© Tim Möller-Kaya

Taxi-Abenteuer in Sizilien

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Mein sizilianischer Taxifahrer heißt Luciano. Er ist klein, dick, lustig und fährt wie eine wilde Sau. Wir sind 60 Kilometer vor Palermo, und schon nach zehn Minuten stehen wir in einem Megastau. Luciano sieht das nicht ein. Er will zu seiner Frau. Er erklärt den Seitenstreifen zur dritten Fahrbahn, wir kommen zügig voran. Wenn Hindernisse auftauchen, eine Baustelle oder ein Fahrzeug, das auf den Pannenstreifen gehört, weil es eine Panne hat, drängelt sich Luciano ins Stop-and-go zurück, beschimpft jeden, der ihm nur widerwillig Platz macht, und schert sobald er kann wieder auf den Seitenstreifen aus. Nach 20 Minuten verlässt Luciano die Autostrada. Das beruhigt mich nur kurz, denn die Nebenstraße ist schmal und verläuft eigentlich stets in Kurven. Rechts ist immer eine Felswand und links meist ein Abgrund. Plötzlich bremst Luciano hart und kommt direkt hinter einer Kurve zum Stehen. Sechs oder sieben ineinandergestapelte weiße Plastikstühle stehen am Rand der Straße. Sie gehören zu einem geschlossenen Ausflugslokal. Während Luciano die Stühle auf dem Rücksitz verstaut, gebe ich mich der Vision hin, dass wir es sind, die gerade um diese Kurve gesaust kommen, und da steht mitten auf unserer Fahrbahn die Karre eines Wahnsinnigen, der gerade Plastikstühle klaut. Endlich beleuchten die Lichter von Palermo den Horizont. Bis zur Stadtgrenze kommt es noch zu folgenden drei kritischen Situationen: bewusst falsches Abbiegen auf eine Stadtautobahn, zeitweiliges Geisterfahrertum und Freihändigfahren auf einer langgestreckten Bodenwellen-Etappe. Luciano zeigt, als Antwort auf meinen fragenden Blick, auf seinen Unterkörper. Er lenkt mit seinen Beinen. In der Stadt angekommen, nimmt er die Hände wieder an das Lenkrad, aber bittet mich inständig, endlich meinen Sicherheitsgurt zu lösen. In deutschen Augen ist das unklug. In sizilianischen eine Frage der Ehre.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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