Besuch bei einer alten Dame

Junkers Ju 52

  • TEXT MARC BIELEFELD
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Um die Ju 52 der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung in der Luft zu halten, fallen jeden Winter Tausende Stunden Arbeit an. Dazu gehört vor allem eins: sehr viel Liebe zur Fliegerei

Gerhard Stelling ist ein ruhiger Mann, und wenn er um seine alte Dame herumgeht, spricht er noch weniger. Seine Finger streichen über die Rundniete am Rumpf, still mustert er die grauen dreiblättrigen Hamilton-Standard-Propeller mit den gelben Enden. Dann klettert er auf den breiten Flügel, betrachtet den außen montierten Kraftstoffanzeiger, den kleinen Schwimmer zum Ablesen des Ölstands und den Spiegel, mit dem die Piloten die Drehzahl der Motoren vom Cockpit aus prüfen können. Alles in Ordnung. Der alten Dame geht es gut.

Parkposition Hauptstadt: Die Ju 52 bei einem Stopp an dem berühmten Flughafen, der ihr auch ihren Namen gab – Berlin-Tempelhof

Parkposition Hauptstadt: Die Ju 52 bei einem Stopp an dem berühmten Flughafen, der ihr auch ihren Namen gab – Berlin-Tempelhof

© Jens Görlich

 Denn bei ihr ist Gerhard Stelling äußerst pingelig, nichts überlässt er dem Zufall. Also zieht er sich Handschuhe über, steigt eine Leiter hoch und schiebt seinen Oberkörper mit dem Kopf zuerst ins Flugzeug hinein. Es dauert nicht lange, dann verschwindet Stelling fast völlig hinter den geöffneten Motorabdeckungen. Er liebt es nun mal, seine Nase in jedes Detail zu stecken. Gummidichtungen, Filter, Aluminium- späne. Er kennt seine Maschine aus dem Effeff. Dann öffnet Chefmechaniker Stelling den „Sumpf“. Tief in den Eingeweiden des 9-Zylinder-Sternmotors befindet sich eine Schraube, hinter der sich Öl angesammelt hat, das nun in einem dünnen Faden in eine Blechwanne rinnt.

Erst nach zehn Minuten kommt Stellings Kopf wieder zum Vorschein. „Hier ist noch Handarbeit gefragt“, sagt er, „wir haben es ja mit einer echten Persönlichkeit zu tun. Im Vergleich zu modernen Jets ist sie eher so eine Art altes Ledersofa.“ Stelling steht mit zwei Kollegen in der riesigen Flugzeughalle 6 von Lufthansa Technik am Frankfurter Flughafen. Die drei tragen T-Shirts, blaue Arbeitshosen und umgarnen ihren silbrigen Wellblech-Liebling: Die Junkers Ju 52, kurz „Tante Ju“ genannt.

Hier ist noch Handarbeit gefragt: Ein Techniker lässt Öl aus dem großen Sternmotor ab, es riecht nach Vergangenheit

Hier ist noch Handarbeit gefragt: Ein Techniker lässt Öl aus dem großen Sternmotor ab, es riecht nach Vergangenheit

© Jens Görlich
Vor jedem Flug wird die Flagge am Cockpit abgenommen, selbstverständlich wie früher per Hand

Vor jedem Flug wird die Flagge am Cockpit abgenommen, selbstverständlich wie früher per Hand

© Jens Görlich

 Die Maschine ist ein Meilenstein der zivilen Luftfahrt und rollte bereits 1936 aus der Werkshalle. Die Deutsche Lufthansa Berlin-Stiftung kaufte 1984 eines von nur noch wenigen verbliebenen Modellen auf und machte sich an die Arbeit. 16 Monate lang wurden historische Pläne studiert und alte Hasen aus der Lufthansa Technikabteilung befragt. Teilweise wurden eigens originalgetreue Werkzeuge wie die passenden Vorhalteeisen für die Flügelholme neu angefertigt. Es wurde geschraubt und erneuert, bis die Ju sich wieder brummend in den Himmel erhob.

Heute ist die metallmatte Schönheit das Schmuckstück der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung, die sich den Kulturerhalt in der zivilen Luftfahrt zur Aufgabe gemacht hat und mit der Ju jedes Jahr von April bis Oktober 10 000 Passagiere nach alter Schule durch die Lüfte steuert. Sanft hebt die Maschine von der Startbahn in Frankfurt ab und trägt einen langsam in die Wolken, als ob sie sagen wollte: Nein, danke, mit der Hektik von heute möchte ich nichts zu tun haben.

Schon 1936 rollte die Ju 52 aus der Werkhalle, heute ist die metallmatte Schönheit das Schmuckstück der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung

Schon 1936 rollte die Ju 52 aus der Werkhalle, heute ist die metallmatte Schönheit das Schmuckstück der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung

© Jens Görlich
16 Passagiere können in der Kabine Platz nehmen

16 Passagiere können in der Kabine Platz nehmen

© Jens Görlich
Pilot Uwe-Karsten Bator sitzt im Cockpit der Maschine und hält liebevoll das alte Steuerhorn in den Händen

Pilot Uwe-Karsten Bator sitzt im Cockpit der Maschine und hält liebevoll das alte Steuerhorn in den Händen

© Jens Görlich

 Seelenruhig blickt man hinaus, während die Maschine steigt und dann so langsam über die Lande zieht, als würde sie in der Luft liegen. Hier wird das Fliegen zur Seh-Reise. Die Gäste sitzen auf beigefarbenen Ledersitzen, jeder Platz hat sein eigenes Fenster mit Gardine, und wenn es im Sommer auf der niedrigen Flughöhe von 600 Metern mal zu warm wird, springt keine Klimaanlage an. Dann werden die Fenster einfach einen Spalt weit geöffnet. Auf Ju-Flügen kehren die Passagiere zu den Wurzeln der Luftfahrt zurück. Aber auch für die Besatzungen ist fast alles anders als im gewohnten Liniendienst – sei es das Anlassen der Motoren oder das Fehlen jeglicher Automatik. Und genau darin liegt der Reiz: Die alte Ju ist so etwas wie eine Zeitmaschine.

Dafür, dass sie weiter in der Luft bleibt, sorgt ein Team von 50 ehrenamtlichen Piloten, Flugingenieuren und Flugbegleitern, hinzu kommen zwölf angestellte Mitarbeiter. Über 3500 Stunden Arbeit fallen dabei in der alljährlichen Winterpause an, um die Lady in Form zu halten. Spätestens ab November steckt Chefmechaniker Stelling tief in der Maschine drin. Er taucht in dem fahrenden Ersatzteillager ab, das die Ju stets begleitet, sucht Hakenschlüssel, Vergaserdichtungen, anschließend kommt der Totpunktsucher für die korrekte Einstellung der Zündung zum Einsatz. Nein, von Winterschlaf kann hier keine Rede sein. Alte Damen am Fliegen zu halten, das ist nun mal ein echter Vollzeitjob.