Herzflimmern in Rio

  • TEXT ANDRZEJ RYBAK

Selbstfahrende U-Bahnen, sprechende Mülleimer und Sensoren, die freie Parkplätze melden: Smart-City-Konzepte sollen den Alltag in Großstädten erleichtern. Auch Rio de Janeiro bereitet sich mit Hightech auf die Olympischen Spiele vor – ein Besuch im digitalen Herzen der Stadt

Alarm im „Centro de Operações“, das ­bedeutet: Hektik im informellen Herzen Rio de Janeiros. In der Innenstadt hat ein Bürohaus Feuer gefangen. Noch während Polizei und Feuerwehr Rettungsmaßnahmen einleiten, berechnen Verkehrsexperten die besten Umleitungsrouten und schicken Stauwarnungen auf 
digitale Leuchttafeln, die an den Ausfallstraßen der Stadt stehen. Parallel dazu informieren sie Taxidienste und Bürger über SMS und soziale Medien. Radioreporter schalten sich aus einem Nebenraum in die Programme ihrer Sender ein und halten ihre Hörer über die Verkehrslage auf dem Laufenden.

Der Kommandoraum, der sich hinter einer verspiegelten Fassade am Rande des Zentrums verbirgt, erinnert mit seiner fast 50 Meter breiten Bildschirmwand an ein futuristisches Kontrollzentrum der Nasa. Die Monitore zeigen Bilder von neuralgischen Punkten der Stadt, von Straßen, Tunneln und Brücken, über die zu jeder Tageszeit pausenlos Autos rollen. In der Mitte prangt eine digitale Karte von Rio, auf der die aktuellen Staus in Rot, Lila und Gelb aufleuchten. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, regeln hier mehr als 400 Mitarbeiter die städtischen Abläufe, analysieren Daten von 900 Kameras und über 10 000 Sensoren, die auf ihren Computern zusammenlaufen. Sie können den Standort der Müllwagen verfolgen, um sie bei Bedarf schnell dorthin zu schicken, wo sich der Abfall stapelt. Zugpannen, Stromausfälle, Unterbrechungen in der Wasserversorgung, Probleme in den Kläranlagen – alles wird sofort an die Einsatzzentrale Rios gemeldet, die sich dort schnell um Lösungen bemüht. „Wir sind die Augen und die Ohren von Rio de Janeiro“, sagt­ ­Pedro Junqueira, Leiter der Kommandozentrale.

Wenn Rio Karneval feiert, zeigen die Monitore in der Einsatzzentrale, wo die Paraden zu Staus führen: in den rot gefärbten Bereichen

Wenn Rio Karneval feiert, zeigen die Monitore in der Einsatzzentrale, wo die Paraden zu Staus führen: in den rot gefärbten Bereichen

© Tomas Rangel

 Ein reibungsloser Informationsfluss und die sinnvolle Verarbeitung dieser Informationen in Echtzeit – das ist der Kern dessen, was Stadtplanungsbüros und IT-Firmen unter dem Schlagwort „Smart City“ verstehen. Doch auch diese Definition ist gewagt. Denn der Begriff, der erst seit etwa zehn Jahren durch die Städtebau-Szene kursiert, ist so vielschichtig wie die Probleme, mit denen die Metropolen dieser Welt zu ringen haben. Einige Probleme gibt es jedoch fast überall: Staus, Müllberge, Parkplatzprobleme. Dazu kommen oft Themen wie Wasserversorgung, Sicherheit und Energieverbrauch.

Für sichere, saubere und effiziente Kommunen spielen Datenverarbeitung und digitale Vernetzung eine immer größere Rolle. So ist aus den Albträumen der Stadtlenker ein Zukunftsmarkt für die IT-Branche geworden, Wachstum ist programmiert. Heute lebt bereits über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, täglich wandern weltweit etwa 180 000 Menschen in die Metropolen ein. In 35 Jahren, so eine UN-Prognose, werden circa 70 Prozent der Weltbevölkerung in urbaner Umgebung leben. Unternehmen wie IBM, Siemens, Cisco und seit Kurzem auch Google kämpfen darum, wer von dieser Entwicklung am stärksten profitieren wird.

