Wasser riskieren, auch keinen Knock-out durch einen Baum. Die Stämme sind vollgesogen mit Wasser, tonnenschwer. Einmal durchgesägt, steigt das Holz nicht auf zur Wasseroberfläche. Es würde hinabsinken, wäre es nicht am Stahlseil befestigt. Mithilfe einer Winde werden die Stämme an die Oberfläche gezogen. Das sind die Rahmenbedingungen, und man mag sich wundern über diese Art von Arbeit, aber für da Silva ist es vor allem das: eine gute Arbeit, die er macht, und zwar gern, weil sie ihm Stolz verleiht und monatlich umgerechnet etwa 1500 Dollar einbringt, genug, um etwas heimzuschicken an die Familie in Brasilien.

Nach 20 gefällten Bäumen ist Schluss für heute. Das Boot der Arbeiter zieht einen Ponton hinter sich her, an dem die Ernte des Tages hängt. Anlegen am Hausboot. Daneben gibt es eine kleine Insel im Stausee, dort lagern sie die Stämme, vorsortiert, bis sie irgendwann zum Sägewerk am anderen Ende des Sees geschafft werden. Gewehre aus dem Hausboot holen, Übersetzen aufs Festland, und ab in den Dschungel. Das Abendessen schießen. Was übrig bleibt, bekommen die Piranhas.


 

Cover Exclusive 5

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.