Hörst du das? Einfach mal im Nirgendwo von Baja California Sur der Wüste lauschen
© Salt & Silver

Und nachts heulen die Kojoten

Zwei Hamburger Jungs in Mexiko. Immer auf der Suche. Nach dem schärfsten Taco, der größten Welle, dem höchsten Kaktus. Sie haben einen Plan – aber dann kommt alles ganz anders. Ein ­kulinarischer Roadtrip mit dem Autorenduo Salt & Silver

Oh, Mexiko! All die Verlockungen – du bist der Ort, an dem Adam und Eva Hausverbot haben müssen! So schön, wieder hier zu sein. Was haben wir dich vermisst. Deine feurigen Tacos, deine brennende Sonne, deine Mangos, fett wie Medizinbälle, deine Wellen, die man herbeisehnt und fürchtet zugleich. Wir wollen alles von dir sehen. Aber vor allem interessiert uns: dein Essen, Essen, Essen. Deine geheimsten Rezepte wollen wir erkunden, deine irrsten Zutaten. Wir, Salt & Silver alias Johannes „Jo“ Riffelmacher, 30, und Thomas „Cozy“ Kosikowski, 27, zwei Freunde und Foodies aus Hamburg, seit 2014 kreuz und quer in Lateinamerika unterwegs. Jetzt aber los. Ándale!

Markt und Masse: Mexiko-Stadt

Der Landeanflug auf die Megacity ist ein Ereignis. Gebautes bis zum Horizont, ein Häusermeer, weiter als das Auge reicht. Unmöglich, so denken wir, kann der Fahrer, in dessen Taxi wir klettern, wissen, wo unsere Unterkunft liegt – das Navi wird die Stirn runzeln, darauf verwetten wir unseren Pesobeutel! Zack, erste Überraschung: Der Typ kennt die Straße, sogar das Graffiti an der Hauswand beschreibt er. Die Behausung ist genau nach unserem Geschmack, eigene Dachterrasse, riesiger Grill. Das Gerät muss schnellstens mit dem Allerbesten belegt werden, was die Stände Mexikos hergeben.

Wildeste Zutaten, jeder Gang riecht anders, ein Labyrinth zum Verirren

Salt & Silver über den Markt Central de Abastos

Erst mal ins Viertel Coyoacán, Märkte abklappern. Wir frühstücken Esquites, eine Maisspezialität, serviert in Plastikbechern, mit einer deftigen Butterlimettensauce, milden Käsekrümeln, Chilipulver und Epazoteblättern. Typisches Chilango-Food, Slangbegriff für vieles, was aus diesem Moloch und von seinen Straßen kommt. Wir schlingen wie zwei Bodybuilder in der Massephase. Verdammt lecker. Vor den Ständen: Reizüberflutung. Säckeweise Chilischoten und Gewürze, neben einem Metzgerstand baumeln Piñatas, Saftverkäufer jonglieren ihr Obst zu lautem Trash-Techno. Wir beschließen, uns gleich die volle Packung zu geben, den größten Großmarkt Lateinamerikas, den Central de Abastos. Und tatsächlich, der König der Märkte wird seinem Ruf gerecht. Er strotzt vor Bergen wildester Zutaten, ein Labyrinth, in dem man sich stundenlang verirren kann. Durch die schmalen Gassen rasen die Diableros, hartgesottene Mexikaner mit Sackkarren, auf denen sich Dutzende Kilo an Waren stapeln, die mit Höchstgeschwindigkeit von A nach werweißwohin gefahren werden. Als Hupe dienen Pfeifsignale. Wer nicht zur Seite hechtet, wird umgekeult. An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken, jeder Gang riecht anders. Wir schlängeln uns immer tiefer ins Getümmel. Hier ist Mexiko-Stadt hektisch, gleichzeitig aber auch ganz bei sich. Hier kaufen sie alle ein, Junge wie Alte, Großhändler und kleiner Mann, das hier ist die Seele der City.

1 Mexiko-Stadt | 2 El Pescadero | 3 Buenaventura | 4 Guerrero Negro

1 Mexiko-Stadt | 2 El Pescadero | 3 Buenaventura | 4 Guerrero Negro

© Cristóbal Schmal

Wir sind in Mexiko, weil die Küche spannender ist als anderswo. In ihr mischen sich indigene und koloniale Einflüsse, gibt es karibische Traditionen, aber auch Regionalküchen, die sich fundamental voneinander unterscheiden. Die mexikanische cocina ist aztekisch und spanisch, arabisch und französisch, Fisch und Fleisch, wild und scharf. Deshalb hat die Unesco sie in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Deshalb sind wir hier!

An einem Stand im Hallendunkel verkauft eine alte Frau geschmortes Ziegenfleisch an die Marktarbeiter. Auch wir schlagen zu, sitzen auf dem Boden vor einem rostigen Rolltor, essen. Die scharfe Chile-de-árbol-Salsa macht das Fleisch zum Festmahl. Zeit, einzukaufen! Bis oben hin bepackt zurück zum Dachterrassengrill. Mexiko-Stadt, wir mögen dich. Bist gar nicht so grau, wie du von oben aussiehst.

