Budapest bei Nacht
© Steffen Roth

Stadt der Rätsel

  • TEXT THILO MISCHKE
  • FOTOS STEFFEN ROTH

Seine Neugier führt unseren Reporter tief in die Mysterien von Budapest, auch Geburtsstätte der Exit Rooms. Und wenn er die Aufgaben nicht gelöst hat, dann schmort er dort noch heute … 

Budapest ist eine komplizierte Stadt. Eine, die sich den Besuchern nicht sofort erschließt. Es braucht Zeit, sie zu verstehen. Sie ist das alte Herz von Europa, trägt in sich das Gefühl und die Geschichte eines ganzen Kontinents. Die Straßen breit, mächtige Alleen, die Häuser über die Spannungs­leitungen für Omnibusse fest miteinander verbunden. Es gibt hier kein Schachbrett, keine Planung. Budapest ist gewachsen, organisch, wie ein Lebewesen, das sich erinnert. Ein Wesen, das unachtsame Fremde, die ohne Karten kommen, kurzerhand verschlingt. Dieses Gefühl von Aufbruch, vom Traum eines friedlichen 20. Jahrhunderts, es hängt an den Jugendstilfassaden des Boulevards Andrássy út. Und weil die Fassaden bröckeln, weil der Putz oft abgeschlagen ist und die Ziegel darunter sichtbar werden, trägt es auch die Enttäuschung in sich, die Traurigkeit des 20. Jahrhunderts. Budapest ist die Summe Europas.

  Diese Doppelbödigkeit der Stadt muss die Inspiration gewesen sein für zwei der erfolgreichsten Logik-Spiele der letzten 100 Jahre. Ernö Rubik hat hier den berühmten bunten Würfel erdacht. Seit 1977 begeistert er Menschen und lässt sie verzweifeln. Und noch erfolgreicher als der Würfel sind die Exit Games: Rätselspiele, kleine Krimis, Abenteuer, die Menschen den Alltag vergessen lassen. Gespielt wird in Räumen, dort müssen von einem Team verschiedene Hinweise kombiniert werden, um innerhalb von einer Stunde den Ausgang zu finden. Die Tür ist verschlossen, und nur wer richtig kombiniert, gelangt wieder hinaus.

„Vielleicht ist es das Verwirrende von Budapest, das mich auf diese Idee gebracht hat“, sagt auch der Mann, der davon überzeugt ist, mit seinem „Parapark“ den ersten Exit Room geschaffen zu haben. Attila Gyurkovics, stämmig, kurz geschorene Haare, geschäftiger Blick, sitzt in einem Café, Aschenbecher auf dem Tisch, schweres Essen und Bier zum Gespräch. Er erzählt von seinem Traum, die Menschen vor Rätsel zu stellen. „Budapest hat viele kaputte Häuser, viele unsanierte Höfe, und ich dachte mir, irgendwas muss ich doch damit machen können.“ Logische Rätsel, Krimis und Thriller liebte Gyurkovics seit jeher, das Düstere, das Verfallene seiner Stadt unterstützte seine Idee. Budapest ist ein Ort, an dem die Gedanken dunkel werden können. „Als Kind habe ich den Rubik-Würfel gelöst“, sagt der 41-Jährige, ­„jedes Rätsel wollte ich verstehen.“

Wer nach Budapest kommt, muss sich eine Geschichte suchen, einen Grund, warum er in diese Stadt reist. Auf der Welt gibt es Orte, die zum ziellosen Flanieren einladen, New York ist so eine Stadt, Paris auch. Aber ein Besuch in Budapest braucht einen echten Grund. Der Burgpalast auf der Buda-Seite der Donau, die Thermalbäder auf der Pest-Seite. Mit einem Schiff die Donau entlang fahren, so etwas. Meine Freunde und ich sind hier, weil wir den ersten Exit Room ausprobieren wollen.

Für dieses Spiel brauchst du nur dein Gehirn

Attila Gyurkovics, Rätsel-Erfinder

Vor Ort sind wir zunächst enttäuscht. Eine schmale Treppe nach unten, ein muffiger Keller, wie ein gammeliger Under­ground-Club. Es riecht nach feuchter Wäsche, nach vergessenen Mö­beln und Mottenkugeln. Die Decke ist niedrig, unverzüglich setzt Klaustrophobie ein. „Wir haben am ersten Raum nichts verändert“, sagt Gyurkovics und weist uns in die Regeln des Spiels ein. Es gibt keine Werkzeuge, kein Handbuch. Es bräuchte nur ein gutes Drehbuch für eine gute Geschichte, erklärt der findige Geschäftsführer. Seit 2011 gibt es den Parapark schon. „Das Werkzeug für dieses Spiel ist euer Gehirn“, erklärt er. Falls doch jemand Angst bekommen würde, wir verzweifeln sollten: „Eine Mitarbeiterin von mir beobachtet euch über Kameras und hilft im Notfall.“ Wir sind beruhigt, ein wenig.

