© Malte Jäger
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Ausgeballert?

  • TEXT REINHARD KECK
  • FOTOS MALTE JÄGER

Das 17. Bundesland wird aufgehübscht: Immer mehr Luxushotels eröffnen auf der Baleareninsel Mallorca, auch die deutsche Hochburg S’Arenal bleibt nicht verschont. Treue Sangria-Trinker fürchten schon um ihre Dauerparty

Zwei Uhr nachts in der Großraumdisco Megarena: Der Bass stampft, die Go-go-Girls hüpfen, die Meute grölt. Onkel Jürgen, der Mann am Mikro, reißt sich das weiße Rüschenhemd auf und singt dazu: „Wieder alles im Griff, auf dem sinkenden Schiff, keine Panik, auf der Titanic …“ Montag ist Drews-Tag am Ballermann. Seit 1976 bespaßt der Schlagervete­ran auf Mallorca feierwütige Teutonen mit Bierzelt-Hymnen. Bei seinen Shows ist der 70-Jährige oft der Älteste im Saal, ein ewiges Sinnbild des Ballermann-Tourismus: einerseits peinlich, andererseits populär – und beides ziemlich konstant.

„Ich bin ein Therapeut, ich verabreiche Glückshormone“, erklärt der Schlager-Senior später. An den Bühnen-Ruhestand habe er nie gedacht. „Ich mache weiter, solange ich Spaß daran habe.“ Dass sich in seinem Reich derzeit einiges ändert, ist allerdings auch Drews nicht entgangen: „Es passiert unglaublich viel“, sagt er. Nur wenige Meter von seiner Bühne in der Megarena entfernt, in einem kleinen Waldstück, wo früher Prostituierte ihre Kunden trafen, baut die Kette Hipotels derzeit das Design-Hotel Playa de Palma Palace, eine Fünf-Sterne-Unterkunft. Die gesamte Playa de Palma, auch die deutsche Party-Hochburg S’Arenal, wird in den kommenden Jahren ein neues Gesicht bekommen – sie soll schicker, moderner, anspruchsvoller werden.

Zur Brust genommen: Go-go-Dancer auf Mallorca mit Touristin © Malte Jäger

Zur Brust genommen: Go-go-Dancer mit Touristin

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Elegante Clubs verwandeln die Party-Insel in ein gehobenes Reiseziel © Malte Jäger

Elegante Clubs verwandeln die Party-Insel in ein gehobenes Reiseziel

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Lokal mit klarer Kleiderordnung © Malte Jäger

Lokal mit klarer Kleiderordnung

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Im Megapark: Kampftrinken mit erhobenem Zeigefinger © Malte Jäger

Im Megapark: Kampftrinken mit erhobenem Zeigefinger

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Auch ein Ballermann braucht mal Pause © Malte Jäger

Auch ein Ballermann braucht mal Pause

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DJ Vik.T im Purobeach. Der Club liegt auf einem Fels in der Nähe des Flughafens und ist Mallorcas erste Adresse für schöne und reiche Menschen © Malte Jäger

DJ Vik.T im Purobeach. Der Club liegt auf einem Fels in der Nähe des Flughafens und ist Mallorcas erste Adresse für schöne und reiche Menschen

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Das neue Palma setzt eher auf Business-Nomaden und Jetsetter statt auf Ballermann-Touristen © Malte Jäger

Das neue Palma setzt eher auf Business-Nomaden und Jetsetter statt auf Ballermann-Touristen

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Hotel Garonda: Luxus am Ballermann © Malte Jäger

Hotel Garonda: Luxus am Ballermann

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Miguel Amengual Delgado führt das Hotel © Malte Jäger

Miguel Amengual Delgado führt das Hotel

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PMI

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 Seit Mai vergangenen Jahres gelten an Palmas Stadtstrand bereits verschärfte Benimmregeln: Alkohol in der Öffentlichkeit ist verboten. Eimersaufen sowieso. Kaugummispucken, öffentliches Urinieren oder Kippenwegwerfen kostet 50 Euro Strafe. Auch brüllend laute Straßenmusik ist untersagt. Der neue Verhaltenskodex dient als Vorstufe eines auf zehn Jahre angelegten Masterplans: 496 Millionen Euro werden investiert, Bettenburgen aufgemöbelt, die Balneario genannten Strandposten aufgehübscht. Im Frühjahr schon hat das Hotel Garonda eröffnet, die erste Fünf-Sterne-Unterkunft in S’Arenal.

Lange Zeit war diese Lage ein Nachteil für jedes Haus mit Anspruch, nun fühlt sich Hotelmanager Miguel Amengual Del­gado, 34, gerüstet für die Zukunft. Er führt durch die minimalistische Lobby und erklärt sein Geschäftsprinzip: Anspruchsvolle und zahlungskräftige Touristen habe er als Zielgruppe im Blick. Jene, die sich die Playa de Palma als eine Art Las Vegas mit Sonne und Meer vorstellen: ein buntes Sündenbabel, knallig, verrückt und verrucht. Ein Laufsteg der Eitelkeiten statt der Peinlichkeiten. „In wenigen Jahren wird die Playa vielleicht ganz anders aussehen“, sagt Amengual. Die Zahlen stimmen ihn ­optimistisch: Die Juniorsuiten mit Meerblick für rund 300 Euro die Nacht waren Anfang Juni bereits ausgebucht.

