© Fabian Weiss

Alles beim Balten

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS FABIAN WEISS

Mit dem Longboard zum Strand, nach dem Schaschlik ins Moorbad – das Baltikum ist so vielseitig, dass man es nicht einfach in zehn Tagen erkunden kann. Wir haben es trotzdem versucht

Estland

Der schönste Blick auf Tallinn? Den gibt’s eigentlich nicht. Das heißt, es gibt ihn schon, in der 23. Etage des Hotel Viru. Nur wusste lange niemand davon. Alle Aufzüge, auch die Treppenhäuser, gehen nur bis zur 22. Denn einen Stock höher residierte lange der russische Geheimdienst. Und wenn die Schlapphüte zum Rauchen auf den Balkon gingen, hatten sie ihn exklusiv, diesen herrlichen Blick auf Estlands schöne Hauptstadt.

Hier kommen schon viele der Gegensätze zusammen, die so typisch sind für das Baltikum: verträumte Altstädte, bäuerliches Leben, junge Start-ups, riesige Shoppingmalls – und viele, oft absurde Spuren fremder Besatzer. Es ist eine besondere Zeit im Jahr: das Intermezzo zwischen Sommer, wenn die Stadt voller Besucher ist, und dem Winter, wenn sie unter Schnee liegt wie eine schlafendes Märchenreich. Ein guter Zeitpunkt, um von hier aus das Baltikum zu erkunden. Zehn Tage haben Fabian Weiss, der Fotograf, und ich uns dafür Zeit genommen.

Im Baltikum kann man noch stundenlang durch Wildnis fahren: Wälder, Moore, Seen, oft menschenleer. Hier und da eine Siedlung, mit Handymast, Storchennest und Schaukel. Schaukeln sind in Estland der heimliche Ortsmittelpunkt. Erster Halt: das Knoblauchfest von Jõgeva mit Musik und Tanz und dem Wettbewerb um die größte Knolle, dazu Schaschlik und Knoblauchbier. Eine Händlerin will wissen, warum wir hier sind. „Lufthansa?“ Sie lacht. „Ich war noch nie höher als im zehnten Stock.“ Abends, in Viljandi, das nächste Fest. Viele sind gekommen, um in dieser kleinen Stadt das Jubiläum ihrer Freiheit zu feiern. Fast 600 Kilometer war 1989 die Menschenkette lang, durchs ganze Baltikum, fast jeder vierte Einwohner war dabei. Und alle sangen. 25 Jahre ist das her, aber selbst die Kinder kennen die Lieder.

Das Viertel Kalamaja liegt außerhalb von Tallinns Altstadt – mit seinen charmanten Holzhäusern ist es aber unbedingt einen Spaziergang wert. Die Bäckereien und Cafés hier sind hip und gemütlich zugleich

Das Viertel Kalamaja liegt außerhalb von Tallinns Altstadt – mit seinen charmanten Holzhäusern ist es aber unbedingt einen Spaziergang wert. Die Bäckereien und Cafés hier sind hip und gemütlich zugleich

© Fabian Weiss
Die Natur des Baltikums ist nicht monumental, doch ihrem stillen Zauber kann man sich nicht entziehen

Die Natur des Baltikums ist nicht monumental, doch ihrem stillen Zauber kann man sich nicht entziehen

© Fabian Weiss
Blick von der Stadtmauer auf die Altstadt von Tallinn © Fabian Weiss

Blick von der Stadtmauer auf die Altstadt von Tallinn

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"Bier brauen ist wie Schach spielen. Nur weil man die Regeln kennt, hat man noch lange nicht das Spiel verstanden" Artur Zeps, Bierbrauer der Labietis-Brauerei © Fabian Weiss

"Bier brauen ist wie Schach spielen. Nur weil man die Regeln kennt, hat man noch lange nicht das Spiel verstanden", meint Artur Zeps, Bierbrauer der Labietis-Brauerei

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Stundenlang kann man durch menschenleere Wälder streifen © Fabian Weiss

Stundenlang kann man durch menschenleere Wälder streifen

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Die Esten feiern gern – vor allem ihre Natur. Beim Knoblauchfest in Jõgeva wird nicht nur um die größte Knolle gewetteifert, sondern auch um den schönsten Knoblauchhut

Die Esten feiern gern – vor allem ihre Natur. Beim Knoblauchfest in Jõgeva wird nicht nur um die größte Knolle gewetteifert, sondern auch um den schönsten Knoblauchhut

