„Ich folge nur meinem Instinkt“

Joseph Gordon-Levitt

Interview

  • INTERVIEW RÜDIGER STURM

Er spielt Superhelden und Pornosüchtige: Joseph Gordon-Levitt ist einer der vielfältigsten Hollywoodstars. Hier spricht er über seine Rolle als abtrünniger CIA- und NSA-Mann „Snowden“, über ­Prinzipien sowie die unbändige Macht von Liebe und Internet

Mister Gordon-Levitt, nur wenige Personen der Zeitgeschichte ernteten in den vergangenen Jahren so viel Zustimmung und so viel Ablehnung wie Edward Snowden. Wie spielt man eine derart vorbelastete Figur?

Obwohl Snowdens Geschichte im Mittelpunkt einer großen politischen Debatte steht, habe ich diese Rolle angelegt wie jede andere. Das heißt, ich habe versucht, ihn als Menschen zu verstehen und zu porträtieren. Mir ging es nicht darum, Botschaften zu vermitteln.

Sie sind ihm auch persönlich begegnet. Gibt es etwas an Snowden, was jeder an ihm mögen könnte?

Im persönlichen Umgang ist er recht altmodisch, extrem höflich. Er kommt aus North Carolina, dort wird eben auf solche Traditionen und gute Manieren viel Wert gelegt. Gleichzeitig hat er sehr starke Überzeugungen und Prinzipien, denen er treu bleibt. Wenn ihm etwas wichtig ist, dann engagiert er sich absolut dafür. Und er liebt auch sein Land.

Was wohl die meisten Amerikaner bestreiten würden …

Natürlich ist er gegenüber bestimmten Personen und Institutionen der Regierung kritisch eingestellt. Aber für ihn ist diese Kritik auch Ausdruck seines Patriotismus. Wenn er sieht, dass etwas in dem Land, das er liebt, nicht in Ordnung ist, dann will er das korrigieren.

Haben Sie selbst auch derart starke Überzeugungen?

Nicht in dem Grad, dass ich dafür mein Leben riskieren würde. Ich würde mich nie mit Snowden vergleichen wollen.

Was sind Ihre wichtigsten Prinzipien?

Ich würde sagen, dass ich nicht der Versuchung des Geldes erliege. Wobei mir das, muss man zugeben, leicht fällt. Denn ich war nie arm, musste noch nie hungern. Deshalb weiß ich nicht, wie sich so etwas anfühlen würde.

Ich folge nur meinem Instinkt Interview Joseph Gordon-Levitt September 2016

Held oder Verräter? Joseph Gordon-Levitt als „Snowden“

© ddp images

Als Hollywood-Schauspieler dürften Ihnen kommerzielle Erwägungen nicht ganz fremd sein …

Ich denke aber nicht in Kategorien wie „Wird ein Film Geld einspielen?“, „Wird er gut für meine Karriere sein?“. Wenn ich mich für eine Rolle entscheide, dann folge ich nur meinem Instinkt und meinen kreativen Bedürfnissen.

Können Sie sich das leisten?

Bislang schon. Ich glaube auch daran, dass es meiner Karriere gut bekommt, wenn ich diesem Prinzip treu bleibe.

Genügt ein Grundsatz fürs Leben?

Lassen Sie mich kurz nachdenken … Ich finde außerdem, dass man die Einzigartigkeit jedes Menschen schätzen sollte. Es geht nicht darum, jemand an den eigenen Erwartungen zu messen oder die Leute alle über einen Kamm zu scheren. Gerade deshalb ist es wichtig, sich in die Lage anderer zu versetzen und die Welt aus deren Blickwinkel zu sehen. Man braucht Empathie. Das ist natürlich schwer, gerade weil wir alle so verschieden sind. Mir gelingt das auch nicht immer, aber es bleibt mein Ziel. Und ich muss das schon allein deshalb tun, weil es zu meinem Job gehört.

Sind Sie also Schauspieler geworden, um Ihre Empathie zu trainieren?

Auf so eine Frage gibt es keine Antwort. Wer als Künstler erklären kann, warum
er kreativ ist, sollte diesen Job nicht machen. Ich weiß bloß, wie es angefangen hat. Ich war fünf Jahre alt und spielte in unserem kleinen Gemeindetheater die Vogelscheuche in „Der Zauberer von Oz“. Ich erinnere mich, wie ich herumstolperte, fiel und wieder aufstand. Das Publikum lachte, und ich war überwältigt vom Adrenalinkick. Das wollte ich wiederholen. Aber ich würde nicht sagen, dass ich deshalb Schauspieler geworden bin. Diese Erklärung wäre doch zu einfach.

Kriegen Sie diesen Adrenalinkick, wenn Sie vor der Kamera stehen?

Bis zu einem gewissen Grad. Wenn es heißt, „Kamera läuft“, entsteht immer eine bestimmte Magie. Aber am intensivsten ist es bei Live-Auftritten. Ich hatte ein paarmal die Chance, durch die Comedy-Show „Saturday Night Live“ zu führen, das ist ziemlich aufregend. Wenn du da Mist baust, kriegst du keine zweite Chance, du musst einfach weitermachen.

Wer als Künstler erklären kann, warum er kreativ ist, sollte diesen Job nicht machen

Ihre Eltern sind Gründer der Gruppierung „Progessive Jewish Alliance“, die sich unter anderem für soziale Gleichberechtigung einsetzt. Wie stark haben sie Ihre Lebenseinstellung geprägt?

Sie haben eine ganz große Rolle gespielt, genauso mein älterer Bruder. Sie haben mir das Selbstvertrauen vermittelt, um auf meine innere Stimme zu hören – nicht auf die Meinungen anderer, die mir sagen, was ich sein, tun und denken soll.

Und was sagt Ihnen Ihre innere Stimme? Was sollen Sie tun?

Mein größter Traum ist es, die Welt der Medien zu verändern. Ich möchte, dass die Menschen sie aktiv gestalten, nicht einfach nur konsumieren.

Dafür haben Sie die interaktive Online-Produktionsfirma HitRecord gegründet, deren Nutzer gemeinsam Kunst erschaffen können. Was ist das Besondere daran?

Wir verändern damit das ganze Konzept von Kreativität. Sonst werden Leute in Schubladen gepackt: „Du bist ein Autor, du bist ein Schauspieler, du ein Musiker.“ Aber wir vermischen das alles. Wir nennen solche Werke einfach „Aufnahmen“, die von allen er- und bearbeitet werden. Menschliche Kreativität kennt keine Grenzen. An solchen Projekten zu arbeiten macht mich einfach glücklich.

Besteht nicht die Gefahr, dass Sie in der weiten Welt des Internets die Wirklichkeit aus dem Auge verlieren?

Das ist der Knackpunkt – die große Frage meiner Generation. Ich weiß, dass die Online-Kultur ziemlich viele Gefahren in sich birgt. Ja, das Internet kann süchtig machen, schädlich und geistesbetäubend sein, es kann zum Medium für Narzissten werden. Aber es erlaubt uns eben auch, gemeinsam Sachen auf die Beine zu stellen, die sonst nicht möglich wären. Letzt-
lich ist es wie mit jeder Technologie: Sie kann konstruktiv wie destruktiv genutzt werden. Keine besonders originelle Antwort, aber so sehe ich die Dinge.