Wie kommt die Verwandlung bei Ballermann und Ballerfrau an? Tim, 28, Kreisliga-Fußballer aus dem Breisgau, sagt: „Wer hierherkommt, will doch die Sau rauslassen.“ Denise, 24, Bankangestellte aus Oldenburg, meint: „Das Schöne ist doch, dass man hier alle Sorgen einfach zu Hause lassen kann.“ Claudia, 34, Sachbearbeiterin in Stuttgart: „Hier darf es wild zugehen – viel wilder als zu Hause im Schwäbischen.“ Sie feiert seit mehr als zehn Jahren jeden Sommer eine Woche mit „ihren Mädels“ auf „Malle“ – um sich vom Ehemann zu erholen, wie sie sagt. Doch auch sie stellt fest: „Es ist schon jetzt viel ruhiger als früher.“ Heißt es also bald „Adiós Mythos Schinkenstraße“? Von den Fünf-Sterne-Visionen der Hoteliers hält Claudia wenig: „Es könnte doch alles bleiben, wie es ist.“

Es ist schon jetzt viel ruhiger als früher

Claudia, Mallorca-Reisende aus Stuttgart

Jenes stilvolle (und zahlungskräftige) Publikum, das man auch gerne im Hotel Garonda begrüßen würde, sammelt sich ein paar Kilometer weiter, im Strandclub Purobeach. Hier gehen Jetsetter und Business-Nomaden ein und aus, und auch Fußball-Weltmeister wie Manuel Neuer oder Mario Götze sollen hier gern feiern. Eine ähnliche Klientel flaniert auch durch das Trendviertel Portixol. Das frühere Fischerdorf, am nordwestlichen Ende der Playa de Palma gelegen, hat sich in kurzer Zeit rasant gentrifiziert. Die Immobilienpreise zogen an, ranzige Tavernen verwandelten sich in schicke Bars. Früher lag der Gestank einer Stoff- und Lederfabrik penetrant über dem Viertel, nun duftet es nach gegrillten Gambas, Parfüm und Zigarren. Auch Studentin Allison, 23, hofft, dass sich die Playa de Palma verändern wird. Sie träumt von einem eigenen Hotel. Stilvoll, jung, hip soll es werden – wie die Bar Cocco, der Szene­treff, in dem sie kellnert. Allisons Mutter stammt aus Ecuador, sie arbeitet als Zimmermädchen auf der Insel. „Kein toller Job, aber wir leben hier besser als zu Hause“, sagt Allison. Seit Oktober studiert sie hier Hotelmanagement. „Wer an der Playa hart arbeitet, bekommt auch eine Chance.“

Zurück am Ballermann: An der Würstchenbude vor der Megarena brutzelt das Katerfrühstück. Die Kellerdiscos spucken die letzten Nachtschwärmer aus. Noch spiegeln sich die Neonlichter der Striplokale in den Urinpfützen. Doch auch in den Oben-ohne-Bars ist die Show bald vorbei. Ein paar Stunden können alle durchatmen, bevor der Irrsinn wieder von vorn losgeht. Der Ballermann wurde schon oft für tot erklärt, gestorben ist er nie. „Arenal sollte immer ein Feier-Dorado bleiben“, sagt Jürgen Drews, steigt in sein gelbes Oldtimer-Cabrio und verschwindet im Licht der aufgehenden Sonne. Keine Panik auf der Titanic.


Mallorca-Tipps

Patrón Lunares

Der Szene-Treff ist eine Hommage an die Seeleute des Viertels Santa Catalina.

patronlunares.com

Hostal Corona

Open-Air-Bar des Hostal Corona im Hof einer Jugendstil-Villa; Treffpunkt für Einheimische.

hostal-corona.com

Lufthansa-Tipp

Lufthansa fliegt im Winter mindestens einmal pro Woche von München (MUC) nach Palma de Mallorca (PMI). Bei Bedarf wird das Angebot in München und Frankfurt auf bis zu drei wöchent­liche Flüge erweitert.

lh.com

Alle City-Tipps auch bei

foursquare.com/lufthansa


Reinhard Keck, geboren 1981 im süddeutschen Freudenstadt, lebt in London und arbeitet dort als Journalist und Autor. Er studierte Literatur, Kommunikation, Journalismus und Fotografie in Erfurt und England. Danach arbeitete er als Redakteur bei der “Abendzeitung” in München und berichtete anschließend als Auslandsreporter für “Bild am Sonntag” über Krisen, Konflikte und internationale Politik. Seine Reportagen aus aller Welt erscheinen in deutschen und britische Medien, darunter “Der Tagesspiegel”, “Mail on Sunday”, “The Times”, “GalaMen” und diverse Titel von “G+J Corporate Editors”.

reinhardkeck.com


Ich hätte nicht gedacht, dass ich es derart hoch im kalten Norden jemals so schön finden könnte. Zumindest an dem Tag, an dem die Sonne schien, wäre ich gern geblieben.

Malte Jäger lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin. Und er liebt das Wasser. Die Lofoten, wo hinter jeder Kurve ein neues Gewässer wartet, würde er gerne noch einmal bereisen – dann mit seinem Hausboot.

maltejaeger.de