Illustration: Tierleben im Wildlife Education Center, Uganda
© Tim Möller-Kaya

Meine Nachbarn in Entebbe

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Entweder man geht in den Zoo. Oder man fliegt nach Afrika. Und geht dort in den Zoo. In Uganda war es so weit. In den Gehegen des „Wildlife Education Center“ von Entebbe leben quasi alle Arten, die auch links und rechts vom Zoo durch die Wildnis laufen. Doch es ist kein Gefängnis. Die Löwen, Elefanten, Affen und Giraffen hier wurden verletzt oder krank angetroffen, mitgenommen, geheilt und aufgepäppelt. Ihre Gehege waren wirklich groß, das Design maximal artgerecht. Ich machte mir keine Sorgen um das Wohl der Tiere, sondern um meins. Denn in diesem Zoo kann man auch wohnen. In Rundhütten für Gäste, mittendrin. Sehr romantisch, sehr preiswert. Für rund 44 Euro durfte ich nur einen Steinwurf entfernt von brüllenden Großkatzen schlafen. Kein Pro­blem. Ihr Gatter war von einem Wassergraben umgeben. Einen Zaun gab es auch. Ich habe mal ein Buch über Zootiere geschrieben und dafür im Tierpark Hagenbeck in Hamburg recherchiert. Da war der Wassergraben am Löwengehege nicht breiter als in Entebbe. Kein Problem, denn Löwen springen zwar bis zu sechs Meter weit, aber nur, wenn sie genügend Platz für einen Anlauf haben. Und den gibt’s bei Hagenbeck leider nicht. In dem afrikanischen Zoo hatten sie locker 100 Meter, um auf jenes Tempo zu kommen, das für einen drei Meter breiten Wassergraben reicht. Der Zaun war auch ein Witz, und mit diesem Wissen allein in der stockfinsteren Nacht an den Großkatzen vorbeizugehen war schaurig-schön. Es war klar, dass nichts passiert, aber in den Schein meiner Taschenlampe konnte ich einiges hineinfantasieren. Schnelle Schatten, gelbe Augen, leise Tatzen. Und ­natürlich war ich heilfroh, dass mir weder Tarzan noch Hemingway zusahen. Ich war doch nur ein Held in Halb-Gefahr.


Unser Kolumnist, 1952 geboren, trampte mit 17 Jahren erstmals nach Indien und traf anschließend seine Berufswahl: Reiseautor. Seitdem pflegt er sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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