Illustration: Szenen eines Marathons
© Andrea Chronopoulos

Wo laufen Sie denn?

  • TEXT FABIAN HOBERG
  • ILLUSTRATION ANDREA CHRONOPOULOS

Wer Marathons liebt, kann in Weltstädten und Wüsten, an Stränden entlang und sogar auf der Chinesischen Mauer laufen. Eine Reise zwischen Tränen und Triumphen.

Marathon, das bedeutet: Laufen, Schnaufen, Schwitzen, einen Fuß vor den anderen setzen, bis man die Schritte nicht mehr wahrnimmt. Stundenlang. Über Schotter, Sand, Asphalt. Mit Blasen, Krämpfen, Muskelkater. Marathon bedeutet aber auch: jede Menge Endorphine, Glücksgefühle, Höhenflüge. Wer es einmal ins Ziel geschafft hat, will den Rausch immer wieder erleben. „Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Willst du ein neues Leben kennenlernen, lauf Marathon“, sagte schon die tschechische Lauflegende Emil Zátopek.

Inzwischen existiert ein wahrer Lauftourismus. Profisportler und Hobbyathleten fliegen um die Welt, um die Urwälder von Rotorua zu durchmessen, die Gebirge des Himalaja und die Straßenschluchten von New York. 2016 starteten dort Sportler aus 124 Nationen, beim Berliner Marathon kamen 57 Prozent der Läufer aus dem Ausland. Der Reiz? Sport und Reisen zu kombinieren, andere Kulturen nicht nur vom Taxi aus zu bestaunen, fremden Menschen wortwörtlich über den Weg zu laufen.

Packen Sie also Laufschuhe und Trinkflasche ein, und starten Sie! Wir zeigen, wo Langstreckenläufer neue Ziele finden – und das Erlebnis mehr zählt als das Ergebnis.

Der Historische

 

Mit Pheidippides fing alles an. Im Jahr 490 vor Christus soll der Bote von Marathon nach Athen gelaufen sein, um den Sieg der Griechen über die Perser zu vermelden. Kaum hatte er die Kunde überbracht, brach er vor Erschöpfung tot zusammen. Ihm zu Ehren fand bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 der erste offizielle Marathonlauf statt. Heute führt der Athens Marathon immer im November über Pheidippides’ historische Route, vorbei am Grabmal für die damals gefallenen Athener zum Panathinaiko-Stadion. Läuft man hier ein, fühlt man sich selbst wie eine Legende.


 

Der kultigste

 

London hat in Sachen Marathon Maßstäbe gesetzt, denn hier wurde bei den Olympischen Spielen 1908 die Laufstrecke auf exakt 42,195 Kilometer festgelegt. Der Grund: Die bis dahin gültige Distanz von 25 Meilen (40,23 Kilometer) reichte nicht vom Start am Schloss Windsor bis zur Ziellinie vor der Loge der Royals im Stadion. Kurzerhand hängten die Veranstalter eine Meile und 385 Yards dran. Seit 1981 führt der London Marathon durch die Stadt, jedes Jahr im April. Die Läufer, viele so farbenfroh gekleidet wie die Queen, starten in Greenwich, überqueren die Tower Bridge, laufen durch die Docklands und das Eastend und passieren schließlich den Buckingham Palace, wo ihnen die Regentin zuwinkt – als Motivation für den Endspurt.


 

Der steilste

 

Statt nur geradeaus geht es in Paris auch hoch hinaus: Im März fällt wenige Wochen vor dem jährlichen Stadtmarathon der Startschuss für das Eiffel Tower Vertical. Das Rennen findet nachts statt und führt über die Außentreppen des Eiffelturms zum Ziel — 279 Meter über der funkelnden Stadt. Auf den 1665 Stufen geht die Pumpe garantiert ebenso schnell wie bei einem Langstreckenlauf. Damit sich die Läufer nicht gegenseitig auf die Füße treten, sind nur 128 Teilnehmer ­zuge­lassen. Gestartet wird nacheinander, gelaufen wird gegen die Uhr. Der Rekord: 7 Minuten und 48 Sekunden – eine echte Herausforderung für Senkrechtstarter.

