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Ihr weiter Weg

Die russische Seele, gibt’s die? Nicht nur Journalisten stellen der tief im Osten geborenen Schauspielerin Emilia Schüle diese Frage. Jetzt hat sie sich selbst auf Spurensuche in Russland begeben – eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Der See liegt still, obwohl der Wind scharf über die Küste pfeift. Vor Emilia Schüle erstreckt sich eine Steppe: hartes, verblichenes Gras, gelb wie ihre Jacke. Ein paar Meter weiter bricht die Ebene zu einer steilen Felsküste ab. Unten schimmert das Wasser des Baikalsees, das größte Süßwasserreservat der Welt. Seit sie sich erinnern kann, haben ­Schüles Eltern von diesem Gewässer erzählt. So groß wie ein Meer soll er sein, wunderschön, beruhigend und bedrückend zugleich. „Die haben nicht übertrieben“, sagt sie. Schüle ist 1992 in Sibirien geboren. Als sie ein Jahr alt ist, zieht ihre Familie nach Deutschland. Schüle wächst in Berlin auf und wird zu einer bekannten deutschen Schauspielerin. Ihr Geburtsort Blagoweschtschensk aber schwebt über allem. Bleibt sichtbar im Kleidungsstil ihrer Tanten und Großmütter, äußert sich im direkten, lauten Humor der Familie, steht auf dem Frühstückstisch in Form von dünnen russischen Pfannkuchen. Russland bleibt Teil von Schüles Biografie, auch weil sie als weißrussisches „Wegwerfmädchen“ in einem „Tatort“ ihren Durchbruch erlebte.

Angekommen: Der Film »A Home Unknown« zeigt Emilia Schüles Reise an ihren Geburtsort Blagoweschtschensk

Jetzt steht Schüle auf der Insel ­Olchon im Oblast Irkutsk und überprüft ihr Bild von einem Land, das sie nur aus Geschichten kennt. „Ich möchte diesen blinden Fleck in meiner Vergangenheit mit Bildern füllen“, sagt die 24-Jährige, „den Ort sehen, der bislang nur ein Wort in meinem Reisepass war.“ Noch fremdelt Schüle. Sie spricht Russisch, fühlt sich aber in der Sprache nicht heimisch. Das R will nicht recht rollen, die Worte fehlen. Von Berlins dreckig-bunten Straßen in die Mondlandschaft von Olchon: Größer könnte der Kontrast kaum sein – und doch ist Schüle in beiden Welten verwurzelt. „Ich habe einmal in einem Interview den Begriff ,russische Seele‘ benutzt. Seitdem wollten alle von mir wissen, was das eigentlich ist. Jeder hat eine Idee, aber ich kann diesen Begriff kaum in Worte fassen“, sagt Schüle. Eine Reise nach Sibirien soll das ändern. Wir werden sie begleiten.

  Irkutsk, 5185 Kilometer hinter Moskau

Am Hauptbahnhof von  ­Irkutsk ­beginnt die Tour in Schüles Vergangenheit, die Fahrt nach Blagowe­schtschensk. Eine lange Reihe grau lackierter Wagen schiebt sich in den Bahnhof, die Eisenschnauze voran, unser Zuhause für die nächsten 58 Stunden. Die Transsibirische Eisenbahn hat, von Moskau kommend, bereits 5185 Kilometer hinter sich gebracht. Wir haben mit dem Flugzeug etwas abgekürzt.

An den Wänden unseres Schlaf­abteils hängen je zwei Etagenbetten, bezogen mit rotem Kunstleder, hier rollen wir später die Matratzen aus. Die Nächte zuvor schlief Schüle schlecht ein, zu viele Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum. Doch das stete Rattern des fahrenden Zuges schaukelt sie bald in den Schlaf. Einöde umhüllt die Waggons. Seit jeher nutzen russische Regenten die ferne Provinz zur Stabilisierung ihrer Macht. Hier sprudeln die Quellen russischen Reichtums aus dem Boden, hierhin schickte Stalin seine Gegner  – in das Vergessen oder in den Tod. 1891 wird die Provinz an den Rest des Landes angeschlossen, es beginnt der Bau der „Transsib“. 9288 Kilometer Schienen müssen gelegt werden, von Moskau über das Uralgebirge bis nach Wladiwostok im fernen Osten. Permafrostboden und Tauwetter behindern die Arbeiten, der Bau frisst jedes Jahr ein Drittel der russischen Eisenproduktion. Die gigantischen Dimensionen des Projekts machen das tuckernde Stahlross zum Mythos.

