Iranische Frauen nehmen vor der Kulisse Teherans ein Selfie auf
© Philipp Breu

Hinter dem Schleier liegt der Mut

  • TEXT THERESA BREUER
  • FOTOS PHILIPP BREU

Die Sanktionen sind gelockert, Iran steht nicht mehr im politischen Abseits. Sinnbild des Aufbruchs ist die Kunstszene Teherans – geprägt wird sie von vielen starken Frauen

Nach Sekunden der Anspannung lässt Auktionator Hossein Pakdel den Hammer fallen. „Sohrab Sepehris ,Baumstämme‘ verkauft – für 30 Milliarden Rial!“

Ein Raunen geht durch den Saal. Frauen und Männer tuscheln hinter vorgehaltenen Händen, andere fotografieren mit ihren Smartphones das Gemälde, das in diesem Moment von Männern mit weißen Handschuhen von der Bühne getragen wird.

Umgerechnet etwa 890 000 Euro, solche Preise, da ist man sich hier einig, wären vor ein paar Jahren nicht möglich gewesen. Zumal es sich bei dem 1980 verstorbenen Sepehri um einen der progressivsten und weltoffensten iranischen Maler handelt.

Es ist Freitagabend in Teheran, und die High Society der Stadt ist im eleganten Parsian Azadi Hotel zusammengekommen. Zum fünften Mal findet hier heute die „Tehran Auction“ statt, eine Veranstaltung, die zeitgenössische iranische Künstler fördern will.

Das Publikum applaudiert, während ein Werk nach dem anderen den Besitzer wechselt. Am Ende des Abends werden Bieter im Saal und am Telefon Kunst für insgesamt 7,5 Millionen Euro ersteigert haben – ein Vielfaches der Ergebnisse vergangener Jahre.

„Iranische Kunst wird endlich im großen Stil wahrgenommen“, sagt Shirin Partovi, die gleichzeitig einen iranischen Sammler – links, rechts, links – mit drei Küsschen begrüßt. Sie kennt die Szene.

Jeder Tag ist eine Gratwanderung, und ich liebe es

Shirin Partovi, Galeristin

Seit elf Jahren führt sie eine der erfolgreichsten Galerien der Stadt, die Shirin Art Gallery. In den vergangenen Jahren hat sie bewusst iranische Künstler gefördert. Wer bei ihr ausstellt, kann den Sprung in die internationale Szene schaffen.

Galeristin Shirin Partovi in ihrem Büro

Galeristin Shirin Partovi in ihrem Büro

© Philipp Breu
Ein Besucher der renommierten Mohsen Gallery beim Galerie-Marathon am Freitagabend in Teheran

Ein Besucher der renommierten Mohsen Gallery beim Galerie-Marathon am Freitagabend

© Philipp Breu
Iranerinnen vor der Emamzadeh-Saleh-Moschee, einer Pilgerstätte im Norden Teherans

Iranerinnen vor der Emamzadeh-Saleh-Moschee, einer Pilgerstätte im Norden Teherans

© Philipp Breu

  Einen Tag später sitzt sie im Büro ihrer Galerie in der 13. Straße im Zentrum Teherans und spricht über ihren Werdegang. Die Galeristin ist umringt von Kunstwerken, einem goldenen Männertorso, einer Pistole aus Bronze, frischen Orchideen und Dutzenden Büchern.

Sie trägt goldene Sneakers und zerrissene Jeans, den pinkfarbenen Schleier legt sie nur fürs Foto an. „Ich bin schon als Kind kreativ gewesen“, sagt sie, „wollte immer Künstlerin werden.“ Doch ihre Eltern waren der Ansicht, dass das kein Beruf für Frauen sei, Ärztin oder Ingenieurin sollte sie werden. Englische Literatur konnte sie als Studienfach durchsetzen.

