Blick auf den Stanley Park am Hafeneingang, Vancouver
© Andrew Querner

Alte Völker, neuer Stolz

  • TEXT KATHARINA KUNATH
  • FOTOS ANDREW QUERNER
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

First Nations, „Erste Nationen“, so nennen sich die indigenen Völker Kanadas. In Vancouver tragen sie ihre Traditionen in die Gegenwart – als Musiker, Street-Art-Künstler und Tattoo-Virtuosen

Möwen schreien, Baulärm prallt auf Sirenengeheul, dazwischen immer wieder das Rattern des vorbeifahrenden Skytrains. Unaufhörlich spuckt die Stadt mit den blaugrün schillernden Hochhäusern ihre Geräusche aus, wächst Vancouver, die glitzernde Küstenmetropole in der Provinz British Columbia (BC), und breitet sich in der Region zwischen Pazifik­küste und dem Gebirge der Coast Mountains aus.

Das Land war schon lange verteilt, als es erneut besiedelt wurde. Denn Vancouver liegt mitten im Territorium der First Nations, der Ur­einwohner Kanadas, zu denen auch die Haida und Inuit gehören. Von den mehr als 600 indigenen Stämmen des Staates sind rund 200 an der Westküste verwurzelt, elf davon in der Metropol­region Vancouver. Doch in den Häuserschluchten von Downtown oder im hippen Bezirk Gastown prägen vor allem Einflüsse aus dem modernen Amerika, aus Asien und Europa das Straßenbild. Das indianische Erbe – oder was noch davon übrig ist – fristet ein meist verborgenes Dasein in den Museen, in Ausstellungen mit Totempfählen, Kanus und gewebten Decken.

Corey Bulpitt vor einem Wandbild seines Kollegen Jerry Whitehead

Corey Bulpitt vor einem Wandbild seines Kollegen Jerry Whitehead

© Andrew Querner

YVR

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  Schuld daran ist das wohl dunkelste Kapitel der kanadischen Geschichte, die Kolonialisierung und ihre Folgen. Erst seit wenigen Jahren werden lang verbotene Bräuche wieder­belebt, erst seit Kurzem gibt es ernsthafte Bemühungen, die Geschichte der jahrhundertelangen Unterdrückung aufzuarbeiten. Aktivisten werden laut, die sich für soziale Gleichstellung und faire Landver­teilung einsetzen. Und es ist eine Kreativszene entstanden, die neue Wege findet, das Erbe ihrer Herkunft zu wür­digen. Sie lässt indianische Kulturen wiederaufleben, prägt die Stadt, macht indigenes Leben sichtbar für Einheimische und Touristen: Meterlange Heilbutte, Raben und Totems leuchten auf Beton, so fili­gran sind die Motive gezeichnet, dass man kaum glauben mag, dass sie gesprüht, nicht gepinselt sind. „Jahrelange Übung“, sagt der Künstler Corey Bulpitt und lächelt. Ich treffe den 39-Jährigen im Hof des Native Edu­cation College, einer gemeinnützigen Hochschule für indigene Kanadier. Wir blicken auf ein imposantes Wandbild an einer der Mauern, ein Gemeinschaftswerk, an dem auch er mitgearbeitet hat. Eine Cap sitzt schief auf seinem Kopf, unterm Tanktop blitzt eine breitgliedrige Goldkette hervor – sein Tribut an die Regeln der Street Credibility. „Ich habe illegal Züge besprayt“, sagt Bulpitt, „lange bevor ich zu meinem jetzigen Stil gekommen bin.“

Vancouver findet neue Wege, das indianische Erbe zu wahren und zu würdigen

Bulpitt gehört den Haida an, ein Volk, dessen Territorium sich einst bis nach Alaska erstreckte. Mit zwei Jahren wurde er seiner Familie weggenommen, er wuchs bei Adoptiveltern auf. Damit teilt er das Schicksal Tausender, die noch bis in die späten 1980er-Jahre von ihren Familien getrennt wurden – ein staatliches Programm mit dem Ziel, die kulturellen Wurzeln der Kinder zu kappen. Erst mit 19 Jahren fand Bulpitt ­zurück zu seinen leiblichen Eltern und begann, sich mit der Kunst der Haida zu beschäftigen. Auf persönliche Fragen antwortet Bulpitt leise, langsam, manchmal verfällt er in hartnäckiges Schweigen.

