© Hannes Jung

Die Träumer von Tempelhof

  • TEXT DAVID KRENZ
  • FOTOS HANNES JUNG

In Berlin will eine Gruppe von alten Schraubern eine sowjetische Propellermaschine restaurieren. Ex-Mitarbeiter von Interflug und Lufthansa werkeln gemeinsam am deutsch-deutschen Projekt – und müssen dafür viele Hürden überwinden

Manche Menschen stolpern beim Kürzertreten. Ins Abenteuer ihres Lebens zum Beispiel. Klaus Czepluch ist einer davon. Mit 68 Jahren löste er „aus Altersgründen“ seinen Garten auf, packte die Relikte seiner Berufsjahre – Instrumente, Schalter, Landescheinwerfer – in eine Kiste und schleppte sie ins Berliner Technikmuseum. „Hab jehört, ihr restauriert eine IL-14, vielleicht braucht ihr das Zeuch.“ War so, reichte aber nicht: Sie wollten auch ihn gleich dabehalten. Früher war er Ingenieur bei der DDR-Airline Interflug, wie der Zufall es wollte, hatte genau jene Maschine zum Bestand seiner Abteilung gezählt. Oder war es Schicksal? Jedenfalls sagte er zu. „Hab zwar ’ne Menge Hobbys. Aber das passt noch rein.“

Neun Jahre später, an einem Dienstag, auf dem früheren Flughafen Berlin-Tempelhof. Kiter brettern auf Longboards über die Startbahn, Frisbees segeln durch die Luft. Czepluch, 77, parkt seinen Toyota Prius vor einer Wellblechhalle neben dem Softballfeld. Er trägt Bürstenschnitt und getönte Brillengläser, ein Lappen steckt im Gürtel seiner Grobcordhose. Zeit, sich die Finger schmutzig zu machen. Unter dem zugigen Dach steht aufgebockt eine kolossale Stahlröhre, der 22 Meter lange Rumpf der Iljuschin IL-14. Im Innern fummelt ein Kraftprotz im Blaumann an der Elektrik, „ein tolles Gefriemel“, stöhnt er. Kollegen wuchten die Ladeklappe aus, hinter ihnen funkelt das Doppelsterntriebwerk. „Morgen, Czeppi!“, begrüßen sie Czepluch, „kommste mal schnell, wir haben da was an der Rudermaschine festgestellt.“

Die meisten der ehrenamtlichen „Freunde der IL-14“ sind während des Zweiten Weltkriegs geboren. Doch das hier ist kein tüdeliger Basteltreff, das sind blutunterlaufene Daumennägel, das sind Brandwunden vom Schweißgerät, mit Spucke ­verarztet, das ist ein ölverschmiertes Dutzend Unermüdlicher mit einer Mission: ihren gehassten, geliebten „Haufen Schrott“ in einen stolzen Flieger zurückzuverwandeln.

Der Radarturm erinnert an die Zeit, als in Berlin-Tempelhof noch regelmäßig Flieger starteten

Der Radarturm erinnert an die Zeit, als in Berlin-Tempelhof noch regelmäßig Flieger starteten

© Hannes Jung
Der ehemalige Interflug-Ingenieur Klaus Czepluch

Der ehemalige Interflug-Ingenieur Klaus Czepluch

© Hannes Jung
Gut geschützt: Der Rumpf der Iljuschin IL-14 steht unter einer Plane in der Halle

Gut geschützt: Der Rumpf der Iljuschin IL-14 steht unter einer Plane in der Halle

© Hannes Jung
Vier Propellerblätter der IL-14

Vier Propellerblätter der IL-14

© Hannes Jung
Vorbild: Eine ausgeschnittene IL-14 hängt in der Werkstatt

Vorbild: Eine ausgeschnittene IL-14 hängt in der Werkstatt

© Hannes Jung

 Es ist ein Vorhaben zwischen Idealismus und Wahnsinn. Ab 1983 ruhte die Maschine auf dem Flugplatz des DDR-Staatssicherheitsdienstes (Stasi) im sächsischen Eilenburg. Zur Wende schmissen Unbekannte Fenster und Scheinwerfer ein, rissen Funkgeräte, Armaturen, Sitze heraus. „Aus Frust“, wie Czepluch vermutet, „alles wurde zerkloppt und ausgeschlachtet.“ 1992 folgte die Fortsetzung der Folter: Vor dem Transport nach Berlin wurde der Rumpf zeitsparend mit dem Trennschleifer geteilt, durch Bleche, Kabelbäume, Steuerseile hindurch. Trotzdem: Das Ziel heute lautet, das Flugzeug möglichst originalgetreu in den Werkzustand zu versetzen. Metallisch blank war die Oberfläche 1958, also muss der Lack ab: Abbeizer aufpinseln, einziehen lassen, den Kärcher draufhalten. „Wir Piloten müssen bei solchen Arbeiten ran“, sagt Eberhard Steinkopf, ein kleiner Mann mit Gotthilf-­Fischer-Frisur. Er setzt die Schutzbrille auf und lässt die alte Farbe in Fetzen vom silbernen Stahl fliegen. Er flog eine Iljuschin in seiner Ausbildung, vor 46 Jahren, da war er 21. „Simulatoren gab es damals nicht.“ Jürgen Hartmann, 78, der beim Abbeizen hilft, hatte als Triebwerker mit den IL-14 zu tun. „Ein super Flugzeug, sehr zuverlässig“, sagt er. Steinkopf schwelgt ein bisschen mit: „Wir haben die Wolken umkurvt, sind bis nach Budapest manuell geflogen, heute knallen die Piloten kurz nach dem Start den Autopiloten rein.“ Hat der Sohn erzählt. Der ist ebenfalls Pilot, dessen Frau Pilotin. Es sei ihm egal, was das Enkelkind mal werde, sagte Steinkopf den beiden, „Hauptsache, Pilot.“

