Einst standen im Spiegelsaal Möbel aus teils massivem Silber; sie wurden 1689 eingeschmolzen, um die Kriegskasse zu füllen
© Christian Kerber

Backstage beim Sonnenkönig

  • TEXT EMILY BARTELS
  • FOTOS CHRISTIAN KERBER

Pracht und Gärten und Spiele für das Volk! Unsere Reporterin wagte einen Blick hinter die glänzenden Fassaden von Versailles

Eine Errungenschaft der Französischen Revo­lution, verkünden die Geschichtsbücher, sei die Gleichheit der Stände. Das haben wir nun davon: Das Schloss von Versailles gehört dem Volk. Sieben Millionen seiner Vertreter strömen jedes Jahr in die sorgfältig gepflegten Gärten und stören die majestätische Ruhe des Palastes, wo sie ihren Selfiesticks Grimassen zuwerfen. In der perfekten Symmetrie der Orangerie herrscht heute Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ich seufze gnädig und lasse meinen Blick über die Schlossgärten schweifen. Noch liegen sie menschenleer, es ist früher Morgen, Versailles gehört mir. Die nächsten Tage werde ich hier verbringen, und ich ahne: Es gibt hinter dem goldenen Tor des Schlosses viel mehr zu sehen als den Marmorhof, den Spiegelsaal und die gepolsterte Toilette des Königs.

Der Name Versailles steht für Größenwahn und Perfektion. Der 51 000 Quadratmeter große Palast mit seiner Infrastruktur aus Lustschlösschen, Nebengebäuden und Gärten diente einst dazu, die Macht des Sonnenkönigs Ludwig XVI. zu demonstrieren und die Adeligen des Königreichs mit berauschenden Festen vom Rebellieren abzuhalten. Der eine Monarch beeindruckt mit Säbelrasseln, der andere eben mit einem Spiegelsaal. Auch wenn die Köpfe von Ludwig XVI. und Marie Antoinette vor 223 Jahren von der Weltbühne rollten – das Spektakel in Versailles geht weiter. Wenn nicht für ein Herrscherpaar, dann für das Volk. Das Personal bemüht sich heute wie damals nach Kräften, den Pomp wirken zu lassen. Sie werde ich besuchen: die Restauratoren, die Brunnenmeister, die Gärtner und den Operndirektor.

Aus dem Fenster des Hotels Trianon Palace schaue ich auf die Ausläufer des Schlossparks, die Wiesen sind noch silbrig vom Morgentau. Die Schafe darauf gehören zu den ständigen Bewohnern der Anlage. Sie sind schon auf allen vier Beinen, die wolligen Hintern gegen den Wind gedreht. In der Nähe des Großen Trianon, das einst als Rückzugsort für Ludwig XIV. diente, bin ich mit Alain Baraton verabredet.

Der Chefgärtner wacht über die Flora von Versailles, über die Englischen Gärten und die Französischen, die Orangerie, die Gemüsebeete und die Obstbäume. Monsieur Baraton wohnt auf dem Gelände von Versailles, in einem ansehnlichen Haus aus hellem Stein, das zu einem kleinen Hof gehört. Wir treffen uns in seinem Büro, die Wände tragen große Blumenbilder, sein Gesicht zeigt Lachfalten. „Ein Garten ist wie eine Liebesgeschichte“, erklärt mir Baraton in brummendem Bass, „ein Leben ohne ihn ist möglich, aber traurig.“ Er hat viel nachgedacht über das Verhältnis von Mensch und Pflanze, ein gutes Dutzend Bücher hat er schon über die Gärten geschrieben in den 40 Jahren, in denen er hier arbeitet. Im Garten wohne die Zeit, sagt der 58-Jährige: die Erinnerungen, die Gegenwart und die Zukunft.

Frösche, frisch vergoldet: Nach einer Restaurierung glänzen die Amphibien am Latona-Brunnen wieder

Frösche, frisch vergoldet: Nach einer Restaurierung glänzen die Amphibien am Latona-Brunnen wieder

© Christian Kerber
Ewiger Glanz: Hinter den Zäunen halten Hunderte Menschen die Attraktionen in Betrieb

Ewiger Glanz: Hinter den Zäunen halten Hunderte Menschen die Attraktionen in Betrieb

© Christian Kerber
Chefgärtner Alain Baraton in einem der Gewächshäuser

Chefgärtner Alain Baraton in einem der Gewächshäuser

© Christian Kerber
Das Staffagedorf diente Marie Antoinette zur Zerstreuung

Das Staffagedorf diente Marie Antoinette zur Zerstreuung

© Christian Kerber
Heute kräht hier nur noch der Hahn

Heute kräht hier nur noch der Hahn ...

