Enge Gassen, weites Wasser: Blick über das Hafenbecken von Valletta
© Gerald Hänel

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  • TEXT REINHARD KECK
  • FOTOS GERALD HÄNEL

Valletta auf Malta ist Europas Kulturhauptstadt 2018 – Anlass genug für das Comeback der Strait Street: Nach fast 40 Jahren herrscht wieder ­Leben in den legendären Hafenkneipen.

Wenn über Valletta die Sonne aufging, mussten die „wilden Hunde“ zurück 
in den Zwinger. Also schleppten sie sich zum Pier hinunter, stiegen in 
Victor Caruanas Boot, das sie auf die andere Hafenseite brachte. Wo die Fregatten der Royal Navy ankerten. Wo es kein Bier gab, keine Mädchen und keinen Jazz. Nur das harte Matrosenleben. Unterwegs flogen rasch die Fäuste, so war es fast immer. Ein dummer Spruch, ein böser Scherz, viel brauchte es nicht, schon fielen die betrunkenen Seeleute übereinander her. Bis das Boot schwankte, schaukelte, schließlich kippte – und alle Mann ins Becken des Grand Harbour platschten.

„Den wilden Hund von der Kette lassen“, so nannten Matrosen einst einen Landgang in Valletta, der Hauptstadt von Malta. Denn auf der Mittelmeerinsel lockte die Strait Street, bis in die 1970er-Jahre das berühmteste Amüsierviertel zwischen Suez und Gibraltar – zumindest für die Marinesoldaten der britischen und US-amerikanischen Navy.

Victor Caruana auf seinem traditionellen Boot, einem "luzzu"

Victor Caruana auf seinem traditionellen Boot, einem "luzzu"

© Gerald Hänel

  Victor Caruana – grauer Raspelbart, fleischige Wangen, stolzer Bauch – war einer der Männer, die die Marinesoldaten damals ins Abenteuer chauffierten. Und der mit ihnen baden ging, wenn in seinem Hafentaxi randaliert wurde. Heute passiert das nicht mehr. In seinem luzzu, wie die maltesischen Holzruderboote heißen, fährt der 70-Jährige nun Urlauber durch den Grand Harbour. Und erzählt von den Zeiten, als Valletta „Europas größte Seefahrertaverne“ war. „Die Matrosen waren meine besten Kunden, ich konnte ihnen nicht böse sein“, erinnert er sich. Caruana grinst, wenn er an die Gesichter der Offiziere denkt: wie sie ihn und ihre Maate wieder fluchend aus dem Wasser fischten … Schon damals, Ende der 1960er-Jahre, war ihm klar: Das ist guter Stoff für Anekdoten.

Die Strait Street ist ein Mythos. Rund 100 Kabaretts, Jazzbars und Kaschemmen erwarteten die Seefahrer in den Nachkriegsjahren. The gut nannten Marinesoldaten die mediterrane Reeperbahn-Variante – was im britischen Slang „Eingeweide“ heißt, in der Sprache der Matrosen auch „Meerenge“. Doch die Strait Street war mehr als bloß Rotlichtmilieu. Hier gedieh, fern der Bürgerlichkeit, auch die Kunst. Wie in Pigalle in Paris oder Soho in London trafen sich dort Bohemiens, Abenteurer und Freigeister. Auch der US-Schriftsteller Thomas Pynchon trieb sich als junger Seemann in den 1950er-Jahren im Viertel herum, das Treiben dort beschrieb er später in seinem Roman „V“. Doch viele der erzkatholischen Malteser sahen in der Strait Street keine Quelle der Inspiration, sondern einen Schandfleck, den moralischen Bankrott. Travestieshows, Absturzkneipen, Rotlicht – all das ließ sich nicht mit ihren konservativen Idealen vereinbaren.

Neues Leben in der Strait Street

Neues Leben in der Strait Street

© Gerald Hänel
In einem ehemaligen Lagerhaus am Hafen entsteht das Restaurant Harbour Club

In einem ehemaligen Lagerhaus am Hafen entsteht das Restaurant Harbour Club

© Gerald Hänel

  Als 1979 die britische Royal Navy ihren Stützpunkt in Valletta aufgab, zogen rund 1000 Matrosen ab. Die Partygasse verödete, irgendwann schloss auch die letzte Kneipe. Vergessen wurde die Strait Street indes nicht. Sie lebte weiter, in Legenden und Anekdoten. Sogar eine Fernsehserie („Strada Stretta“) wurde ihr gewidmet, natürlich pflegte die den nostalgischen Blick.

