Eine Tahitiperle aus der Lagune von Rangiroa in einer Austernschale
© Monika Höfler

Nachtschwarzer Schatz

  • TEXT EMILY BARTELS
  • FOTOS MONIKA HÖFLER

Die Wirtschaft von Französisch-Polynesien lebt vom Geschäft mit Tahiti-Perlen – doch um die Kostbarkeiten zu erschaffen, braucht es viel Glück und noch mehr Verstand.

Eine ohrenbetäubende Stille herrscht an den Stränden von Französisch-Polynesien. Die meisten Inseln liegen in Lagunen, vom offenen Meer abgeschnitten, von Korallenriffen geschützt. Flach wie in einer Badewanne steht das türkisfarbene Wasser, keine Brandung stört die Postkartenidylle, kein Schaum tanzt auf Wellenkronen. In den Riffen ziehen gelbe, blaue und silbrig glitzernde Fische ungestört ihren Nachwuchs auf.

Stille ist schön. Doch schöner noch sind die Wellen vor Rangiroa. Laut stürmen sie auf die Küste zu, im Wettstreit mit den Delfinen. Wie ein riesiger Ring aus Sand liegt die Insel einsam im Pazifik, ein schmaler Streifen Land mitten im Nirgendwo, das Meer leckt ungestüm an seinen Kanten, halb Freund, halb Feind.

Die größte Insel des Tuamotu-Archipel ist das Zuhause von Philippe Cabral. Er kam von Tahiti hierher, um einen Schatz zu züchten, den es so nur in Französisch-Polynesien gibt: schwarze Perlen. Er entlockt sie den Austern, die er zu diesem Zweck in der Lagune von Rangiroa hält.

Die einzige Straße der Insel führt unweigerlich auch an Cabrals Zucht „Gauguin’s Pearl“ vorbei. Seit 1990 kultiviert der Meeresbiologe hier die Kostbarkeit aus Perlmutt. Der 58-Jährige trägt Flip-Flops, das weiße Unterhemd lässt viel Platz für sonnengebräunte Haut, seine Augen blicken freundlich zwischen Schnauzer und buschigen Brauen. Im Hintergrund glitzert das Wasser, Motorboote dümpeln in einem winzigen Hafen, zwischen zwei Palmen liegt ein Schutthaufen, zusammengefegt nach dem letzten Sturm. Ein Pavillon aus Beton spendet Cabrals Mitarbeitern Schatten. Einer bohrt gerade Löcher in die Austern, zieht Kabelbinder hindurch und befestigt die Tiere so an Tauen, die später im Meer versenkt werden. Ein anderer trägt Gummischürzen und eine Machete, mit der er auf die Muscheln einhackt. Er säubert ihre Schale von Korallen und Algenresten, die jetzt um ihn herum durch die Luft wirbeln. Was so brutal aussieht, dient dem Schutz der empfindlichen Tiere: Die Mitbewohner stören das Wachstum der Auster – und damit auch den Schatz in ihrem Inneren.

Lagune von Rangiroa

Die Laguna von Rangiroa

© Monika Höfler
Austern im Meer vor Rangiroa

Sieben Meter unter der Meeresoberfläche hängen Körbe voller Austern

© Monika Höfler

  Auf dem Hof der Farm zeugen große ­Lagerhallen und Boote von besseren Zeiten. Die ­Perlenproduktion ist ein wichtiger Wirtschaftszweig des kleinen fran­zösischen Überseegebiets, die Perlen machten 2014 67 Prozent des Exports aus. Doch der Markt kränkelt: Die Preise sinken beständig, Abnehmer werden wählerischer, während gleichzeitig minderwertige Produkte den Markt überschwemmen. Viele der kleinen Betriebe haben längst aufgegeben: Von einst 1700 haben nur etwa 460 Farmen überlebt. Cabrals Zucht ist der letzte verbliebene Betrieb auf Rangiroa, 15 waren es mal. „Früher zahlten die Großhändler für die Perlen 5000 Franc pro Gramm. Heute bekommen wir für die gleiche Menge 500 Franc. Und wir werden nicht mehr alles los, der Markt ist übersättigt “, sagt Cabral. Waren es einmal 100 Männer, die für ihn arbeiteten, sind es heute nur noch 20, und zwar halbtags.

Zwei von ihnen haben eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe: Sie sind die „Chirurgen“. Mit Pinzette und Skalpell bewaffnet setzen sie den Muscheln einen Nukleus ein, sobald diese etwa zwei Jahre alt sind. Die Auster schützt ihren Organismus vor dem Fremdkörper, indem sie ihn mit Perlmutt belegt: eine kultivierte Perle entsteht. Doch Austern sind verkniffene und sehr sensible Tiere. Nur durch einen schmalen Spalt gelangt der Chirurg mit seinem Besteck an die Weichteile. Um den Schnitt zu setzen und den Nukleus einzufügen, bleibt nur eine halbe Minute. Kaum ist die Muschel wieder im Wasser, müssen Cabral und seine Männer abwarten. Welchen Farbton die Perle annehmen wird, ob sie rund wird oder kleine Dellen wirft, liegt in der Macht der Natur. Doch je komfortabler eine Auster lebt, desto runder und glänzender wird ihre Perle.

