Das Auge der Straße

Bruce Gilden

Interview

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Bruce Gilden ist New Yorker durch und durch – und als Fotograf berühmt geworden durch seine Momentaufnahmen aus der US-Metropole.Für die Serie „FACE“ hat er irritierende Porträts geschaffen von Menschen, deren Alltag von Kämpfen geprägt ist. Ein Gespräch über die Schönheit der Normalität, die Gewalt der Straße und handfeste Probleme mit dem Vater.

Bruce Gilden ist nicht nur ein legendärer Fotograf – er hat auch einen legendär schlechten Ruf, gilt als ungehobelt und aggressiv. Doch wie der 70-Jährige da steht mit Fleece-Jacke und Wollmütze, weiß man wirklich nicht, wie er dazu gekommen ist. Im Gespräch ist er charmant, unterhaltsam, anrührend. Gilden, als Arbeiterkind in New York aufgewachsen, hat sich über 40 Jahre mit seiner Straßenfotografie in die Agentur Magnum und die großen Museen vorgearbeitet. Sein jüngstes Werk „FACE“ markiert nun einen Bruch in seinem Werk – und auch in seiner Biografie.

Mister Gilden, Sie haben Ihr Leben damit verbracht, die Straßen New Yorks zu fotografieren. Nun leben Sie in Beacon, anderthalb Stunden nördlich von New York. Wie ist das denn passiert?

Ich stamme aus Brooklyn, seit den Siebzigern habe ich fast nur in Manhattan gewohnt. Vor einem Jahr sind meine Frau und ich aufs Land gezogen. Ich hatte genug von New York. Ich habe auch aufgehört, dort zu fotografieren.

Warum? Sie sind als Street Photographer berühmt geworden.

Man kann die Straßen nicht für immer fotografieren. Seit 1981 habe ich nichts anderes getan. Aber es reizt mich nicht mehr, weil die Menschen nicht mehr so interessant sind wie früher.

Wie haben sich New Yorks Straßen in diesen Jahrzehnten verändert?

Als ich Anfang der Siebziger nach SoHo zog, trieben sich dort einzig Künstler und Möchtegern-Künstler he­rum. Es war schön da, ich war jung. Mit meiner ersten Frau zog ich nach Brooklyn, nach unserer Trennung 1979 zurück nach SoHo. Seitdem habe ich in demselben Loft gewohnt. Aber ich mag die Menschen dort nicht mehr. Zu viele Finanztypen, unverschämte Leute, die dichanrempeln, weil sie nur auf ihre Handys glotzen, und sich nicht entschuldigen. Und ich bin recht brutal auf der Straße.

Kartons en masse: Bruce Gilden beim Sichten von Abzügen

Kartons en masse: Bruce Gilden beim Sichten von Abzügen

© Jürgen Frank
Ausbeute eines langen Fotografenlebens

Ausbeute eines langen Fotografenlebens

© Jürgen Frank
Seit über 40 Jahren arbeitet Gilden als Straßenfotograf

Seit über 40 Jahren arbeitet Gilden als Straßenfotograf

© Jürgen Frank

 Brutal? Wie meinen Sie das?

Na ja, ich wollte schon mit fünf Boxer werden. Sagen wir so: Ich bin raubeinig. Bei den Jobs und mit Frauen bin ich der perfekte Gentleman, aber wenn mir auf der Straße jemand dumm kommt, regle ich die Sache auf meine Art.

Und die wäre?

Die harte Tour (lacht leise). Nicht gegenüber Menschen, die ich kenne und die mich verstehen. Aber ich kann Leute nicht leiden, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, um mir dann zu erklären, was in der Welt los ist. Ich war 22-mal auf Haiti, ich war bei den Yakuza. Ich weiß, was los ist. Und ich weiß, dass ich nicht perfekt bin. Aber ich bin ehrlich.

Abseits von den Handgreiflichkeiten ist die Art und Weise, wie Sie sich auf der Straße mit Ihrer Kamera bewegten, legendär. Sie haben die Leute regelrecht angesprungen.

Auf der Straße muss man schnell sein. Vor allem wenn man so fotografiert wie ich, nämlich ohne die Bilder zu beschneiden. Das erfordert Disziplin, weil die Komposition nur Sekunden dauert. Die Menschen sind ja in Bewegung. Also musste ich mich mit Kamera und Handblitz vor sie werfen oder schnell bücken. Aber ich war ein guter Athlet.