Kakteen und Roadkills: Baja California Sur

Nach der Stadt muss das Meer kommen, der Plan steht. Wir wollen nach Baja California, starten aber tief im Süden. Ein Freund leiht uns seinen Truck. Als wir den Pfad zu seinem Surferbungalow am Strand von El Pescadero raufstiefeln, glänzt das Juwel bereits von Weitem. Der perfekte Geländewagen, Allradantrieb, japanischer Motor, die Scheiben schwarz getönt, und über dem Lack eine dicke Wüstenstaubschicht. Hölle, das ist es! Damit lässt sich arbeiten! Wir decken uns mit Basics ein: eine Hängematte pro Nase, eine Machete, Ponchos gegen die Kälte der Wüstennacht, Sombreros für die Hitze am Tag. Die ersten hundert Kilometer machen Laune. Überdimensionale Kakteen säumen die Straße. Das Desaster dann mittags, irgendwo im Nirgendwo, draußen flimmert der Teer, drinnen blinkt plötzlich eine Warnleuchte. Zischend entweicht Dampf aus der Motorhaube, wir müssen an­halten. Die Hitze peitscht uns ins Gesicht. Warten.

Frisch vom Markt: Die Krebse schmecken am besten in der Sopa de marisco, einer Suppe aus Meeresfrüchten

Frisch vom Markt: Die Krebse schmecken am besten in der Sopa de marisco, einer Suppe aus Meeresfrüchten

© Salt & Silver
Bohneneintopf belebt die Sinne, verbrennt den Mund...

Bohneneintopf belebt die Sinne, verbrennt den Mund...

© Salt & Silver
…und sättigt nach den Wellen von El Pescadero

…und sättigt nach den Wellen von El Pescadero

© Salt & Silver
Nachtruhe nach der letzten Surfsession: Durch die Kakteenwälder von El Pescadero geht es zurück ins Camp

Nachtruhe nach der letzten Surfsession: Durch die Kakteenwälder von El Pescadero geht es zurück ins Camp

© Salt & Silver
Nicht im Edellokal, sondern am Strand oder auf dem Markt schmeckt es am besten.

Nicht im Edellokal, sondern am Strand oder auf dem Markt schmeckt es am besten.

© Salt & Silver
Zum Beispiel Tacos de Cochinita Pibil

Zum Beispiel Tacos de Cochinita Pibil

© Salt & Silver

Im Halbstundentakt rasen Autos vorbei, ohne auf unser Winken zu reagieren. Nach etwa zwei Stunden – wir stellen uns schon auf eine lange, kalte Nacht ein – hält ein Pick-up. Was für ein Zufall: Der Fahrer ist tatsächlich Mechaniker, hat eine kleine Werkstatt im nächsten Dorf. Er schleppt uns ab und checkt die Karre komplett durch. Die Wasserpumpe ist hin­über, das Thermostat auch. Mit neuen Bauteilen geht es schließlich weiter. Die Laune bessert sich, nur die Sonne ist längst verschwunden.

Mancher Reisende mag Kriminelle für das größte Übel auf Bajas Überlandstraßen halten, dabei lauert eine andere Gefahr zwischen den Kakteen. Nachts verwandelt sich die Route gen Norden in einen mobilen Zoo: Kühe kreuzen die Spur, wilde Esel schlafen auf dem Mittelstreifen, Kojoten jagen Hasen über die Überholspur. Morgens dann picken die Geier den Roadkill der Nacht vom Asphalt. Es gibt sogar kleine Buden, in denen mitgebrachte Kadaver auf den Grill geworfen werden. Nichts für uns. Lieber halten wir am Morgen in Buenaventura, an einer fantastischen Sandbucht der Bahía Concepción. Hier haben zwei alte Harley-Davidson-Biker ein Strandrestaurant gebaut. Wir haben Glück, es ist Dienstag, das bedeutet: Taco Tuesday!

Die ersten Seniorenbiker trudeln ein, zapfen Bier am unbesetzten Tresen und essen gegrillte Jalapeños aus Schüsseln. Da schlurft aus der Küche ein stämmiger Haudegen herbei und knurrt die Hallodris an, warum sie nicht wenigstens einmal auf den Wirt warten können. Man kennt sich. Wir sind froh, als er uns statt Frühstücksbier einen Pott pechschwarzen Kaffee auf den Tisch knallt – stilecht serviert in Tassen mit roten Herzen, auf denen „I Love You“ steht. Als Taco-Kochbuchautoren können wir nicht anders: Wir wagen einen Blick in die Küche. Am Herd steht eine Einmeterfünfzig-Mexikanerin, die Fleischstücke auf der heißen Plancha wendet. Als wir uns als Quasikollegen zu erkennen geben, zeigt sie ihr Ananassalatdressing, die im Slowcooker geschmorten Schweinekoteletts und die Achiote-Marinade, in die sie ihr Hühnchen taucht. Das ist es, wonach wir gesucht haben. Als sei man zufällig durch eine Tür gestolpert und habe dahinter die ganze Wahrheit gefunden. Am besten gefallen uns die Camarones al coco: Garnelenschwänze, erst gewälzt in zerstoßenen Cornflakes, Salz und Kokosraspeln, dann in heißem Öl frittiert. Unser Mund explodiert. Hut (Sombrero!) ab.

