Jugendliche vergnügen sich in den weitläufigen Lodi-Gärten
© Helena Schätzle

Eine Stadt tobt sich aus

  • TEXT REINHARD KECK
  • FOTOS HELENA SCHÄTZLE

Neu-Delhi ist chaotisch, ­hektisch, laut. Aber auch ein Ort der Möglichkeiten: ­Täglich entstehen neue Bars, Modelabels und Clubs für eine rasant wachsende junge Mittelschicht – ein Streifzug durch die Trendviertel der ­indischen Metropole

Der Bass poltert bis auf die Straße. Vor dem Eingang des Summer House Cafe warte ich mit Dutzenden anderer Gäste auf Einlass. Kaum jemand ist älter als Mitte 20. Die Männer tragen Skinny Jeans oder lässigen Anzug, die Frauen Miniröcke, Saris sind weniger vertreten. Der Türsteher winkt uns, los geht’s. Ein Monsunklima staut sich in dem engen Raum, der DJ pumpt unablässig Energie hinein. Alle tanzen. Hier und da wird sogar geküsst. Lange Nächte, kurze Röcke, Alkohol und Zärtlichkeiten in aller Öffentlichkeit – lange waren das Tabus im konservativen Indien. Doch der Subkontinent verändert sich. In der Metropole Neu-Delhi weichen kulturelle Verbote auf oder verschwinden ganz. Eine junge, weltoffene Mittelschicht löst sich vom strengen Sittenkatalog und treibt den Wandel voran. Wie der aussieht, lässt sich im Szeneviertel Hauz Khas beobachten.

1 Barsoom Bistro | 2 Lacquer Embassy | 3 Le Bistro du Parc | 4 Summer House Cafe | 5 Hotel Scarlette

1 Barsoom Bistro | 2 Lacquer Embassy | 3 Le Bistro du Parc | 4 Summer House Cafe | 5 Hotel Scarlette

© Cristóbal Schmal

Der Morgen: Hotel Scarlette

Am nächsten Tag serviert Hotelchefin Pauline Bijvoet, 28, ein Gemüseomelette und dazu herzhaftes Vollkornbrot. Dass man in Neu-Delhi ein europäisches Katerfrühstück bekommen kann – auch das ist neu und passt zum neuen Lebensgefühl der Stadt.

Indiens rasantes Wirtschaftswachstum hat in den vergangenen Jahren eine konsumfreudige, junge Mittelschicht entstehen lassen: rund 300 Millionen Menschen, die sich einen gewissen Wohlstand leisten können. Laut einer McKin­sey-Studie soll ihre Zahl bis 2025 auf 600 Millionen anwachsen. Es sind Angestellte und Gründer, sie arbeiten im Dienstleistungssektor, für Großkonzerne und IT-Unternehmen. Bijvoet gehört zu dieser neuen indischen Mittelschicht, doch als gebürtige Französin hat sie auch einen europäischen Blick auf die Stadt. Sie sagt: „Neu-Delhi wurde ­immer als verschlafen und langweilig verspottet – zu Recht.“ Mumbai, das indische Tor zur Welt, hatte Pop und Bollywood, Neu-Delhi bloß Politiker und Beamte. „Das ändert sich gerade, die junge Generation der Hauptstadt beginnt sich auszutoben.“

Ihr Boutique-Gästehaus betreibt Bijvoet im Stadtteil Safdarjung Enclave, direkt neben dem Szeneviertel Hauz Khas. Eigentlich arbeitet sie in einer Modefirma. Ihr Gästehaus eröffnete sie als Alternative zu den charakterlosen Business-Hotels der Hauptstadt. Mittlerweile bekommt sie so viele Anfragen, dass sie Mühe hat, ihren Hauptjob noch zu bewältigen.

Das Scarlette besitzt die Aura eines stilvollen Wohnzimmers: antike Ledersofas, kunstvoll bestickte Kissen, Maharadscha-Porträts an den Wänden, frische Blumen auf den Tischen. Ein Ort der Ruhe inmitten von Großstadt-Chaos und Smog. In keiner anderen Stadt der Welt ist die Luft so verschmutzt wie hier. Fast acht Millionen Fahrzeuge sind täglich im Großraum Delhi unterwegs, darunter mehr als 80 000 Lastwagen.

Das India Gate ist eines der Wahrzeichen der Stadt

Das India Gate ist eines der Wahrzeichen der Stadt

© Helena Schätzle
Beliebter Party-Spot: das Summer House Cafe

Beliebter Party-Spot: das Summer House Cafe

© Helena Schätzle
Die gebürtige Französin Pauline Bijvoet betreibt ein Boutique-Gästehaus

Die gebürtige Französin Pauline Bijvoet betreibt im jungen Stadtteil Safdar ein Boutique-Gästehaus

© Helena Schätzle
Stilvolles Wohnzimmer statt unpersönlichem Hotelturm. In Bijvoets Hotel Scarlette ...

