Papua Neuguinea © Meiko Herrmann
© Meiko Herrmann

Am schönsten Ende der Welt

  • TEXT ADRIAN PICKSHAUS
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

Papua-Neuguinea ist eines der letzten Naturparadiese. Nur 21.000 Besucher verirrten sich im vergangenen Jahr auf die Rieseninsel nördlich von Australien. Unser Reporter flog in den Urwald – dort traf er auf Buschpiloten, Krokodiljäger und stolze Stammeskrieger

Die Sonne versinkt über dem Sepik, dem großen Strom von Papua-Neuguinea. Benny Sone, 32, macht sich fertig. Er zieht das Gummiband der Stirnlampe über seine Glatze, schultert drei Speere, klettert die Böschung hinab und steigt in den Bug eines Einbaums. Sein Sohn, gerade sieben Jahre alt, sitzt schon hinten. Der Vater nickt, der Junior paddelt los. Still schneidet das Kanu durch das schwarze Wasser. Sone ist ein netter Mann. Er will mir, dem Reporter aus Deutschland, ein Steak zum Dinner jagen – Krokodil.

Im Sepik wimmelt es nur so von den gefährlichen Reptilien, sie streiten um das reiche Fischangebot in dem 1126 Kilometer langen Fluss. Besonders imposant sind die Leistenkrokodile, die zwischen Sepik und dem offenen Meer pendeln: Männchen dieser Spezies können schon mal über sechs Meter lang werden. Der Jäger leuchtet die schilfbewachsenen Ufer ab. Da! Wenige Meter entfernt funkelt ein Augenpaar. Der Sohn paddelt schneller, der Vater springt von Bord, sein breites Kreuz ein schneller Schatten. Das zweite Kanu, in dem mein Fotograf und ich folgen wollen, schaukelt heftig. Noch ist nicht klar, wer hier als Steak endet.

Rückblende, knapp eine Woche zuvor. Ich sitze in einer Beechcraft Baron, das kleine Propellerflugzeug knattert über den dampfenden Dschungel. Ich will auf einer Rundreise Papua-Neuguinea erkunden, jenes fast unentdeckte Naturparadies nördlich von Australien, in das sich nur rund 21.000 Besucher pro Jahr verirren. In dem Land, das wahlweise als besonders gefährlich, rückständig und unzugänglich gilt, will ich das perfekte Abenteuer suchen. Zu Wasser, zu Fuß und in der Luft. Ich will Menschen treffen, die es in meiner Heimat Deutschland so nicht gibt. Krokodiljäger und Inselflieger, Buschdoktoren und Stammeskrieger.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Im Video: Adrian Pickshaus erzählt von seiner Reise in den Urwald

 Unter mir brechen Kalksteinzähne durch den grünen Teppich, braune Flussläufe schlängeln sich wie satte Pythons daher. Papua-Neuguinea hat ein Drittel mehr Fläche als Deutschland, aber nur knapp 7,5 Millionen Einwohner. Außer dem Highlands Highway, mehr Acker als Autobahn, gibt es kaum Überlandstraßen.

Dafür sind 500 Landebahnen in den Wald geschlagen. Manche Pisten sind so steil, dass sie Sprungschanzen ähneln. Bob Bates, 75, mein Pilot, kennt alle ihre Tücken. Der Australier, weißes Haar und verschmitzter Blick unter der roten Basecap, fliegt hier seit einem halben Jahrhundert. „Es gibt kein schöneres Land auf der Welt, um abzuheben“, ruft er gegen den Propellerlärm. Wie zum Beweis taucht ein erloschener Vulkan vor uns auf. Kumuluswolken tanzen um den Gipfel wie weiße Drachen. „Mount Giluwe“ bellt Bates, „4368 Meter!“, Papua-Neuguineas zweithöchster Berg.

Bates drückt die Nase der 40 Jahre alten Beechcraft langsam nach unten. Er hat einen grasgrünen Streifen im Visier, der weit vor uns aus dem Dickicht leuchtet. Bates hat mehr als 10.000 Flugstunden auf dem Buckel, er weiß, was er tut. Trotzdem werden meine Hände feucht, als die Baumkronen unter mir rasend schnell größer werden. Wir landen butterweich, beim Ausrollen erzählt Bob seine Geschichte: Mitte der 1960er Jahre kam er ins Land, ein junger Ingenieur aus Westaustralien, angeheuert von einem Bauunternehmen. Papua-Neuguinea wurde da noch von Down Under aus verwaltet, 1975 erst wurde das Land in die Unabhängigkeit entlassen.

