„Niemand hat mir gesagt, dass ich aufhören soll!“

Clint Eastwood

Interview

  • INTERVIEW FRANK SIERING

Vom Actionhelden zur Regie-Legende: Clint Eastwood ist der Mann, der immer weitermacht. Hier spricht der 85 Jahre alte Star über die Lust an der Arbeit, die Last des Alterns, die Liebe zum Jazz und den Stolz auf seine Kinder

Mister Eastwood, es kursiert das Gerücht, Sie hätten gesagt, Sie müssten sterben, wenn Sie sich nicht ständig neu erfinden dürften. Ist da was dran?

Ich weiß nicht, ob es wirklich so dramatisch war. Aber wir müssen alle irgendwann einmal ins Gras beißen, es führt ja kein Weg dran vorbei. Es stimmt schon, ich habe überhaupt keine Lust, in meinem Alter plötzlich Stillstand zu spüren oder gar den Rückwärtsgang einzulegen. Ich mag es, wenn ich immer noch etwas Neues dazulernen kann.

Machen Sie deshalb auch noch mit 85 Jahren Filme?

Es ist eigentlich relativ einfach. Niemand hat mir bislang gesagt, dass ich aufhören soll. Es ist wahrlich nicht leicht, Filme zu machen. Doch es macht mir noch immer sehr viel Spaß, neue Projekte anzugehen. Vielleicht wird sich das niemals ändern.

Ist es einfacher für Sie in Hollywood, weil Sie Clint Eastwood heißen?

Sie glauben, die Filmindustrie sollte dem Senior Eastwood einen Freifahrtschein geben? Nein, so ist es leider nicht. Wenn dein jeweils letzter Film kein finanzieller Erfolg war, dann kriegst du ganz schnell Probleme in diesem Geschäft. Aber mir ist das egal, ich mache immer weiter. Soll mich doch irgend so ein junger Besserwisser aus seinem Büro werfen (lacht).

Das klingt ein bisschen, als würde man mit „Dirty Harry“ sprechen …

Aber sicher doch. Alle meine Charaktere, die ich über die Jahrzehnte gespielt habe, stecken auch in mir.

Hat Hollywood den Respekt für die ältere Generation verloren?

Eine gute Frage. Ich glaube, dass besonders in Amerika, einer Gesellschaft, die von der Sucht nach Jugend angetrieben wird, das Alter nicht mehr so viel zählt. Lebenserfahrung spielt keine große Rolle in Hollywood. Die Filmindustrie sucht immer nach der nächsten neuen großen Sache, das wird wohl auch in Zukunft so sein. Und man kann gewiss vieles über mich sagen, aber ich bin mit ­Sicherheit nicht die nächste neue große Sache (lacht).

Vater und Sohn: Clint und Scott Eastwood in "Back in the Game" (2012)

Vater und Sohn: Clint und Scott Eastwood in "Back in the Game" (2012)

© Warner Bros./courtesy Everett Collection
Für immer tatendurstig: Clint Eastwood

Für immer tatendurstig: Clint Eastwood

© Robert Gauthier/Los Angeles Times/Contour by Getty Images

Sie sind immer ein großer Musikfan gewesen. Wie wichtig ist Ihnen Musik?

Sehr wichtig. Musik hat mich durch die Jahrzehnte meines Lebens getragen. Ich liebe Musik, sie beruhigt mich, sie gibt mir Frieden. Die Musik ist eine Reflexion deiner selbst.

Der Jazz hat es Ihnen besonders angetan, er findet sich in vielen Ihrer Filme. Was fasziniert Sie so daran?

Es stimmt, ich liebe Jazz. Diese Musik drückt meine Persönlichkeit am besten aus. Ich liebe den Vibe und die Melancholie, die von dieser Musik ausgeht.

Haben Sie je Probleme mit dem Altwerden gehabt?

Werde ich älter? Wirklich? Okay, es gibt ein paar Vorteile und ziemlich viele Nachteile. Aber du vergisst sie im Alter leider alle immer wieder, zuerst die Vorteile. Aber ich glaube, das Älterwerden kann sogar ein bisschen Spaß machen, wenn man es richtig angeht.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man weiß, dass man nicht mehr für seinen Lebensunterhalt zur Arbeit gehen muss?

Wer sagt denn, dass ich nicht mehr arbeiten muss? Okay, ich mache nur Spaß. Das Leben hat es gut gemeint mit mir. Ich will und darf mich wahrlich nicht beschweren. Es fühlt sich gut an, sehr gut sogar. Dafür hast du andere Probleme, wenn du älter wirst. Dein Körper will nicht mehr so, wie du willst. Aber da musst du durch, du hast keine Wahl.

Sie sehen immer noch sehr fit aus. Was machen Sie, um sich in Form zu halten?

Ich versuche, kubanische Zigarren zu meiden und marschiere über den Golf­kurs, statt ihn mit einem Wagen abzu­fahren. Ich bin gern in der Natur, und ich gönne mir jeden Tag ein kleines Nickerchen. Schlaf ist das Beste, was ich jemals entdeckt habe.

Das Älterwerden kann sogar ein bisschen Spaß machen, wenn man es richtig angeht

Viele Fans sagen, Sie seien wie ein guter Wein, Ihre Filme würden im Alter immer besser: „Erbarmungslos“, „Million Dollar Baby“, „Gran Torino“. Jetzt planen Sie einen Film über den Piloten Chesley „Sully“ Sullenberger, der 2009 ein Flugzeug auf den Hudson River gesetzt und 155 Menschenleben gerettet hat. Gehen Sie heute anders an Ihre Filme heran als vor zehn oder 20 Jahren?

Ich glaube, dass ich heute ein noch besseres Auge für Nuancen entwickelt habe. Das ist wichtig beim Drehen. Du musst die Kleinigkeiten entdecken, die den Unterschied ausmachen können in einer emotionalen Situation. Das kann ein Blick sein, ein kurzes Einatmen, ein Zögern. Geduld ist ein Faktor, der von vielen Filmemachern unterschätzt wird.

Wenn jüngere Hollywood-Stars Sie um Rat fragen, wie man eine solche Hollywood-Karriere hinbekommt, was sagen Sie denen?

Sei realistisch, was dein Leben angeht. Und genieße es!

Einer dieser gefeierten Jungstars ist Ihr Sohn Scott. Er sieht Ihnen nicht nur sehr ähnlich, er hat auch echtes schauspie­lerisches Talent. Macht Sie das stolz?

Selbstverständlich bin ich sehr stolz auf ihn. Ich bin stolz auf all meine Kinder. Welcher Vater ist das nicht? Scott wird seinen eigenen Weg gehen. Davon bin ich überzeugt. Ich wollte immer, dass all meine Kinder ihren eigenen Weg finden, und es ist ihnen gelungen. Das macht mich sehr glücklich.

Denken Sie jemals daran, nicht mehr zu arbeiten?

Jeden Tag (lacht). Aber warum sollte ich? Ich lasse mich nicht mehr für Projekte einspannen, die nur noch an meine Person als Schauspieler gebunden sind. Ich muss meine Visage nicht mehr ständig auf der Leinwand sehen. Ich mache nur noch das, was mir wirklich Spaß macht. Welcher 85-Jährige kann das schon von sich und seinem Leben behaupten?

Darf man sich Clint Eastwood als zufriedenen Menschen vorstellen?

Unbedingt! Ich habe die Reise immer genossen. Und ich will auch den Rest meiner Reise genießen. Ich bin ein echter Glückspilz.