Im schlimmsten Fall kann ein einziger Klick eine ganze Stadt ausschalten

Sandro Gaycken, Experte für Cyber-Sicherheit

Die Einsatzzentrale in Rio de Janeiro etwa hat IBM konzipiert. Kurz bevor Bürgermeister Eduardo Paes den Auftrag dazu gegeben hatte, war die Stadt 2010 von einer Katastrophe heimgesucht worden. Nach schweren Regenfällen war es zu einigen verhängnisvollen Erdrutschen gekommen, viele Häuser wurden zerstört, Hunderte Menschen starben. Nicht nur unmittelbar betroffene Opfer warfen den Behörden Versagen vor. Ihr Ansatz: Hätte es ein vernünftiges Frühwarnsystem gegeben, eine funktionierende Kanalisation und – vor allem in den Favelas – stabiler gebaute Häuser, wären die Folgen nicht so verheerend gewesen. Die Stadt rühmt sich zwar der spektakulären Felsenkegel und ihrer ausgedehnten Buchten, aber ihre Infrastruktur ist durch und durch marode. Paes war klar, dass Rio als Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele in diesem Sommer dringend Verbesserungen brauchte, doch fehlten ihm Geld und Zeit dafür. Das Centro de Operações bot eine Möglichkeit, zumindest Teile des urbanen Lebens effizienter zu gestalten – weil die gesammelten Informationen hier schneller und sinnvoller genutzt werden können.

Eine Stadt gerät ins Stocken, kein Wunder bei etwa 6,5 Millionen Einwohnern

Eine Stadt gerät ins Stocken, kein Wunder bei etwa 6,5 Millionen Einwohnern

© Fotoarena/imago

 Auch Siemens gehört zu den weltweit größten Anbietern von Smart-City-Lösungen, man setzt stark auf den Bereich Verkehr. Martin Powell, Leiter des Bereichs „Urban Development“, war zuvor als Umweltberater der Stadt London tätig. Siemens baute zu jener Zeit das Londoner City-Maut-System auf, in dem heute sämtliche Fahrzeuge erfasst und Gebühren kassiert werden. Gleichzeitig wurde das U-Bahn-Netz verbessert, ein automatisches Leitsystem reguliert seitdem die Frequenz der Züge. So hat sich die Kapazität etwa um ein Drittel erhöht. Das Ergebnis: Das Verkehrsaufkommen sank um etwa 20 Prozent, die Luftverschmutzung nahm ab, Staus wurden deutlich seltener.

In Berlin baute Siemens ein sensoren- und kameragestütztes Staumeldesystem auf. Das Einsparpotenzial ist enorm: Der Treibstoffverbrauch der im Stau steckenden Fahrzeuge liegt allein in Deutschland bei gut 30 Millionen Liter pro Tag. Zuletzt installierte Siemens in Berlin – zunächst noch als Pilotprojekt – Radarsensoren an Straßenlaternen, die Informationen über Parklücken per App an suchende Autofahrer übermitteln.

Ob in Barcelona, New York, Tokio, Kopenhagen – inzwischen laufen Tausende Smart-City-Projekte auf der ganzen Welt. Komplette Siedlungen werden von Beginn an energieeffizient geplant und mit Hightech ausgestattet. So wie Masdar, die „CO2-neutrale Wissenschaftsstadt“ in der Wüste von Abu Dhabi, die mit Sonnenenergie versorgt wird. Oder Songdo, das gerade mal elf Jahre alte, am Reißbrett geplante Viertel in Südkorea, auf einer künstlich aufgeschütteten Insel vor Seoul. Songdo ist die Heimat von derzeit 40 000 Menschen und das Vorzeigeprojekt von Cisco. In seinem lebenden Labor setzt der US-Konzern auf flächendeckende Datenerfassung. Kameras spähen in fast jeden Winkel, Wohnungen, Büros, Krankenhäuser und Schulen in Songdo sind miteinander vernetzt und per Mobilfunk kontrollierbar. Ein weiteres Cisco-Projekt wird in Barcelona erprobt: Tausende Bewegungsmelder sind an Laternen und Müllcontainern und unter dem Asphalt installiert, die Ampeln schalten auf Grün, sobald sich ihnen ein Feuerwehrauto nähert, und volle Abfalleimer rufen selbst die Müllabfuhr.

