Verrückt nach Vermont LHM Oktober 2016 Slider
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Verrückt nach Vermont

  • TEXT HORST-DIETER EBERT
  • FOTOS ALEX FRADKIN

Hier ist niemand traurig, wenn der Sommer vorbei ist. Denn jetzt beginnt der Indian Summer, der die Laubgucker anlockt. Eine Entdeckertour von Süd nach Nord – der Erleuchtung entgegen

1 Staunen und Schreiben in Shaftsbury

Wie viele Rot-, Gelb-, Braun- und Grüntöne es wohl gibt? Und wie leuchtend blau ein Himmel sein kann?

Vielleicht ist es die unglaubliche Kulisse, die einige Menschen in Vermont immer wieder dazu inspiriert, Bücher zu schreiben. Die Liste der berühmten Schriftsteller ist lang.

Hier wirkte Robert Frost, der Urvater der amerikanischen Lyrik. Im ersten Stock seines ehemaligen Wohnhauses in Shaftsbury im Süden von Vermont ist heute ein Museum eingerichtet.

Rudyard Kipling schrieb in Dummerston sein „Dschungelbuch“, in dem das Waisenkind Mogli die Hauptrolle spielt. Die Literaturnobelpreisträger Pearl S. Buck und Saul Bellow lebten und arbeiteten hier ebenso wie die Schriftsteller Dorothy Thompson und Sinclair Lewis, deren Landsitz Twin Farms heute ein Luxushotel ist.

Der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer verbrachte viele Jahre seines Exils in den USA und versuchte sich in Vermont als Farmer. Sogar den russischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn zog es hierher.

Ein Fliegenfischer in Manchester

Halb Hightech, halb Religion: Fliegen­fischen in Manchester

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Zwillinge in Burlington

Öko-schick: Zwillinge in Burlington

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Das Wohnhaus des amerikanischen Lyrikers Robert Frost

Berühmte Bleibe: Das Wohnhaus des amerikanischen Lyrikers Robert Frost ist heute ein Museum

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Ein alter Laden in Plymouth

Einkaufen wie vor 100 Jahren in Plymouth Notch

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2 Gruseln am Lake Champlain

Das Übersinnliche spielt in Vermont eine besondere Rolle. So soll in den Wassern des Lake Champlain eine Seeschlange namens „Champ“ ihr Unwesen treiben.

Ein wunderschönes Gewässer im Übrigen, das sich – doppelt so groß wie der Bodensee – bis nach Kanada hochzieht.

Nicht nur im Wasser, auch in Dutzenden Gebäuden soll es spuken. Den prominentesten Geist beherbergt das Hotel The Equinox in Manchester: In der Green Mountain Suite erscheint angeblich immer mal wieder Mary Todd Lincoln, Ehefrau des früheren US-Präsidenten.

3 Fliegenfischen in Manchester

Bei der Rundreise wird schnell klar, dass hier so ziemlich jeder gerne wandert, Kajak fährt, fischen geht, jagt oder Vögel beobachtet. Die in Vermont allgegenwärtige Lieblingsvokabel lautet deshalb: outdoor!

Der dazugehörige Ausstattungs-Tempel Orvis steht in Manchester. Gegründet hat ihn Charles F. Orvis, der vor mehr als 160 Jahren damit begann, Kleidungsstücke und Gerätschaften rund ums Draußensein anzubieten.

Heute kann man dort sogar Fahrtrainings für Geländewagen und Kurse im Fliegenfischen buchen. „Flyfishing“, erklärt der Verkäufer bei Orvis, „das ist hier halb Hightech und halb Religion!“

Bei den Yup-Sagern von Plymouth Notch

Die Menschen in Vermont gelten als wortkarg. Ihre Lieblingsvokabeln sind „nope“ (nein) und „yup“ (ja). Um die Mentalität zu beschreiben, wird gerne die Antwort eines uralten Farmers auf die klassische Reporterfrage zitiert: „Sie haben also Ihr ganzes Leben auf dem Lande verbracht?“ – „Noch nicht!“

Auch der letzte US-Präsident aus Vermont war für sein Schweigen berühmt: Calvin Coolidge. Bei einem Dinner im Weißen Haus wurde er von einer High-Society-Lady herausgefordert: „Ich habe mit meinem Mann gewettet, dass Sie zu mir mehr als drei Worte sagen werden.“ Er konterte: „You lost!“

Die Menschen gelten als wortkarg. Am liebsten sagen sie ›nope‹ und ›yup‹

Will Knight, Spinnenkünstler

Coolidges Geburtshaus, ein Holzhaus in Plymouth Notch, ist ein hübsches Stück Old-Vermont. Auch das Dorf drumherum hat sich in den vergangenen 100 Jahren kaum verändert. Unter anderem steht dort die Käsefabrik der Coolidge-Familie aus dem Jahr 1890.

 

Gemischtwarenladen in Manchester

Wandern, jagen, Tiere gucken: Dieser Gemischtwarenladen in Manchester zeigt, was die Leute hier lieben

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5 Spinnen-Kunst in Williamstown

Als „verkauzt“ bezeichnete der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer die Menschen in Vermont. Die Begegnung in Williamstown ist ein Paradebeispiel: Will Knight, 92 Jahre alt, der sich selbst als „Spider Web Man“ bezeichnet.

Seit 40 Jahren züchtet er auf seiner Farm Spinnen – und erfand eine Methode, ihnen ihre Werke zu entwenden, indem er die Fäden auf Holzplatten überträgt und mit Lack fixiert.