Nach der Wende flog er für Lufthansa, der Kranich auf der Arbeitshose über seinem Interflug-T-Shirt zeugt von dieser Karrie­re. Viele seiner Kollegen machte das Aus der DDR-Fluglinie arbeitslos. „Manche konnten das nicht verkraften und haben sich vor den Zug geworfen.“ Auch die anderen ehemaligen Interflieger in der Halle kennen solche Geschichten. Beim Thema Treuhand, die in der späten Phase der DDR die Betriebe privatisierte, wird es emotional. „Die haben den Laden plattgemacht, uns abserviert“, heißt es dann. So ist es auch Trotz, der sie treibt. „Nach der Wende hörten wir oft, unsere Maschinen seien nur Nachbauten amerikanischer Flugzeuge gewesen“, sagt Czepluch. „Diese Ignoranz dem gegenüber, dass bei uns auch Menschen gelebt haben, die arbeiten konnten, hat mich immer gestört.“

IL-14, das Flugzeug steht als Symbol für die Aufbruchsjahre der DDR-Luftfahrt. Mit ihm unternahm die Deutsche Lufthansa (Ost) 1955 ihren Jungfernflug nach Moskau, 80 der zweimotorigen Propellermaschinen wurden in den Flugzeugwerken Dresden bis 1959 gebaut.

© Hannes Jung

 Ersatzteile lassen sich heute nur noch über verschlungene Pfade auftreiben, manche bleiben verschollen. Dafür haben sie den „Justav“. Gustav Hassenpflug, 79, pensionierter Werkzeugmachermeister. Seit er an seiner Drehbank aus Billardkugeln Knäufe für die Gashebel und Benzinhähne zauberte, sprechen sie voller Ehrfurcht von seinen „goldenen Händen“. In einem heiteren Moment hefteten sie ihm das Aktivistenabzeichen ans Hemd, machten ihn, den Westberliner, zu ihrem Helden der Arbeit. „Das größte Kompliment für mich war“, erzählt Hassenpflug, an den Schraubstock gelehnt, „als sie mir sagten, hätten sie mich eher gekannt, wären sie schneller mit den Westdeutschen warm geworden.“ Über den Förderverein des Museums stießen weitere „Wessis“ zum Team.

Ingrid Andriessen-Beck, 63, war in Landshut Fluglehrerin. Die einzige Frau in der Halle zu sein ist für sie kein Problem. „Wär vielleicht eins, wenn das alles Westmänner wären. Aber im Osten waren weibliche Kollegen normal.“ Sogar ihr Geschirr spülten die Männer selbst. Bei allen zwischenmenschlichen Erfolgen des deutsch-deutschen Projekts – es gibt Rückschläge. Fünf Mitstreiter sind über die Jahre gestorben, „die Einschläge kommen näher“, raunt der Rest, und weiß nicht, ob er je fertig wird. Seit sie 2009 aus dem Tempelhofer Hangar ausziehen mussten, weiß keiner, wo das fertige Flugzeug einmal ausgestellt werden soll. Man hoffe auf eine baldige Entscheidung des Senats, heißt es von Museumsseite.

„Bisschen schaumgebremst“ sei die Stimmung wegen der Hängepartie, sagt Czepluch. Warum sie trotzdem weitermachen, zeigt sich zur Mittagspause. Krümelkaffee in der Lieblingstasse, Bockwürstchen im Emailletopf, bei Kartoffelsalat und Gewürzgurken werden Storys aufgetischt. Wie bei einer feuchtfröhlichen Weihnachtsfeier aus Versehen die bundesdeutsche Hymne über die Schönefelder Werft schallte, wie sie im Hotelzimmer in Addis Abeba mit einem Tauchsieder aus Rasierklingen Kaffee kochten. Lauter Jungsgeschichten, deren Pointen herzhafte Lacher ernten. „Wenn man mal ganz schlechte Laune hat, muss man hierherkommen. Dann wird’s besser“, sagt Gustav Hassenflug. Als Manfred sich gestern wieder über einen Nachbarn ärgerte, sagte seine Frau nur: „Reg dich nicht auf, morgen kannste wieder nach Tempelhof.“ Und Klaus Czepluch hatte neugierig wie ein Lehrling gewirkt, als er sich vorhin erstmals an der Gravierfräse zu schaffen machte: „Du lernst hier jedes Mal dazu.“ Ihr Flugzeug mag ­eine Ruine sein, doch sie blühen dabei auf.

Wenn man geht, was bleibt? Manchen Menschen fällt die Antwort ganz leicht: eine restaurierte Iljuschin IL-14, 22 Meter lang und silbern glänzend wie am ersten Tag.