Auf die Tattoos an­ge­sprochen, die sich von seiner Brust über die Arme bis zu den Händen ranken, wird er wieder gesprächiger. Die meisten gelten seiner Herkunft: Ein Rabe auf dem rechten Arm symbolisiert seinen Clan, Motive aus alten ­Legenden schmücken seine Handrücken. Einige hat er sich nach Haida-­Tradition selbst gestochen. Auch anderen tätowiert er Stammessymbole, als deutlich sichtbares Zeichen, dass die Zeit vorbei ist, in der die eigene Kultur aus der Öffentlichkeit verschwinden sollte. Neben den Graffiti und Tattoos hat seine Schnitzkunst den Künstler bekannt gemacht. Aus gigantischen Zedernstämmen stellt er in wochenlanger Arbeit Totempfähle her, in der Tradition seines Stamms. Sein Talent brachte ihm den Beinamen T’aak’eit G’aaya ein, „talentierter Schnitzer“. „Aber das Niveau unserer alten Meister werden wir wohl nie wieder ­erreichen“, sagt er wehmütig. Die Handgriffe, die er von seinem Onkel erlernte, gibt er nun an Cousins und Neffen weiter, „dazu fühle ich mich durch meine Vorfahren verpflichtet“. Seinem Elan und seiner Beharrlichkeit verdankt er einen zweiten Bei­namen: Gludis, „Der immer nach oben schaut“.

Das Meer stets im Blick: Im Stadtteil Railtown

Das Meer stets im Blick: Im Stadtteil Railtown

© Andrew Querner
Corey Bulpitts Hände beim Schnitzen

Vielseitiger Künstler: Corey Bulpitt beim Schnitzen

© Andrew Querner
Gemeinschaftswerk unter der Granville Street Bridge

Gemeinschaftswerk unter der Granville Street Bridge

© Andrew Querner
Burrard Street Bridge über dem False Creek

Burrard Street Bridge über dem False Creek

© Andrew Querner
Straßenszene in einem Café in Railtown, dem Viertel der Kreativen

Straßenszene in einem Café in Railtown, dem Viertel der Kreativen

© Andrew Querner

  Am nächsten Morgen entdecke ich Bulpitts Tattoo-Stil wieder: auf den Armen von Lawrence Paul Yuxweluptun, den ich in seinem Lieblingscafé im Künstlerviertel Mount Pleasant treffe. Das Haar fällt dem 58-Jährigen auf den Rücken, seine Augen versteckt er hinter einer Sonnenbrille, Perlenketten und geflochtener Hut komplettieren den Look eines Mannes, der für seine brüske Haltung den Weißen gegenüber bekannt ist. Stellt man ihm eine Frage zur Kunst, spricht er über Politik, vor allem über die Unterdrückung der First Nations. Immer rauer wird seine Stimme, häufiger werden die Flüche, als er auf die Zeit der Residential Schools zu sprechen kommt: Internate für Kinder der First Nations, geprägt von psychischem und physischem Missbrauch, deren „Zivilisierungsauftrag“ die Kultur des eigenen Stammes zerschlagen sollte.

„Als Künstler kann ich aussprechen, was immer ich möchte, als Politiker könnte ich das nicht“, sagt er, während er ein paar Nachbarn grüßt. In einem alten Lagerhaus wenige hundert Meter weiter liegt das Atelier des Aktivisten. Inmitten eines Sammel­suriums aus Leinwänden, Farbtuben und allerlei Krempel entstehen politisch-provokante Werke, die seinen Worten in nichts nachstehen. Yuxweluptun malt seine Verurteilung des modernen kanadischen Staats mit aggressivem Humor: Auf großflächigen Leinwänden verschmelzen traditionelle indianische Formen mit Elementen der westlichen Landschaftsmalerei zu surrealistischen Szenen: Politiker, persönlich erkennbar, werden zu räuberischen Fleischfressern mit gespaltenen Zungen. Yuxweluptun, Sebstbezeichnung „Historienmaler“, konfrontiert den Betrachter mit den verschmutzten Meeren und mit Pipelines, die das Land seiner Väter durchschneiden, mit Rassismus und seiner Angst vor einer Welt, in der nur noch Oligarchen über die Ressourcen herrschen.

Am Groll des Künstlers wird auch der junge Premierminister Justin Trudeau nichts ändern, der Erneuerer, der mit Jody Wilson-­Raybould erstmals eine Frau der Kwakwaka’wakw-Stammesgruppe in die Regierung holte, als Justizministerin. Denn parallel unterstützt Trudeau den Bau einer Ölpipeline, die von Alberta bis zur Westküste British Columbias reichen soll.

Doch so harsch die Werke Yuxweluptuns auch anmuten, sollen sie doch der Versöhnung dienen, nicht der Rache. Und die Nachfahren der einstigen Kolonialherren nehmen die Ein­ladung an: Tausende Besucher zog es im vergangenen Sommer in seine Einzel­­­­­ausstellung in Vancouvers Museum of Anthropo­logy.