Alles im Griff: Mit sicherer Hand und festem Griff steuert Bob Bates sein Flugzeug über den Dschungel

Alles im Griff: Mit sicherer Hand und festem Griff steuert Bob Bates sein Flugzeug über den Dschungel

© Meiko Herrmann
Die Urwälder im Nordwesten von Papua-Neuguinea sind ein weitgehend unberührtes Ökosystem. „Es gibt kein schöneres Land auf der Welt, um abzuheben“, meint der Pilot

Die Urwälder im Nordwesten von Papua-Neuguinea sind ein weitgehend unberührtes Ökosystem. „Es gibt kein schöneres Land auf der Welt, um abzuheben“, meint der Pilot

© Meiko Herrmann
Der 72-jährige Australier Bob Bates, Pilotenlegende und Lodgebesitzer, in seiner zweimotorigen, 40 Jahre alten Beechcraft Baron

Der 72-jährige Australier Bob Bates, Pilotenlegende und Lodgebesitzer, in seiner zweimotorigen, 40 Jahre alten Beechcraft Baron

© Meiko Herrmann
Die Karawari Lodge in Papua Neuguines ist ein friedlicher Ort mit bequemen Bungalows.

"Die Karawari Lodge ist ein friedlicher Ort mit bequemen Bungalows. Hier überfällt einen höchstens Demut, wenn man vom Balkon aus auf den Dschungel schaut."

© Meiko Herrmann
Sagarias Kundi, 25, arbeitet als Medizinmann für rund 2000 Menschen in der Region. Sein größtes Problem ist die Malaria: „Jeder hier trägt den Virus in sich.“

Sagarias Kundi, 25, arbeitet als Medizinmann für rund 2000 Menschen in der Region. Sein größtes Problem ist die Malaria: „Jeder hier trägt den Virus in sich.“

© Meiko Herrmann
Aus dem faserigen Mark der Sago-Palme gewinnen die Stämme am Karawari River das Mehl für Pudding ...

Aus dem faserigen Mark der Sago-Palme gewinnen die Stämme am Karawari River das Mehl für Pudding ...

© Meiko Herrmann
... und Teigfladen. Einen Supermarkt gibt es hier nicht, alles liefert die Natur, alles in bio.

... und Teigfladen. Einen Supermarkt gibt es hier nicht, alles liefert die Natur, alles in bio

© Meiko Herrmann
39 Paradiesvogel-Arten wurden auf Papua-Neuguinea bereits entdeckt. Sie sind häufig der Grund, warum westliche Besucher an den Karawari reisen

39 Paradiesvogel-Arten wurden auf Papua-Neuguinea bereits entdeckt. Sie sind häufig der Grund, warum westliche Besucher an den Karawari reisen

© Meiko Herrmann
Totenschädel in einem Geisterhaus: Noch in den 1950er Jahren war Kannibalismus in der Region weitverbreitet

Totenschädel in einem Geisterhaus: Noch in den 1950er Jahren war Kannibalismus in der Region weitverbreitet

© Meiko Herrmann
XXL-Schmuck: Eine Tänzerin posiert auf der Mount Hagen Show für die Jury des Tanzfestivals mit einer prächtigen Muschelkette

XXL-Schmuck: Eine Tänzerin posiert auf der Mount Hagen Show für die Jury des Tanzfestivals mit einer prächtigen Muschelkette

© Meiko Herrmann
Knochenjob: Tänzer der Omo Masalai Group in Mount Hagen. Mit dem Skelett-Look schlugen schon ihre Vorfahren Feinde in die Flucht

Knochenjob: Tänzer der Omo Masalai Group in Mount Hagen. Mit dem Skelett-Look schlugen schon ihre Vorfahren Feinde in die Flucht

© Meiko Herrmann
Auf dem Weg zur Jagd: Benny Sone mit seinem siebenjährigen Sohn am Sepik. Auf dem längsten Fluss Papua-Neuguineas wollen sie Krokodile zur Strecke bringen

Auf dem Weg zur Jagd: Benny Sone mit seinem siebenjährigen Sohn am Sepik. Auf dem längsten Fluss Papua-Neuguineas wollen sie Krokodile zur Strecke bringen

© Meiko Herrmann

 Wenig später eröffnete Bates sein erstes Hotel in der Wildnis: die Karawari Lodge, im Nordosten des Landes, auf deren Flugplatz wir gerade gelandet sind. „Heute gehören mir sechs Lodges und ein Ausflugsschiff“, erzählt er stolz. Bates ist jetzt Airline-Chef, Tour-Anbieter und Tourismus-Botschafter zugleich. Für viele Menschen in Papua-Neuguinea ist er ein Held, weil er gegen den schlechten Ruf ihrer Heimat ankämpft.

