Die Smarteez in ihrem Atelier: Floyd Manotoana, Sibu Sithole, Lethabo Tsatsinyane und Teekay Makwale (von links) © Per Anders Pettersson
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Kleider machen Heute

  • TEXT LISA ROKAHR
  • FOTOS PER ANDERS PETTERSSON

Vier junge Designer mischen mit ihrer Mode die südafrikanischen Townships auf: 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist der berühmt-berüchtigte Stadtteil Soweto zum Hotspot geworden – nicht nur für Johannesburg, sondern für ganz Südafrika

Für Sibu Sithole beginnt jeder Tag auf dem Laufsteg. An seinem Arm klimpern 41 metallene Armreife, an den Fingern trägt er neun dicke Kupferringe. Die Ohrläppchen sind von breiten Ohrtunneln zentimeterweit gedehnt. Der 30-Jährige ist Kunst und Künstler zugleich. „I AM ART“ steht auf seinen Arm tätowiert. Sein Laufsteg ist nur eine staubige Straße, doch für Sithole spielt das keine Rolle: Der Weg zur Arbeit ist seine allmorgendliche Modenschau. Die Leute am Wegesrand starren ihn unverhohlen an, gucken auf das gepiercte Gesicht, dann auf die zerlöcherten Jeans. Knallpinke Leggins schauen darunter hervor. Sithole genießt die Blicke, zelebriert seinen Auftritt, starrt ungeniert zurück. An seinem Ziel angekommen, geht er durch ein Eisentor zum Hinterhaus, schließt eine verwitterte Holztür auf, die sich mit einem Knarzen öffnet. Dann steht er im winzigen Atelier der „Smarteez“.

Sithole ist einer von vier jungen Designern, die gerade den südafrikanischen Modemarkt aufmischen. Vor allem Soweto, die South Western Townships von Johannesburg, jahrelang nur als Hochburg von Kriminalität und des Protestes gegen die Apartheid bekannt, erlebt seine Wiederauferstehung. Afrikas neuer Hotspot ist Inspirationsquelle für Kunst, Musik – und Mode.

Erst ein Vierteljahrhundert ist es her, dass sich die schwarze Bevölkerung Südafrikas ihre Rechte erkämpfte. Die Vergangenheit macht Soweto zum heutigen Nährboden für neue kulturelle Strömungen. „Das Potenzial Sowetos liegt in seinen Menschen“, sagt Sithole. Jahrzehntelang war man hier von der Kultur des Mainstreams isoliert. Die Menschen von Soweto konnten gar nicht anders, sie mussten einen eigenen Stil entwickeln. Kämpferisch, fügt er hinzu, seien sie heute noch. „Und wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben.“

Die meisten Einwohner Sowetos seien arm, so Sithole, oft wüssten sie nicht, wovon sie die kommende Woche leben sollen. Arbeit ist rar, der Verdienst gering. „Für uns gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir werden kriminell – oder kreativ.“ Vor sieben Jahren entschieden sie sich für die zweite Option. Sibu Sithole, Lethabo Tsatsinyane, Floyd Manotoana und Teekay Makwale entwarfen Röcke für Männer, schneiderten knallbunte Anzüge, die eigentlich viel zu schick sind für die lehmigen Straßen der Townships. „Seid ihr alle schwul?“, riefen ihnen die Nachbarn hinterher, oder „Satanisten!“, wenn sie in ihren extravaganten Jacken durch die Townships spazierten, wo sonst eher Discountware getragen wird. Die vier jungen Männer nahmen die Anfeindungen als Kompliment, die Mode war ihre Form der Rebellion. Sie gaben sich den Namen Smarteez – „innen schokobraun, außen bunt“.

Die Townships entstanden in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts als Ansammlung billiger Unterkünfte für Arbeiter, die in der angrenzenden Stadt in den Fabriken, Haushalten und Minen der Weißen arbeiteten. „Die meisten Menschen hier haben nichts, womit sie sich ausdrücken können“, sagt der 30-jährige Lethabo Tsatsinyane, „nur ihr Selbst, ihr Aussehen.“ Er trägt Hemd und Anzug mit Hut und Krawattennadel, orangefarbene Socken schauen unter der roten Anzughose hervor. Tsatsinyane ist unterwegs zum Stoffmarkt in einen Vorort von Johannesburg. Die Stadt am Witwatersrand-Höhenzug ist eines der wichtigsten Wirtschaftszentren Afrikas – und allmählich kommt der Fortschritt auch in Soweto an. Johannesburg wächst, in den Randgebieten entstehen immer neue Siedlungen, so schnell, dass Tsatsinyane sie nicht mal alle kennt, geschweige denn jemals dort gewesen ist. Die Einwohnerzahl Sowetos verdoppelte sich in den vergangenen zehn Jahren auf 1,3 Millionen Menschen, das ist etwa die Hälfte aller Einwohner Johannesburgs. Soweto hat nur einen minimalen Anteil an der Wirtschaftsleistung der Stadt. Doch allmählich bildet sich eine Mittelschicht heraus. Hier bedeutet das: eine feste Arbeit, ein Fernseher, vielleicht sogar ein Auto.