Echte mexikanische Küche findet man oft ganz weit draußen, wie hier in Buenaventura. Vorausgesetzt, der Truck hält durch

Echte mexikanische Küche findet man oft ganz weit draußen…

© Salt & Silver
Richtige mexikanische Küche findet man oft ganz weit draußen, wie hier in Buenaventura. Vorausgesetzt, der Truck hält durch

…so wie hier in Buenaventura.

© Salt & Silver
Richtige mexikanische Küche findet man oft ganz weit draußen, wie hier in Buenaventura. Vorausgesetzt, der Truck hält durch

Vorausgesetzt, der Truck hält durch

© Salt & Silver

Eiskalte Wände und Kojoten: Guerrero Negro

 Stundenlang fahren wir parallel zur Küste über staubige Pisten. Unser Ziel: The Wall – ein legendärer Surfspot, viele haben von ihm ­gehört, die wenigsten waren dort. Der Truck macht seine Sache gut, nimmt selbst die trockensten Flussbetten, die steilsten ­Canyons. Wer hier eine Rolle seitwärts hinlegt, hat ein Problem, im Umkreis existiert so viel Infrastruktur wie auf der dunklen ­Seite des Mondes. Endlich an der nassen Wand angekommen, werden wir unserem Ruf gerecht: mehr unvorbereitet geht nicht. Das Wasser hat 18 Grad, alle Surfer tragen Ganzkörper-Neo­pren. Und wir? Staksen in Boardshorts zum Break, als wäre das Hawaii. Reden uns ein, dass Anzüge was für Banker und Anwälte sind. Surfen mit blauen Lippen ein paar Wellen. Eine Lagerfeuer-Kochsession soll den Tag beschließen, doch die steife Brise am Meer macht uns zu schaffen. Wir beschließen, das Camp tief in die Wüste zu verlagern.

Es steht all das auf dem Speisezettel, was wir zuvor in einem kleinen Highway-Truckstop samt Carneceria ergattern konnten: Bohnen, Hackfleisch, Chilischoten, Tortillas, Rindersteaks, Avocado, Paprika, Limetten, Zwiebeln. Während der Hängemattensiesta zwischen zwei Kakteen kommt uns die geniale Idee: ein mexikanischer Bud-Spencer-Bohneneintopf! Sieht im Film ex­trem lecker aus, muss direkt aus der Pfanne gefuttert werden, ist mit unserer spärlichen Ausrüstung umsetzbar. Wir schüren aus toten Agavenblättern und staubtrockenem Buschwerk ein kleines Lagerfeuer. Der Eintopf ist schnell fertig, das Lagerfeuer bullert heftiger als jeder Gasherd. Das Resultat? So und nicht anders muss ein echter Westerneintopf schmecken, reden wir uns jedenfalls ein. Denn die darin versteckten Chilischoten treiben uns dicke Tränen in die Augen. Wenigstens essen wir so scharf wie Einheimische.

Es ist finster geworden, als ein Heulen unsere gefräßige Ruhe zerreißt. Erst einmal, dann immer häufiger, aus verschiedenen Richtungen. Wölfe? Wir lauschen in die Nacht. Da lacht jemand. Oder etwas. Kojoten! So kommuniziert ein Rudel, das erinnern wir. Ob die Wildhunde gefährlich sind, das erinnern wir nicht. Wie war das bei Karl May? Schreckt ein Feuer die Viecher ab? Oder zieht es sie an? Ach, was weiß May schon, war ja selbst nie da. Tasten nach der Machete. Nichts passiert. Wir schleichen ins Auto, schlafen auf zurückgeklappten Sitzen den Schlaf der Gezechten – bis uns ein Scheppern weckt! Der Mond leuchtet die Wüste aus, sodass man die geduckten Schatten zwischen den Büschen verschwinden sieht. Wir springen aus dem Auto und sehen, warum sie hier waren: Der Chilieintopf stand vergessen neben der Feuerstelle, jetzt liegt er umgekippt im Sand. Langsam sickert der Brei in die Wüste. Die Kojoten haben unseren Feuerfraß direkt aus der Quelle gekostet. Die kommen so schnell nicht wieder. Die suchen erst mal das nächste Wasserloch.

Noch mehr von Salt & Silver gibt’s auf Facebook und Instagram.