Trotzdem ließ Partovi, heute 46 Jahre alt, die Kunst nicht los. Ende der 1990er-Jahre zog sie in die USA und machte sich einen Namen als Innenarchitektin und Art-Buyerin, bevor sie 2004 in den Iran zurückkehrte. Ein Freund hatte sie angerufen und erzählt, dass es Teheran an Galerien fehle. Es sei an der Zeit, das zu ändern. „Mich hat die Herausforderung gereizt“, sagt Partovi.

Leicht war es nicht. In der Islamischen Republik ist die Meinungs- und Kunstfreiheit stark eingeschränkt. Um eine Galerielizenz zu erhalten, musste Shirin beim Kultusministerium vorstellig werden, all ihre Zeugnisse vorlegen. Die Behörden prüften ihren Lebenslauf, suchten nach möglichen Straftaten und führten einen Drogentest durch.

Vor der Eröffnung der Galerie kamen die Ordnungshüter und mahnten an, Vorhänge im Büro aufzuhängen, damit man sie, schließlich eine Frau, nicht von den gegenüberliegenden Gebäuden aus beobachten könne. Außerdem schärften ihr die Aufpasser ein, dass Kunst, die den Islam oder das Regime kritisiere, tabu sei, ebenso wie Pornografie. „Doch natürlich gibt es eine Grauzone zwischen dem, was erlaubt ist, und dem, was nicht“, weiß sie, „und die testen wir gelegentlich aus.“

Wie vor sechs Monaten, als sie einen Aktionskünstler zu sich holte, um auf das Schicksal einer 16-Jährigen aufmerksam zu machen. Das Mädchen sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis und wartet auf die Todesstrafe, weil sie ihren Vater erstochen hat, als der versuchte, sie zu vergewaltigen.

Gemeinsam haben Partovi und der Künstler eine Gefängniskulisse gebaut und ein Rollenspiel inszeniert, bei dem die Galeriebesucher wie Verdächtige verhört wurden. Es sollte zeigen, welchen Druck der Staat auf seine Bürger ausübt. Wie durch ein Wunder wurde die Veranstaltung weder gestört noch geschlossen.

Anders im vergangenen Jahr, als die Ordnungshüter kamen, weil Partovi Bilder von einer blonden Frau in Jeans und T-Shirt ausstellte. „Warum trägt sie das?“, herrschte einer der Männer sie an. „Das ist unsittliche westliche Kultur!“ – „Das passiert in unserem Land!“, hielt Partovi dagegen.

„Frauen haben Sehnsucht nach dem Westen, lassen sich deswegen ihre Nasen zu Stupsnäschen operieren und tragen westliche Kleidung. Ihr könnt eure Augen davor nicht verschließen, das hier ist Gesellschaftskritik.“ Es half nichts. Sie musste die Ausstellung nach zwei Tagen beenden. Partovi lächelt, als sie daran zurückdenkt. „Jeder Tag ist eine Gratwanderung, und ich liebe es.“

Designerin Yasmin Rahimian zeigt ihre Kollektion auf einem Tablet

Designerin Yasmin Rahimian zeigt ihre Kollektion auf einem Tablet

© Philipp Breu
Die bunt bestickten Mäntel stellt die Designerin Yasmin Rahimian in ihrem Wohnzimmer aus

Die bunt bestickten Mäntel stellt sie in ihrem Wohnzimmer aus

© Philipp Breu

  Die Gratwanderung ist überall sichtbar in Teheran. An Freitagabenden, wenn die neuen Ausstellungen eröffnen, ziehen junge Iraner durch die Galerien der Stadt. Auf Bildern, die Frauen in ausgeschnittenen Blusen zeigen, kleben mehrere Schichten Tesafilm, sodass die heiklen Stellen nur noch durch einen milchigen Schleier schimmern.

Mädchen mit rot geschminkten Lippen stehen rauchend auf den Terrassen, den Schleier so locker wie möglich um das Haar geworfen. In den Ausstellungsräumen sprechen junge Kreative in Nike-Sneakers und Hipster-Klamotten über Austauschprogramme, an denen sie demnächst teilnehmen werden: als „Artists in Residence“ in London und Amsterdam.