Hat Ihre Abkehr von der Straße etwas mit dem Altern zu tun?

Natürlich. Fotografieren ist eine körperliche Angelegenheit. Ich bin immer noch schnell, aber nicht mehr so wie früher. Außerdem habe ich mich gelangweilt. Man beginnt sich zu wiederholen.

Bruce Gilden: Männer in Little Italy, New York City (1989)

Männer in Little Italy, New York City (1989)

© Bruce Gilden/Magnum Photos/Agentur Fotos
Die Straßenfotografie machte Gilden weltberühmt

Die Straßenfotografie machte Gilden weltberühmt

© Bruce Gilden/Magnum Photos/Agentur Fotos

Ihre neueste Serie „FACE“ besteht nur aus Porträts. Und sie sind in Farbe, während Sie sonst nur in Schwarz-Weiß arbeiten. Warum?

Die Idee dazu hatte ich schon vor 20 Jahren, damals beschäftigte ich mich mit Mugshots vom Anfang des 20. Jahrhunderts, Verbrecherfotos. Die finde ich faszinierend! Ehrlich gesagt wollte ich einfach nur was anderes machen. Deshalb die Form und die Farbe. Und ich finde Porträts einfacher.

„FACE“ ist in der Kritik umstritten. Man wirft Ihnen „poverty porn“ vor, die Zurschaustellung von Armut.

Was hat der Fotograf Robert Frank gesagt? Es ist wichtig zu sehen, was für die anderen unsichtbar ist. Ich war auf Volksfesten und Landwirtschaftsmessen unterwegs. Ich liebe die Menschen, die ich da fotografiert habe. Ein Porträtfoto sollte einen besonders starken emotionalen Wert haben. Und den haben meine Bilder.

Sie zeigen auch ein Stück amerikanische Realität: die harte, für manchen sogar die hässliche Seite …

Für mich sind diese Leute inter­essant, weil sie unsichtbar sind. Es gibt Menschen, die es nicht ertragen, diese Fotos anzuschauen. Aber wenn man sie sich nicht mal anschauen will, wie kann man ihnen dann helfen?

Ist es das, was Sie mit Ihren Bildern möchten, helfen?

Nein! Ich bin kein humanitärer Fotograf. Ich will ein Licht auf diese Menschen werfen. Als ich einer der Frauen aus „FACE“ ihr Bild zeigte, meinte sie: Ich sehe wunderschön aus. Was für ein Kompliment! Und schließlich könnte ich selbst einer dieser Menschen sein.

Was meinen Sie damit? Sie sehen sich selbst in Ihren Motiven?

Ja, eigentlich fotografiere ich mich selbst – den, der aus mir hätte werden können. Wohl deshalb fühle ich mich zu diesen Charakteren hingezogen, zu diesem Milieu. Es ist mein eigenes, ich spreche ihre Sprache. Es ist die Sprache meines Vaters. Er war ein Gangster-Typ.

Ein Gangster oder eher ein Gangster-Typ?

Es waren die Vierziger in Brooklyn, ich schätze also: ein Gangster. Er war ein brutaler Mann. Einmal kam er her­ein und richtete eine Waffe auf mich, aus Spaß. Wenn ich mir meine alten Bilder aus New York anschaue, sehe ich meinen Vater. Ich habe ihn Hunderte Male fotografiert, ohne ihn je fotografiert zu haben. Bloß Männer, die aussehen wie er. Die Suche nach ihm hat mich immer wieder aus dem Haus getrieben.

Wären Sie sonst in den eigenen vier Wänden geblieben?

Ja, denn ich bin schüchtern. Ich bin Fotograf geworden, damit ich nicht mit den Leuten reden muss.

Aber was hat das mit Ihrem Vater zu tun?

Ich glaube, meine Schüchternheit rührt daher, dass niemand an mich geglaubt hat. Wenn dein Vater dir die ganze Zeit einen mitgibt – das wirkt nach. Ich war zum Beispiel ein guter Baseballspieler. Mein Vater hasste Sport. Er ist nie zu einem meiner Spiele gekommen.

War er nicht stolz auf Sie?