Nun aber soll die Straße endlich entstaubt werden, aufgeweckt aus ihrem nahezu 40-jährigen Dämmerschlaf: Seit vor fünf Jahren Valletta, zusammen mit dem niederländischen Leeuwarden, der Titel „Kulturhauptstadt Europas 2018“ verliehen wurde, putzt sich die Stadt heraus, und dabei wird auch die Strait Street neu belebt. Eine Kulturinitiative soll an ihre Geschichte erinnern: The gut kehrt zurück – zumindest in einer Light-Version.

Der Harbour Club serviert Rettich-Chiasamen-Salat

Der Harbour Club serviert Rettich-Chiasamen-Salat

© Gerald Hänel
Stammgast: "Gozi" ist seit 60 Jahren in der Rotlichtgasse zu Hause

Stammgast: "Gozi" ist seit 60 Jahren in der Rotlichtgasse zu Hause

© Gerald Hänel

  Der Mann, der die Geschichte der Strait Street fortschreiben soll, heißt Giuseppe Schembri Bonaci. Der 62-Jährige war schon maltesischer Botschafter in Moskau, heute ist er Kunstprofessor an der Universität Malta. Als künstlerischer Direktor der Kulturinitiative Strada Stretta ist er zuständig für das neue Image der Straße. Bonaci ist eine fröhliche, uneitle Erscheinung, er trägt Jeans und verwaschenes T-Shirt. Er organisiert Konzerte, Musicals und Ausstellungen für das Kulturhauptstadt-Jahr 2018.

Die Strait Street ist eine Gasse wie ein Separee: eng, unauffällig, intim

Nicht zu vergessen: Bonaci ist in der Strait Street aufgewachsen. Das hieß, dass er als Kind nie Besuch von seinen Schulkameraden bekam. Deren Eltern warnten ihre Kinder: Wenn ihr an der Straße vorbeikommt, haltet euch die Augen zu! Für Bonaci jedoch gehörte das wilde Leben dort zum Alltag. Viele Mitglieder seiner weit verzweigten Familie waren Künstler, so auch Giuseppe Bonacis Vater, der Saxofon in einer Jazzband spielte. Für die US-Matrosen klang das nach Heimat, nach dem Optimismus einer neuen Zeit. Musik ließ die Kriegswunden in den Köpfen verheilen, brachte Italiener, Briten und Amerikaner zusammen.

 

Mit seiner neuen Aufgabe gehe ein Lebenstraum in Erfüllung, sagt Bonaci. Natürlich sagt er das am Ort des Geschehens, in der Straße seiner Kindheit, einer Gasse wie ein Separee: eng, unauffällig, intim. An den Fassaden verblassen die Schilder mit den Namen verschwundener Lokale wie alte Tattoos: Cambridge Bar, White Star, The Old Vic Cabaret. Doch verlassen ist die Straße an diesem Samstagabend nicht. Vor der Yard 32 Bar sitzen junge Malteser, in ihren Gin-Tonic-Gläsern klackern Eiswürfel. Herren in Anzügen und Damen in Abendkleidern huschen ins Palazzo Preca, ein Restaurant im Hinterhof eines alten Herrenhauses, amerikanische Touristen ziehen ihre Rollkoffer über das Kopfsteinpflaster. „Bis vor Kurzem war Valletta ab sechs Uhr am Abend tot“, erzählt Clint Debono, 42, Mitbesitzer der Tico-Tico-Bar. Sie war die letzte, die nach dem Abzug der Royal Navy schloss. Und die erste, die wieder geöffnet hat, vor vier Jahren. Debono zapft ein Cisk-Lager, das ikonische Bier der Matrosen. Es ist elf Uhr abends, alle Tische sind voll besetzt.

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Sie tauchen immer mal wieder in Debonos Lokal auf: Männer mit harten, verlebten Gesichtern. Nach dem zweiten Bier ziehen sie ihre Ärmel hoch und zeigen den Kellnern faltige Tattoos auf ihren Unterarmen: Anker, Schiffe, Flaggen, Meer­­jung­frauen. Dann legen sie vergilbte Fotos auf den Tresen und erzählen von früher. Die Geschichten klingen so: „Hier, der Typ links. Wie dieses Großmaul über uns Briten gelästert hat … Erst soffen wir ihn unter den Tisch, dann schleppten wir ihn zum Tätowierer. Er war so voll, dass er nicht mal mitbekam, wie er den Union Jack auf seinen amerikanischen Bauch gestochen bekam … Oder hier, das Barmädchen Sparrow. Wir nannten sie Spatz, weil sie keiner festhalten konnte. Flatterte durch die Bar, vom einen zum Nächsten. Sie war eine Berühmtheit. Als wir hörten, sie sei gestorben, setzten unsere Schiffe die Flaggen auf halbmast.“ Wie viel ist Garn, wie viel Wahrheit? Wer weiß. Die Veteranen leeren noch ein paar Gläser, dann schlurfen sie davon. Die wilden Hunde, sie machen keinen Ärger mehr.

