Seemannsgarn Lufthansa Exclusive Februar 2016
© Malte Jäger

Seemannsgarn

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS MALTE JÄGER

Jedes Jahr im Februar wird der Pazifik zu Lyrik: Beim “Fisher Poets Gathering” erhalten Amerikas Seeleute eine Bühne für ihre Werke – sie müssen sich nur trauen

Das Meer ist dein Feind. Das Meer ist deine Geliebte. Das Meer will dich töten. Ohne das Meer kannst du nicht leben. Vier Männer in einer Kneipe am Pier. Vier Weisheiten, auf die sie sich einigen können. Die Kneipe sieht aus, als hätte es sie schon immer gegeben. Die Männer sehen aus, als wären sie einem Jack-London-Roman entstiegen. Hinter der Scheibe liegt breit und mächtig der Columbia River. Er mündet hier, bei Astoria im Nordwesten der USA, in den Pazifik. Die Männer sitzen schon einige Biere lang, eigentlich ist alles gesagt, also sagt Jon Broderick: „Ein Gedicht für uns, Geno, komm schon!“ Wesley Eugene Leech, den sie Geno nennen, weil der Name passt, trinkt einen Schluck, wischt sich Schaum aus dem Bart – und reimt. Reiht Vers an Vers, wiegt sich vor und zurück, wird lauter und leiser, hat die Augen geschlossen. I miss the fish but I don’t miss the fishing. Ich vermisse den Fisch, aber nicht das Fischen. Jeder in Astoria kennt diese Zeilen. Jedes Jahr am letzten Wochenende im Februar trägt Leech der ganzen Stadt die Hymne vor. Dann steigt das „Fisher Poets Gathering“.

Wenn du es in 15 Minuten nicht sagen kannst, sag es gar nicht

Geno Leech, Fischer und Dichter

Eine große, eine absurde Veranstaltung, für die alle anreisen: Kapitäne, Matrosen und Tauknüpfer. Taucher, Dockarbeiter und Stewards. Es kommen die Hochseefischer, die Schleppnetzfischer, die Stellnetzfischer. Es kommen welche, die Fischer waren, und jene, die gern Fischer wären. Sie kommen aus Oregon, Washington und Alaska, aus Kanada im Norden und Kalifornien im Süden. Im vergangenen Jahr war ein Skipper aus Finnland da. Das Gathering reicht weit, es bringt eine ganze Branche zusammen, die gerade Zeit hat, weil die Krebssaison vorbei ist und die Lachse noch nicht wandern.
Dabei fing alles ganz klein an. Ein paar Freunde, ein paar Texte, ein paar Biere – das war das erste Treffen, 1998. Mittlerweile tragen 80 und mehr Künstler vor, und im Publikum stehen Hunderte Menschen. Die Idee ist zu einem veritablen Festival angewachsen. Das Wet Dog Café bildet immer noch die Hauptbühne, dazu werden andere Bars, Kneipen und Museen gebucht. Es gibt Filme, Workshops und Auktionen. Aber im Kern geht es um die Poesie. Eine Viertelstunde bekommt jeder Vortragende für sein Werk. Leech sagt: „Mehr brauchst du nicht. Wenn du etwas in 15 Minuten nicht sagen kannst, dann sag es besser gar nicht.“

Zurück in der Kneipe, Leech erwacht aus seinem Singsang. Die Kollegen Jon Broderick, Jay Speakman und Dave Densmore klatschen Beifall. Sauber, Geno! So und nicht anders! Du Legende! Leech erzählt vom ersten Auftritt. Wie er, aufgeregt, schwitzend, zweifelnd, über die Gleise zwischen den Docks tigerte. Wollten die Leute wirklich hören, was er gedichtet hatte? Sollte er mit ihnen teilen, was er für sich geschrieben hatte, auf dem Meer, zwischen den Wellen, in Kladde, roh? Reime, mit dem Schleppnetz eingefangen. Es fühlte sich an, als würde er sein Tagebuch verschenken.