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Das gelassene Hipstertum im Manna La Roosa, von vier Künstlern in Tallinn gegründet, ist typisch für die jungen Restaurants im Baltikum © Fabian Weiss

Das gelassene Hipstertum im Manna La Roosa, von vier Künstlern in Tallinn gegründet, ist typisch für die jungen Restaurants im Baltikum

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Im Boheem in Tallinn sind die Variationen des traditionellen Gerstenbreis sehr zu empfehlen © Fabian Weiss

Im Boheem in Tallinn sind die Variationen des traditionellen Gerstenbreis sehr zu empfehlen

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Die Gründer der Skateboard-Schmiede Localboards auf ihrer Veranda

Die Gründer der Skateboard-Schmiede Localboards auf ihrer Veranda

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 Wir übernachten in der Studentenstadt Tartu, nehmen den Weg zum Peipussee, es geht ins bäuerliche Baltikum – und ins Reich der Seto. Am Peipussee schlugen Russen 1242 den deutschen Schwertbrüder-Orden in die Flucht, bis dahin war das nördliche Baltikum lange Zeit deutsch gewesen. Heute ist der fünftgrößte See Europas ein beliebtes Ausflugsziel. Aber nicht ungefährlich. Ein Schild mahnt: Eisfischen nur mit aufgeladenem Handy! Mitten durchs Wasser verläuft die Grenze zu Russland, ihr Verlauf ist umstritten. Auch die Straße führt kurz über russisches Gebiet. Anhalten, aussteigen oder gar zu Fuß gehen – verboten! So sieht sie also aus, die Außengrenze von EU und Nato: ein Kieferwäldchen mit Drahtzäunchen, man könnte leicht drüberklettern. Auf estnischer Seite stehen Bänke. Was könnte es hier zu sehen geben?

Wir schlendern durch eines der Dörfer, viermal täglich fährt ein Bus, aber nur, wenn man vorher anruft. Ein Schild weist den Weg zu Post, Arzt und Bücherei. Sie sind, wie meistens hier, im selben Haus. Bei Värska und Petseri liegt das Zentrum der Seto. Seit Jahrhunderten lebt die Minderheit, unbehelligt von deutschen oder russischen Besatzern, im Grenzland. Aare und Rieka Hõrn sind Kulturbotschafter der Seto, sie haben uns eingeladen in ihr gemütliches Häuschen, es gibt Pfannkuchen mit Saure-Sahne-Sauce und geräuchertem Fleisch, so zart, dass man es fast mit dem Strohhalm essen könnte. Die beiden haben viel zu erzählen, sie stapeln Bücher, Bilder, Rezepte auf dem Tisch. Zwischen den Gängen: selbst gebrannter Schnaps. Die Kultur der Seto ist ein heiterer Mix aus orthodoxem Christentum und Naturreligion. Sie sind stolz auf ihre Unabhängigkeit. „Wir haben gelernt, außerhalb von Grenzen zu leben“, sagt Aare. Fühlt er sich als Europäer? „Für uns sind die kleinen Einheiten wichtiger. Das hier ist Setomaa – wie Wales oder Schwaben.“ Der Herr des Hauses gießt ein, immer mit rechts, immer im Uhrzeigersinn, er sitzt nicht am Tisch, sondern daneben, so ist es Sitte bei den Seto. Was wir nicht wissen: Wenn er das Glas reicht, darf man auch ablehnen mit den Worten „Sieht aus wie Wasser! Trink selbst!“ Am Ende sind wir fast betrunken. Er nicht.

Lettland

Nächstes Ziel: der Gauja-Nationalpark in Lettland. Ein Verkaufsbus kreuzt unseren Weg, am Steuer sitzt Rita und lacht uns an, sie versorgt halb Estland mit Lebensmitteln. Wir passieren die Grenzstadt Valka, die Straße wird zur Piste, fast kommen wir zu spät zu unserem Termin: eine Führung durch den Bunker von Līgatne. Von hier aus wollten die Russen im Falle eines Atomkriegs das Baltikum regieren, im Gemeinschaftsraum liegen noch Platten von Boney M. und Mireille Mathieu. Drei Monate hätten 250 Menschen unter Tage überleben können, heute finden hier manchmal Abenteuerspiel-Events für Erwachsene statt. Also fast wie damals.