Stilvolles Wohnzimmer statt unpersönlichem Hotelturm. In Bijvoets Hotel Scarlette wird hier ...

© Helena Schätzle

... morgens herzhaftes Vollkornbrot mit Gemüseomelette serviert

© Helena Schätzle
Rückzugsort für gestresste Städter: Hauz Khas Park

Rückzugsort für gestresste Städter: Hauz Khas Park

© Helena Schätzle
Naïna de Bois-Juzan, Besitzerin des Bistro du Parc

Naïna de Bois-Juzan, Besitzerin des Bistro du Parc

© Helena Schätzle
Rimi nutzt die Ruhe im Park zum Zeichnen

Rimi nutzt die Ruhe im Park zum Zeichnen

© Helena Schätzle

DEL

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Der Mittag: Hauz Khas Park

„In Neu-Delhi braucht man Geduld und Ausdauer“, hatte Bijvoet noch gesagt. Als ich im Taxi sitze, wird mir klar, was sie meinte: Schon nach wenigen Metern stehen wir im Stau. Benzingeruch legt sich auf die Straßen, längst haben Abgase die Frische des Morgens weggepustet. Nach einer halben Stunde drücke ich dem Taxifahrer ein paar Rupienscheine in die Hand und gehe zu Fuß. Man muss in Indien improvisieren können – jederzeit. Das gilt erst recht in einer überfüllten Metropole wie Neu-Delhi.

Über mir flattert ein Schwarm grüner Papageien, als wollte er mir den Weg weisen. Ich folge ihm, verirre mich in ein paar Seitenstraßen und entdecke schließlich einen Metallzaun und ein Tor: den Eingang zum Hauz Khas Park.

Im Zentrum des Parks liegen ein See und die Ruine einer Madrasa, einer Schule für islamisches Recht. Erbaut hat sie ein Sultan vor Jahrhunderten, heute flanieren Paare durch das Gemäuer und machen Selfies. Ich begegne der 27-jährigen Rimi, die auf der Suche nach Ruhe in den Park geflüchtet ist. Die Designerin hat einen Block dabei und zeigt ihre Skizzen: Hochhaustürme, Gesichter, Stadtlandschaften. Die boomende Metropole ist ihr Thema. In Neu-Delhi hat Rimi ihren Uni-Abschluss gemacht und danach ihren ersten Job gefunden. Sie ist eine typische Vertreterin der neuen Aufsteiger. Ihre Eltern sind Bauern, leben auf dem Land und ziehen noch den Pflug über die Felder. Eine Rückkehr aufs Land ist für Rimi unvorstellbar. „Neu-Delhi ist wie ein aufregender Jahrmarkt voller Möglichkeiten“, schwärmt sie, „eine andere Welt, ein Ort der Freiheit und der Zukunft.“

Jeder meiner Freunde hat sein eigenes Start-up

Nikhil Sharma, Modedesigner

Der Nachmittag – Boutique Lacquer Embassy

Der Modedesigner Nikhil Sharma, 32, gehört nicht nur zur indischen Mittelschicht, er profitiert auch direkt von ihr. Nach seinem Studienabschluss in Nottingham arbeitete er für die britische Modekette Next, zurück in Neu-Delhi gründete er sein eigenes Label Lacquer Embassy und einen dazugehörigen Shop.

Sharma entwirft klassische Hemden, Einstecktücher, Krawatten und Fliegen für indische Geschäftsleute, er lässt von eigenen Schneidern nähen. Viele seiner Kunden, berichtet Sharma, hätten wie er einige Jahre in Europa gelebt, dort studiert und gearbeitet, um schließlich doch zu Hause ihr Glück zu suchen. „Jeder meiner Freunde hat sein eigenes Start-up“, erzählt er, „alle sehen ihre Zukunft in Indien.“ Es gebe qualifizierte Arbeitskräfte, die Lohnkosten seien gering. „Alles geht schneller als in Europa: Hast du eine Idee, kannst du sie umsetzen.“

Raavi Chou betreibt das beliebte Bistro Barsoom

Raavi Chou betreibt das beliebte Bistro Barsoom

© Helena Schätzle
In dem mehrstöckigen Haus gibt es ausschließlich Clubs und Bars.

In dem mehrstöckigen Haus gibt es ausschließlich Clubs und Bars

© Helena Schätzle
Sein Modelabel Lacquer Embassy gründete ...

Sein Modelabel Lacquer Embassy gründete ...