 

Geno Leech schreibt einen Brief

Dicht an dicht stehen die Dichterzeilen: Geno Leech schreibt noch von Hand

© Malte Jäger

 Fischerlyrik kennt viele Formen. Sie kann Tagebuch sein, Therapie, Grabrede oder Ode an die Freude. „Diver Tom“ zum Beispiel, ein Gedicht von Leech über seinen Freund Tom, den Taucher. Das erste Mal las Leech das Gedicht auf Toms Hochzeit. Er hatte es extra dafür geschrieben, hatte sich eine Pfarrlizenz organisiert, um das Paar zu trauen. Das zweite Mal las Leech das Gedicht auf Toms Beerdigung. Sie waren bei Nacht zusammen draußen gewesen, Tom tauchte unter – und nie wieder auf. Ein Unfall. Leech, an Deck, schrie, bis er nicht mehr schreien konnte. „Nur weil wir Fischer sind und Gedichte schreiben, geht es darin nicht nur um das Fischen“, sagt er, „es geht um viel mehr.“

Die Gläser sind geleert. Mit dem Pick-up runter vom Pier, rein nach Astoria. Der Ort, 1811 am Columbia River gegründet, gilt als älteste amerikanische Siedlung westlich der Rocky Mountains. Schon in den 1860ern wurde hier in riesigen Konservenfabriken der Lachs eingedost. Astoria war die „Salmon Canning Capital of the World“. 1922 zählte man knapp 15 000 Einwohner, so viele wie nie zuvor und nie wieder danach. Der Rotlichtbezirk strahlte weit über die Meere, und im mondänen Theater begann Clark Gable seine Schauspielkarriere. Heute, fast ein Jahrhundert danach, ist Astoria immer noch ein Ort des Fischfangs, aber die Industrie muss kämpfen.

Fischen war das Gegenteil meiner Erziehung, deshalb mochte ich es so sehr

Geno Leech, dichtender Fischer

Von den Piers, auf denen einst die Fabriken thronten, sind nur umspülte Pfähle geblieben. Vor der Küste kreuzen Frachter aus Japan und machen den heimischen Fischern das Leben schwer. Für das Kilo Lachs kriegen sie nur noch einen halben Dollar. Zwar erinnern die hügeligen Straßen Astorias an San Francisco, und Downtown hübscht sich auf mit Cafés und Bars. Aber viele der viktorianischen Häuser am Berg sind zerfallen. Auch deshalb ist das Fisher Poets Gathering wichtig für die ganze Bay: als Ventil für Nöte und Sorgen. Als Selbstvergewisserungsmaßnahme. Wir sind noch wer. Wir sind viele. Uns kriegt keiner klein.

Jon Broderick, einer der Männer aus der Kneipe, fährt die Küstenstraße entlang. Broderick hat das Festival mitbegründet. Das National Cowboy Poetry Gathering in Nevada diente ihm als Vorbild. Verdammt, die Fischer hatten doch die besseren Geschichten zu erzählen! Geschichten, in denen es um alles ging. Broderick wusste das, er fischte selbst und schrieb. Im Alaska Fisherman’s Journal, wo zwischen Fangpreisen und dem Wetterbericht seit Jahren auch eingesandte Lyrikbrocken gedruckt wurden, auf Dosenetiketten gekritzelt, fand er Gleichgesinnte. Broderick telefonierte die Einsender ab, fast alle sagten zu. Broderick ist eigentlich Lehrer. Er hatte gerade sein Universitätsdiplom in der Tasche, da trampte er nach Alaska, ein Abenteuer erleben. Er traf einen Skipper, der Besatzung suchte. So wurde aus Mr. Broderick, dem Highschool-Lehrer, Jon, der Fischer.

Ein Fischer entlädt seinen Fang

Jeder Fang will entladen sein

© Malte Jäger

 Wenn Dave Densmore, der Dritte aus der Kneipe, die Schiffe aufzählt, die er besessen hat, klingt es, als würde er sich an Affären erinnern. Charlotte Bee, Cassandra Anne, Ronda. Fischer sind romantisch veranlagt, man merkt es an den Namen, die sie ihren Schiffen geben. Densmore hat sein erstes Gedicht geschrieben, da war er verkatert, in den Seventies, sollte ein Witz sein. Er hat drei Scheidungen hinter sich und aus jeder Poesie gemacht. Er ist jetzt mit dem Meer verheiratet. „Ich habe zwei große Leidenschaften in meinem Leben, Fischen und Dichten“, sagt er. Densmore sitzt in der Kajüte seines Seglers, ein Bär von Mann, der aufgeklappte Laptop wirkt in seinen Händen wie ein Taschenrechner. Er will noch ein Gedicht lesen, aber in dem Moment schwillt wieder das Geheule der Seelöwen an.

Überhaupt ist dieses Jaulen der Soundtrack der Stadt. Tag und Nacht lärmen die Seelöwen, die ein Problem für die Fischer sind, weil sie sich in den Netzen verfangen, die Netze zerreißen, den Fisch wegfressen, weil es Tausende und Abertausende von ihnen gibt, so viele, dass einige betäubt und gefangen und in den Golf von Mexiko ausgeflogen werden, und zwei Wochen später sind sie wieder da, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Es gibt viele Gedichte über die Seelöwen.

