© Christian Werner

Freundliche Übergabe

  • TEXT INGO NIERMANN
  • FOTOS CHRISTIAN WERNER
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Jedes Jahr im Juni macht Basel eine radikale Verwandlung durch: Aus der beschaulichen Stadt wird der Hotspot der Kunstwelt.

  Wenn es um die Art Basel geht, dieses Jahr vom 12. bis 18. Juni, ist kein Vergleich zu groß. Für den Daily ­Telegraph ist es die „Olympiade der Kunstwelt“, für den Kunsthändler Kenny Schachter gar ihr „Mekka“. Jeder Sammler und Galerist, dem es „physisch und finanziell möglich“ sei, müsse einmal im Leben die Reise auf sich nehmen, denn auf der Art Basel Kunst zu kaufen gleiche einem religiösen Akt.

Eine ordentliche Zeremonie braucht Geduld und Muße.Deshalb beginnt die Art Basel nicht mit einem bukolischen Fest, sondern mit einem Frühstück am Montagmorgen. Für den berühmten Auktionator Simon de Pury ist das Sammeln von Kunst „eine Besessenheit, eine Suchtkrankheit, dazu eine unheilbare“. Das lässt die Folterqualen ermessen, die rund 500 auserkorene Gäste erleiden müssen, wenn sie quer durch die Messehalle in den Patio geleitet werden, ohne einen einzigen Blick auf die ausgestellte Kunst zu erhaschen. Ein hundert Meter langes Spalier, geformt von hübschen jungen Menschen, macht ein Ausreißen unmöglich. Immerhin warten am Ende große Mengen an Champa­gner, Himbeeren und neuesten Gerüchten darüber, mit welchen Künstlern und Galerien es gerade auf- oder abwärts geht.

Als die Art Basel 1970 erstmals eröffnete, gab es nur eine weitere Kunstmesse, die Art Cologne in Köln. Heute konkurrieren Dutzende Messen auf der ganzen Welt miteinander. Weil die Art Basel auf Klasse statt Masse setzte, wurde sie dennoch immer bedeutender. „99 Prozent aller Galeristen, die einmal auf der Messe vertreten waren, wollen wieder hin“, schätzt der Hamburger Sammler Harald Falckenberg. Doch bleibt die Zahl der Aussteller seit 47 Jahren auf rund 300 begrenzt. Darum müssen sich auch Giganten wie Hauser & Wirth, Larry Gagosian und David Zwirner jedes Jahr aufs Neue um ihre Zulassung bewerben.

Kontinuierlich gestiegen ist indes die Zahl der Besucher. Mittlerweile sind es an die 100 000, die jährlich in das gerade mal 200 000 Einwohner zählende Basel strömen und sich auch von einem Eintrittspreis von 50 Schweizer Franken (47 Euro) nicht abschrecken lassen. Man zahlt, damit man überhaupt kaufen darf – und auch dann wird einem nur an den letzten vier der sieben Messetage Zutritt gewährt. Montag bis Mittwoch ist die Art Basel den VIPs vorbehalten, mit deren Auslese ein weiteres Komitee das ganze Jahr über beschäftigt ist. Hollywood-Stars wie Leonardo DiCaprio, der russische Oligarch Roman Abramowitsch und Hedgefonds-Milliardär Steve Cohen waren schon da. Altehrwürdige Großsammler wie die Amerikaner Mera und Don Rubell, die Italienerin Nicoletta Fiorucci und der Deutsche Friedrich Christian „Mick“ Flick sind Stammgäste.