„PNG“ hat ein Gewaltproblem. In Ranglisten der gefährlichsten Metropolen landet Port Moresby schon mal weit vorn. Bei Nacht gilt die Hauptstadt als No-go-Area, das schreiben selbst die furchtlosen Experten der Backpacker-Bibel „Lonely Planet“. Dazu kommen immer wieder Gewaltexzesse in anderen Landesteilen, die weltweit Schlagzeilen machen. 2013 wurde auf dem malerischen Black-Cat-Trail eine Gruppe Rucksack-Touristen überfallen. Angreifer zerhackten zwei Träger mit Macheten, vier Reisende wurden verletzt. Paradies und Hölle sind in Papua-Neuguinea zwei Enden desselben Kanus.

Die Karawari Lodge ist ein friedlicher Ort mit bequemen Bungalows. Hier überfällt einen höchstens Demut, wenn man vom Balkon aus auf den Dschungel schaut. Hundert Meter über dem Fluss thront das Hauptgebäude, errichtet aus Edelhölzern im Stil eines Geisterhauses. Die Decken sind sechs Meter hoch, darunter stapelt sich Kunsthandwerk: Geisterfiguren, denen Krokodile aus dem Mund kriechen. Masken, auf deren bunten Köpfen muschelbesetzte Fledermäuse sitzen. Die Schnitzereien aus den Dörfern der Gegend sind weltberühmt. Aber bloß nicht zu lange hinschauen – sonst krabbeln noch die Alpträume mit unter das Moskitonetz.

Am nächsten Tag jage ich mit dem Schnellboot über den Karawari River. Ich bin ja nicht zum Urlaub hier, sondern für große Abenteuer. Der Zufluss des mächtigen Sepik ist rund 300 Kilometer lang. Links und rechts fliegen Dörfer vorbei, die Dächer der Hütten sind mit den Palmen der Sago-Palme bedeckt. Die Pflanze liefert Baumaterial und spendet auch das wichtigste Grundnahrungsmittel: aus ihrem faserigen Mark gewinnen die Menschen am Fluss das Mehl für herzhafte Teigfladen. Das Leben hier ist einfach. Arbeitsteilung findet kaum statt, jeder macht alles. Gejagt, gefischt und angebaut wird nur, was auch selbst verzehrt wird. Einen Supermarkt haben die meisten Menschen hier noch nie betreten. Alles liefert die Natur, alles in bio. Beneidenswert.

Paradies und Hölle – hier sind es zwei Enden desselben Kanus

 Im Dorf Yimas treffe ich Sagarias Kundi, 25, Figur wie ein Sprinter. Auf dem Rücken trägt er parallele Reihen wulstiger Narben, die wie Krokodilschuppen aussehen. Wenn Jugendliche zum Mann werden, lassen sie sich schneiden. Die Wunden werden mit Lehm verschlossen. Auch einige Frauen tragen stolz solche Narben. Sagarias arbeitet als Medizinmann für rund 2000 Menschen in der Region. Seine Ausbildung? „Ein Workshop bei einer Hilfsorganisation.“ Seine Bezahlung? „Gar keine.“ Sein größtes Problem? „Die Malaria. Jeder hier trägt den Virus in sich.“ In seiner provisorischen Praxis dient eine Pappe als Liege, in der Ecke stehen Boxen voller Medikamente, ein kleiner Reliquienschrein huldigt der Mutter Gottes.

Wen das Sumpffieber besonders schwer erwischt, der muss ins nächste Krankenhaus. „Zwei volle Tage dauert die Reise mit dem Boot“, sagt Sagarias, „viele Patienten schaffen das nicht.“ Dann wird aus dem Krankentransport ein Totenschiff. Jetzt beneide ich die Menschen hier nicht mehr. Und ich sprühe hektisch Moskito-Spray nach.

