Ein Flugzeug lichtet die Anker

Airbus A380-800

  • TEXT MARC BIELEFELD
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Bevor ein Airbus A380 zum ersten Mal abhebt, geht er bereits auf Reisen. Per Schiff, Transportflugzeug und Tieflader gelangen die einzelnen Segmente nach Südfrankreich zur Endmontage. Ein logistisches Kunststück, an dem halb Europa beteiligt ist

Man könnte glauben, dass gleich der Papst kommt. In dem 500-Seelen-Nest Lévignac stehen die Bewohner seit drei Stunden vor ihren Häusern, säumen die Hauptstraße und warten und warten und warten. Es ist ein Mittwoch, halb zwölf in der Nacht. Spannung knistert in der Luft, und alles ist noch auf den Beinen. Kinder hopsen auf den Gehwegen, vor der Pizzeria Vera wachen die Gendarmen. Auf dem alten Marktplatz drängeln sie sich schon, Junge, Alte, Männer, Frauen. Eine reifere Dame hat sich feingemacht. Sie trägt ein schwarzes Kleid und lehnt winkend aus ihrem weit geöffneten Fenster.

A380-800 Ein Flugzeug lichtet die Anker

Leinen los: Das Spezialschiff „Ville de Bordeaux“ transportiert Rumpfsegmente oder einen ganzen Flügel der A380 über offenes Meer

© Jens Görlich
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Große Klappe: In Finkenwerder schluckt der Beluga-Transporter das 14,6 Meter hohe Seitenleitwerk, das komplett aus kohlefaserverstärktem Kunststoff besteht

© Jens Görlich
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Vorsicht, Flugzeug: Unterwegs wird das mächtige Höhenleitwerk von roten Verkleidungen geschützt, bevor es in der Endmontage landet

© Jens Görlich
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Achtung, er kommt: Überall stehen Schaulustige, wenn der von Gendarmen und Motorrädern gesäumte A380-Konvoi durch die Lande zieht

© Jens Görlich
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Drei Nummern kleiner als ein Airbus - die Fortbewegungsmittel der Gendarmerie

© Jens Görlich

 Aber der Papst kommt nicht. Vom Süden über die Avenue de la République heranrollend wird kein Papamobil sondern ein Konvoi anderer Art erkennbar. Zehn Polizisten auf BMW-Motorrädern bilden die Vorhut. Und dann, ja, dann! Ein Geschwader roter Blinklichter ist zu sehen. Als nächstes: gelbe Sicherheitswagen, auf denen Warnschilder leuchten. „Convoi exceptionnel“. Achtung, außergewöhnlicher Transport!

Und schließlich zeichnen sich die Umrisse des erwarteten Superstars in der Nacht ab. Im Schritttempo, mitten durch die französische Provinz, rollt keine Fata Morgana, sondern ein monumentaler, waschechter Airbus A380. Der Flieger kommt in Teilen. Vorder-, Mittel- und Hecksegment sind separat auf spezielle Tieflader montiert, jeweils von einem großen Truck gezogen. Und vorneweg, einer grotesken, weißrot in den Nachthimmel ragenden Skulptur gleich, fährt das monströse Höhenleitwerk durch Frankreich. Ein kurioser Anblick. Oder ist vor Ihrer Haustür schon mal ein doppelstöckiges Großraumflugzeug vorbeigefahren?

Regelmäßig nimmt der Spezialkonvoi diese Route. Die aus verschiedenen Städten Europas stammenden Teile der A380 werden zunächst per Schiff nach Pauillac nahe Bordeaux transportiert. Dort werden sie auf Lastkähne umgeladen. Nach 95 Kilometern flussaufwärts auf der Garonne beginnt in Langon schließlich der Transport über Land. Die letzte Etappe führt über L’Isle Jourdain, Lévignac, über Landstraßen und durch eine Waldschneise, bis die Segmente des Flugzeugs auf dem Airbus-Gelände in Toulouse eintreffen und endmontiert werden; und bald das erste Mal fliegen.