Austern sind verkniffene und sensible Tiere. Ist das Meer zu warm, reagieren sie gestresst

Mehrere Hunderttausend Austern pflegen die Arbeiter draußen in der Lagune. Mit kleinen offenen Motorbooten bewirtschaften sie die 100 Hektar Wasserfläche, die Cabral von der Regierung gepachtet hat. Sie setzen Babymuscheln aus, befreien deren Schalen regelmäßig von Algen und Schwämmen, ernten die erwachsenen Tiere und setzen die befruchteten wieder aus. Sieben Meter unter der Oberfläche haben sie Seile aufgespannt, an denen Körbe voller Austern hängen. 27 Grad warm ist das Wasser hier unten, eigentlich viel zu warm für eine Perlenzucht. Erhitzt sich die Lagune auf mehr als 30 Grad, müssen die Männer ihre Arbeit einstellen. Die Muscheln benötigen dann Ruhe, so sehr strengen sie die hohen Temperaturen an. Doch das Wasser in der Lagune wird immer wärmer. „In 20 Jahren wird es hier im Norden keine Austernfarmen mehr geben“, sagt Cabral. Auch der sinkende PH-Wert des Pazifiks macht ihm zu schaffen – in saurem Wasser können seine Austern nicht überleben.

Mit Knieschützern und Handschuhen bewehrt, versenken Jean und Matatini Austern im Meer vor Rangiroa

Mit Knieschützern und Handschuhen bewehrt versenken Jean und Matatini Austern im Meer vor Rangiroa

© Monika Höfler
Wenn alles gut geht, wachsen im Inneren der Muscheln Perlen

Wenn alles gut geht, wachsen im Inneren der Muscheln Perlen

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Austernfarmer ­Philippe Cabral am Meer

Mann mit Meerblick: Austernfarmer ­Philippe Cabral

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Ein ­„Chirurg“ zeigt an einer ge­öffneten Auster, wo er den Nukleus einsetzt

Kompliziertes Handwerk: ein ­„Chirurg“ zeigt an einer ge­öffneten Auster, wo er den Nukleus einsetzt

© Monika Höfler

  Die Meeres-Behörde Direction des Ressources Marines et Minières (DRMM) in der Hauptstadt ­Papeete kontrolliert die Ausfuhr der Perlen. Bislang durften nur Perlen, deren äußere Perlmuttschicht mindestens 0,8 Millimeter dick sind, Tahiti-Perle (präzise: „auf ­Tahiti kultivierte Perle“) genannt und exportiert werden. ­Alle ­anderen wurden von der DRMM zerstört. Seit Anfang 2017 entfällt diese Qualitätskontrolle. An ihre Stelle ist ein neues Gesetz getreten: Abhängig von ihrer Größe dürfen die Farmen eine bestimmte Menge Perlen im Jahr produzieren. So sollen die Lagunen geschont, soll die Menge der exportierten Perlen eingedämmt werden. Cabral fürchtet, das Gesetz sei nicht umsetzbar: „Schon heute funktioniert die Verpachtung der Lagunen nicht“, sagt er, „viele Farmen auf den abgelegenen Inseln machen, was sie wollen – sie pachten zehn Hek­tar Wasserfläche, nutzen aber hundert.“ Die ­Behörden hätten nicht genug Angestellte, um die weit verstreuten Farmen zu kontrollieren.

Dass sich Cabral bis heute über Wasser halten konnte, verdankt er den Touristen. Insgesamt kommen jedes Jahr etwa 190 000 von ihnen nach Französisch-Polynesien, sie bilden die zweite wichtige Einnahmequelle des Inselreichs. „Ohne die Touristen auf Rangiroa gäbe es ,Gauguin’s Pearl‘ nicht mehr“, sagt Cabral. Etwa 20 Prozent seiner Verkäufe gehen mittlerweile direkt an Besucher. Wer kann, öffnet seine Türen den Gästen.

Geschmückt mit Blumen, Tattoo und Tahiti-Perlen bereitet sich eine Tänzerin auf ihren Auftritt vor

Trinität der Südsee: Geschmückt mit Blumen, Tattoo und Tahiti-Perlen bereitet sich eine Tänzerin auf ihren Auftritt vor

© Monika Höfler

  Auf der kleinen Insel Huahine nordwestlich von Tahiti hat der Amerikaner Peter Owen ein ganzes Erlebnis-Konzept um die Perlen-Kultur gesponnen. Als Teenager verliebte er sich in eine Polynesierin. Sie heirateten, und Owen zog mit 19 Jahren nach Tahiti. Dort lernte er von seinem Schwiegervater, Austern zu züchten und Perlen zu kultivieren, später übernahm er den Betrieb. Mittlerweile führt der gebürtige Kalifornier ein Hotel auf Huahine, mit 40 Angestellten ist er der zweitgrößte private Arbeitgeber der Insel. Seine Perlenfarm läuft nur noch als reiner Showbetrieb. Inmitten einer Lagune steht die strohgedeckte Hütte auf Stelzen, Wände, Pfeiler und Türen sind liebevoll mit Muscheln und Perl­muttstücken dekoriert. In großen Gruppen werden die Besucher mit dem Boot vom Festland zu dem kleinen Eiland kutschiert.

