© Meiko Herrmann

Camp der guten Hoffnung

  • TEXT TIM CAPPELMANN
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

Honduras ist fest im Würgegriff der Drogenkartelle, die Stadt San Pedro Sula zählt zu den gefährlichsten der Welt. Ein Projekt der Lufthansa help alliance gibt Straßenkindern dort die Chance auf eine bessere Zukunft.

Das alte Bügeleisen hat er selbst repariert. Behutsam streicht Yester damit die letzte Falte seines Schulhemdes glatt. Sieht gut aus, sein neues Leben. Der Deckenventilator versucht vergeblich, die schwülen 37 Grad nach draußen zu drücken. Aus Computerlautsprechern dröhnt Latino-Hip-Hop, Bad Bunny, Nicky Jam. Die Klausur heute wurde verschoben. Yester geht auf eine der besten Schulen für Elektrotechnik in Honduras. Das ist ziemlich ungewöhnlich für jemanden wie ihn: ein Straßenkind, Halbwaise. Sein gesamter Besitz passt in 
einen kleinen Spind.

José Yester Orellana Gomez, 21, schmächtig, aber trainiert, wacher Blick, wächst ohne Vater im Barrio Armenta auf, einem der ärmsten Slums in San Pedro Sula, zweitgrößte Stadt des Landes und eine der gefährlichsten der Welt. Hochburg der Mara, die brutalste Bande Zentralamerikas. Als Yester drei Jahre alt ist, wird sein Bruder geboren. Doch die Mutter, arm und verzweifelt, verschenkt ihn an eine befreundete Familie. Yester hilft ihr, einer Tagelöhnerin, sobald er laufen kann, bei der Feldarbeit. Trotzdem verprügelt sie ihn. Einmal schlägt sie den Kopf ihres kleinen Jungen blutig, schüttet Kerosin auf die Wunde, versucht ihn anzuzünden. Die Narbe schimmert noch heute durch sein kurzes schwarzes Haar. Yesters innere Wunden sieht man nicht. Der Junge flieht zu den bettelarmen Großeltern. Er haust einige Monate auf der Straße im Zentrum von San Pedro Sula, verkauft CDs, flickt Schuhe zusammen. Er lernt, alleine zu sein. Und fragt später sich oft, warum seine Mutter ihn nicht liebt.

Die Uruguayerin Cristina Addison umringt von Jungs aus dem AHLE-Projekt

Mutter für 70 Jungs: Die Uruguayerin Cristina Addison arbeitet ehrenamtlich für das AHLE-Projekt

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  Tod und Gewalt gehören in Honduras zum Alltag. Armenta wird von den MS-13 kontrolliert, eine der Mara-Banden, die das Land im Würgegriff halten. Der Name leitet sich von marabunta ab, spanisch für Wanderameise, die auf ihren Raubzügen schlag­artig in neue Gebiete einfällt und alles um sich herum vernichtet. Drogen-, Waffen- und Menschenhandel, Auftragsmorde, Kidnapping, Prostitution und Schutzgelderpressung spülen Millionen Dollar in die Kassen der Anführer. Geld und Macht sind hart umkämpft, verfeindete Gangs terrorisieren die Viertel. Maras kommen in der Regel vor ihrem 30. Geburtstag ums Leben, mit einer Kugel im Kopf. „Eres. O no eres“ – in Armenta ist man Mara, oder man ist es nicht. Dann lebt man besser woanders. Jeder kennt jemanden, der ermordet wurde. Auch Yester.

Im Camp lernte Yester, wie es ist, in den Arm genommen zu werden

Seinen Kumpel Manuelito erhängten sie nachts an einem Baum, da war er 15 Jahre alt. Manuelito arbeitete als banderín, kein vollwertiges Mitglied, sondern Aufpasser und Dealer. Das Aufnahmeritual – 13 Sekunden Prügel von allen einstecken, wahllos einen Fremden erstechen – hatte er noch nicht absolviert. Manuelito wollte raus. „Die hatten uns schon einige Tage lang beobachtet“, erinnert sich Yester. Er hatte Angst, der Nächste zu sein. Ein Straßenhändler erzählte von einem Kinderheim, in dem er unterkam und das ihn weitervermittelte: an die Einrichtung Acción Humana de la Luz Eterna, kurz AHLE, in San Francisco de Yojoa, eine Autostunde von San Pedro Sula.