Allmächtiger: Pedro Junqueira, Leiter der Einsatzzentrale, ist Rios wahrer Schutzpatron. Über die Bildschirme hat er die Stadt im Blick

Allmächtiger: Pedro Junqueira, Leiter der Einsatzzentrale, ist Rios wahrer Schutzpatron. Über die Bildschirme hat er die Stadt im Blick

© Tomas Rangel

 Schließlich ist auch der Datenriese Google in das Geschäft mit der vernetzten Stadt eingestiegen. CEO der dafür gegründeten Tochter Sidewalk Labs ist Daniel Doctoroff, der unter Bürgermeister ­Michael Bloomberg als Deputy Mayor von New York für die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung der Stadt zuständig war. Google ist deutlich später als andere Unternehmen in den Wettbewerb um die smarten Städte gestartet, dafür mit einer umso größeren Vision: Sidewalk Labs kündigte an, alle Städte weltweit mit kostenlosen Internetverbindungen versorgen zu wollen. Den Anfang macht das Unternehmen derzeit in New York, wo nach und nach Telefonzellen durch extrem leistungsfähige WiFi-­Hotspots ersetzt werden. Langfristig will ­Google, vermutlich auch mithilfe der dadurch anfallenden Daten, ein System von selbstfahrenden Bussen, Bahnen und Autos aufbauen.

Trotz ihrer offensichtlichen Vorteile stehen Smart-City-Konzepte vielfach in der Kritik. Datenschützer warnen vor den Risiken einer totalen Überwachung. Wie soll die Privatsphäre angesichts der Unmengen gesammelter Informationen noch gewahrt werden? Noch heikler ist eine andere Frage: Die Komplexität der Anwendungen und zentralisierte Vernetzung machen die Städte anfälliger für Havarien und für Angriffe von Hackern und Terroristen. „Zentralität ist immer interessant für potenzielle Angreifer. Im schlimmsten Fall könnte man mit einem Klick eine ganze Smart City ausschalten“, warnt Sandro Gaycken, Experte für Cyber-Sicherheit und Direktor des Digital Society Institute an der European School for Management and Technology in Berlin. Die Industrie kennt dieses Risiko, sie setzt drohenden Pannen Firewalls und Not-Back-ups entgegen. Und wirbt mit ihren Erfolgen. So betont Siemens-Manager Powell die positiven Effekte der smarten Technologien, die sich teilweise bereits messen lassen: „In London sind überall Kameras installiert worden, dadurch ist die Kriminalitätsrate deutlich zurückgegangen“, sagte er. „Zudem fließt der Verkehr schneller, die Luftverschmutzung wird reduziert.“

Wir sind die Augen und Ohren von Rio de Janeiro

Pedro Junqueira, Leiter der Einsatzzentrale

Und welche Erfahrungen hat Rio de ­Janeiro gemacht, das im August wieder im Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit steht? „Wir können nicht alle Missstände sofort beseitigen“, sagt Junqueira von der Hightech-Einsatzzentrale, doch die WM 2014 wertet er als gelungene Generalprobe für Olympia. Klar gab es Staus, als die Massen zum Maracanã-Stadion oder zur Fan-Meile an der Copacabana drängten. Angesichts Hunderttausender Besucher waren aber selbst Einheimische erstaunt, dass das Verkehrschaos nicht schlimmer als sonst war.

Besonders stolz ist Junqueira auf sein neues Unwetter-Frühwarnsystem. Ein hochempfindlicher Wetterradar in den Bergen der Stadt kann Regenfälle auf 350 Kilometer Entfernung erkennen. Großrechner sollen voraussagen, welche Stadtteile von Unwettern bedroht sind. Gefährdete Straßen können so frühzeitig gesperrt und die Bewohner per SMS aufgefordert werden, Schutzunterkünfte aufzusuchen. In Zusammenarbeit mit dem japanischen Technologiekonzern NEC testete man in Rio zuletzt sensorgestützte Technologien samt Handy-App, die Erdrutsche vorhersagen sollen – nachhaltiger Nutzen für die Zeiten, wenn das Olympische Feuer in der Stadt längst wieder erloschen sein wird.


 

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Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.