„Für Social Media habe ich keine Zeit“

Scarlett Johansson

Interview

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Model, Sängerin, Hollywood-Star und Werbe-Ikone: Scarlett Johansson ist all das – und noch viel mehr. Im Interview spricht sie über Science-Fiction, Action und die Liebe zum Popcorn

Mrs. Johansson, sieht man Ihre Filme der vergangenen Jahre – von „Marvel’s The Avengers“ über „Her“ und „Under the Skin“ bis zu „Lucy“ und „Ghost in the Shell“ –, könnte man denken, Sie seien großer Science-Fiction- und Fantasy-Fan …

Nein, überhaupt nicht. Es gibt viele gute Science-Fiction-Geschichten, aber ich habe keine besondere Schwäche für dieses Genre. Dass ich so viele Filme gedreht habe, die dazugehören, zeigt eher, dass es diesen Trend gibt.

Immer mehr Flucht aus der Gegenwart?

Wir leben in einer Welt, in der wir unsere Identität als Menschheit mehr denn je hinterfragen und neu definieren müssen. Wir suchen noch unseren Platz im digitalen Zeitalter und müssen sehen, wie wir mit dem technischen Fortschritt zurechtkommen. Diese Frage schlägt sich natürlich auch in Filmen nieder. Wie viel Erfahrung ich damit habe, wurde mir erst bewusst, als ich bei „Ghost in the Shell“ mit Juliette Binoche gearbeitet habe. Für sie war das alles total neu, sie musste sich erst hineinfinden in diesen Techie-Jargon. Ich habe dann immer gesagt: Willkommen in meiner Welt!

Künstliche Intelligenz ist häufig das Schlagwort, wenn es um die Zukunft der Menschheit geht. Sind Sie im Alltag schon Robotern und ähnlichen Geschöpfen begegnet?

Ich habe schon eine künstliche Intelligenz gespielt, dadurch kenne ich mich ein wenig mit der Thematik aus. Aber das ist ein ziemlich abstrakter Blick, praktische
Erfahrungen habe ich keine. Ehrlich gesagt, kann ich mit Technik nicht viel anfangen.

Ganz bewusst?

Technologie ist einfach nicht mein Ding, hat mich noch nie interessiert. Allein der Wechsel vom Blackberry zum iPhone war für mich ein schwieriger Prozess, es hat fünf Jahre gedauert. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich Dinge gern in der Hand habe und spüre. Je virtueller es wird, desto weniger Gefallen finde ich daran. Und von Dingen wie Social Media halte ich mich ganz bewusst fern.

Scarlett Johansson in ihrem aktuellen Kinofilm „Ghost in the Shell“

Scarlett Johansson in ihrem aktuellen Kinofilm, der Manga Verfilmung „Ghost in the Shell“

© 2016 Paramount Pictures; All Rights Reserved

Sind Sie eine Technik-Skeptikerin?

Ich habe keine Angst vor dem technischen Fortschritt, mir fehlt nur völlig der Sinn dafür. Ja, ich sehe, wie hilfreich technologische Erfindungen sein können, einige sind bestimmt gut für die Menschheit. Aber man muss sich immer fragen, welchen Preis wir dafür zahlen.

Ist das der Grund für Ihre Abneigung gegen Twitter, Instagram und Co.?

Dafür habe ich einfach keine Zeit. Ich habe kein Interesse, die Welt an meinem Leben teilhaben zu lassen. Meine Freunde treffe ich im echten Leben, nicht online. Wenn ich jemandes Telefonnummer nicht habe und wir nicht in Kontakt geblieben sind, wollen wir einander wohl nicht sehen. Das klingt vielleicht zickig, aber so ist es eben.

Ich treffe meine Freunde im echten Leben, nicht online

Noch einmal zu „Ghost in the Shell“, der nicht nur futuristisch ist, sondern auch voller Action. Wie wichtig ist Ihnen die körperliche Seite einer Rolle?

Die steht nicht ganz oben auf der Prioritätenliste, aber es ist schon wichtig. Zu „Ghost in the Shell“ gehörte die Action einfach dazu, und dann setze ich mir das Ziel, auch möglichst viele Stunts selbst zu übernehmen.

Braucht man Mut dafür?

Klar muss man eine gewisse Furcht überwinden, wenn man Szenen drehen muss, die physisch derart fordernd sind. Aber das spornt auch an, man will die Stunts ja gut hinbekommen. Und damit eine Actionszene einen Wow-Effekt erzielt, müssen die Stunts anspruchsvoll sein. Da muss man dann durch.

Sie müssten solche Szenen doch längst gewöhnt sein …

Die Basis ist auf jeden Fall da. Dank der Auftritte als Black Widow habe ich Erfahrung mit Kampf-Choreografien und dem Umgang mit Waffen. Für „Ghost in the Shell“ musste ich mich aber noch mal erheblich steigern, was meine taktische Ausbildung angeht. Deshalb habe ich mit Waffenexperten und Polizisten trainiert, auch Thai-Boxen stand auf dem Programm. Insgesamt fand ich aber die psychische Seite der Rolle kniffeliger als die körperliche.

Warum das?

Ich spiele, vereinfacht gesagt, einen Cyborg mit menschlichem Gehirn. Die Gratwanderung ist schwierig: Die Figur darf nicht zu roboterhaft und komplett gefühllos wirken, aber auch auf keinen Fall zu menschlich. Als Schauspielerin fand ich es sehr spannend, Emotionen wie Einsamkeit und Angst spürbar zu machen, ohne sie wirklich zu zeigen.

Scarlett Johansson mit Bill Murry in „Lost in Translation“ (2003)

Tokio kann sehr kalt sein – mit Bill Murray in „Lost in Translation“ (2003)

© United Archives

Ab und zu versuchen Sie sich in ganz anderen, überraschenden Bereichen. In Paris, wo Sie zeitweilig mit Ihrem Mann Romain Dauriac und Ihrer Tochter leben, haben Sie 2016 einen Popcorn-Laden aufgemacht. Wie kam es dazu?

Die Idee hatten Romain und ich. Am Anfang unserer Beziehung war er ganz irritiert von meiner Vorliebe für Popcorn. Er schüttelte immer den Kopf, wenn ich auf dem Sofa saß, mit einem riesigen Eimer Popcorn in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen auf dem Schoß. In Frankreich gibt’s Popcorn in kleinen Tüten, höchstens mit Salz oder Zucker. Ich fand, man sollte die Franzosen auf den Geschmack bringen.

Gesagt, getan?

Genau. Erst war es eine Schnapsidee, doch dann haben wir ernst gemacht. Es gefällt mir, ein kleines Standbein in Paris zu haben. Romains Schwester leitet den Laden, aber wenn ich in der Nähe bin, schaue ich vorbei und stelle mich auch mal hinter den Tresen. Allein schon, um die ganze Zeit zu naschen.

Welche Geschmacksrichtung ist denn Ihre liebste?

Ich schwöre auf den Chicago-Mix, eine Mischung aus Cheddar-Käse und Ahornsirup! Das ist eine sehr amerikanische Idee, diese Mischung aus süß und salzig. Die Franzosen brauchen noch etwas, um sich daran zu gewöhnen.