Emilia Schüle am Bahnsteig
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Himmel über Sibirien
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   Ulan-Ude, Kilometer 5640

Am Morgen erfasst uns jene geistige Verwirrtheit, die jeden Anfänger in der Transsib packt. Die Züge durchqueren zwar acht Zeitzonen, ihr Fahrplan aber richtet sich nach einer einzigen, der Moskauer Zeit. Als der Zug am Morgen hält und wir uns in der kühlen Luft von Ulan-Ude die Beine vertreten, ist es laut unseren Handys 5 Uhr morgens  – Bahnhofsuhren und Fahrplan jedoch zeigen Mitternacht an. Wir richten uns nach dem Tageslicht und frühstücken: Käse, Wurst und krümeliges Weißbrot.

Schüle will mit dem Zug nach Blagoweschtschensk reisen, um möglichst viel von Russland zu sehen. Drei Tage lang wird sie auf grüne Birkenwälder blicken, zarte Stämme entlang der Gleise, mächtige Bäume dahinter, verbrannte Stümpfe. „Das Schöne am Zugfahren ist, dass die Seele Zeit hat mitzureisen“, sagt sie.

Schüles Eltern sind beide ­Ärzte. Die Sowjetunion hatte ihre Ausbildung ­bezahlt und sie dann, im Gegenzug, zum Dienst in eine Militärbasis vor Blago­weschtschensk versetzt. Schüles ältere Schwester erinnert sich, wie die Kinder im Winter zum Spielen nach draußen gingen, so dick eingepackt in Fell und Filzstiefel, dass sie sich kaum bewegen konnten und auf dem kleinen Spielplatz herumwatschelten wie übergewichtige Pinguine.

Wildpferde in der sibirischen Steppe

Emilia Schüle: »Die Tür der russischen Seele steht immer einen Spalt breit offen. Und wenn nur ein sanfter Wind kommt, dann fliegt sie auf und lässt jeden herein.«

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   Tschita, Kilometer 6198

Alle paar Stunden hält der Zug inne und spuckt Passagiere an Bahnhöfen im Nirgendwo aus. Zeit, die Ortschaften zu erkunden, bleibt nicht. Die Schaffnerin Natascha lädt Säcke mit gebrauchter Bettwäsche ab, der Speisewagen erhält Nachschub. Eine Gruppe Mädchen nutzt die Gelegenheit, um vor dem vibrierenden Zug eine Choreografie zu üben. Sie sind auf dem Weg nach China, zu einem Tanzwettbewerb, erzählen die jungen Sportlerinnen. „Russische Disziplin“, meint Schüle, „das kenne ich von zu ­Hause.“ In ihrer Familie sei es immer sehr wichtig gewesen, gute Leistungen zu bringen. Die russische Seele, ist sie so ehrgeizig? Langsam, doch mit jedem Kilometer verlieren die vielen Gesichter im Zug ihre Fremdheit.

 

   Zilovo, Kilometer 6670

Im Speisewagen wartet das Mittag­essen. Auf dem Weg dorthin durchqueren wir sieben Waggons der dritten Klasse. Türen und Privatsphäre gibt es hier nicht. Es ist heiß, ein süßlicher Geruch nach ungewaschener Haut und Tütensuppe liegt in der Luft. Füße hängen im Gang, ­Ellenbogen ragen aus den Betten, die meisten Reisenden liegen auf ihren Pritschen, schlafen, eine Gruppe Soldaten spielt Karten. Die Prospekte der Reisebüros zeigen Gold, Teakholz, roten Samt: die Transsibirische Eisenbahn, der Stolz der Russischen Föderation. Doch das sind die Sonderzüge für Touristen. Die Fahrt in den engen, stickigen Abteilen der Regelzüge nehmen nur Russen auf sich, die sich kein Flugticket leisten können. Und Rucksack-Touristen, die von einem ursprünglichen Abenteuer träumen.