Die Leute kaufen mit der Perle eine Geschichte

Peter Owen, Hotelier und Perlenfarmbesitzer

Vor der Wirtschaftskrise produzierte Owen etwa 50 000 Perlen im Jahr, heute sind es nur noch ein paar Hundert. Die verkauft er in Form von Ohrringen, Ketten oder Schlüsselanhängern. Er habe sich immer gefragt, warum so viele Leute seine Farm besuchen, erzählt er. „Irgendwann wurde mir klar: Sie kaufen mit der Perle eine Geschichte. Sie haben gesehen, aus welchem Wasser sie stammt, sie haben die Produzenten kennengelernt und die Arbeit, die dahinter steckt.“

Eine Mitarbeiterin zeigt den Gästen den Operations­vorgang an einer geöffneten Muschel. Eine duftende Blume steckt auch hinter ihrem Ohr – die Tiare ist das Wahrzeichen Tahitis. Beinahe jeder Bewohner des Landes trägt mindestens eine der polynesischen Insignien stets bei sich: die alte Verkäuferin auf dem Gemüsemarkt einen Blumenkranz, der junge Sänger in der Hauptstadt ­Papeete ein traditionelles Tattoo, die Vanillebäuerin eine Tahiti-Perle an einer Kette um den Hals.

Auch Philippe Cabral verkauft eine Geschichte, einen Mythos. Während einer Führung durch den Betrieb können seine Gäste den Chirurgen über die Schulter schauen. So erleben sie, wie viele deformierte Perlen Cabrals Männer an einem Tag aus dem Meer holen, krumme Würmchen aus Perlmutt. Nur vier Prozent der Ernte ist von guter Qualität. Umso begehrenswerter erscheinen die Exemplare, die Cabral in seiner kleinen Boutique ausstellt. In Glaskästen reihen sich Schüsseln aneinander, randvoll gefüllt mit Perlen, sortiert nach Form und Qualität. Die günstigsten, mit Kratzern in der Oberfläche und unregelmäßiger Form, kosten etwa 40 Euro. Eine Brasilianerin streift suchend durch den Laden, ihren Rücken schmückt ein frisch gestochenes Tattoo. Ihr Mann wartet draußen im Schatten, auf seinem T-Shirt prangt das Logo eines Hotels auf Bora Bora. Auf ihrem Segeltörn durch die Südsee haben er und seine Frau schon mehrere Perlenfarmen besucht, erzählt er.

Peter Owen, Perlenfarmer

Ursprünglich wollte Peter Owen ein berühmter Töpfer werden ...

© Monika Höfler
Peter Owens Perlenfarm in Tahiti

... bekannt wurde er aber durch Dokumentationen, die vom Leben auf seiner Farm erzählten

© Monika Höfler

  Stéphane Ripa, der seit zwölf Jahren für Cabral ­arbeitet, hilft der Brasilianerin bei der Auswahl. Er trägt sein Hemd aufgeknöpft, auf der braunen Brust ruht ­eine goldene Schildkröte. Den Anhänger hat Stéphane selbst geschmiedet, eine Perle schmückt den Panzer. Der Diamant am Hals des Tieres hat sich schon aus der Fassung gelöst und für immer ­verabschiedet. Ripa schüttet eine der Schüsseln auf einem ­Stoff­tablett aus: semibarock, Klasse B. Routiniert schiebt er die Perlen mit einem Finger über den Stoff. Wie eine flinke Spinne krabbelt seine beringte Hand über die silbernen, grünen und blauen Kügelchen, bis nur noch wenige übrig sind. Wenn die Perle eiert, wenn Einschlüsse ihre Oberfläche verderben, die Farbe eindimensional ist oder der Glanz stumpf, schnippt er sie zur Seite: aussortiert. Wie kann er so schnell entscheiden? Ripa zuckt mit den Schultern und grinst. „Manche Perlen sprechen zu mir, andere nicht“, sagt er.

Er greift nach der Hand seiner Kundin und prüft ­ihren Hautton. Schließlich lässt Ripa die Handfläche nach oben gedreht und legt die engere Auswahl zwischen die geschlossenen Finger der Kundin. Kurz lässt er seinen Blick von Perle zu Perle wandern, dann tippt er mit entschlossener Geste auf ein Exemplar. Die Dame nickt. Auf dem hellen Silber blitzt ein leichtes Pink, die Oberfläche schimmert transparent, als könnte man bis in das Innere der Perle blicken: ein Juwel aus dem Pazifik, ein Souvenir vom Ende der Welt.


Ein Beitrag aus dem Magazin für Vielfliegerinnen Lufthansa Woman’s World. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.