Mehr als 2200 Flugautos wurden gebaut – bislang keines serienreif
© Miriam Migliazzi und Mart Klein

Die Auto-Piloten

  • TEXT PHILIPP WURM
  • ILLUSTRATIONEN MIRIAM MIGLIAZZI, MART KLEIN

Stecken Sie mal wieder im Stau? Ach, könnte man doch darüber hinwegschweben! Der alte Traum vom Flugauto soll schon bald wahr werden

„Glauben Sie mir: Eine Kombination aus Flugzeug und Automobil wird kommen. Sie mögen lächeln, aber sie wird kommen.“

So sprach Henry Ford, der Pionier des Automobilbaus, im Jahr 1940. Einige Technikzeitalter später hat sich die Prognose noch nicht erfüllt – obwohl sich viele Erfinder bemühen, ein alltagstaugliches „Flying Car“ zu entwickeln, vom Spitzenforscher bis zum Hobbybastler. Mehr als 2200 Modelle haben die Tüftler bislang gebaut, circa 300 sind sogar bereits abgehoben. Doch ein serientauglicher Prototyp war nicht dabei.

Bis jetzt. In den USA und Europa werden Flugautos getestet, die schon bald marktreif sein sollen. Den Durchbruch verdanken Ingenieure dem Werkstoff Karbon, der die Karosserien leichter macht. Denn die „Flying Cars“ scheiterten meist daran, dass sie zu schwer am Boden lagen. Vielversprechende Modelle sind das AeroMobil aus der Slowakei, der Terrafugia Transition aus den USA und das Carplane eines Start-ups aus Braunschweig. Die Firmen hoffen, ihre Flugautos in den nächsten Jahren verkaufen zu können.

Denn wer wünscht sich nicht, einfach eine Autobahnvollsperrung zu umfliegen? Mit der Markteinführung würde ein Traum wahr, der bislang vor allem in Hollywood ausgelebt wurde. Was demnächst in den Showrooms der Hersteller zu sehen sein soll, ist zwar auch für Einsätze in der Luft und am Boden gemacht. Aber sonst haben die Modelle mit dem schnittigen Batmobil, dem legendären DeLorean aus „Zurück in die Zukunft“ oder dem blauen Ford Anglia, in dem Harry Potter in die Zauberschule jettet, wenig zu tun. Im Unterschied zu den drei Filmstars funktionieren sie nach aerodynamischen Prinzipien – und sie gehören in den Luxusbereich: Bis zu 300 000 Euro sollen AeroMobil, Carplane oder Transition voraussichtlich kosten. Dafür muss man auch nicht Batman sein, um sie zu manövrieren. Ohne großes fliegerisches Können soll gestartet, gesteuert und gelandet werden. Fragen der Fluglizenz, Zulassung oder Haftung sind noch nicht endgültig geklärt. In Großstädten werden die „Flying Cars“ wohl ohnehin nicht zum Einsatz kommen: Dort fehlt die nötige Infrastruktur, zu der etwa Start- und Landebahnen gehören. Stattdessen könnten die Hybride in dünn besiedelten Gegenden mit viel freier Fläche abheben, in ländlichen Regionen der USA, in Austra­lien oder Saudi-­Arabien. Das macht die Modelle für Millionäre mit abgelegenen Wohnsitzen interessant. Und Henry Ford hätte einmal mehr recht behalten mit seinem Blick in die Zukunft.

Das Flügelwerk wie ein Albatros, die Kabine wie eine Stupsnase – berühmt wurde das Arrowbile als erstes Flugauto, das gleich mehrmals in der Luft blieb. Der Erfinder Waldo Waterman konstruierte die Maschine in den 1930er Jahren in Kalifornien. Heute würden Ingenieure über die Technik zwar nur müde lächeln, die Fahreigenschaften jedoch überzeugen auch Heinrich Bülthoff, Experte für biologische Kybernetik vom Max-Planck-Institut in Tübingen: „Man steuert das Arrowbile sowohl in der Luft als auch am Boden mit dem gleichen Lenkrad, das erhöht die Benutzerfreundlichkeit.“ Das Cockpit bot sogar noch Platz für einen Beifahrer, ideal für romantische Ausflüge zu zweit.
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Arrowbile I: Mutter aller Flugautos

Das Flügelwerk wie ein Albatros, die Kabine wie eine Stupsnase – berühmt wurde das Arrowbile als erstes Flugauto, das gleich mehrmals in der Luft blieb. Der Erfinder Waldo Waterman konstruierte die Maschine 
in den 1930er Jahren in Kalifornien. Heute würden Ingenieure über die Technik zwar nur müde lächeln, die Fahreigenschaften jedoch überzeugen auch Heinrich Bülthoff, Experte für biologische Kybernetik vom Max-Planck-Institut in Tübingen: „Man steuert das Arrowbile sowohl in der Luft als auch am Boden mit dem gleichen Lenkrad, das erhöht die Benutzerfreundlichkeit.“ Das Cockpit bot sogar noch Platz für einen Beifahrer, ideal für romantische Ausflüge zu zweit.