Blick über das AHLE-Dorf

Das AHLE-Dorf

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  Die private Stiftung wurde 1994 von dem Hamburger Rechtsanwalt Alexander Valentin gegründet, mit dem Ziel, Straßenkindern zu helfen. Im Jahr 2000 begann der Bau eines Kinderheims für Jungen, Valentin wollte einen sicheren Hort für sie schaffen. 2012 lernte er den Lufthansa Kapitän Michael Langer kennen. Der Pilot fing an, sich für das Projekt einzusetzen. 2015 beantragte er finanzielle Unterstützung bei der Lufthansa Hilfs-organisation help alliance. Zudem ist Langer die Kontaktperson zwischen help alliance und der Stiftung. Im Dorf lernte Yester seine neue Familie kennen. Und wie es ist, in den Arm genommen zu werden. „Das Camp war absolut das Beste, das mir passiert ist. Ohne wäre ich vielleicht noch nicht tot. Aber sehr arm und ohne Zukunft.“

„Was bleibt Kindern, die keine Eltern mehr haben? Deren Mutter vor ihren Augen erschossen wurde? Die auf der Straße kämpfen? Bei uns sollen sie wieder vertrauen können. Bei uns dürfen sie wieder Kind sein“, sagt Leiter Marvin Javier López, 42. Ein unscheinbarer Mann, der aber alles zusammenhält. Er ist Sozialarbeiter, Lehrer, Manager, Anführer, Vater. Furchtlos, wenn es um seine Kinder geht. Von jedem respektiert. Er ist es, den eine Nachbarin mitten in der Nacht anruft, weil ihr Ehemann wieder betrunken ist und prügelt. Dann fährt López hin und schlichtet. Wenn eine Großmutter im Krankenhaus in San Pedro Sula im Sterben liegt und sich nach Hause wünscht, bringt er die alte Frau zu ihrer Familie. Einen Mara stellte er auf offener Straße. Der Gangster hatte einem seiner Schützlinge ein teures Smartphone geschenkt; damit sollte er ihn warnen, wenn Polizisten auftauchen – der erste Schritt zum banderín. López drückte es dem Mara in die Hand: Nicht hier, nicht mit uns.

Marvin López war selbst Straßenkind. Wenn er seinen 70 Jungs etwas sagt, glauben sie ihm, denn er ist einer von ihnen. Ihm vertrauen sie. „Trotzdem kann ich mir nie sicher sein. Manche Kinder leben jahrelang hier, und ich meine sie zu kennen. Und dann sind sie eines Morgens plötzlich weg, zurück bei den Mara, einfach verschwunden.“ Seine Augen zeigen, wie sehr ihn das schmerzt. Es geht ihm um Prävention. Wer schon vollwertiger Mara ist, den nimmt er nicht auf. Rund ein Drittel der Jugendlichen im Dorf sind Ex-banderíns. Das organisierte Verbrechen und die Korruption hält er für die größten Probleme im Land. Ohne Marvin López liefe vieles schlechter in San Francisco de Yojoa.

Marvin López, Leiter der Stiftung

Marvin López, 42, ehemals Straßenkind, leitet heute die Stiftung

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  Das Kinderheim liegt wie eine friedliche Insel in einem Meer aus Verzweiflung. Palmen säumen den Weg, rechts hängt die US-amerikanische, in der Mitte die honduranische Flagge schlaff in der Hitze. Daneben wird die deutsche gerade noch von einigen Kindern schnell richtigherum gedreht und neu gehisst.