Schüle adaptiert das Zugleben umstandslos. Putzt sich die Zähne im Gang, plaudert am Samowar mit Natascha. „Der Humor kommt mir bekannt vor, die Lautstärke, in der Gespräche geführt werden. Die Menschen können in rauem Ton miteinander sprechen und sich trotzdem wohlgesinnt sein“, sagt sie. Wir zuckeln mit Tempo 60 durch die Steppe. Noch 1300 Kilometer bis Blagoweschtschensk.

Bahnsteig einer Haltestelle der Transsibirischen Eisenbahn
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Kahle Landschaft in Sibirien
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Imbissstand an der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn
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Bahnsteig Transsibirische Eisenbahn
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  Amazar, Kilometer 7004

Am Bahnsteig erstehen wir eine ­Tüte Pinienkerne von einer alten Frau. Auf dem kleinen Tisch vor ihr das ­weitere Angebot: eingelegte Gurken, Hühner­beine, Kaustangen aus Baumharz und Pelmeni, gefüllte Teigtaschen. Am Abend liegt Schüle auf ihrer Pritsche und erzählt von der Militärstation Nikolaiski, wo sie einen kurzen Sommer und einen sehr langen Winter verbrachte. Zwei fünfstöckige Plattenbauten, dazwischen ein Spielplatz, einmal am Tag kam ein Wagen und brachte Nahrungsmittel. Nach ihm hielt die Mutter am Fenster Ausschau. Denn wer zu spät kam, verpasste die Tagesration.

 

  Erofei Pavlovich, Kilometer 7111

Vereinzelte Häuser stehen an den Schienen, daneben Felder mit frisch gepflügter, doch trockener Erde. Blickdichte Zäune drumherum. Als grenzten die Bewohner ihr Territorium entschlossen gegen die umliegende Weite ab, um nicht in ihr verloren zu gehen. Schüle sammelt Mosaiksteine, die sich langsam zu einem Bild der russischen Seele zusammensetzen. Russen begegnen Fremden oft mit Misstrauen. Aber dann – ein paar Wörter auf Russisch, ein Lächeln – ändert sich das schnell. Schüle formuliert es so: „Die Tür der russischen Seele steht immer einen Spalt breit offen. Und wenn nur ein sanfter Wind kommt, dann fliegt sie auf und lässt jeden herein.“

Russische Kirche
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Süßwarenauslage
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Emilia Schüle in ihrer Geburtsstadt
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Plattenbauten in Russland
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  Belogorsk, Kilometer 7866

Der Zug schiebt sich durch die endlose Weite. Er ist ein Raum ohne Zeit. Ein kompaktes Paralleluniversum voller Arbeiter, Familien und Soldaten, das durch die Taiga saust. Wir starren auf Wiesen, Wälder und Flüsse, ohne sie je zu riechen, zu durchstreifen, ohne die Birken rascheln zu hören. In ein paar Stunden wird Schüle ihren Geburtsort wiedersehen. Möglichst viel sehen und fühlen, das hat sie sich vorgenommen: „Ich versuche, jeden Tag hier zu umarmen.“

 

  Blagoweschtschensk, Kilometer 7971

Acht Uhr morgens. Der erste Eindruck von Blagoweschtschensk: Auch hier gibt es die alten Holzhäuser, in den Höfen spielen Kinder zwischen Wäscheleinen und Ladas. Doch je ­näher der Amur rückt, der Grenzfluss zu ­China, desto schicker wird die Architektur. Glänzende Autos, frisch verputzte Fassaden, Leuchttafeln. Dieser Ort hat nichts mit der armen Kleinstadt zu tun, von der Schüles Mutter erzählt hat. Der Ort hat sich geöffnet, treibt Handel mit China, investiert in Mietfahrräder und Seilbahnen.

Der Weg führt uns ans Wasser. Die chinesische Stadt Heihe leuchtet am anderen Ufer des Amurs. Erst jetzt, nach all den Gesprächen, den herzlichen Begegnungen, hier, zwischen all den zurechtgemachten Russinnen in glitzernden Kleidchen, die den Abend am Fluss genießen, erkennt Schüle den Zweck ihrer Reise: Es geht nicht darum, eine deutsche und eine russische Seele zu definieren. Es gilt, beide zu vereinen. Leicht wird es nicht, doch Schüle will es versuchen: „Vielleicht muss ich klein anfangen. Und erst einmal lernen, wie man Borschtsch kocht.“