Fertig machen für die nächste Show: Sibu Sithole und Helfer legen Hand bei einem Model an © Per Anders Pettersson

Fertig machen für die nächste Show: Sibu Sithole und Helfer legen Hand bei einem Model an

© Per Anders Pettersson
In den Townships von Johannesburg leben 1,3 Millionen Menschen, etwa die Hälfte der gesamten Stadt­bevölkerung

In den Townships von Johannesburg leben 1,3 Millionen Menschen, etwa die Hälfte der gesamten Stadt­bevölkerung

© Klaus Leidorf
Die Orlando Power Station mit Blick auf Soweto

Die Orlando Power Station mit Blick auf Soweto

© Per Anders Pettersson
Im Club 707 Panyaza treffen sich Sowetans zum Grillen und Entspannen © Per Anders Pettersson

Im Club 707 Panyaza treffen sich Sowetans zum Grillen und Entspannen

© Per Anders Pettersson
Sie nennen sich Izikhothane: Modebewusste junge Männer posieren in einem Park in Soweto © Per Anders Pettersson

Sie nennen sich Izikhothane: Modebewusste junge Männer posieren in einem Park in Soweto

© Per Anders Pettersson
Sibu Sithole (Mitte) und zwei junge Sowetans vor einem politischen Wandgemälde – aus der Isolation der Apartheid heraus entstand in Soweto eine eigene Subkultur

Sibu Sithole (Mitte) und zwei junge Sowetans vor einem politischen Wandgemälde – aus der Isolation der Apartheid heraus entstand in Soweto eine eigene Subkultur

© Per Anders Pettersson

 Die meisten Sowetans fahren aber immer noch in vollgestopften, rostigen Minibussen zu ihrer Arbeit in die Stadt. Metergroße Werbeanzeigen säumen seit ein paar Jahren die Straßen dorthin. Kosmetikhersteller werben für weichere Haut, Banken für billige Kredite. Es sind Symptome eines bescheidenen Aufschwungs, aber auch Zeichen dafür, dass dieser vornehmlich auf Pump finanziert wird.

Tsatsinyane schaut aus dem Autofenster. 2010 wurde hier, am Rande Sowetos, ein Fanpark für die Fußball-Weltmeisterschaft gebaut. Die Leinwand ist weg, die Bänke und Beete sind geblieben. „Parks gab es hier früher nicht“, sagt er. „Aber die Leute müssen heute nicht mehr sechs oder sieben Tage die Woche arbeiten. Freizeit ist ein neuer Luxus.“ Schon jetzt, am Nachmittag, stemmen Männer eifrig Gewichte im Park.

Man muss nicht mehr sieben Tage arbeiten. Freizeit ist ein neuer Luxus

Lethabo Tsatsinyane

Auf dem Markt in Johannesburg angekommen, lässt sich Tsatsinyane einige Stoffe zeigen. Eine junge Frau, Mitarbeiterin einer Fluglinie, hat bei ihm ein schwarzes Cocktailkleid bestellt, eine Maßanfertigung. Der Verkäufer wuchtet einen Ballen nach dem anderen auf den Tresen. „Zu glänzend … nicht dehnbar genug … zu bläuliches Schwarz“, Tsatsinyane ist nicht zufrieden. Er geht in einen anderen Laden, Feast of Fabrics, dort gibt es Stoffe, so weit das Auge reicht. „Oft zeigen mir meine Kunden ein Modell in einer Zeitschrift, sie wollen ihr Kleid dann in exakt dem gleichen Stoff nachgeschneidert haben – das ist schwierig.“ Der Tuchhändler kennt ihn, er bringt ihm sofort den richtigen Stoff. Tsatsinyane nimmt gleich einen halben Meter mehr. Früher hat er oft nicht einkalkuliert, dass das Vernähen mehr Stoff braucht, als aus den Mustern hervorgeht. Dann musste er noch mal zurück, eine Stunde mit dem Minibus hin, eine zurück. „Es war Learning by Doing“, sagt er, „heute sind wir Profis.“ 1500 Rand, etwa 100 Euro, wird er an dem Kleid verdienen. Die vier Männer haben Design und Schneiderei an den Modecolleges in Johannesburg studiert. In der Innenstadt gibt es inzwischen ein echtes Modezentrum mit zahlreichen Designerstudios, Fashion Schools, Stoffläden und Märkten. Der Kontrast zu Soweto könnte größer nicht sein. Hier fahren schicke Autos, ragen Hochhäuser in den Himmel, rollen Luxushotels ihre roten Teppiche aus.

Für die Smarteez jedoch ist Johannesburg kein inspirierender Ort. „In Soweto ist das Bedürfnis der Menschen nach Mode viel drängender als in den wohlhabenden Vierteln“, sagt Tsatsinyane. Die Reichen können mit Villen, Sportwagen oder Schmuck auffallen, „die Menschen in Soweto nur mit ihrem Look“. Schon als Jugendlicher kaufte er billige T-Shirts, zerschnippelte sie, raffte die Ärmel, nähte Knöpfe dran. Seine Eltern rieten ihm zu einem Job bei der Bank. Zwei Monate hielt er es dort aus, dann entschied er sich für Modedesign.