Die wenigen westlichen Besucher, die heute hierher kommen, suchen am Karawari vor allem eines: Paradiesvögel. 39 Arten des bizarren Federviehs haben Forscher auf Neuguinea schon entdeckt. Besonders Vogelfans aus den USA rücken ihnen auf die Pelle, mit Teleobjektiven groß wie Raketenwerfer. Für sie liegt das Abenteuer im Sucher der Kamera.

Auf der Krokodiljagd am Sepik höre ich die Balzlaute der Vögel im Dickicht. Es fiept und piept und gurrt und singt – Laute wie von einem fremden Planeten. Dazu kommt ein Quieken: Jäger Benny Sone hat tatsächlich ein Krokodil gefangen! Rund 1,40 Meter lang ist der Kleine, der in den starken Händen meines Helden zappelt und herzzerreißende Laute ausstößt. „Tu’small“, zu klein, sagt Benny in schönstem Pidgin-Englisch, das in „PNG“ Verkehrssprache ist. Er lässt den geschuppten Junior in die schwarzen Fluten zurückgleiten. Kein Steak für mich, aber auch kein schlechtes Gewissen. Und kein Ärger mit der großen Kroko-Mutter.

Am nächsten Tag fliege ich nach Mount Hagen. Im westlichen Hochland herrscht Ausnahmezustand. Zum alljährlichen Tanzfestival, der Mount Hagen Show, schwillt die 50.000-Einwohner-Stadt auf das Doppelte an. Aus allen Teilen des Landes sind die kostümierten „Culture Groups“ gekommen, sie repräsentieren gut 80 der insgesamt 1000 Volksstämme in „PNG“. Hotelzimmer können sich nur die wenigsten leisten, also schlafen die Tänzer in Zelten und auf Pappkartons am Straßenrand.

© Cristóbal Schmal

 Auf einer großen Wiese tanzen die Gruppen der Jury vor. „Nur einen Gewinner gibt es nicht, am Ende müssen alle gewinnen!“, erklärt mir Michael Noki, 30, das seltsame Konzept des großen Sing Sing. „Sonst gäbe es Streit – und niemand würde im nächsten Jahr wiederkommen. Wir sind stolze Menschen hier, verstehst Du?“ Ich nicke heftig, denn Noki sieht wirklich furchteinflößend aus: Speer in der Hand, auf dem Kopf ein buntes Barett, in das Federn gesteckt sind. Über seine Augenpartie zieht sich ein feuerroter Streifen Schminke. Der Rest seines Gesichts ist gelb, weiß und schwarz bemalt.

Noki gehört zum Stamm der Kulga, mit seiner gut 20-köpfigen Crew tanzt er für Ruhm und Ehre des Dorfes Polga. Fast wäre ihr Auftritt heute gescheitert – die rote Schminke war alle. „Die Farbe wird aus einem besonderen Flussschlamm gewonnen, sehr selten – und teuer!“ 100 Kina kostet ein kleiner Topf, rund 30 Euro, in Papua-Neuguinea ein echtes Vermögen. Die Tanzgruppen ziehen an mir vorbei. Jede versucht mit einer Eigenheit aufzutrumpfen. Die „Elibali Sing Sing Group“ schüttelt Haare und Federschmuck, als wäre sie auf einem Heavy-Metal-Konzert. Die „Almami Sing Sing Group“ trommelt einen Rhythmus, der auch in der Südtribüne von Borussia Dortmund bejubelt würde. Und die „Kava Paradise Singing Group“ schmettert Gesänge in einem Uptempo-Style, der an den jungen James Brown erinnert. Über 800 Sprachen, haben Ethnologen herausgefunden, werden auf Papua-Neuguinea gesprochen. Das sind rund 10 Prozent aller auf der Welt bekannten Sprachen. Es scheint, als würde sich die Vielfalt des Landes in den Worten der Menschen spiegeln.

Mir wird schwindelig. Sind das nun die Pillen gegen Malaria, die ich seit zehn Tagen schlucke – oder ist es doch die Flut von Eindrücken, mit der mich dieses Land überschwemmt? Das Rauschen der Flüsse, die Lockrufe der Paradiesvögel, die Gesänge der Stämme auf der Mount Hagen Show – all das schwirrt mir im Kopf umher. Ja, ich habe echte Abenteuer erlebt. Aber dieser Trip war auch verdammt anstrengend. Gibt es Krokodilsteaks nicht auch bei uns im Supermarkt?