Iran verändert sich. In der Bush-Ära galt das Land noch als Teil der Achse des Bösen. Präsident Mahmud Ahmadinedschad drohte Israel mit Vernichtung, und der Westen fürchtete, dass der Iran bald imstande sein könnte, eine Atombombe zu bauen.

Doch seit Präsident Hassan Rohani 2013 ins Amt gekommen ist, hat das Land ein freundlicheres Gesicht bekommen. Die Regierung hat Gespräche mit dem Westen aufgenommen und versprochen, ihr Atomprogramm überwachen zu lassen. Im Gegenzug hat der Westen beinahe alle Wirtschaftssanktionen gegen den Iran beendet. Seitdem herrscht Goldgräberstimmung. Unternehmen aus der ganzen Welt wollen investieren.

Den Kreativen von Teheran allerdings geht es weniger um ausländische Investitionen, obwohl die marode iranische Wirtschaft sie dringend braucht. Ihnen geht es um den psychologischen Effekt der gegenseitigen Annäherung. „Wir werden wieder anders wahrgenommen“, sagt eine junge Frau, die sich am Freitagabend in der Mohsen Gallery eine Ausstellung über Tyrannenporträts ansieht. „Die Welt ist wieder neugierig auf uns geworden.“

Eine, die Teherans Kunstszene seit Jahren beobachtet, ist die Künstlerin Nouriman Manouchehri. „Früher gab es keine Ausstellungsräume in der Stadt. Wir Künstler konnten nicht mal anständige Pinsel und Farbe kaufen“, sagt sie. Anfang des Jahrhunderts konnte Iran hochwertige Mal-Utensilien weder selbst produzieren noch importieren.

„Und heute gibt es etwa 200 Galerien in Teheran, 50 davon wechseln mehrmals im Monat ihr Programm, weil die Nachfrage so groß ist.“ Nouriman sieht, wie immer mehr Sammler aus aller Welt in die Stadt kommen. „Iran ist ein bisschen wie Kuba“, sagt sie, „mysteriös und aufregend.“

Alles ist möglich im Iran – solange es diskret geschieht

Nouriman Manouchehri, Künstlerin

Manouchehri sitzt in ihrem Atelier, hinter ihr hängen Collagen, die sie als junge Frau mit nacktem Oberkörper zeigen. „Natürlich könnte ich das niemals ausstellen in Teheran“, sagt sie, „aber alles ist möglich hier, solange es diskret geschieht.“ Damit meint sie: Auch im Iran trinken Menschen Alkohol, obwohl das per Gesetz verboten ist.

In den Künstlercafés, die von außen kaum als Cafés zu erkennen sind und in denen abends die Kreativszene von Teheran zusammenkommt, lassen junge Leute unterm Tisch Wasserflaschen mit selbst gebranntem Schnaps herumgehen, während sie bei den Kellnern Saft und Kaffee bestellen.

Auch im Iran fertigen Künstler Aktzeichnungen an. Aber sie organisieren dann Untergrund-Ausstellungen zu Hause und laden zur Vernissage nur ausgewählte Bekannte ein. Auf Hauspartys wird hinter verschlossenen Türen genauso getanzt, getrunken und geknutscht wie in Europa.

Die Künstlerin Nouriman Manouchehri in ihrem Atelier

Die Künstlerin Nouriman Manouchehri in ihrem Atelier

© Philipp Breu
Auf diesem Bild hat die Malerin sich selbst porträtiert

Auf diesem Bild hat die Malerin sich selbst porträtiert

© Philipp Breu

  Es war die Sehnsucht nach dieser Gratwanderung und der persischen Kultur, die Manouchehri Ende der 1980er-Jahre zurück in den Iran trieb. Die 62-Jährige hat lange Zeit im Ausland gelebt. Nach der Islamischen Revolution 1979 wanderte ihre Familie in die USA aus.