 Der Generationenkonflikt ist ein ständiger Begleiter der Smarteez. Sibu Sitholes Vater, ein traditioneller Zulu, ist beschämt, wenn er von seinem Sohn in extravaganten Kleidern besucht wird. Und diese Sprache! Sein Sohn könne nicht mal mehr richtig Zulu, er spreche JNB-Zulu, einen Slang, der gespickt ist mit englischen Wörtern.

Dabei beherrscht der Modemacher elf Sprachen. Trifft Sit­hole zwei Freunde, sprechen sie oft in drei Sprachen miteinander: Alltag in Soweto, einer Stadt, in der alle Ethnien Südafrikas zusammenleben. Fast alle – denn Soweto ist immer noch schwarz. Weiße und Schwarze haben heute zwar dieselben Rechte, aber selten die gleiche Lebenswelt. Nur die wenigsten Sowetans besuchen eine höhere Schule, viele kommen ihr Leben lang nicht aus Soweto heraus.

Nachmittags auf einem Markt in Jabulani, dem beliebtesten Viertel von Soweto. Die Smarteez wühlen sich durch Handarbeiten anderer Künstler. Tsatsinyane probiert bunte Hüte, Sithole steht zwischen einem Dutzend Frauen und schaut sich goldene Ringe an. Hier fallen die Smarteez kaum auf. Die Frauen tragen bunte Röcke oder androgynen Pariser Chic, die Männer Lederjacken, taillierte Hemden und aufwendig verarbeitete Schuhe. „Wir vier kleideten uns immer schon anders“, erzählt Sithole. Er selbst färbte sich die Haare blond, später wandelte er sich zum Gothic. Makwale war ein Rastafari, der gern unter Bäumen lag und Bücher las. Manotoana kam als Rocker in Leder und Leggins, Tsatsinyane war schon immer der Dandy: „Wir waren die Freaks.“ Doch wie verschieden sie auch daherkamen, sie verband das Gefühl, anders zu sein. Gemeinsam ließ sich das besser ertragen.

Es dauerte nicht lange, da wollten auch die anderen anders sein. Jugendliche kramten die Kleidung der Großeltern hervor, kombinierten Alt und Neu, zerschnitten die Mode von einst, nähten sie neu zusammen oder ließen sich gleich von den Smarteez Einzelstücke anfertigen. Plötzlich nannte sich jeder Smartee. „Früher hatte man Angst davor, anders zu sein“, sagt Manotoana, „auf einmal ist es angesagt.“ Lange Zeit existierte keine Straßenszene in Soweto, Kultur war reiner Luxus. „Wir gaben den Leuten Selbstvertrauen und entwickelten so eine eigene Subkultur“, bilanziert er, „nicht nur in Soweto, sondern für ganz Südafrika.“

Früher hatte man Angst, anders zu sein, auf einmal ist es angesagt

Floyd Manotoana

Inzwischen wird der Smarteez-Stil nicht nur von heimischen Künstlern, sondern auch von Großunternehmen abgekupfert. Die Smarteez selbst haben den Schritt von den südafrikanischen Fashion­shows zu den internationalen Catwalks zwar noch nicht geschafft. Zu oft sind sie noch mit einfachen Schneiderarbeiten und Ausbesserungen beschäftigt, um ihr Einkommen zu erhöhen. Trotzdem haben sie etwas erreicht, was ihre Eltern nicht für möglich hielten: Sie können von ihrer Kunst leben. Abends brennt noch Licht im Atelier, Tsatsinyane kümmert sich um eine späte Kundin. Ntsiki Jetha, die Airline-Mitarbeiterin, probiert das schwarze Cocktailkleid an. Es passt, aber Tsatsinyane ist noch nicht zufrieden. Er rafft den Stoff, pinnt mit der Stecknadel ein Stück Tüll auf den Saum. Das Maßband in der Hand, denkt er laut darüber nach, ob er sich nicht doch eine Näherin leisten soll, damit er sich mehr dem Design statt der Produktion widmen kann. Seine Kundin unterbricht ihn: „Wow“, staunt sie, als sie sich im Spiegel sieht. Sie streicht sanft über den Stoff. „Gute Qualität, ein einzigartiges Design“, sagt sie, „und das wollen wir doch alle sein – ein Einzelstück.“


Soweto-Tipps

The Soweto Hotel

Mitten in Soweto – geeignet als perfekter Ausgangspunkt für Ent­deckungstouren in die Townships.

sowetohotel.co.za

Restaurant NexDor

Das beliebte Lokal ist nur wenige Minuten vom Hector Pieterson Memorial und vom Nelson-Mandela-Haus entfernt.

nexdor.co.za

Soweto Art & Craft Fair

Regionale Kunst, Handwerk, Musik und Köstlichkeiten am Soweto Theatre.

sowetotheatre.com

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