Ich bin überrascht, wie unterschiedlich diese drei Länder doch sind, die wir im Westen so leichtfertig über einen Kamm scheren. Estland: eher skandinavisch. Litauen ist, wie ich später sehe, vom Nachbarn Polen geprägt. In Lettland dagegen macht die russische Minderheit fast ein Drittel der Bevölkerung aus, auch der Bürger­meister von Riga gehört ihr an. Sie leben mit den Letten in einer Art gespanntem Frieden. Anete, eine lettische Fotografin, zeigt uns ihre Stadt, das junge Riga. „Ständig entsteht etwas Neues“, sagt sie, „und dann verschwindet es wieder.“ Wer einen Laden eröffnet, muss im Frühjahr starten und hoffen, dass das Geschäft während des Sommers ordentlich in Fahrt kommt. Nur dann übersteht man den langen Winter, wenn die Menschen ihre Wohnung nicht gern verlassen.

Ständig entsteht etwas Neues, und dann verschwindet es wieder

Anete, Fotografin in Riga
Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Im Video: Unser Reporter berichtet von seinen Eindrücken aus dem Baltikum

Erste Station ist das ehemalige Fabrikgelände Kombināts Māksla. Schon zu Sowjetzeiten hatten sich Bildhauer und Maler hier niedergelassen, in manchen Räumen stehen noch Stücke von damals. Im Hof treffen wir auf die Brüder Sima und Pijus. Sie frühstücken gerade, es gibt Kaffee, dazu den beliebten Quarkriegel Kārums. Seit gestern jammen sie hier mit einem Dutzend anderer Musiker aus dem Baltikum. Später sehen wir sie über ihre Rechner gebeugt, einen Groove suchend, am Ende der Woche wird ein ganzes Album entstanden sein. „Baltic Trail“ heißt das Projekt.

Ein süß-herber Geruch liegt in der Luft, die Schokoladen­fabrik Laima ist nicht weit. Zeit für ein Mittagsbier in der kleinen Labietis-Brauerei. Wir probieren „White Aborigine“, dann „Mežs“ (mit Wacholder). Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise kommt mir deutsches Bier recht öde vor. Einen Steinwurf entfernt residiert „Localboards“, eine Werkstatt für Rollbretter aus lettischem Holz. Gewölbte Longboards seien ihre Spezialität, sagt Mitgründer Alberts Vieglins, ein blondlockiger Sportsmann wie aus dem Bilderbuch der Surf-Klischees. „Sie federn leicht, das macht echtes Surf-Feeling auf dem Asphalt.“ Alles ist handgemacht. Woher weiß man, wann ein Board fertig ist? „Wenn es zu dir sagt: ‚Ich will auf die Straße, Mann!‘“ Eine Gruppe junger Frauen betritt den Laden, sie lassen sich nieder und drehen die Musik auf. Groupies? Anete rollt spöttisch mit den Augen. Auf dem Werktisch steht noch der Grill von gestern. Sieht so aus, als würde auch heute gefeiert.

Wir fahren die Küstenstraße entlang, sie glitzert, als wäre beim Abmischen auch Glas hinzugegeben worden. Oder Bernstein? An der linken Spur stehen Autos am Straßenrand. Pilzsucher und Beerenpflücker ziehen hier in die Wälder. Die Sonne malt helle Flecken auf den Waldboden, von Weiß über Rot und bläuliches Grün bis Dunkelviolett knüpfen Moose und Gräser ihren Farbenteppich zwischen den dünnen Stämmen der Birken. Die Natur des Baltikums ist nicht monumental; es dauert, bis man von ihrem stillen Zauber eingenommen ist. Bei den Menschen ist es ähnlich. Eher zurückhaltend, fast kühl, wenn man sie anspricht, aber beim vierten oder fünften Satz kommt es dann doch, das Lächeln. Und bleibt.

Wir erreichen Kolka im Nordwesten Lettlands, hier trifft die Ostsee auf die Bucht von Riga. Eigentlich kann man die beiden Strömungen an der Farbe unterscheiden, heute aber schüttelt der herrlich heftige Wind alles durch. Weiter Richtung Süden. Halt machen wir im ehemaligen militärischen Sperrgebiet bei Irbene. Das gewaltige Radioteleskop dort – noch so ein geisterhaftes Zeugnis sowjetischer Vergangenheit. Im Wald ragt an vielen Stellen noch Stacheldraht aus dem Boden. Er sitzt fest, wie Pflanzen, die nicht entwurzelt werden können.