Gefundenes Fressen: Das New York Palace Café

Gefundenes Fressen: Das New York Palace Café

© Steffen Roth
Imbiss auf dem Freiheitsplatz

Ein Imbiss auf dem Freiheitsplatz

© Steffen Roth

BUD

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  Gyurkovics denkt sich die Knobeleien selbst aus. In vielen Ländern der Welt spielen die Menschen mittlerweile die Geschichten des Erfinders nach. Es ist ein lohnendes Geschäft, die Anschaffungskosten sind gering. Die Ausstattung des Kellerge­wölbes in der Vajdahunyad utca 4 zeigt es: Möbel noch aus sozialistischer Planproduktion, ein alter Computerbildschirm, Sperrmüll und ein kaputtes halbes Auto. Es ist die Fantasie, die aus diesem Gerümpel eine Geschichte macht. Vier Räume sind es, die wir passieren müssen. Der erste erinnert an den Pausenraum in einer kleinen Werkstatt. „Ein Kittel“, sage ich laut, „da hängt tatsächlich ein Kittel“, noch lache ich. Dann geht die Tür zu. Und wir wissen nicht, was tun. Blicken verwirrt umher. Christoph, der Schlaue in unserem Quartett, der Mathematiker, will jetzt seine absurden Theorien zur Wahrscheinlichkeit von Rätseln ausbreiten. „Christoph, bitte“, bremse ich ihn, „das sollen auch Menschen lösen können, die in ihrer Freizeit nicht ausrechnen, wann das Universum in sich zusammenfällt!“ Wir kombinieren: Im Kittel befindet sich ein Schlüssel. Der soll ein Schloss öffnen, das wir noch nicht gefunden haben. Wir teilen uns auf, zwei suchen, zwei denken. Wir müssen im Team arbeiten, wir haben ja nur eine Stunde Zeit.

Exit Room in Budapest

Behütet oder bewacht?

© Steffen Roth
Überwachungskamera im Exit Room

... Eine Kamera beobachtet den Reporter und seine Freunde, die sich durch Zahlencodes, Videos und Landkarten wühlen - ...

© Steffen Roth
Im Exit Room

... nur wer richtig kombiniert, gelangt ins Freie

© Steffen Roth

  Jeder Raum kann erst betreten werden, wenn das Rätsel in dem davor gelöst wurde. Auf einem Bildschirm entdecken wir Zahlen: der Code für einen Safe. Im Safe liegt ein Puzzleteil. Ich fühle mich an die Abenteuer-Computerspiele aus den 1990er- Jahren erinnert. Prompt finden wir einen alten Computer, auf dem vier Videodateien gespeichert sind. Christoph und ich analysieren die Videos, finden noch mehr Zahlen, schreiben sie auf. Wir werden sie später brauchen. Wir fühlen uns klug, weil wir Gyurkovics’ Rätsel lösen. Aus einem muffigen Keller in Budapest, aus ein wenig Sperrmüll, scheinbar achtlos auf den Boden geworfen, wird eine Aufgabe. Ein Abenteuer für uns. „Ich glaube, das soll ein Fahrstuhl sein“, sage ich zu meinen Freunden, als wir den dritten Raum betreten. Natürlich ist es kein echter Fahrstuhl, sondern einfach nur ein weiterer Raum.

Rund 30 Euro kostet unsere Rätselstunde im Parapark. Nach 30 Minuten werden selbst geübte Spieler höchstens zwei der vier Räume absolviert haben. Im Keller wird es hektisch: „Warum verstehe ich das nicht, warum bekomme ich den Schlüssel nicht aus dem Armaturenbrett des Autos?“, rufe ich. Zu viert legen wir große Holzteile auf laminierte Landkarten. Ein weiterer Code taucht auf, mit dem sich das Armaturenbrett öffnen lässt. Das Gehirn belohnt sofort mit Endorphinen. „Das ist es, warum die Menschen die Aufgaben im Parapark lieben“, erklärt Gyurkovics, „jeder kann sie schaffen, und immer wenn im Team eine Lösung gefunden wurde, fühlen sich die Spieler besonders gut.“


 

Übersichtlich und unterirdisch

DADDELN

Ran an die Hebel: Im Flipper-Museum dürfen Sie auf alten Automaten spielen.

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FORSCHEN

Furchtlos abwärts: Führungen durch Stollen und Höhlen unter der Stadt.

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ZEITREISEN

Römische Geschichte schnuppern im Ruinengarten von Aquincum.

aquincum.hu

ANSTOSSEN

Die beliebteste Bar Szimpla Wert liegt in einer riesigen alten Ofenfabrik.

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 Wir haben noch knapp fünf Minuten. Der Keller ist zu einem Verlies geworden, aus dem vier Freunde fliehen wollen. Panik macht sich breit. Vier Männer von Mitte dreißig toben durch die Räume, brüllen einander Einfälle zu. Dann, kurz vor dem Ende, hat Christoph eine letzte Idee, wie wir die Eingangstür öffnen könnten. Wir folgen aufs Wort. Wie ein Ballettmeister, der in Gedanken die Lösung durchtanzt, geht Adri in den ersten Raum zurück, nimmt ein Steckbrett, auf dem ein Stromkreis geschlossen werden muss. Er hat es kapiert: Die Stecker müssen verbunden werden, und zwar so, wie die Buchstaben- und Zahlenkombi­nationen aus den anderen Rätseln es vorgeben. Ein Lämpchen leuchtet, die letzte Tür klappt auf. Erleichterung und Stolz.

Vergleichbar belohnt fühlt sich, wer zu einem der unzähligen Hinterhöfe dieser Stadt findet. Wer auf eine unverschlossene Tür stößt und eintritt. Denn die wahren Sehenswürdigkeiten Budapests sind nicht die Matthiaskirche und nicht die alte Markthalle im IX. Bezirk am Fövám tér. Es sind die Hinterhöfe, die großen Altbauten, die von innen noch viel mächtiger erscheinen als von außen. Sie erzählen die Geschichten der untergegangenen ­österreichisch-ungarischen Monarchie. Von Menschen, deren ­Leben sich stetig verändert, während die Stadt auf ihren Traditionen beharrt. Mit diesem, ihrem Rätsel muss man zurechtkommen. Eine Reise nach Budapest ist wie ein Exit Game: Erst die Summe aller Einzelteile ergibt ein Gesamtbild.


Zum Ziel

 

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