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Rhabarber aus dem Gemüsegarten

Frisch aus dem königlichen Gemüsegarten: junger Rhabarber

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Schwein im "Hameau de la Reine", dem künstlich errichteten Weiher von Marie Antoinette

Zufriedener Bewohner des künstlich errichteten Weiher von Marie Antoinette: Ein Schwein im "Hameau de la Reine"

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Die Schlüssel zu den Katakomben von Versailles liegen in den Händen von Brunnenmeister Guillaume Acarregui

Die Schlüssel zu den Katakomben von Versailles liegen in den Händen von Brunnenmeister Guillaume Acarregui

© Christian Kerber
Hier verlaufen die 30 Kilometer langen Bleirohre zu den Brunnen und Fontänen des Parks

Hier verlaufen 30 Kilometer lange Bleirohrsysteme zu den Brunnen und Fontänen des Parks

© Christian Kerber

 Baraton führt mich in den Gemüsegarten, der auch das ­Plaza Athénée in Paris beliefert. Das Restaurant gehört Alain ­Ducasse, einem der berühmtesten Köche der Welt. Fünf der insgesamt 45 Gärtner in Versailles hegen für ihn Pak Choi, Erbsen, Tomaten und Brombeeren. Einmal geerntet, werden sie innerhalb von zwei Stunden in die Küche des Drei-Sterne-Lokals geliefert. Wir laufen durch ein Gewächshaus, vorbei an Reihen frischer Kräuter: Rosmarin, Schnittlauch, zarte Frühlingszwiebeln. „Unsere Pflanzen haben Zeit zum Wachsen, die Natur bestimmt den Zeitpunkt der Ernte. Wir respektieren die Pflanzen“, sagt der Kenner des 815 Hektar großen Parks, dessen Wege er regelmäßig abgeht. Seine Lieblingstiere sind die Enten, die in der Luft aussehen wie kleine Düsenflieger. „Doch all das existiert nicht zu meinem Vergnügen“, sagt er, „der Garten gehört den Besuchern.“ Auf seinen Spaziergängen begegnet er Touristinnen, die sich als Prinzessinnen verkleidet haben. Er sieht, wie junge Japaner ihren Freundinnen Heiratsanträge machen, oder beobachtet elegant gekleidete Damen, die seine Blumen stehlen.

Ein Leben ohne Garten ist möglich, aber traurig

Alain Baraton, Chefgärtner

Am Apollo-Becken hat man immer seine Ruhe, sagt Baraton, egal, wie viele Touristen sich über die Anlage drängeln. Mehr als 50 Brunnen schmücken die Gärten Versailles, sie werden aus einem gut 30 Kilometer langen, in sich geschlossenen Rohr­system gespeist. Allein durch den geschickten Einsatz von Gefälle und Schwerkraft wird das Wasser zu den Becken und Fontänen geleitet. Verblüffend ist, dass 90 Prozent der Rohre noch aus der Entstehungszeit stammen.

„Das System ist so gut durchdacht, dass wir es nie verändert haben, sondern immer nur ausbessern“, sagt Guillaume Acarregui. Er ist einer von zwölf Brunnenmeistern, die sich um die Wasserspiele in Versailles kümmern. In den Sommermonaten drehen sie die Fontänen auf und zu, im Winter kümmern sie sich um verstopfte Düsen und leckende Rohre. Wir stehen in den Katakomben, unter meinen Füßen sammeln sich Pfützen auf dem lehmigen Boden, das Regenwasser vom Vormittag dringt durch die Erde über uns. Der 36-jährige Acarregui deutet auf eine Schraubenmutter. Sie ist nicht gewohnt sechseckig, sondern hat die Form eines Trapezes. „Daran erkennt man die originalen Teile aus dem 18. Jahrhundert, so eine Mutter siehst du wahrscheinlich nirgendwo anders!“ Ich blicke auf die verrostete Schraube, auf die Pfützen unter meinen Schuhen und die alten Bleirohre. „Ist Blei nicht giftig?“, frage ich.