Litauen

Eine Fähre bringt uns auf die Kurische Nehrung. Die schmale Landzunge, halb litauisch, halb russisch, ist dicht mit Wald bewachsen. Wer ans Meer will, muss kleine Wanderungen über die Holzstege der Dünen unternehmen. Wir spazieren durch Nida, den Ort mit den bunten Häuschen, in dem auch Thomas Mann gern den Sommer verbrachte. Dann, kurz nach dem Schild „Kaliningrad 86 km“, steht sie plötzlich vor uns: eine prachtvolle Elchkuh. Ein Polizeiwagen stellt sich direkt daneben, will sie mit lauten Stößen aus seiner Sirene von der Straße treiben. Sie aber steht da, fast blasiert, dreht sich halb, schaut noch mal zurück, schlendert dann provozierend langsam in den Wald zurück. Als wollte sie sagen: „Ich gehe jetzt. Aber nicht wegen euch, sondern weil ich es will.“

In Vilnius, Hauptstadt Litauens, treffen wir Asta. Ihre Augen sind noch sehr klein. „Für uns ist der Sommer eine einzige Party“, sagt die junge IT-Managerin. Sie hat eine Flasche des salzigen Mineralwassers Vytautas dabei. „Perfekt gegen den Kater.“ In Vilnius, heißt es, kann man immer zwei Kirchtürme sehen, egal wo man steht. Asta bringt uns zu ihrer Lieblingskirche, Heiliger Peter und Paul im Botschaftsviertel. Sie ist innen ganz weiß, mit einem hängenden Schiffsmodell in der Mitte und zwei Pauken aus einer Schlacht gegen Russland. Im Stuck versteckt zwischen den Bibeldarstellungen: Dämonenfratzen. Der Anteil der Katholiken ist in Litauen höher als sonst im Baltikum, aber auch hier sind Naturreligionen allgegenwärtig, heidnische Rituale werden immer beliebter. „Ich vermute, der Erbauer gehörte einem Kult an“, sagt Asta, „und hat die Kirche nur so aussehen lassen, als wäre sie katholisch.“

Für uns ist der Sommer eine einzige lange Party

Asta, IT-Managerin in Vilnius

Nächstes Ziel: Užupis, die Künstlerkolonie im Herzen der Stadt, eine Art Staat im Staat, mit eigener Verfassung und Regierung. Ich möchte Staatsbürger werden. Asta muss ganz schön herumtelefonieren, dann steht er schließlich vor uns: Tomas Čepaitis, Außenminister der Unabhängigen Republik Užupis. Von welcher Angelegenheit wir ihn gerade abhalten, will ich wissen. „Pilzsuppe“, sagt er brummend, „ich habe Pilzsuppe gekocht.“ Er ist ein bisschen schlecht gelaunt und unsicher, wegen der Kamera. In der Hand hält er die Verfassung: zehn Ausführungen, im Postkartenformat, die Version für den Touristen-Shop.

Dann muss er mich enttäuschen. „Staatsbürger? Jeder ist Staatsbürger! Wenn er sich den Idealen von Užupis verbunden fühlt.“ Und welche Ideale sind das? „Siege nicht! Verteidige dich nicht! Ergib dich nicht!“ Ich hatte auf etwas Offizielles gehofft, ein Dokument, mit Siegel. Er überlegt. „Sie könnten Botschafter werden.“ In einer Galerie am Fluss absolvieren wir die Aufnahmezeremonie, sie hat viel mit Pantomime zu tun. Draußen ziehen Hochzeitsgesellschaften vorbei, wie immer am Freitag. Sie lachen und tanzen in der Straße, so laut, dass ich sie später, hoch auf dem Universitätsturm, noch hören kann. Dann werde ich zum Botschafter ernannt. Die Urkunde kommt später per Post nach Berlin.

Blick auf Riga, die Hauptstadt Lettlands; im Hintergrund die Düna und der Fernsehturm © Fabian Weiss

Blick auf Riga, die Hauptstadt Lettlands; im Hintergrund die Düna und der Fernsehturm

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Die Wetterfahnen von Nida stammen von den Masten alter Fischerboote, sie zeigten deren Herkunft an © Fabian Weiss

Die Wetterfahnen von Nida stammen von den Masten alter Fischerboote, sie zeigten deren Herkunft an

© Fabian Weiss
Altes Fischerhäuschen auf der Kurischen Nehrung; die deutschen Expressionisten um Lovis Corinth gründeten hier um 1900 eine Künstlerkolonie © Fabian Weiss

Altes Fischerhäuschen auf der Kurischen Nehrung; die deutschen Expressionisten um Lovis Corinth gründeten hier um 1900 eine Künstlerkolonie

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In der Nacht der Alten Freudenfeuer werden jedes Jahr Feuer entlang des Meeres im ganzen Baltikum entzündet © Fabian Weiss