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Aerocar I: Alte Angeberkarre

In den USA mauserte sich das Aerocar in den Fünfzigern zum Medienereignis: In der TV-Sitcom „The Bob Cummings Show“ war es für einen motorsportvernarrten Playboy die ultimative Angeberkarre. Um in den Straßenmodus zu wechseln, musste man Tragflächen und Heck manuell zusammenfalten; eine Metamorphose, die Experte Bülthoff als „viel zu umständlich“ bemängelt. Der US-Ingenieur Moulton Taylor baute die Aerocar-Modelle, als Sammlerstücke sind sie bis heute begehrt. Ein Verkäufer bietet ein – preisreduziertes! – Exemplar für 2,2 Millionen Dollar an. „Eine einmalige Gelegenheit“, teilt er auf aerocarforsale.com mit.

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Maverick I: Strandbuggy mit Lift

Mit 440 Kilo wiegt der Maverick etwa so viel wie ein Fiat Nuova 500. Das Leichtgewicht wird von einem kleinen Propeller und einem Gleitschirm in die Höhe getragen. Die schlanke Karosserie ist einem Strandbuggy nachempfunden, auf dem Boden ist er wendig wie ein Autoscooter. Gebaut hat ihn der Missionar Steve Saint. Als Entwicklungshelfer in Südamerika träumte Saint von einem Gefährt, mit dem er auch in die entlegensten Siedlungen am Amazonas reisen könnte, ob über Lehmpisten oder einfach quer durch den tropischen Himmel. Experte Bülthoff gefällt das schlichte Konzept: „Der Maverick kommt ohne High-Tech aus“, lobt er, „seine Gleitschirmtechnologie bietet vor allem Do-it-yourself-Ingenieuren die Möglichkeit, sich den Wunsch nach einem Flugauto zu erfüllen.“

„Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ (1972): Die Kraft des Rotors

Millionen Deutsche kennen das Gefährt aus dem Puppenfilm-Klassiker, und das eiförmige Fliewatüüt, das fliegen, fahren und über Wasser schippern kann, war der Hollywood-Konkurrenz voraus. Vor allem dank  seiner Rotoren, die es wie einen Hubschrauber nach oben hieven – eine Helikopter-Bauweise, die auch heute  noch als zukunftsweisend gilt. Weil man vertikal aufsteigt, sind Startbahnen überflüssig, stattdessen kann der Pilot im Vorgarten abheben. Bis es so weit ist, sind aber noch einige Sicherheitsfragen zu klären.

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„Der Mann mit dem goldenen Colt“ (1974): Fetter Kreuzer

Der goldene Straßenkreuzer verhalf dem Bösewicht Scaramanga zur spektakulären Flucht vor James Bond: Er raste, starre Tragflächen auf dem Dach, aus einer Scheune und sauste in die Wolken, 007 konnte nur noch staunend hinterherschauen. Als Vorbild für reale Flugautos taugte das Fahrzeug allerdings wenig, die Karosserie ist zu schwer und zu klobig.

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„Das fünfte Element“ (1997): Antigravitations-Flitzer

Die Autos, die in dem Science-Fiction-Epos massenweise durch die Häuserschluchten einer Mega-City fliegen, sind genau das: Science Fiction. Der mehrschichtige Verkehr würde eine hochentwickelte Flugkontrolle nötig machen, Autopiloten müssten steuern. Zumindest spielt der Film, in dem Bruce Willis als Taxifahrer die Welt vor dem Bösen aus den Tiefen des Weltraums rettet, erst im Jahr 2263. Bis dahin kann noch viel passieren.

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Terrafugia Transition I: Chamäleon aus Karbon

Seine Konstrukteure feiern ihn als „Revolution“ – der Transition vom US-Start-up Terrafugia ist leicht und geschmeidig, das erste marktreife Modell aus Karbon ist in Arbeit. Die Flügel klappen automatisch ein, umgehend wird er zum Auto. Das Fahrgehäuse ist so minimalistisch wie die Kabine einer BMW Isetta („Knutschkugel“). Experte Bülthoff: „Der Transition kommt einem funktionstüchtigen Flugauto am nächsten.“ Kritik übt er an seiner raumgreifenden Art: „Zum Abheben und Landen benötigt er einen Flugplatz, so wie ein Segelflugzeug auch. Das schränkt stark ein.“

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Carplane I: Grüner Katamaran

Der deutsche Beitrag zum internationalen Flugauto-­Fuhrpark: das Carplane aus Braunschweig. Als Extravaganz leistet es sich einen doppelten Rumpf, dessen Form an einen Katamaran erinnert. Mit 200  km/h schwebt das schnittige Modell durch die Lüfte. Für die Straße werden die Flügel zwischen die Rümpfe geklappt und sorgen so für Abtrieb und gute Fahreigenschaften bis zu 176 km/h. Typisch deutsch: Das Carplane soll die Abgasnorm Euro 5 erfüllen, eine respektable Ökobilanz für ein Flugauto dieses Formats.

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AeroMobil I: EU-Wettbewerber mit Rettungsschirm

Das AeroMobil ist die europäische Konkurrenz zum US-Transition und setzt auf dasselbe Konzept: Karbonbau sowie ein- und ausklappende Flügel. Allerdings braucht das AeroMobil weniger Fläche zum Landen: 50  Meter sollen ausreichen. Und die Lufttüchtigkeit? Im Mai stürzte ein Prototyp bei einem Testflug ab, der Pilot konnte sich mit dem Fallschirm retten. Es war der  Kon­strukteur selbst, der notlandete: Design-Spezialist Stefan Klein, der schon für Audi und BMW forschte. In der heißen Testphase würden nun mal „unvorhergesehene Ereignisse“ eintreten, teilte er lässig mit. Zudem wisse man nun, dass die Rettungssysteme funktionierten.