Messehalle von Herzog & de Meuron

Messehalle von Herzog & de Meuron

© Christian Werner
Messebesucher vor einer Installation von Ai Weiwei

Messebesucher vor einer Installation von Ai Weiwei

© Christian Werner

BSL

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  Nach dem VIP-Frühstück geht es zur Eröffnung der einen Kilometer entfernten Nachwuchsmesse „Liste“, die im „Werkraum Warteck pp“ untergebracht ist, einer ehemaligen Brauerei. Auf Taxis und Ubers kann man während der Messe lange warten, auch der Limousinenservice verschafft wenig Entlastung. Darum gehen die meisten zu Fuß und reihen sich in eine dank zahlreicher Stöckelschuhe eher gemächliche Prozession ein. Das übrige Jahr haben Basler Künstler in dem Warteck-Gebäude ihre Ateliers, jetzt wird der gelbe Klinkerbau – ein unübersichtliches Gefüge an Gängen, Treppen und Nischen – zum Showroom. Hat man Glück, findet man sich irgendwann am Aufgang zum Turmstübli wieder. Jetzt sind es nur noch 150 steile Stufen in die rund 20 Quadratmeter kleine Bar, wo man, sich zu hundert anderen hinzuquetschend, einen imposanten Blick über die Stadt ergattern kann. Richtung Süden über den Rhein, Richtung Osten ragt der Roche-Turm auf, das mit 178 Meter höchste Hochhaus der Schweiz. Er scheint in seiner dreieckigen, sich nach oben einseitig verjüngenden Form von einem Stück Käse inspiriert zu sein. Wie die neue Messehalle, das Museum der Kulturen und das Schaulager der Laurenz-Stiftung wurde auch er von den heimischen Architekturstars Herzog & de Meuron entworfen.

Art Basel und Liste liegen rechtsrheinisch, im sogenannten Kleinbasel. Vis-à-vis erhebt sich das historische Stadtzentrum. Hier findet „Parcours“ statt, ein Begleitprogramm der Messe mit Skulpturen, Videos und Performances, zusammengestellt vom Basler Kurator Samuel Leuenberger. Der lässt alle seine Kontakte spielen, sodass auch das älteste Gymnasium und der älteste Privatgarten Basels begehbar werden – da wird Kunst fast zur Nebensache. Damit die Besucher auf Trab bleiben und die Basler sich genug an deren extravaganten Kleidern – oder ihrer betonten Unauffälligkeit – erfreuen können, kehrt die Pilgerschar nach der Liste-Eröffnung zurück zum Messegelände. Dort eröffnet am Montagnachmittag die „Art Unlimited“, ein Sonderbereich für besonders großformatige Werke, sei es eine vielteilige Videoinstallation oder der detailgetreue Nachbau eines um einen Pool zentrierten Patios – in Originalgröße.

Blick über den Rhein auf die Altstadt Grossbasel

Keine Kunst, doch schön: Blick über den Rhein auf die Altstadt Grossbasel

© Dagmar Schwelle/laif

  Die eigentliche Art Basel beginnt am Dienstag um elf Uhr, da warten die VIPs bereits geduldig in schier endlosen Schlangen. Jedes Jahr macht dabei das beunruhigende Gerücht die Runde, einige Super-VIPs hätten bereits eine oder zwei Stunden vor ihnen Einlass in die heiligen Hallen gefunden. Bei der wachsenden Zahl an Multimillionären und Milliardären scheint es nur eine Frage der Zeit, bis einer neuen Kategorie an Super-Super-VIPs um sechs Uhr morgens ein noch exklusiverer Zugang gewährt wird.

Bange Frage: Gibt es bald einen noch exklusiveren Zugang für Super-Super-VIPs?

Dass die Messe unter Sammlern aus aller Welt so populär ist, liegt auch an ihrem beschaulichen Standort. Im US-Ableger, der Art Basel Miami Beach, dreht sich alles ums Sehen und Gesehenwerden, während sich in der Schweiz das oberste Promille noch vor Paparazzi und Verrückten sicher fühlen kann. Zwar hat auch die Art Basel inzwischen einen Taschen-Scan eingeführt, doch kommt man weiter ungehindert in die alteingesessenen Restaurants. Viele Hotels sind indes während der Messe hoffnungslos ausgebucht. Das am Rhein gelegene traditionsreiche Hotel Krafft ist komplett mit Art-Basel-Stammgästen belegt – trotz mehr als verdoppelter Zimmerpreise. Selbst wer zehn Jahre im Voraus buchen möchte, schafft es bloß auf die Warteliste. In der Kunstwelt bekannte Basler erreichen vor der Messe regelmäßig Bettelmails, in denen gefragt wird: „Habt ihr auf eurem Balkon noch ein Plätzchen für eine Luftmatratze?“