Eigentlich ist es ohnehin verboten, die Gedichte auf Papier zu zitieren. Broderick, der Mitbegründer, sagt: „Es geht um das gesprochene Wort. Die Texte müssen in die Welt gebrüllt werden! Gedruckt sind sie steif. Gedruckt verlieren sie ihre Magie.“ Bevor es das Fisher Poets Gathering gab, lasen sich die Fischer ihre Notizen über das Funkgerät vor. Es ging um geladenen Fang, verlorene Kameraden, die Schönheit des Mondes. Um die nächste Prostatauntersuchung. Um die letzte Frau. Um Schnaps. Leech hat so angefangen, Densmore auch und all die anderen. Die letzten Fischer, die noch draußen waren, bildeten ihr erstes Publikum. Stille, verstehende Zuhörer.

Seemannsgarn Lufthansa Exclusive Februar 2016

Rockstar der Reime: Dave Densmore hat auf See alles gesehen, das sieht man ihm an

© Malte Jäger
Pier 39 ist heute Museum und Bar

Pier 39 ist heute Museum und Bar

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Häuser in Astoria

Verblasster Glanz in Astoria – auch das ist allemal ein Gedicht wert

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Ein Schiff im Hafen von Warrenton bei Astoria

Patina im Hafen von Warrenton bei Astoria

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 Beim Gathering sind die Fischer, die nie berühmt sein wollten, Stars. Und wenn ein Fischerdichter an der Reihe ist, betritt er die Bühne nicht von hinten, sondern erhebt sich aus den Reihen der Zuhörer. Als einer von ihnen, einer für sie. Zwischen den Auftritten werden Jobangebote verlesen: Krabbenkutter sucht Maat. Öler kurzfristig benötigt, gute Heuer. Es ist diese urige Stimmung, das Aus-der-Zeit-Gefallene, was das Event ausmacht. Beklatscht wird, wer sich ans Mikrofon traut. Mit dem Erfolg kamen die Investoren und Promoter. Sie versprachen Broderick, das Festival auf alle Bildschirme der USA zu bringen. We make you twice as big, sagten sie. Wir machen euch doppelt so groß. Broderick sagte: „In ein Feuer, das schon brennt, braucht man kein Holz zu werfen.“ Es war ein sturer Satz, ein Fischersatz auch, die Promoter verstanden ihn nicht. Sie zogen wieder ab.

Zwei Tage später, in Astorias Industriehafen legt ein Schulschiff ab. Dichter Nebel über der Bucht, die Sonne sieht aus wie eine abgedeckte Taschenlampe. Leech ist an Bord, um die nächste Generation an-zulernen. Alle tragen Schwimmwesten, auch er, Vorschrift. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, bei dem eine Schwimmweste alberner wirkt. Jahrelang hatte die Seemannsschule um ihn geworben, aber Leech musste seinen eigenen Fang einbringen. Vor einem Jahr sagte er schließlich zu, neun Tage nachdem er abgeheuert hatte, um seine kranke Frau zu pflegen. Neun Tage Rente. Leech ist kein Mann, der nichts tut. „Das Fischen war das Gegenteil der biederen Erziehung, die mir meine Eltern mitgegeben hatten“, sagt er, „deshalb mochte ich es so sehr.“

Bei Fish ’n’ Chips erklärt Geno Leech dem Autor Moritz Herrmann die Fischfanghistorie Astorias

Bei Fish ’n’ Chips erklärt Geno Leech dem Autor Moritz Herrmann die Fischfanghistorie Astorias

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 Leech schreibt von Hand, auf Papier, das aussieht, als sei damit der Motor gewischt worden. Seine Freunde waren im Frühstücksfernsehen und bei anderen Festivals zu Gast. Leech schreibt die besten Gedichte, aber ihm ist egal, ob sich wer dafür interessiert. Will einer ein Gedicht hören, dann liest er ihm eins vor. Wenn keiner fragt, wird er einen Teufel tun. Geno Leech hat dem Meer vier Jahrzehnte seines Lebens geschenkt. Er lebt zwischen Cape Disappointment und Dismal Nitch, drüben, in Chinook.

Plötzlich blinkt das Radar. „Ich weiß nicht, was das ist, aber es ist verdammt groß“, sagt der Kapitän. „Und es ist direkt unter uns.“ Nach ein paar Sekunden der Stille wirft sich vor dem Bug ein Wal aus dem Wasser. Die Jungs, angehende Seemänner und Fischer, laufen nach vorn, zücken ihre Smartphones. Geno Leech steht backbord allein an der Reling, blickt zu der gewaltigen Flosse und sagt, dass er vielleicht über den Wal schreiben wird.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.