Flughafen München
© Flughafen München

Tor zum Himmel

  • INTERVIEW DETLEF WITTKUHN

Seit April 2016 ist der neue Satellit am Münchner Flughafen in Betrieb, Deutschlands erstes Midfield-Terminal. Burkhard Feuge, Leiter des Teams beim Bauherrn Lufthansa, über Koffer in Highspeed, kathedralenartige Bahnhöfe und nächtliche Kältespeicher

Herr Feuge, 2003 erst wurde das Terminal 2 in München eröffnet. Kaum sieben Jahre später fiel schon die Entscheidung, es zu erweitern. Ist das nicht ungewöhnlich?

Terminal 2 ist deutlich schneller gewachsen als erwartet. Glücklicherweise hatten wir uns im T 2-Projekt schon intensiv mit der nächsten Ausbaustufe beschäftigt: Die Strukturen wurden so angelegt, dass jetzt alles entsprechend umgesetzt werden konnte.

Welche Strukturen waren das?

Die Gepäckhalle auf dem Vorfeld besteht seit 13 Jahren, heute bildet sie den ersten Stock des Midfield-Terminals. Wir haben den Satelliten wie geplant darauf aufgesetzt. Der Tower wiederum stand elf Jahre lang frei auf dem Vorfeld, heute ist er ins Gebäude integriert. Auch sämtliche Tunnel haben wir vorab gebaut, den für das Gepäck sowieso, aber auch jenen für die „Passagier-U-Bahn”.

Sie bringt die Fluggäste vom Terminal 2 zum Satelliten…

Die beiden Bahnhöfe sind seit 2003 im Rohbau fertig. Am Terminal 2 gibt es etwas mittig versetzt diesen großen, schräg zum Vorfeld hin verlaufenden Glaskörper, ein fast kathedralenartiger Bereich – und eine spektakuläre Haltestelle für den Transport in Richtung Satellit. Für den Weg von 450 Metern braucht der Zug nicht einmal eine Minute.

Infografik zum Satellitenterminal am Flughafen München (MUC).
© Deutsche Lufthansa AG

Wie orientieren sich die Gäste im Gebäude?

Der Satellit ist ja nach beiden Seiten offen, schon deswegen verliert man nicht den Überblick. Ich kann einfach rausgucken, in Richtung Terminal 2 oder aufs offene Gelände mit Wald und Wiesen. Bei den WCs haben wir dieselbe Verkleidung aus grünlichem Glas verwendet wie in Terminal 2. Da weißt jeder gleich, aha, da muss ich hin.

Was ist das Besondere an einem Midfield-Terminal?

Es ist ein reines Abfluggebäude. Die Fluggäste checken hier nicht ein, sie kommen von Terminal 2 herüber und steigen um. Mit dem neuen Satelliten können wir pro Jahr elf Millionen Passagiere mehr abfertigen.

Was waren die wichtigsten bautechnischen Ziele?

Sicherheit und vor allem Brandschutz sind das Thema Nummer eins. Ebenso wichtig sind heute die Umweltfragen. Gegenüber Terminal 1 und 2 haben wir im Satelliten eine vierzigprozentige Reduzierung des Co2-Ausstoßes realisieren können.

Wie haben Sie das hingekriegt?

Die 4,5 Meter breite Klimafassade mit ihren zwei Glaswänden hält die Wärme von den Wartebereichen fern. Das Glas ist außerdem von exzellenter Qualität und bietet deshalb einen deutlich besseren Wärmeschutz – bei 125.000 Quadratmeter Außenverglasung. Das entspricht etwa 18 Fußballfeldern! In den Fluggastbrücken wurde ein neues Material verbaut, das „Phase Change Material“. In der Nacht speichert es Kälte, und wenn es tagsüber warm wird, gibt es die Kälte wieder ab.

Neben dem Brandschutz gilt auch das Gepäckmanagement als eine der zentralen Herausforderungen beim Flughafenbau…

Die Kapazität der Anlage wurde um 40 Prozent erweitert, im laufenden Betrieb, ein hervorragend abgewickeltes Projekt! Wir haben jetzt knapp fünfzig Kilometer Förderstrecke in einem ausgeklügelten Layout, natürlich mit integrierter Röntgenkontrolle. Ein Hochleistungsrechner berechnet in dem komplexen System der Strecken die kürzesten Wege, reagiert auf Lastspitzen, steuert gegebenenfalls um. Insgesamt sicherlich eine der effizientesten Gepäckanlagen der Welt.