„Endlich interessiert es jemanden, was ich seit Jahren erzähle“, kommentiert er trocken seinen Erfolg. Obwohl er von Museen nicht viel hält. Als „indianische Leichenschauhäuser“ tituliert er Institutionen, in denen First-­Nations-Objekte ausgestellt werden. „Ich muss mit der Welt sprechen“, begründet er seine Entscheidung, trotz aller Vorbehalte mit der staatlichen Kultureinrichtung zu kooperieren.

Das Jahr 2017 markiert den 150. Geburtstag der kanadischen Konföderation, ein Ereignis, das im ganzen Land zelebriert wird – von dem sich aber auch viele Indigene übergangen fühlen. Die Geschichte der mehr als 900 000 Angehörigen der First Nations Kanadas sei schließlich sehr viel älter, schimpft Yuxweluptun. Und während viele Stämme wieder über Land­rechte verfügen, gebe es immer noch Gebiete, die nie förmlich an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben worden seien. Wenn es nach ihm ginge, wäre British Columbia längst umbenannt in TNT, „Tradi­tional Native Territories“, um den indigenen Charakter der Region angemessen zu würdigen.

Zedernholz-Skulptur des Künstlers Stan Joseph

Zedernholz-Skulptur des Künstlers Stan Joseph

© Andrew Querner
Der Künstler Lawrence Paul Yuxweluptun

Rebell aus gutem Grund: der Künstler Lawrence Paul Yuxweluptun

© Andrew Querner
Mal grimmig, mal einladend: Gemälde von Lawrence Paul Yuxweluptun

Mal grimmig, mal einladend: Gemälde von Lawrence Paul Yuxweluptun

© Andrew Querner
Am Sunset Beach

Am Sunset Beach

© Andrew Querner
Das DJ-Trio A Tribe Called Red bei einem Auftritt

Das DJ-Trio A Tribe Called Red bei einem Auftritt

© Andrew Querner

  Am Abend sehe ich Yuxweluptun wieder. Er steht in einer brodelnden Menschenmasse, sein Kopf wippt im Rhythmus der Bässe, die durch das volle Amphitheater im Osten der Stadt hallen. Ein Mädchen tanzt auf der Bühne, dreht sich um die eigene Achse, während die Perlenketten seines tradi­tionellen Gewands durch die Luft fliegen. A Tribe Called Red (ATCR) aus Ottawa, Ontario, legt auf: Das DJ-Trio ist gerade ungeheuer populär, in der indigenen Musikszene, aber auch international. Niemand mischt Chorgesänge und Trommel­schläge so mutig mit elek­tronischen Klängen, hitzigem Rap und dunklen Bässen.

„Bear und ich haben ATCR als Partyreihe gestartet. Wir wollten Musik produzieren, die uns junge Angehörige der First Nations reflektiert“, erzählt Ian „DJ NDN“ Campeau, der zum Stamm der Nipissing gehört, einige Stunden zuvor beim Soundcheck. „In Ontario gab es immer Latino- und Black-Music-Partys oder Asian Nights. Aber wir waren völlig unterrepräsentiert.“ Also begannen er und seine Freunde, selbst Partys zu schmeißen. Einer der drei, Tim „2oolman“ Hill, ist in Kanadas größtem Reservat aufgewachsen. Im Six Nations of the Grand River haben sich die Irokesen-­Stämme Mohawk, Onondaga, Oneida, Seneca, Tuscarora und Cayuga mit fast 26 000 Angehörigen zusammengeschlossen, Hill konnte bei seiner Familie bleiben, ist mit der Kultur der Mohawk aufgewachsen. „Ich habe meine Sprache behalten, das macht mich glücklich“, sagt er und: „Durch unsere Musik kann ich alles verbinden, was mir im Leben wichtig ist“. Seinen Stil nennt das Trio „Electric Pow Wow“, angelehnt an die Feste der indigenen Völker, auf denen ­traditionelle Tänze und Musik zelebriert werden.

Ihre kraftvollen Beats sind gleichermaßen tanzbar wie politisch. So erzählt der Song „Woodcarver“ die Geschichte eines Holzschnitzers, der vor einigen Jahren von einem Polizisten in Seattle erschossen wurde, andere gehen auf den Alltag junger First-Nations-Angehöriger ein. In den kommenden zwei Jahren sind die drei DJs mit ihrem jüngsten Album auf Tour: Kanada, USA, Russland, Europa. Sie machen sich auf, ihre Botschaft um die Welt zu tragen. Und Vancouver, mit allen seinen Farben und Klängen, findet langsam zu sich selbst.


Auf ihrer ersten Vancouver-Reise 2010 entdeckte unsere Autorin ein First-Nations-Graffito, das ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Nun traf sie den Künstler – und erfuhr endlich die Geschichte hinter dem bunten Motiv.