Vielleicht war er stolz, aber er wusste nicht, wie man Liebe zeigt. Ich habe dasselbe Problem mit meiner Tochter, die auch künstlerisch arbeitet. Sie wünscht sich, dass ich ihr helfe, dass ich ihr Selbstvertrauen stärke. Aber ich finde, als Künstlerin muss sie selbst wissen, was sie will.

Wussten Sie das immer?

Nein, ich habe erst mit 17 angefangen, mir Kunst anzusehen. Ich bin nicht im klassischen Sinn gebildet, deshalb wollte ich lernen. Aber das College war nichts für mich. Dann wollte ich Schauspieler werden. Doch als ich Shakespeare mit meinem Brooklyner Akzent vortrug, war klar, dass auch das nichts wird. Schließlich habe ich einen Fotokurs belegt. Als ich mein erstes Bild sah, wusste ich: Das ist es! Dabei war es ein Foto von einem Eichhörnchen.

Ich kann an den Fingerknöcheln ablesen, ob jemand zu Gewalt neigt.

Bruce Gilden, Fotograf

Sie sind Mitglied bei der Fotoagentur Magnum, hatten Ausstellungen auf der ganzen Welt, Ihre Straßenfotografien genauso wie Ihre Haiti-Bilder vor und nach dem Erdbeben sind legendär. Haben Sie das Gefühl, dass Sie es geschafft haben, dass Sie dazugehören?

Nein, ich bin ein Außenseiter und werde immer einer bleiben. Mittlerweile bin ich sogar stolz darauf. Wenn man jung ist, tut es weh. Ich war immer das Kind, über das die anderen Mütter sagten: Er hat einen schlechten Einfluss. Dabei hatte ich nur nicht die richtigen Manieren. Ich habe einfach gesagt, was ich dachte. Und das tue ich immer noch. Ich bin ein Überlebender.

Wie meinen Sie das?

Ich hatte einen gewalttätigen Vater, meine Mutter war Alkoholikerin, sie hat sich umgebracht. Ich selbst wäre fast an Kokain verreckt, und ich habe nicht nur einmal in einen Pistolenlauf gesehen. Aber ich glaube, dass all das auch meine Bilder so gut macht. Weil ich ein guter Beobachter bin. Ich sehe alles. Ich kann an den Fingerknöcheln ablesen, ob jemand zu Gewalt neigt oder nicht.

Bruce Gilden: Frau in Las Vegas (2014)

Frau in Las Vegas (2014)

© Bruce Gilden/Magnum Photos/Agentur Fotos
Bruce Gilden betrachtet eines seiner neuen Bilder

Bruce Gilden betrachtet eines seiner neuen Bilder

© Jürgen Frank

Sie sagten, Ihre frühen Fotos hätten von Ihrem Vater gehandelt … Wovon handelt Ihre „FACE“-Serie?

Von meiner Mutter. Mein Vater hatte Einfluss. Aber meine Mutter hatte vielleicht sogar größeren. Und das verstehe ich erst jetzt, mit 70 Jahren.

Haben Sie eine Idee, warum das so lang gedauert hat?

Ich habe sie nie geliebt. Ich fand sie schwach. Womit ich nicht meine, dass sie zu viel geweint hat. Mir ging es eher darum, dass ich dachte, sie hätte meinen Vater besser führen müssen.

Sehen Sie sie auch manchmal in den Bildern?

Oh ja. In einem, es ist ein sehr trauriges Bild. Wollen Sie es sehen?

Gilden holt sein Buch von der Kommode. Er blättert, findet das Bild: eine Frau mit zerfurchtem Gesicht, braunem Pony und strahlend blauen Augen.

Das ist sie. (Eine Träne läuft über sein Gesicht.)

Was haben Sie gedacht, als Sie sie fotografierten?

Es war, als würde meine Mutter mir von oben zusehen. Die Frau war verrückt, sie hat sich die ganze Zeit bewegt. Und meine Kamera fokussiert sehr langsam. Trotzdem war gleich das erste Bild gestochen scharf. Da habe ich verstanden, dass es eigentlich um meine Mutter geht. Deshalb mag ich es auch nicht, wenn Leute mir dumm kommen. Ich habe mehr als ein Kreuz zu tragen. Und wenn ich diese ganze Last für mich nutzen kann, in meiner Fotografie, dann können andere das auch.


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.