© Helena Schätzle
... Nikhil Sharma bewusst in Neu-Delhi

... Nikhil Sharma bewusst in Neu-Delhi

© Helena Schätzle
Das Beer Café im Ausgehviertel Hauz Khas Village

Das Beer Café im Ausgehviertel Hauz Khas Village

© Helena Schätzle

Der Abend: Barsoom Bistro

Auf der Amüsiermeile des Viertels, Hauz Khas Village, kurz HKV. Mehr als 100 Clubs und Bars, Alkohol fließt, es wird geflirtet und gefeiert. HKV ist das Zentrum des neuen Lebensgefühls in Neu-Delhi, das die Sittenwächter mit Skepsis betrachten. Man findet sie etwa in der Zensurbehörde, die neulich zwei Kuss-
Szenen aus dem James-Bond-Film „Spectre“ herausschneiden ließ. Im Internet wurden die „altmodischen Betonköpfe“ tagelang verspottet, in den Clubs des HKV werden sie einfach ignoriert.

Raavi Chou hat erlebt, wie sich der Stadtteil in kurzer Zeit vom verschlafenen Bezirk am Rand in einen Rummelplatz für feierwütiges Partyvolk verwandelt hat. Mit seinem gezwirbelten Schnurrbart würde der 31-Jährige auch gut in die Hipster-Hochburgen von East London oder Brooklyn passen. Eine Weile arbeitete der Gastronom in Luxushotels in England. Dann eröffnete er mit seinem Ersparten einen Coffeeshop in Hauz Khas Village. Schon am zweiten Tag war der Laden voller Kreativer und Digitalnomaden mit Macbooks unter dem Arm.
Die Gastro-Szene von HKV ist ein harter Markt, stellte Chou schnell fest. „In diesem Viertel ist alles lauter, dynamischer und bombastischer als anderswo“, sagt er. Das Prinzip: Läuft ein 
Coffeeshop gut, gibt es am nächsten Tag Dutzende davon. Spendiert ein Club weiblichen Gästen Gratisdrinks, gibt es bald keine Disco mehr ohne „Ladies Night“. Erhöht ein Hauseigentümer die Miete, schießen überall die Kosten nach oben – HKV ist Turbokapitalismus pur. Bald schloss Chou sein erstes Café wieder, zog ein paar Häuser weiter und eröffnete in einem mehrstöckigen Gebäude, das ausschließlich Clubs und Kneipen beherbergt, sein Bistro Barsoom. Inzwischen spielt auch er mit beim munteren Hauz-Khas-Monopoly: Bald will er einen Musik-Club eröffnen.

Die Nacht: Le Bistro du Parc

Mein nächstes Ziel ist das Restaurant Le Bistro du Parc im benachbarten Stadtviertel Defence. Auf der Dachterrasse spielt heute eine Jazzband. Bistrochefin Naïna de Bois-Juzan, 26, bringt eine Flasche Rotwein mit, ein Import aus ihrem Heimatland Frankreich. De Bois-Juzan – ihre Mutter stammt aus dem indischen Bundesstaat Punjab, ihr Vater aus Paris – hat ihre Kindheit und Jugend in Frankreich verbracht. Nach der Schule zog sie nach Neu-Delhi, arbeitete als Model und organisierte Events für eine PR-Firma. Und brachte ein bisschen Paris in die indische Metropole: „Ich dachte, ich lebe in einer Millionenstadt, aber es gibt nicht mehr als fünf gute Restaurants!“

Also eröffnete sie das erste französische Bistro in Neu-Delhi. Die Reaktionen waren gemischt: „Viele Inder sagten, da ist ja nichts auf dem Teller, wie soll ich davon satt werden?“, erinnert sich die junge Gastronomin. Doch mittlerweile schätzen auch Einheimische die Exotik einer Hühnerleberpastete oder einer Forelle mit Pommes parisiennes.

„In Paris hätte ich keine Chance gehabt“, sagt de Bois-Juzan, „ich hatte weder Geld noch Kontakte.“ In der indischen Hauptstadt begegneten ihr dafür andere Probleme: Als sie ihr Bistro eröffnete, war sie noch zu jung, um Wein kaufen zu können: Alkohol darf in Neu-Delhi nicht an unter 25-Jährige verkauft werden. Also bat sie ältere Angestellte darum, den Einkauf für sie zu erledigen. Merke: In Neu-Delhi gibt es etwas, das noch wichtiger ist als Kapital oder Seilschaften – die Fähigkeit zu improvisieren.


Tipps für Neu-Delhi

Delhi Food Walks

Ein Tourguide führt durch die kulinarische Vielfalt der Streetfood-Küchen Neu-Delhis.

delhifoodwalks.com

Humayun-Mausoleum

Unesco-Weltkulturerbe: Das älteste Mogul-Grab Indiens ist rund 450 Jahre alt.

humayunstomb.com

Nappa Dori

Das junge Label fertigt hochwertige Koffer, Taschen und Lederaccessoires.

nappadori.com

Delhi Art Gallery

In der DAG Modern lässt sich indische Kunst des 20. Jahrhunderts bewundern.

dagmodern.com

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