Die Parks und Paläste von Versailles haben nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt

Die Parks und Paläste von Versailles haben nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt

© Christian Kerber

 Ist es, doch es gehört zur Philosophie der Betreiber, das alte Versailles so gut zu bewahren, wie es eben geht. Also repariert Acarregui mit Atemmaske und Schutzkleidung nach alten Handwerksmethoden die Bleirohre. Unten im Tunnel meldet sich die Zentrale über ein Funkgerät. Wir müssen zurück, Acarregui soll mit den anderen Brunnenmeistern die Fontänen des Neptun-Beckens bedienen. Das Schauspiel beginnt jedes Wochenende um zwanzig nach fünf, von April bis Oktober. Sieben Minuten lang schießen die Wassermassen empor, dazu ertönt Barockmusik. „Techno wäre eine willkommene Abwechslung, die Musik kann ich schon nicht mehr hören. Aber alles in Versailles ist alt, alt alt“, sagt Acarregui mit gespielter Verzweiflung und lacht. Im Oktober, wenn sich wegen des Wetters nur wenige Besucher in den Park verirren, stehen die zwölf Brunnenwärter oft allein vor dem riesigen Becken, warten geduldig das Ende der Musik ab und drehen die Leitungen dann wieder zu. Spiele für das Volk, ob es nun kommt und zuschaut oder nicht.

Auf dem Weg zum Ruderclub wünsche ich mir ein Pferd – die Wege sind lang in Versailles. Neben mir erstreckt sich der Große Kanal, auf dem der Cercle Nautique de Versailles seit über 100 Jahren trainiert. Jeder Arm des kreuzförmigen Beckens ist bis zu 1700 Meter lang. Sechs Runden müsse er drehen, um sein Trainingspensum von 20 Kilometern zu erreichen, erklärt mir Thomas Baroukh, während er mich durch das Bootshaus führt. Er wuchs vor den Toren des Schlosses in der Stadt Versailles
auf und fing mit elf Jahren an, hier zu rudern, heute trainiert der 28-jährige für seine zweite Olympiateilnahme. Beinahe täglich wartet er, bis die Touristen mit den Leihbooten das Wasser geräumt haben, dann gehört der Kanal den Sportlern.

Im 18. Jahrhundert lebten bis zu 10 000 Menschen auf dem Schlossgelände. Die Königsfamilie, ihre Angehörigen und die Bediensteten teilten sich die 1800 Räume im Schloss. Minister, Adelige und Personal drängten sich in Nebengebäuden. Die ­Wohnungen besaßen oft keine Küche, die Wände waren schwarz vom Ruß der Kamine und der Kerzen. Wasserklosetts gab es ­damals zunächst in England. Die Abtritte in den Treppenhäusern von Versailles verpesteten die Luft, Zeitzeugen berichteten, dass die liquiden Absonderungen beharrlich durch die Wände sickerten und sich in den Ritzen des Gemäuers festsetzten.
Dennoch verletzte es die Ehre eines Adeligen, kam es einer Verbannung gleich, wenn er eine Wohnung vor den Schlosstoren zugeteilt bekam: Der Hof stellte das politische und kulturelle Zentrum Frankreichs dar.

Alles im Fluss: Sind die Besucher fort, trainieren Ruderer auf dem Großen Kanal

Alles im Fluss: Sind die Besucher fort, trainieren Ruderer auf dem Großen Kanal

© Christian Kerber
Der Saal besteht der Akustik zuliebe ausschließlich aus Holz

Der Saal besteht der Akustik zuliebe ausschließlich aus Holz

© Christian Kerber
Proben in der Königlichen Oper

Proben in der Königlichen Oper

© Christian Kerber
Reiterin Charlotte Tura-Dubois mit „Flash“ in der Manege der Pferdeakademie

Charlotte Tura-Dubois mit „Flash“ in der Manege der Pferdeakademie

© Christian Kerber
Hermès-Sattel in der "Grande Ecurie“ den Ställen von Versailles

Hermès-Sattel in der "Grande Ecurie“, den Ställen von Versailles

© Christian Kerber
Reiterin mit einem der „Lusitanos“, der bevorzugten Pferderasse in der Akademie

Reiterin mit einem der „Lusitanos“, der bevorzugten Pferderasse in der Akademie

© Christian Kerber
Früher behuft, heute bereift: Ein paar PS können im weitläufigen Park nicht schaden

Früher behuft, heute bereift: Ein paar PS können im weitläufigen Park nicht schaden

© Christian Kerber
Restaurierungsarbeiten im Schloss

Restaurierungsarbeiten im Schloss

© Christian Kerber
Die Reinigungskraft im Schlafzimmer des Königs in den "Königlichen Gemächern" strahlt mit dem Kronleuchter um die Wette

Die Reinigungskraft in den "Königlichen Gemächern" strahlt mit den Kronleuchtern um die Wette