In der Nacht der Alten Freudenfeuer werden jedes Jahr Feuer entlang des Meeres im ganzen Baltikum entzündet

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Das Poniu Laime serviert den besten Kuchen von Vilnius

Das Poniu Laime serviert den besten Kuchen von Vilnius

© Fabian Weiss
Das Baltikum erlitt viele Besatzer, die Küche ist entsprechend gemischt. Schaschlik gehört unbedingt zu den Standards

Das Baltikum erlitt viele Besatzer, die Küche ist entsprechend gemischt. Schaschlik gehört unbedingt zu den Standards

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Sorbet aus Moos- und Himbeere, am Tisch blitzgefroren mit flüssigem Stickstoff, im Restaurant Vincents in Riga

Sorbet aus Moos- und Himbeere, am Tisch blitzgefroren mit flüssigem Stickstoff, im Restaurant Vincents in Riga

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Rückkehr

Eigentlich hatten wir einen weiten, gelassenen Schlenker zurück nach Tallinn geplant. Aber wir müssen unbedingt noch mal zum Bunker. Denn auf dem Bunker liegt ein Sanatorium, und diese Reise ist nicht zu Ende, bevor wir nicht beide ein Moorbad genommen haben. Leyla, ein Berg von einer Frau, kümmert sich um uns. Sie sieht gefährlich aus, entpuppt sich aber als sanfte Riesin. Schüchtern bereitet sie das schwarze Blubberbad, tiefe Entspannung stellt sich ein, als ich darin liege. Als würde die Zeit jetzt doppelt langsam vergehen. Draußen höre ich die anderen kichern. Dass zwei Männer aus dem Westen sich hierher verirren und die volle Schlammpackung bestellen, das gibt es selten.

Zurück nach Tallinn, an der Westküste entlang: Die Strände reichen bis zum Horizont, sie scheinen menschenleer. Wir greifen uns zwei Flaschen Roggenbier und gehen ans Meer. Denn heute Nacht lodern an allen Stränden des Baltikums große Feuer – ein letztes Mal, bevor diese Stadt, das ganze Baltikum, sich wieder einhüllt in den langen weißen Winterschlaf.


Baltikum-Tipps

Restorāns Vincents

Moderne Gourmetküche nach lettischer Tradition; gilt als eines der besten Restaurants in Nordeuropa.

restorans.lv

Grybas House

Erstes Privathotel in Litauen nach Ende der Sowjetunion: neun Zimmer in der Altstadt, sehr familiär.

­grybashouse.com

KGB-Museum im Hotel Viru

Die ganze Absurdität des sowjeti­schen Überwachungstaates kann man hier erleben – und den schönsten Blick auf Tallinn.

viru.ee

Lufthansa Tipp

Lufthansa fliegt von Frankfurt jeweils zwei Mal täglich nach Tallinn (TLL), Riga (RIX) und Vilnius (VNO). Wie viele Meilen Ihnen für den Flug gutgeschrieben werden, sehen Sie online unter meilenrechner.de.

LH.com

Alle City-Tipps auch bei

foursquare.com/lufthansa


Sebastian Handke war noch sehr jung, als er geboren wurde. Seine Kindheit verlebte er in San Francisco und im schwäbischen Kernland. Als es damit vorbei war, fand er sein Auskommen als Regieassistent, Flash-Entwickler, Musiker und Journalist. Jetzt schreibt er für Lufthansa Exclusive und leitet das Lufthansa Magazin Online als verantwortlicher Redakteur.


Tiefer Urwald, karge Berge, weite Buchten: Der Fotograf war überrascht von der Vielfalt vor Hongkongs Haustür – ein Paradies für Naturfreunde. Und egal, wohin die Entdeckungstour führte: Am Ende wartete stets ein Stand mit Leckerbissen.

Fabian Weiss ist freischaffender Fotograf und Mitglied der Agentur LAIF. In seinen fotografischen Essays erforscht er kulturelle Veränderungen in unserer bewegten Zeit, seine intimen Bilder zeigen nuancierte und durch feinfühlige Beobachtung entstandene Porträts im Kontext der jeweiligen Kultur. Während seiner Lehrtätigkeit mit der internationalen Workshop-Reihe ‘Publish Yourself!’ erarbeitet er gerne ganze Magazine in Rekordzeit. Weiss lebt in Estland und Deutschland und arbeitet überwiegend im Baltikum, Osteuropa und noch weiter östlich.

Fabian Weiß Photography