„Der Charakter eines Champions ändert sich nie“

Boris Becker

Interview

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Boris Becker ist als Coach des Serben Novak Djokovic aktuell wieder so erfolgreich wie als Tennisspieler, Wimbledon-Triumphe inklusive. Für ihn selbst ist das keine Überraschung. Für den Rest der Welt … nun … irgendwie schon. Ein Gespräch über gefühlte Heimat, ­Bayern München und die Lust am schmutzigen Sieg

Herr Becker, kann es sein, dass Sie in Deutschland plötzlich wieder geliebt, auf jeden Fall aber respektiert werden?

Das mag sein, ich spüre das auch. Es freut mich. Ehrlicherweise bin ich aber auch überrascht, warum das in den letzten Jahren nicht immer so war.

War diese fehlende Wertschätzung ein Grund dafür, dass Sie Ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben?

Es stimmt schon, ich wurde in der Vergangenheit von einigen Journalisten unfein behandelt. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich möchte da aber unterscheiden: Der Deutsche an sich ist gut mit mir umgegangen. Ob das der Taxifahrer in Hamburg war oder der Restaurantbesitzer in Frankfurt oder der Kioskverkäufer in München, da hatte ich nie Probleme. Es war mehr der ein oder andere Journalist, mit dem der Gaul durchgegangen ist. Aber gut, deswegen entscheide ich nicht, wo ich lebe.

Warum dann England und nicht Ihr Heimatland?

Ich lebe doch nicht in England. Ich lebe in London! (Das seit 30 Jahren bekannte, verschmitzte Becker-Grinsen hat er immer noch drauf.)

Na gut, dann also London …

Ich war immer ein Fan von London. Das ist eine Metropole, ein melting pot, ein Rückzugsort, in dem jeder Mensch seinen Platz findet, unabhängig von Religion, Hautfarbe oder Status. Die Menschen dort begegnen mir und auch meiner Familie mit großem Respekt. Ich trage den Titel „Britain’s Favourite German“ – und den habe ich mir auch erarbeitet.

„Es muss nicht jeder Wimbledon gewonnen haben, um ein guter Trainer zu werden … Aber es hilft …“

„Es muss nicht jeder Wimbledon gewonnen haben, um ein guter Trainer zu werden … Aber es hilft …“

Boris Becker gewinnt Wimbledon zum ersten Mal (1985)

Boris Becker gewinnt Wimbledon zum ersten Mal (1985)

© imago
Heute trainiert er Novak Djokovic in London (2015) und ...

Heute trainiert er Novak Djokovic in London (2015) und ...

© action press
... urlaubt mit Patchwork-Familie auf Ibiza (2013)

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Wohl kein Zufall, dass Sie ausgerechnet nach Wimbledon gezogen sind, an den Ort Ihrer größten Triumphe. War das die Suche eines wurzellosen Weltbürgers nach einer emotionalen Heimat?

Das ist wohl der Hauptgrund – Wimbledon ist der Ort, an dem ich vermutlich länger war als in Leimen. Ich bin aus meiner Heimatstadt Leimen mit 15 Jahren weg und habe in Wimbledon schon als Jugendlicher gespielt, bin jedes Jahr wiedergekommen und verbringe seit mehr als 30 Jahren sehr viel Zeit dort. Warum also nicht gleich dort leben?

Vermissen Sie nichts aus Ihrer alten Heimat?

Nicht wirklich. Das Leben in London ist für mich einfacher, hier spüre ich eine gewisse Leichtigkeit des Seins. In London gibt’s eine Menge bekanntere Menschen als Boris Becker, wichtigere, erfolgreichere. Da fühle ich mich aufgehoben, gern gesehen und werde respektvoll behandelt. Aber ich bin einer von vielen und stehe da auch nicht jeden Tag in der Zeitung.

Nicht mal die Samstagnachmittage im Stadion von Bayern München gehen Ihnen ab?

Als Franz Beckenbauer noch Präsident des FC Bayern war, ging ich nicht nur fast jede Woche ins Stadion, ich war auch zehn Jahre im Wirtschaftsbeirat. Seitdem er nicht mehr Präsident ist, hat sich meine Liebe zum FC Bayern auch etwas … na ja … abgekühlt, sagen wir es so. Ich bin aber nach wie vor großer Fußballfan. Ob das nun Chelsea ist oder Arsenal – wenn ich die Chance habe, besteht mein idealer Samstag darin, ins Stadion zu gehen. Nur halt nicht mehr zu den Bayern.

Sie sprechen von Arsenal und Chelsea – da sind bei beiden Teams ja ganz besondere Coaches im Amt, Wenger und Mourinho, auch Guardiola gilt als Persönlichkeit bei Bayern. In welchem der „Trainer-Kollegen“ erkennen Sie sich wieder?

Gute Frage. Wenn ich meinen Spielern Botschaften mitgebe, dann geht’s vor allem um eines, es geht ums Gewinnen. Um jeden Preis. Und in der Hinsicht bin ich Mourinho am nächsten. Der führt 1:0 und parkt dann den Bus vor dem eigenen Tor.

Schöner Fußball – in Ihrem Fall: schönes Tennis – wäre dann also nicht so Ihr Ding?

Wenn es möglich ist, auf eine schöne Art zu gewinnen, gerne. Aber in der Regel gewinnt man nicht mit schönem Spiel. Mir ist ein dreckiger Sieg immer lieber, als in Schönheit zu sterben. Das geht Mourinho, wie wir wissen, ebenso – mit ihm kann ich mich prima identifizieren.

Was unterscheidet einen guten Tennisspieler von einem guten Tennistrainer?

Also vorab: Es muss nicht jeder Wimbledon gewonnen haben, um ein guter Trainer zu werden … Aber es hilft … (Wieder lächelt Becker in sich hinein …) Na ja, es hilft mir nur speziell in meiner Situation mit Novak, dass ich all diese Erfahrungen, die er in einem Grand-Slam-Finale macht, schon so oft erlebt habe. Ich stand ja selbst in zehn Grand-Slam-Finals. Novak ist kein Spieler, dem ich die Vorhand oder Rückhand beibringen müsste – es geht um Strategie, um Taktik, um seine mentale Einstellung in den entscheidenden Momenten.

Mir ist ein dreckiger Sieg lieber, als in Schönheit zu sterben

Erkennen Sie sich im Spiel Ihres Schützlings wieder?

Vom Spielstil sind wir natürlich unterschiedlich, ich war mehr der Serve-&-Volley-Typ, er ist mehr der counter puncher. Aber wir haben dieselbe Einstellung auf dem Platz. Ich sehe ihn als Straßenkämpfer, einen, der im Kampf besser wird. Das war auch immer eine Qualität von mir, dass ich oft erst im fünften Satz gewonnen habe. Und da komme ich wieder zurück auf Mourinho: Wie du Punkt und Match gewinnst, ist egal, solange du überhaupt gewinnst.

Sie treffen Ihre ehemaligen Gegner jetzt fast alle als Trainer wieder. Ist die Rivalität noch genauso groß wie früher?

Sicherlich kommt bei uns etwas Altersweisheit dazu, aber wenn ich Stefan Edberg sehe, Michael Chang oder Goran Ivanišević, dann ist es wie früher, wir alle wollen nur gewinnen. Vor und nach dem Spiel gibt es aber keine Animositäten.Das war früher anders … Als Spieler ist man sicher radikaler, aber da sind wir Trainer inzwischen ein bisschen entspannter. Obwohl … der Charakter eines Champions ändert sich nie!