  Der Neustart der Tico-Tico und anderer Bars sind erst der Anfang der Wiedergeburt der Strait Street. Weitere Lokale sollen entrümpelt und belebt werden. Im Winter soll ein japanisches Izakaya eröffnen, daneben entstehen ein Club und ein Craft-Beer-Lokal. Der Mann, der für das neue Gesicht der Strait Street zuständig ist, heißt Chris Briffa und ist Vallettas Vorzeige-Architekt. Der 43-Jährige – schwarzes Haar, Hornbrille, lässiges Auftreten – hat sein Atelier nur vier Querstraßen vom Tico-Tico entfernt. Er plant, die Balkone der Strait-Street-Häuser in Bühnen für Musiker und Schauspieler zu verwandeln: die Gasse als Auditorium, der Flaneur als Zuschauer. Sein Lieblingsdetail ist die einzige öffentliche Toilette in der Strait Street. Nicht viele Architekten erfüllt es mit Stolz, wenn sie Klos bauen dürfen, Briffa schon. Er schwärmt von roten Neonleuchten, Samtvorhängen, Spiegeln und einer kleinen Bühne – eine Konzepttoilette sozusagen, ein Kunstwerk, das den Geist des Rotlichtviertels feiert.

Das neue Parlamentsgebäude, entworfen von Stararchitekt Renzo Piano

Das neue Parlamentsgebäude, entworfen von Stararchitekt Renzo Piano

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Blick aufs Victoria Gate auf Valletta

Blick aufs Victoria Gate

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Blick von der Fähre auf Vallettas Altstadt

Blick von der Fähre auf Vallettas Altstadt

© Gerald Hänel

  „Wir werden in den kommenden Jahren noch sehr beschäftigt sein“, sagt Briffa. Das gilt nicht nur für ihn. Richard England, ein Veteran unter Maltas Architekten, errichtet in einem historischen Schlachthof einen Komplex für Start-ups und Kreativarbeiter, Stararchitekt Renzo Piano hat in den Ruinen von Vallettas Opernhaus ein Freilichttheater gebaut. Und sein vor zwei Jahren eröffnetes Parlamentsgebäude – ein Bau wie ein Bunker mit Bürofenstern wie Schießscharten – gilt als neues Wahrzeichen der Stadt. Briffa meint: „Vallettas Altstadt wird sich in den kommenden Jahren rasant verwandeln.“ Sie wird kultivierter, eleganter werden – was the gut nie war, nie sein wollte.

Zurück zum Hafen, wo Victor Caruana am Anleger zu tun hat. Ein Kreuzfahrtschiff ist eingelaufen. Im 30-Minuten-Takt schippert er Touristen durch den Grand Harbour, acht Euro pro Person. Sein luzzu gleitet vorbei an den honigfarbenen Mauern von Fort St Elmo, herüber zur Hafenpromenade der Three Cities. Das beste Fotomotiv: die alle Dächer überragende Kuppel der Karmeliterkirche. Die Zeit der wilden Hunde ist endgültig vorbei. Doch am Abend, wenn die Sonne untergeht, da hören sie ihre Ketten rasseln, Caruana und die Seeleute von damals.


Hören & Sehen: Tage und Nächte auf Malta

FESSELND

Vom 8. bis 12. November findet das Malta Book Festival statt.

ktieb.org.mt

KOSTÜMIERT

Die Woche vom 9. bis 13. Februar 2018 gehört den schrillen Straßenumzügen.

visitmalta.com/carnival

AUSGELASSEN

Am 7. Juni 2018 feiert sich der Hafen: beim Valletta Pageant of The Seas.

valletta2018.org

INSPIRIEREND

Die junge, zeitgenössische Galerie Blitz ist Treffpunkt der Kunstszene.

thisisblitz.com

ERHOLSAM

Apartments in einem renovierten Palazzo mitten in der Strait Street.

10straitstreet.com


Zum Ziel

 

Lufthansa fliegt mehrmals täglich von Frankfurt (FRA) und viermal wöchentlich von München (MUC) nach Malta (MLA). Ihre Meilengutschrift ermitteln Sie auf meilenrechner.de.