Der Populärste

 

Alles ist groß in den USA, vor allem die Sportevents. Der New York City Marathon im November gilt – gemessen an der Zahl der Teilnehmer – als größter Marathon der Welt. Gingen bei der Premiere 1970 gerade mal 127 Läufer an den Start, nehmen heute rund 50 000 Menschen teil, darunter Prominente wie Pamela Anderson, P. Diddy, Ryan Reynolds und Alicia Keys. Die Startplätze sind extrem begehrt, viele werden im Losverfahren vergeben. Wer auf Nummer sicher gehen will, bucht Teilnahme, Flug und Hotel im Paket bei einem lizenzierten Reise­veranstalter. Für das Rennen selbst wird am frühen Morgen die halbe Stadt abgesperrt. Die Athleten sammeln sich in Manhattan und werden in Bussen nach Staten Island gebracht, wo der Startschuss fällt. Dann geht es über die Verrazano-Narrows-­Brücke zunächst nach Brooklyn und Queens, über die Madison Avenue Bridge nach Harlem und schließlich entlang der Museumsmeile zum Central Park. Kurz vor der Zielgeraden drehen die Läufer noch eine Ehrenrunde am Columbus Circle – ein Stadtrundlauf im XXL-Format.


 

Der Härteste

 

Sonne, Sand, sonst nichts: Der Sahara Mara­thon gilt als einer der här­testen Langstreckenläufe der Welt. Hunderte Extremsportler lassen sich im ersten Jahresdrittel in die Wüste schicken. Start ist in El-Ayoun, dann geht es durch die sengende Hitze der Westsahara über Auserd nach Smara. Weil Hotels rar sind, übernachten die Läufer in den Zelten von Saharawi-Nomaden. Und keine Bange: Die Strecke ist gut gekennzeichnet, alle drei Kilometer gibt es eine Wasserstation. Wen das nicht ausreichend fordert, der sollte sich am Marathon des Sables versuchen. Dieser Ultra Run im marokkanischen Teil der Sahara geht über sechs Etappen, jeden Tag sind zwischen 20 und 40 Kilometer zu meistern. Insgesamt beträgt die Strecke rund 250 Kilometer. Die Verpflegung? Muss jeder selbst schleppen – Ehrensache.


 

Der Schönste

 

Laufen an den Stränden von Rio de Janeiro: Im Juni empfängt die Erlöserstatue die Marathonläufer mit offenen Armen zum Maratona Caixa in der brasilianischen Metropole. Los geht es bereits um sieben Uhr bei angenehmen 20 Grad. Die Route führt von Recreio nach Flamengo – über Barra da Tijuca, São Conrado, Ipanema und Copacabana, wo die Einheimischen alltäglich dem Körperkult huldigen. Vom Ozean weht stets eine erfrischende Brise, auf der flachen Strecke sind lediglich 20 Meter Höhen­unterschied zu überwinden. Und wenn noch die Samba-Rhythmen lokaler Straßenbands die Schritte begleiten, wenn Surdo, Timba und Tamborim den Takt vorgeben, fliegt man förmlich über den Asphalt.

Der Abseitige

 

Ein Weltkulturerbe mit Füßen treten? Als Marathonläufer in China darf man das, denn der Great Wall Marathon führt unter anderem über die Chinesische Mauer, die größte Befestigungsanlage der Welt. Sie wurde ab dem dritten Jahrhundert vor Christus errichtet und sollte das Kaiserreich vor den nomadischen Reitervölkern aus dem Norden schützen. Heute wird das Bauwerk jährlich im Mai von Tausenden Athleten gestürmt, die bei ihrem Trab durch die breiten Täler und über die malerischen Hügelketten der Provinz Tianjin 300 Höhenmeter sowie auf dem Mauer-Abschnitt 5164 Stufen bewältigen müssen – das alles bei Temperaturen um 30 Grad. Kein Wunder, dass dieser Marathon zu den anspruchsvollsten weltweit zählt. Der Rekord liegt bei 3:09:18 Stunden und wird von drei Läufern gehalten, die 2013 gleichzeitig die Ziellinie passierten. Haben sie gut trainierte Waden, packen aber auch ehrgeizige Amateure die Strecke.