© Andreas Fechner

Die kleinen Einchecker

  • TEXT MECHTHILD BAUSCH
  • FOTOS ANDREAS FECHNER, THOMAS STRAUB

Wenn Kinder allein fliegen, wird Lufthansa für sie zur Familie auf Zeit: Seit fast 50 Jahren bietet die Airline den Betreuungsservice für junge Passagiere an – unterwegs mit Paula und Karl, zwei sieben Jahre alten Meilensammlern

Die „Detektivgeschichten für Erstleser“ kommen ins Handgepäck, beschließt Paula Wendt. „Da kann man raten, das ist spannend!“ Ohne ihre Eltern zu verreisen findet die Siebenjährige ebenfalls aufregend. „Letzte Woche bin ich das erste Mal alleine Milch kaufen gegangen“, erzählt die Zweitklässlerin aus dem Münchner Vorort Moosach und verstaut ihre Stofftiere namens „Bär“ und „Kamel“ im Rucksack. Allein
mit Lufthansa geflogen ist sie hingegen schon mit sechs. Von ihrer Oma in Hannover heim nach München. Paula zeigt stolz ihr Lufthansa „Logbuch“, in dem die Daten ihres ersten Alleinflugs eingetragen sind. „Wir waren mindestens so aufgeregt wie unsere Tochter“, berichtet Vater Dirk Wendt, „bei einem Kind kann die Stimmung schnell kippen. Aber Paula hat das toll gemacht.“

Aufbruch zum Flughafen: Heute geht es noch etwas weiter, von München nach Dubrovnik. Ein „Probeflug“ für Ferienbesuche bei den anderen Großeltern, die in Kroatien leben. „Dann kann Paula demnächst vorausfliegen oder länger dort bleiben, wenn wir schon zurückmüssen“, sagt Wendt während der Autofahrt. Der 46-Jährige und seine Frau Anita arbeiten in der Versicherungsbranche. „Für berufstätige Eltern wie uns ist der UM-Service von Lufthansa eine großartige Sache.“

UM steht für Unaccompanied Minors, zu deutsch: unbegleitete Minderjährige. Seit 1968 bietet Lufthansa diesen Service an. Derzeit sind auf dem gesamten Streckennetz der Airline pro Jahr rund 80 000 allein reisende Kinder zwischen fünf und elf ­Jahren unterwegs. „Die Zahl der Buchungen hat sich in den vergangenen Jahren auf diesem hohen Niveau eingependelt“, ­erklärt Astrid Holstein, Leiterin des Betreuungsdienstes in Frankfurt. Nicht nur in den Ferien, auch an Wochenenden ist viel los. „Wir betreuen immer mehr Scheidungskinder, die regelmäßig von einer Stadt in die andere fliegen, weil Papa- oder Mama-Wochenende ist“, sagt die Expertin. Sie sieht den UM-Service als „große Herausforderung, denn wir nehmen die Kinder voll und ganz in unsere Obhut.“ Die zuständigen Mitarbeiter erhalten eine spezielle Schulung. Regel Nummer eins: Die Schützlinge werden keine Sekunde aus den Augen gelassen: „Dieser Wert ist nicht verhandelbar.“

Mit Lufthansa können allein reisende Kinder auch umsteigen – ein Service, den weltweit nur wenige Airlines anbieten. Rund die Hälfte der minderjährigen Passagiere machen pro Jahr davon Gebrauch. An Spitzentagen während der Ferien reisen bis zu 600 UM täglich über Frankfurt. Wenn sie ihren Anschluss verpassen, übernachten die Betreuer mit im Hotel. „Darauf sind wir auch an allen anderen Flughäfen eingestellt“, sagt Holstein.

Dirk Wendt bringt seine Tochter zum Ticketschalter

Dirk Wendt bringt seine Tochter zum Ticketschalter

© Thomas Straub
Dort erhält Paula ihr persönliches Logbuch

Dort erhält Paula ihr persönliches Logbuch

© Thomas Straub
Mit Flugbegleiterin Stephanie Kelly rollt Paula zum Gate ...

Mit Flugbegleiterin Stephanie Kelly rollt Paula zum Gate ...

© Thomas Straub
... um sich selbst einzuchecken

... um sich selbst einzuchecken

© Thomas Straub
Im Cockpit füllen Kapitän Florian Rosch und Kopilot Ulf Diet­rich Schafe Paulas Logbuch aus

Im Cockpit füllen Kapitän Florian Rosch und Kopilot Ulf Diet­rich Schafe Paulas Logbuch aus

© Thomas Straub
Über den Wolken schmeckt das Honigbrot besonders gut

Über den Wolken schmeckt das Honigbrot besonders gut

© Thomas Straub
Schon gelandet? Die junge Passagierin winkt noch einmal herzlich ...

Schon gelandet? Die junge Passagierin winkt noch einmal herzlich ...