© Christian Kerber

 „Rettet mein armes Versailles“, soll Ludwig XVI. gesagt haben, als er zu Beginn der Französischen Revolution von einer wü­tenden Menge aus seinem Schloss getrieben wurde. Die Nach­fahren seiner Henker arbeiten noch heute daran. Wind und Regen machen den Steinen zu schaffen, Würmer fressen sich durch altes Gebälk, Besucher kratzen ihre Namen in die Spiegel des Spiegelsaals. 2009 feierte die Königliche Oper Wiedereröffnung, nachdem man sie für zwölf Millionen Euro res­tauriert hatte. Sie war eigens zur Hochzeit von Marie Antoinette und Ludwig XVI. im Jahr 1770 gebaut worden und so exklusiv, dass sie in den folgenden 20 Jahren an nur 16 weiteren Abenden bespielt wurde.

Laurent Brunner, Direktor des Unterhaltungsprogramms, nutzt die Bühne wesentlich intensiver. 250 Vorstellungen fanden allein 2015 in der Königlichen Oper statt, das Repertoire reicht von modernem Ballett über Sprechtheater bis zu klassischen Konzerten. „Es gibt so viele Möglichkeiten“, sagt der 51-Jährige. Er sitzt, die Beine locker übereinandergeschlagen, auf einem türkisen Samthocker im Wartesaal vor dem Eingang. Heute empfängt er zur Premiere des Balletts „Piaf“. Die Zeitgenossen des Barock hatten ein Faible für Übertreibung, aber in Sachen Show steht Brunner ihnen in nichts nach. Er veranstaltet Wasserspiele, Kinderfeste und Maskenbälle, im Sommer bespielen der Pianist Lang Lang und der Multikünstler Ólafur Elíasson den Palast und die Gärten.

Das Volk scheint an solchen Spektakeln große Freude zu haben: 1,5 Millionen Besucher verzeichnete der Unterhaltungschef für alle Veranstaltungen des vergangenen Jahres. Zu Zeiten von Ludwig XVI. verschlang der Haushalt von Versailles sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Heute finanziert sich das Schloss zu zwei Dritteln durch Eintrittsgelder, sagt ­Hélène Dalifard, die Dame von der Öffentlichkeitsarbeit. Hinzu kommen staatliche Zuschüsse und Spenden. Auch heute noch steht der Name Versailles für Luxus und Tradition. Das verhilft dem Schloss zu recht exklusiven Partnern: Hermès etwa spendierte die Sättel der Pferdeakademie, der Dufthersteller Guerlain entwarf ein limitiertes Versailles-Parfüm und spendet einen Teil der Einnahmen daraus für die Restaurierung des Schlosses. Spitzenkoch Ducasse zieht es bald noch näher zum Gemüse­garten, er eröffnet im Sommer ein Restaurant im Schloss.

Gleich beginnt die Vorstellung, aber Brunner möchte, dass ich mir zuerst noch etwas anderes ansehe. Er schickt Hélène Dalifard und mich durch die menschenleeren Gänge des Schlosses. Ich folge ihr durch brokatbehangene, samtgeplüschte und goldglänzende Räume bis in das Herz des Palastes: Vor mir liegt der Spiegelsaal, 73 Meter lang, links die Spiegel, rechts die Fenster mit Blick in den Schlosspark. Das Abendlicht fällt golden auf die Kronleuchter und wird von den 357 Spiegeln reflektiert. Wir stehen vor den Fenstern und schauen auf den Großen Kanal. Vom Schloss aus lenkt er den Blick bis an den Horizont und verschafft den Eindruck unendlicher Weite. Kein Mensch ist um diese Zeit im Park zu sehen. „Wenn man hier hinausschaut“, sagt Hélène Dalifard, „weist nichts darauf hin, in welcher Zeit wir uns befinden – es sieht genauso aus wie vor 300 Jahren.“


Vier Schlüssel zum Schloss

Frühsport

Von 10 bis 12 Uhr den Reitern der Pferdeakademie beim Training zuschauen – gegenüber vom Schloss.

 

Wasserspiele

Die Fontänen sind dienstags und am Wochenende in Betrieb; der Zugang zum Park kostet dann Eintritt.

Landpartie

Auf den Spuren von Marie Antoinette: Eine halbe Stunde vom Schloss entfernt liegt ihr privater Bauernhof.

 

Schlossführung

Die königlichen Gemächer sind nur mit Guide zugänglich. Führung im Voraus buchen!