„Was ich mache, ist nicht komplex, aber das Ergebnis ist wunderschön“, sagt Knight. Außerdem verkauft er Spinnen-T-Shirts, Handarbeiten aus Vermont und Ahornsirup.

6 Ein Ritt durch Waitsfield

Auf 21 Einwohner soll in Vermont ein Pferd kommen. Damit ist Vermont Rekordhalter vor den klassischen Pferdestaaten Kentucky und Texas.

Jedes Jahr widmet das Vermont Summer Festival den edlen Tieren eine gewaltige Leistungsschau auf der Harold Beebe Farm in East Dorset, sie geht über zwei Monate.

Wer nicht nur bei den Spring- und Dressur-Turnieren zugucken, sondern selbst in den Sattel steigen möchte, kann eine Reitwanderung durch die Wälder von Vermont buchen.

7 Genüsse in Waterbury

Als Motto der Gastronomie hat sich in Vermont das Prinzip „From Farm to Plate“ durchgesetzt – Bio-Produkte von nebenan frisch auf den Teller.

Zu den Vorkämpfern gehörten in den Achtzigern die beiden Freunde Ben Cohen und Jerry Greenfield, die aus Naturprodukten aus Vermont eine höchst individuelle Eiscreme herstellten.

Die Marke Ben & Jerry’s wurde international erfolgreich, schließlich von Unilever gekauft und wird seitdem auch in Europa vermarktet. Die ursprüngliche Fabrik in Waterbury ist noch immer die meistbesuchte Touristenattraktion des Staates.

Unweit davon, in einer alten Mühle an einem Wasserfall, beweist das Restaurant Hen of the Wood, dass sich regionale Erzeugnisse mit kulinarischer Raffinesse verbinden lassen.

Ausritt auf Islandpferden

Über Stock und über Steine: Einen Ausritt auf Islandpferden kann man in Moretown buchen

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Muscheltoast mit Radieschen

Muscheltoast mit Radieschen: Regionale Produkte liegen im Trend ...

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Eric Warnstedt, Koch und Besitzer des Restaurants Hen of the Wood

... auch bei Eric Warnstedt, Koch und Besitzer des Restaurants Hen of the Wood

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8 Wer sich traut, der braut – in Stowe

Bezogen auf die Einwohnerzahl gibt es nirgends in den USA so viele Brauereien wie in Vermont, darunter mehr als 40 Erzeuger von Craft-Bieren. Der Nordosten des Staates, wo sich besonders viele Brauereien befinden, wird liebevoll „Napa Valley des Biers“ genannt. Bier-Festivals sind äußerst beliebt.

Sind die Vermonter also die größten Säufer? Das bestreiten sie. Es gehe ihnen allein um die Vielfalt. Zu der tragen auch die Nachfahren der österreichischen Sängerfamilie von Trapp bei (der US-Musicalfilm „The Sound Of Music“ erzählte ihre Geschichte). Neben der Trapp Family Lodge betreiben sie eine eigene Micro-Brewery.

9 Burlington: Ein Ort voller Energie

„Green Mountain State“ wird Vermont auch genannt, so setzt sich der aus dem Französischen entlehnte Name schließlich zusammen. Und nicht nur die Berge sind grün: In Sachen Natur- und Klimaschutz liegt Vermont im landesweiten Vergleich vorn.

Sonnenkollektoren säumen die Straßenränder, wo sonst die – in Vermont verbotenen – Reklameschilder stehen. „2016 wollen wir die Produktion von Sonnenenergie verdoppeln“, sagt Mary Powell, Präsidentin von Vermonts größtem Stromkonzern Green Mountain Power.

Sie hat ihr Unternehmen auf Umweltschutz eingeschworen und wurde dafür 2015 als „Vermonter of the Year“ geehrt. Kein Wunder, dass mit Burlington die erste größere US-Stadt, die sich komplett mit Ökostrom versorgt, in Vermont liegt.

10 Bei Lancaster und in ganz Vermont: Alles ist erleuchtet!

Und ja, der Indian Summer ist schön. Wunderschön. „Dann schreien Zuckerahorn und Roteiche in einer wahnsinnigen, verzückten Leuchtkraft“, schwärmte der Schriftsteller Carl Zuckmayer.

Für das bunte Naturwunder, das von Ende August bis -Ende Oktober zu sehen ist, wurde sogar eine eigene Telefon–Auskunft eingerichtet. „Indian Summer“ sagt hier allerdings niemand mehr.

Seit die Amerikaner die Political Correctness kultivieren, ist der Begriff „Indianer“ verpönt. Stattdessen spricht man von der „Foliage Season“ (Laub-Saison). Aber jeder weiß, dass das große Leuchten gemeint ist.


 

Verrückt nach Vermont LHM Oktober 2016
© Cristóbal Schmal

Vermont von Süd nach Nord 

Robert Frost Stone House Museum, Shaftsbury
frostfriends.org

2 The Equinox, Manchester
equinoxresort.com

3 Fliegenfischen lernen, Manchester
orvis.com

4 Calvin Coolidges Geburtshaus, Plymouth Notch
coolidgefoundation.org

5 Spinnenfarm, Williamstown
spiderwebfarm.com

6 Reitwanderung, Waitsfield
icelandichorses.com

7 Restaurant Hen of the Wood, Waterbury
henofthewood.com

8 Trapp Family Brewery, Stowe
vontrappbrewing.com

9 Öko-Energie, Burlington
burlingtonvt.gov

10 Indian Summer pur, Lancaster
foliage-vermont.com