Von Österreich ist es nicht weit bis ins ungarische Sopron
© Tim Möller-Kaya

Zähneklappern in Sopron

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

Ich war etwa 30 Jahre lang bei demselben Zahnarzt. Vor zwei Jahren starb er. Das machte mich nervös, aber aktuelle Probleme hatte ich nicht. Erst ein Jahr später brach mir ein Zahn ab, und ich brauchte eine Krone.

Weil das in Wien geschah, fragte ich meine österreichischen Freunde nach Zahnärzten. Es stellte sich heraus, dass sie alle nach Ungarn fahren, wenn sie Schmerzen haben. Auf meine klischeehaften Bedenken gegenüber osteuropäischen Zahnärzten machten sie einfach den Mund weit auf. Es wurde eine schöne Fahrt.

Bis zur Grenze sind es von Wien nur 60 Kilometer Burgenland. Da endet die Autobahn, eine lauschige Landstraße übernimmt. Man möchte sie ewig weiterfahren, aber die erste Stadt kommt geschwind. Sie heißt Sopron, ausgesprochen wird es Schopron. Die Österreicher machten „Shop on“ daraus, weil man dort so billig einkaufen kann.

Schon fünf Kilometer vorher beginnen die Werbemaßnahmen. Ein Wald von Schildern sowie Haus- und Fabrikfassaden preisen Shoppingcenter und Dentalkliniken an. Mein Navi zog mich zu einer Adresse, die ich unmöglich aussprechen kann, aber der Vorname meines Zahnarztes ist kein Problem. Gabor.

Ein Mann in Jeans und mit Pferdeschwanz behandelte mich in seinem liebevoll restaurierten, 360 Jahre alten Fachwerkhäuschen mit ultramoderner Technik und Betäubungen, die nicht nur schmerzfrei, sondern auch glücklich machen, und das kostete mich alles in allem nur ein Drittel der in Österreich und Deutschland üblichen Preise.

Ich fuhr glücklich zurück und hatte einen wunder­baren Abend, und auch die leicht euphorisierende Wirkung der Betäubungsspritze hielt noch ein Weilchen an.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

helgetimmerberg.com