Jubel weht leise vom Sportplatz herüber, Musik aus dem Fitnessraum. Es gibt einen Pool und eine kleine Autowerkstatt. Auf einem Stück Land lernen die Älteren, Bananen, Yucca, Orangen anzubauen. Die Kaninchen haben Junge bekommen, kleine Fellknäuel auf Kinderhänden. Die Hunde Maggie und Max kriegen ein Schaumbad verpasst. Pool? Fitnessraum? Was luxuriös klingt, ist auch der Versuch, sich von Spenden unabhängiger zu machen. Die Tore stehen tagsüber offen, auf dem Beton des Sportplatzes trocknen Bauern ihre Zichorien-Ernte. Der Pool wird für Hochzeiten vermietet, im Gym trainieren auch Leute aus der Nachbarschaft. Die Yucca-Wurzeln vom Feld werden verkauft, überschüssige Lebensmittel verteilt. Stiftung und Dorfgemeinde sind eng miteinander verbunden. Man hilft sich. Zurück in Yesters Zimmer. Er sitzt im unteren Etagenbett und lernt. Ziehen neue Kinder ein, legen sie sich zum Schlafen anfangs oft auf den Boden, Matratzen kennen sie nicht. Yester hat, wie alle Älteren, einen „kleinen Bruder“ für den er verantwortlich ist. Die Bewohner sind zwischen sechs und 21 Jahre alt, mit einem rund 20-köpfigen Betreuerteam regeln sie die Aufgaben im Mini-Dorf. Der Tag beginnt um fünf Uhr früh und endet abends um neun. Yester steht kurz vor dem Abschluss zum Elektriker. Im nächsten Jahr möchte er auf Kreuzfahrtschiffen jobben und die Welt sehen, Geld sparen, zurück nach Honduras kommen. Land kaufen und ein Haus bauen, die Stromleitungen selbst verlegen. Er möchte Hühner und Schweine halten, Kaffee und Obst anbauen, als Elektriker arbeiten. Heiraten, zwei Kinder. Zu seinem Bruder, den die Mutter verschenkte, hat er keinen Kontakt, der ist ein banderín. „So ist es sicherer für mich.“ Yester hat noch zwei kleine Brüder, neun und 13 Jahre alt. Sie möchte er später unterstützen. „Am wichtigsten ist mir, dass sie eine Ausbildung machen“, sagt er. Er will ihnen Vorbild sein, sie sollen folgen. Yester, der Junge von der Straße, hat keine Angst mehr. Und er ist nicht mehr alleine.

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CHRISTIAN JAFETH, 8

Der kokainabhängige Vater verkaufte ihn und seinen Bruder Christopher für 20 Dollar, da waren sie noch keine vier Jahre alt. Die Großeltern kauften beide zurück.

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CRISTOFER SAMUEL, 10

Als er mit seinem Bruder Christian ins AHLE-Dorf kam, waren beide unzertrennlich. Sie schliefen in einem Bett, lachten wenig und weinten viel – heute ist es umgekehrt.

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WILMER ALEXI, 10

Dass er nach seiner Geburt in Tegucigalpa in einen Mülleimer geworfen wurde, hat ihm wohl das Leben gerettet. Feuerwehrmänner fanden ihn und brachten den Säugling zu Nonnen. So wuchs er bei gleich mehreren Müttern auf und kam, anders als die meisten, als fröhliches Kind zur Stiftung. Wilmer erinnert sich kaum an seine frühe Kindheit. Aber er weiß, was er später werden möchte: Feuerwehrmann.


 

Hilfe für Kinder

Die help alliance ist die Hilfsorganisation der Lufthansa und ihrer Mitarbeiter. Sie ist die zentrale Säule des gesellschaftlichen Engagements des Konzerns. 1999 von 13 Lufthansa Mitarbeitern gegründet, bündelt die gemeinnützige BmbH derzeit rund 30 Projekte weltweit unter ihrem Dach, die vor allem jungen Menschen eine Ausbildung und die Chance auf ein besseres Leben verschaffen sollen. Jeder Cent, den Fluggäste spenden, fließt direkt in diese Projekte.