Ihre Eltern und Geschwister leben noch heute in San Francisco. „Doch ich wollte zurück zu meinen Wurzeln“, sagt sie. „Ich spüre eine tiefe Verbundenheit zu diesem Land und seinen Menschen. In den USA ist das Leben so materialistisch. Im Iran kann zwar nicht jeder lesen und schreiben, aber dafür Poesie zitieren.“

Auch bei Yasmin Rahimian war es der Stolz auf ihr persisches Erbe, der sie kreativ werden ließ. Vor fünf Jahren hat die 29-Jährige gemeinsam mit ihrer Mutter Afsaneh das Label Sondos Design gegründet.

Ihre Mutter hatte schon zuvor Mode entworfen, allerdings schlichte Abendgarderobe, und es war ihre Tochter, die einen Imagewechsel anstrebte. „Ich habe beobachtet, wie sich Frauen in Teheran immer mehr dem westlichen Kleidungsstil angepasst haben“, sagt Yasmin Rahimian, „dem wollte ich etwas entgegensetzen.“

Die Mäntel, die sie entwirft, sind modern und schlicht geschnitten, aber bunt verziert mit persischen Stickereien – von Hand. Alle zwei Monate fahren Mutter und Tochter gemeinsam auf die Märkte im Norden des Landes, auch nach Afghanistan und Tadschikistan, immer auf der Suche nach einzigartigen persischen Entwürfen.

Die beiden sitzen im Wohnzimmer ihrer geräumigen Wohnung. Es riecht nach Räucherstäbchen, auf jedem Tisch stehen Schalen mit Nüssen, das Obst ist nach verschiedenen Rottönen angeordnet, das Wasser mit Erdbeeren und Minze angereichert.

Alles ist bis ins Detail durchgestaltet, denn das Wohnzimmer ist gleichzeitig der Showroom. Hier können die Kundinnen sich unbeobachtet fühlen und auch mal den Schleier ablegen.

Kunst und Kopftücher: unsere Autorin (rechts) im Gespräch mit Afarin Neyssari, Inhaberin der AUN Gallery

Kunst und Kopftücher: unsere Autorin (rechts) im Gespräch mit Afarin Neyssari, Inhaberin der AUN Gallery

© Philipp Breu

  Wie die Kunst ist auch die Mode eine riskante Angelegenheit im Iran. Im Mai wurden mehrere Models verhaftet, weil sie sich ohne Schleier hatten fotografieren lassen. Einige der Frauen sollen gegen Kaution freigekommen sein, andere Kolleginnen haben aus Angst vor Verfolgung das Land verlassen.

Auch Yasmin und Afsaneh haben ihre Models bislang ohne Schleier abgelichtet und die Bilder auf Instagram gepostet. Gerade arbeiten sie an einem neuen Konzept: Für die Sommerkollektion, kündigen sie an, würden sie ihre Models mit Kopftuch fotografieren.

Ihr Land für Dubai oder Katar aufgeben wollen sie nicht – obwohl die Regeln dort weniger streng und die Kundinnen zahlungskräftiger sind. „Unsere Heimat ist nun mal die Islamische Republik“, sagt Rahimian. „Wir müssen die Regeln akzeptieren, wenn wir hier leben und arbeiten wollen.“ Außerdem glaube sie an die Öffnung des Landes und an die Chancen, die mit dem Ende der Wirtschaftssanktionen für Geschäftsfrauen wie sie kommen.

Schon lange erhält sie Anfragen von Frauen aus Europa, die Mäntel bestellen wollen. Noch kann sie ihre Kollektion nicht im Westen verkaufen, weil Geldtransfers zwischen iranischen und westlichen Banken zwar erlaubt, aber kaum möglich sind. Aber eigentlich will sie sowieso keinen Internethandel aufmachen.

„Mein Traum wäre es“, sagt Rahimian, „eine Boutique in Mailand oder Paris zu eröffnen.“ Dann rückt sie ihren Schleier zurecht, gerade so, dass er nicht hinunterfällt.


 

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.


Theresa Breuer war beeindruckt von der Willensstärke und Rebellionslust der Frauen in Teheran. Die jungen Iraner lieben die persische Kultur, sehnen sich aber nach einen säkularen und liberalen Staat.