Blick auf das Terminal 2 vom neuen Satelliten aus

Blick auf das Terminal 2 vom neuen Satelliten aus

© AFP/Getty Images

Ohne Probleme wird der Bau nicht abgelaufen sein?

Natürlich nicht. Die Gepäckhalle, die 450 Meter von Terminal 2 entfernt steht, musste während der gesamten Bauzeit vollständig in Operation gehalten werden. Eine weitere Herausforderung war, dass wir mitten im Sicherheitsbereich gebaut haben: Vier Jahre lang, mit zeitweise acht Baukränen, davon einer 63 Meter hoch, mit rundherum startenden und landenden Flugzeugen. Mitten durch das Vorfeld mussten wir die Straße für den Bauverkehr einrichten. Die 35 Fluggastbrücken wurden mit Portalkränen eingesetzt.

Wie viel Lufthansa steckt in der Architektur?

Die preisgekrönte Architektur des Terminal 2 wurde für den Satelliten weiterentwickelt: es herrscht eine helle, offene, angenehme Atmosphäre. Das können Sie auch in den Pierbereichen nachvollziehen, wo wir Recreation Areas und Kinderspielbereiche haben. Das Ziel war Wohlfühl- und Aufenthaltsqualität, kombiniert mit Operational Excellence. Nicht umsonst hat der Münchner Flughafen als einziger außerhalb von Asien die Five-Star-Benotung durch Skytrax, eine Bewertung nach objektiven Kriterien.

Der Satellit hat knapp 700 Millionen Euro gekostet. Es gibt wohl kaum ein Bauvorhaben, das so viele verschiedene Anforderungen stellt wie ein Flughafen.

Stimmt. Die Kombination aus Service, Sicherheitsanforderung, Automatisierung und vielem mehr macht das Vorhaben sehr komplex. Man muss systematisch vorgehen und vor allem die Nutzer einbinden, also Airlines, Behörden und die Betreiber der Restaurants und Läden. Das Projektteam hat deutlich vor Baubeginn angefangen, sich zu beraten. Diese Beratungen wurden bis zum Abschluss des mehrmonatigen Probebetriebs kontinuierlich fortgeführt. Diese systematische Vorgehensweise ist neben der planerischen Detailarbeit einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren.

Was zeichnet einen modernen Flughafen aus?

Die Menschen sollen sich wohlfühlen. Helligkeit, Ruhe, Ausblick waren uns extrem wichtig. Wir haben den Zentralbereich ausgeweitet, den Vorfeldtower ins Gebäude integriert und einen Lichtkranz darum gebaut, sodass die Gäste am Tower zu den Vorfeldlotsen emporschauen.

Geht es nicht vor allem darum, das Warten zu versüßen?

Um den Zentralbereich sind die fünf neuen Lounges platziert. In der First Class Lounge gibt es eine Terrasse mit Biergartenambiente, Vorfeldblick inklusive. Bei schlechterem Wetter ist sie mit Schirmen überdacht. Der Gastronomiebereich ist gestalterisch zum Teil an den Münchner Viktualienmarkt angelehnt, drumherum etliche Geschäfte und weitere internationale Restaurationen. Auch für die Wartebereiche haben wir uns etwas einfallen lassen, unter anderem eine kleine Tribüne am Tower, wo man von verschiedenen Ebenen aus aufs Vorfeld schauen kann. Dazu eine 72 Quadratmeter große LED-Videowand am Tower, auf der wir verschiedenste Reiseziele mit traumhaft schönen Filmen vorstellen. Die Gäste stehen davor und machen Fotos. „Groad schee is“, wie man auf Bayerisch sagt, richtig schön.


Burkhard Feuge, 57, gebürtiger Braunschweiger und Diplomkaufmann, hat 1990 bei Lufthansa als Referent in der damaligen Verkehrsleitung Deutschland begonnen. Er war danach stellvertretender Stationsleiter in Düsseldorf, zweieinhalb Jahre Stationsleiter in Hannover, 1989 bis 2003 Gesamtprojektleiter der Lufthansa für das Terminal 2 in München, drei Jahre Stationsleiter in München, drei Jahre DLH-Geschäftsführer der Terminal-2-Gesellschaft. Seit 2011 die vorherigen Tätigkeiten zusammengefasst, verantwortlich als Vice President Ground Operations Hub MUC, Passenger & Bag Processes Hub Airlines, Terminal 2 Company.