Manch wohlhabender Basler Bürger lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen und verreist während der Messe, um seine Villa für Tausende Franken pro Tag zu vermieten – ideal für Sammler, die mit einer Entourage aus Koch, Yogalehrer, Friseur und Kunstberater anreisen und eigene Partys veranstalten wollen. Betuliche, mit alten Kutschrädern dekorierte Stadtteile wie Bruderholz werden dann von metrosexuellen Hipstern aus aller Welt heimgesucht. Den Messetrubel nehmen die meisten Basler gelassen, wenn nicht mit Stolz. Einmal im Jahr Weltstadt sein, danach ist alles wieder schön geruhsam, wie praktisch!

Besucher bei der Art Basel

Schauen und Schaulaufen – hier tummeln sich Edel-Hipster ...

© Christian Werner
Besucher mit Rolex bei der Art Basel

... die Rolex am Handgelenk gehört dazu

© Christian Werner
Das „White Cube Hotel“ vom Künstlerkollektiv „Die Bande“

„White Cube Hotel“ vom Künstlerkollektiv „Die Bande“

© Christian Werner

Kunst als Kommentar: dekonstruierter Pick-up hinter dem Basler Bau- und Verkehrsdepartment

© Christian Werner
Strand vor dem Museum Tinguely

Nach der Kunst ein Bad im Fluss: Strand vor dem Museum Tinguely

© Christian Werner

  Viele Basler machen selbst mit und geben sich in der einen Woche Tralala fürs ganze Jahr: Etliche Kunst-, Foto- und Designmessen haben sich an die Art Basel angedockt. Die Swiss Art Awards zeigen eine große Halle voll junger Schweizer Kunst, „I Never Read“ ist ein liebevoll installierter Markt für Künstler­bücher, und rund um die Messe parken Pritschenwagen mit Out­sider-Art. Partys führen an frivol anmutende Orte wie den in Pink gehaltenen Club Velvet, in den sich die meisten das übrige Jahr nie verirren würden. Hier machen sich Sammler und Galeristen zum fröhlichen Abschluss des Tages mit dem Fußvolk aus Nachwuchskünstlern, freien Kuratoren und Assistenten gemein.

Aber wo den Rest der Nacht verbringen, wenn man nicht gerade Millionär ist? Als die örtliche Jugendherberge St. Alban 2010 vom Architekturbüro Buchner Bründler preisgekrönt renoviert und um einen Glasbau erweitert worden war, avancierte sie umgehend zum Geheimtipp. Selbst Johann König, Inhaber der Berliner König Galerie, nächtigt hier. Die Doppelzimmer sind allerdings mindestens ein Jahr im Voraus ausgebucht. Kurzfristiger zu haben ist ein Platz im Sechsbettzimmer für knapp 50 Franken pro Person. Unschlagbar günstig ist es im „White Cube Hotel“, vergangenes Jahr vom Basler Künstlerkollektiv „Die Bande“ eingerichtet. 28 Franken kostete die Nacht im kompakten Einzelzelt, Frühstück inklusive – und dann war man auch noch Teil eines Kunstwerks! Macht das Beispiel Schule, kann sich künftig die gesamte Messe in einen Ort verwandeln, an dem man einander beim Schlafen, Essen und Feiern zuschaut. Verkauft wird hier vorwiegend Flachware, an Wänden hängend. Außerdem sind die Messe­hallen recht hoch – es ist also noch jede Menge Platz.