„Ich bin ein echter Freak“

Ryan Gosling

Interview

  • FOTOS YANN RABANIER/MODDS
  • INTERVIEW RÜDIGER STURM

Ryan Gosling ist nicht nur Actionheld und Frauenschwarm, demnächst spielt er auch den „Blade Runner“. Im Interview spricht der Filmstar über seine Liebe zu Komödien, die Erfahrungen als Regisseur und große Glücksgefühle.

Als cooler „Driver“ wurden Sie zur Ikone. Es scheint, als wollten Sie dieses Image jetzt ändern. Stimmt das?

Ich plane meine Karriere nicht nach solchen Kriterien. Welche Wirkung ein Film hat, das kann ich ohnehin nicht vorhersehen. Ich wollte einfach ein guter Charakterschauspieler werden.

Jedenfalls zeigen Sie sich jetzt ganz anders: In „The Nice Guys“ beweisen Sie komisches Talent, in „La La Land“, der ab Januar in Deutschland zu sehen ist, werden Sie gar zum Musicalstar.

Ich hatte immer schon eine Schwäche für Komödien – vor allem für solche mit diesem handfesten körperlichen Humor, den es leider nur noch selten gibt. Ich bin mit den Filmen von Mel Brooks groß geworden. Deshalb habe ich es auch genossen, so etwas zu spielen. Ich dachte mir: Endlich ist es so weit.

Nicht jeder hätte Ihnen das zugetraut …

Am liebsten hätte ich bei all meinen Filmen Slapstick-Szenen eingebaut. Im Hinterkopf hatte ich so viele Ideen …

Sehen Sie die Gefahr, dass Sie mit solchen Rollenwechseln Ihre Fans vergrätzen?

Nein, denn das ist eine Falle. Man muss lernen, solche Überlegungen komplett zu ignorieren. Man darf auch nicht über Lob nachdenken, ebenso wenig über Kritik. Sonst beginnt man sich bei der Arbeit selbst zu beobachten, zu überlegen, was gut war und was die Leute mochten. Und man versucht es zu wiederholen. Das ist der Anfang vom Ende.

Könnten Sie erklären, was Ihren Schauspielstil ausmacht?

Ich habe keine Ahnung, warum etwas bei mir funktioniert. Das läuft alles instinktiv ab. Es ist wie beim Tanzen: Du weißt nicht, warum dich ein Song anspricht, du fängst einfach an, dich zu bewegen.

So einfach?

Bei der Schauspielerei geht es darum, erst mal herauszufinden, wie die Figur tickt, die du spielen sollst – das ist ziemlich knifflig. Wenn man das geschafft hat, wird es einfach. Nur der Dreh ist dann noch kompliziert. Bei vielen Filmen gibt es eine fest gefügte Struktur, von der partout nicht abgewichen wird: Du probst, dann drehst du erst die Groß- und dann die Nahaufnahmen, dabei musst du aufpassen, dass du deine Markierungen triffst. Wenn jeder zufrieden ist, kannst du gehen. Und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los. Aber nicht alle Regisseure arbeiten so, manchen geht es wirklich um die Wahrheit des Spiels. Und mit denen werden alle Leute zu guten Darstellern, ob Profis oder Laien.

Vom gelangweilten Jugendlichen („Mord nach Plan“) über den süchtigen Lehrer („Half Nelson“) zum „King of Cool“

Vom gelangweilten Jugendlichen („Mord nach Plan“) über den süchtigen Lehrer („Half Nelson“) zum „King of Cool“

© Yann Rabanier/modds

Sie sind auch unter die Regisseure gegangen, haben „Lost River“ gedreht. Was erhoffen Sie sich von diesem Zweitberuf?

Ich kann dabei komplett ich selbst sein. Damit meine ich nicht, dass ich zum Egozentriker werde. Das heißt: Ich zeige mich, wie ich denke, völlig unverstellt, es gibt nichts, was ich verstecken könnte. Und das ist mir sehr wichtig. Gerade seit ich die 30 Jahre überschritten habe, spüre ich das Bedürfnis, noch kreativer zu arbeiten. Wobei ich immer eine Warnung meiner Mutter im Kopf habe: „Wenn du versuchst, der Alleskönner zu sein, dann bist du schnell der Allesversager.“ Ich muss mich auf eine Sache konzentrieren. Darum habe ich in meinem Regiedebüt auch nicht mitgespielt.

Was haben Sie aus dieser Erfahrung für die Schauspielerei gelernt?

Eine ganze Menge. Ich werde gewiss nie wieder versuchen, den Regisseur in eine Diskussion zu verwickeln, wenn die Sonne gerade untergeht und wir gleich kein Licht zum Drehen mehr haben.

Aber momentan haben Sie keine weiteren Regieprojekte geplant. Sind Sie desillusioniert?

Nein, das war eine der besten Erfahrungen meiner Karriere. Aber es ist eben ein Job, der dich komplett aufsaugt. Wenn du Regie führst, dann hast du eine Beziehung zu deinem Projekt, aus der du dich nicht davonstehlen darfst. Das ist deine Verantwortung. Wenn es Probleme gibt, dann musst du sie lösen. Das ist eine sehr, sehr intensive Erfahrung. Du hast ruhelose Nächte, du bekommst keine Atempause, das Ganze endet nie.

Manchen Regisseuren geht es wirklich um die Wahrheit des Spiels

Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade arbeiten oder mit Ihrer Familie zusammen sind?

Alles was ich mache, ist Filme zu drehen und darüber zu sprechen. Ich glaube, man sollte grundsätzlich mit Leuten zusammenarbeiten, die so leidenschaftlich von einem Projekt überzeugt sind wie man selbst, dann kann etwas Großartiges entstehen. Ich bin ein echter Freak – es gab Sommer, da habe ich mir pro Tag vier Filme auf Video angeschaut.

Nicht auf der großen Leinwand?

Nein, nicht nötig. 80 Prozent meiner Filme schaue ich inzwischen auf einem Fernseh­bildschirm an.

Sollten Sie nicht eine Lanze für das Kino brechen?

Ja und nein. Ich bin dankbar für die Möglichkeit, über Streaming-Services Zugang zu Filmen zu haben, die ich sonst nie sehen würde. Natürlich würde es mich freuen, wenn alle mein kreatives Schaffen auf der großen Leinwand sähen, aber am wichtigsten ist es, eine Verbindung mit dem Publikum aufzubauen.

Mit einem Ihrer künftigen Projekte dürften Sie gewiss viele Zuschauer erreichen. Was können Sie denn über die „Blade Runner“-Fortsetzung sagen?

Dass sie die Geschichte weiter verfolgt und uns noch tiefer in diese Welt hineinführt. Aber mir wurde ein Chip eingepflanzt – wenn ich jetzt noch mehr verrate, wird er explodieren.

Ist Ihnen der Hype um Ihre Person grundsätzlich lästig?

Ich erzähle Ihnen mal was: Neulich bin ich morgens um zwei mit meinem Hund rausgegangen. Nur wir zwei waren auf der Straße, da kam uns ein Typ entgegen, der meine Jacke aus „Drive“ trug. Das war der Höhepunkt des ganzen Tages für mich, es war perfekt. Das war Lob ohne Stress. Nichts hätte mich glücklicher machen können als dieser Anblick.