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Platz da: Kurz vor Mitternacht rollen Tieflader mit dem verpackten Rumpf durch die enge Hauptstraße des kleinen Orts Lévignac

© Jens Görlich

 Sondertransporte auf den Autobahnen kennt man. Windräder, Pipelines, Fertighäuser – schon so manches wuchtige Teil ist vorsichtig über die Straßen bugsiert worden. Aber hier schiebt sich gerade der größte Passagierjet der Erde quer durch die südfranzösische Provinz. Diesen Anblick soll erst mal einer überbieten! Am Straßenrand von Lévignac, mitten in der Menge, steht auch Monsieur Leroche, Schiebermütze auf dem Kopf, Zigarillo im Mund. „Es ist immer wieder incroyable, wenn die A380 durch unser kleines Dorf rollt – unglaublich! Das lässt sich keiner entgehen. Und natürlich sind wir stolz, dass das Flugzeug hier bei uns in Frankreich zusammengebaut wird.“

Nun kommt die Schnauze angefahren. Das vordere Segment der A380. Ein noch gelbgrüner Metallrumpf, das Cockpit verpackt und verklebt wie das verbundene Gesicht eines Dinosauriers. Unten im Bauteil klafft, so groß wie eine kleine Einzimmerwohnung, der Riesenschacht, in dem bald das Bugfahrwerk installiert wird. Als das Mittelsegment durch die enge Straße manövriert wird, ragt der Rumpf wie eine Wand nach oben, so hoch wie die alten Häuser des Dorfs. Die Menschen legen die Köpfe in den Nacken, überall flimmern Digitalkameras. Mit gerade mal zwei Meter Abstand zu den Häusern arbeitet sich der Airbus voran, eine geisterhafte, von Strahlern erhellte Hightech-Röhre, die durch ein Nadelöhr muss.

„Unsere Ausbildung dauert ein Jahr“, sagt Thierry Morainville, einer der Fahrer der Trucks, die regelmäßig die Tieflader ziehen. „Das richtige Steuern und Ausfahren der Kurven, das Verladen der Teile, die Hydrauliken und die exakte Gewichtsverteilung – es darf nichts, aber auch nichts schiefgehen.“ Jedes Segment der A380 ist dabei verschraubt auf sogenannten Jigs, speziellen Rahmen, die jeweils auf 48 kleinen Reifen vorwärts gezogen werden. Allein das Mittelteil des Rumpfs wiegt 63 Tonnen, zusammengerechnet werden hier gerade mehr als 230 Tonnen bewegt. Millimeterarbeit auf engstem Raum. Man könnte auch sagen: Wie bekomme ich einen Elefanten durch einen Hula-Hoop-Reifen?

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Der Flic hat alles im Blick - auch dann, wenn Flugzeuge auf dem Landweg reisen

© Jens Görlich

 Die Fahrer sind über Walkie-Talkies mit den Kontrollwagen verbunden. Über sehr lange Antennen auf den Trucks greift man zudem auf GPS-Navigation zurück. Eine zuvor berechnete ligne blanche, die Optimallinie durch die Straßen, will dabei zentimetergenau eingehalten werden. Auf heiklen Passagen aber marschieren die Transportspezialisten zu Fuß neben dem Rumpf entlang. Stimmt die Ansteuerung der Kurve? Achtung, die Laterne da vorn! Auf das Augenmaß des Menschen ist noch immer Verlass. Und auf ein perfekt eingespieltes Team. Geleitet wird es von Daniel Molière, dem chef des opérations, dem Hauptverantwortlichen. „Es bedarf immer wieder äußerster Konzentration, auch wenn wir mittlerweile schon viele solcher Konvois gefahren haben“, berichtet er, das Funkgerät stets in der Hand, „aber es macht auch Spaß!“ Molière sagt’s und muss weiter. Der letzte Streckenabschnitt der Nacht steht an.

Wie ein gutmütiger Riese gleitet der zerlegte Airbus neben dunklen Feldern entlang, wo tagsüber Kühe grasen und Mähdrescher rotieren. Weiter geht es an Mondonville vorbei, dann über eine Kreuzung an einem Wald, wo eine eigens planierte Schotterpiste nun bis zum Airbus-Gelände führt. Es ist ein Uhr nachts, als die kolossalen Werkshallen der Endmontage, der „Final Assembly Line“, auftauchen. Das Areal am Flughafen Toulouse-Blagnac ist hell erleuchtet, Sicherheitsfahrzeuge patrouillieren, als der Konvoi seine Endstation erreicht. Drei Nächte braucht er jedes Mal, um die rund 250 Kilometer von Langon zu schaffen. Mit maximal 30 Kilometer pro Stunde – oft aber eher im Schneckentempo.

Noch fünf Stunden, bis die Sonne über Südfrankreich aufgehen wird. Pause? Nichts da. Auf den geparkten Tiefladern surren schon die Hydraulikpumpen; Schrauben und Verkleidungen werden gelöst, das Höhenleitwerk wird behutsam herabgelassen. In den nächsten zwei Tagen muss der frisch gelieferte Airbus A380 in die Hallen verholt werden, dann folgt die penible Endmontage. Wo das größte Flugzeug der Welt gebaut wird, da wird nur selten geschlafen.