© Thomas Straub
... und wirft sich in die Arme von Ihrem Großvater Miho Glavinič im Flughafen von Dubrovnik

... und wirft sich in die Arme von Ihrem Großvater Miho Glavinič im Flughafen von Dubrovnik

© Thomas Straub

 Im Airport München läuft unterdessen alles nach Plan. Am Check-in-Schalter für UM muss Papa Dirk sich ausweisen. Dann schiebt Tochter Paula Ausweis und Bordkarte in die gelbe Umhängetasche, die sie um den Hals trägt. Darin ist auch das Formular, das ihren Großvater als abholende Person ausweist. Den Extra-­Service hat Dirk Wendt bei der Buchung bezahlt. 50 Euro kostet das Angebot auf innerdeutschen und europäischen Flugstrecken, 120  US-Dollar für interkontinentale Routen. Lufthansa Mitarbeiterin Lisa Noller kommt dazu und begrüßt Paula herzlich. „Manche Kinder weinen oder sind ängstlich, andere freuen sich riesig“, berichtet sie, ­„Paula gehört zur dritten Sorte.“ Eine Abschiedsumarmung für den Vater, dann stapft die Kleine mit ihrer großen Freundin fröhlich Richtung Sicherheitskontrolle. „Bis ich fünf ­Jahre alt war, hat es bei mir nie gepiepst“, erzählt die junge ­Viel­fliegerin, die schon in Namibia, Dubai und Australien war. In der Kinder-­Lounge, die mit Kicker, Spielsachen, Snacks und Getränken aufwartet, malt sie ein Bild von einer Palmeninsel.

„Ich bin Senator, seit ich zwei Jahre alt bin.“ Der Lufthansa Kunde, der das von sich sagen kann, ist heute sieben, heißt Karl Niermann und kommt aus Essen. Seinen ersten Alleinflug hat auch er schon hinter sich. Das einzig Ungewohnte daran: „Dass keiner neben mir gesessen hat, den ich kenne.“ Auf der Aussichtsplattform seines „Heimatflughafens“ Düsseldorf erzählt Karl von seinen Plänen: „In den Herbstferien fliege ich mit meinem jüngeren Bruder Paul mit Lufthansa allein nach Dubai. Das ist cool. Da treffen wir dann Papa, Mama und unsere kleine Schwester.“ Seine Mutter Andrea Niermann nickt und sagt: „Eine komfor­table Lösung für die ganze Familie.“ Die Unternehmerin unterstützt ihre Söhne in punkto Selbstständigkeit: „In diesem Alter allein zu fliegen ist wie über Grenzen gehen. Wenn man das geschafft hat, ist man stolz.“

Sie spricht aus Erfahrung: Mit sieben ist auch die 43-Jährige zum ersten Mal geflogen, gleich ganz allein. Das Wichtigste für Eltern sei Vertrauen – in die eigenen Kinder und in die Airline. „Sicherer als mit Lufthansa lässt sich das nicht gestalten. Karl ohne uns mit dem Zug oder im Auto mitfahren zu lassen würde mir dagegen sehr schwer fallen“, sagt Niermann. Gut findet sie zudem, wie die Airline das Unterhaltungsprogramm für Kinder erweitert hat. „Es gibt jetzt eine größere  Filmauswahl, auch für unterschiedliche Altersstufen.“ Davon können die Niermann-Brüder bald auf ihrem Dubai-Flug profitieren. Die einzige Kritik der Mutter: „Wir würden uns über einen Geschwisterrabatt freuen.“

Sieben Jahre alt, fünf als Senator: Karl Niermann mit Karte

Sieben Jahre alt, fünf als Senator: Karl Niermann mit Karte

© Andreas Fechner
Zeit für den kurzen Blick auf die Tierwelt

Zeit für den kurzen Blick auf die Tierwelt

© Andreas Fechner
Karl behält den Überblick

Karl behält den Überblick

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Genug gewartet ...

Genug gewartet ...

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... gleich geht's zum Gate!

... gleich geht's zum Gate!

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 Boarding in München, mit Exklusivtransfer: Paula wird per Bus vom Terminal aufs Rollfeld gebracht. Die UM gehen als erste Passagiere an und von Bord. Die Besatzung steht Spalier, um die Kinder zu begrüßen. Paula gibt ihr Logbuch beim Kapitän ab, damit er die Flugdaten einträgt. Kurzer Check am Sitzplatz: „Weißt du, wo der Knopf ist? Wenn du den drückst, komme ich zu dir“, erklärt Flugbegleiterin Christine Drexler. Ihre Detektivgeschichten packt Paula in die Sitztasche. „Vielleicht möchte ich nachher noch ein bisschen lesen.“ Die Maschine rollt in Start­position. Ist sie aufgeregt, weil sie ohne Mama und Papa fliegt? „Nö. Das kenne ich ja jetzt schon“, sagt sie.

„Wir möchten erfahren, ob die Kinder sich wohl fühlen und worauf wir achten müssen“, sagt UM-Leiterin Astrid Holstein. Das Thema Lebensmittelunverträglichkeit etwa betreffe immer mehr junge Gäste. „Es ist wichtig, dass zumindest die Größeren mit daran denken und sich mitteilen können.“ Rund die Hälfte der UM sind ausländische Kinder. Sie erhalten nach Möglichkeit Betreuer, die ihre Muttersprache sprechen. „Wenn die ganze Familie mit unserem Angebot nicht nur eine sachliche Problemlösung, sondern auch vertraute Eindrücke und positive Erinnerungen verbindet, haben wir ein wichtiges Ziel erreicht“, sagt Holstein, denn „die allein reisenden Kinder sind unsere Kunden von morgen.“

Pünktliche Landung in Dubrovnik. Die kroatischen Kollegen nehmen Paula am Gate in Empfang und bringen sie durch die Passkontrolle zum Ausgang. Dort fällt Paula ihrem Großvater Miho Glavinić um den Hals: „Jetzt kann ich in den Ferien allein zu euch kommen!“ Die Küstenstraße zum Wohnort der Familie Glavinić ist die letzte Etappe auf ihrer Reise. Paula kuschelt sich mit ihren Stofftieren in den Sitz und gähnt. Die Detektivgeschichten schafft sie heute wohl nicht mehr.