Imker Ingo Fehr am Flughafenareal
© Roman Pawlowski

Ein Imker für den Airport

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS ROMAN PAWLOWSKI
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL
  • VIDEO SEBASTIAN STÜCKE, ULF MIERS

Hinten dröhnen die Turbinen am Hamburger Flughafen, vorn summen Zehntausende ­Bienen. Ingo Fehr weiß, was Schmerz bedeutet – und wie sich echtes Glück anfühlt.

Er hält die Luft an. Das darf nicht wahr sein, die Wabe klemmt, verkeilt, ausgerechnet jetzt. Er ruckelt, Schweiß auf der Stirn, am Kasten. Klassischer Vorführeffekt. Da, die Wabe löst sich! Ruhige Hand. Nicht fallen lassen, sonst tut es weh. Weiß er, sie haben ihn schon überall erwischt. Arme, Beine, im Gesicht, einmal sogar im Auge. Pro Jahr 20 Stiche. Bienen verfolgen dich Hunderte Meter, wenn sie wütend sind. Er hält die Wabe ins Licht. Sieht gut aus. Vor einer Woche erst angesetzt, bereits ein dünner Honigfilm. Die Königin ist stark, ihr Volk fleißig. Ingo Fehr, Imker am Airport Hamburg, sagt: „Viele haben Angst und Respekt vor Bienen, ich habe nur noch Respekt – Angst nicht mehr.“

Airportimker, den Job gibt es wirklich. Fehr macht ihn seit 17 Jahren. Das Flughafenareal ist Hamburgs größte zusammenhängende Grünfläche, größer als der Friedhof Ohlsdorf oder der Stadtpark. Fehrs Bienen hört man, bevor man sie sieht. Bssssssss. Der Ton erfüllt die Aprilluft. Manchmal dröhnt ein Flugzeug durch. Fehrs Bienen leben auf einer Wiese am Wald­rand, 500 Meter bis zur Startbahn, 200 Meter zur Station des Wetterdienstes. Er liebt diesen Ort, die Natur, die Idylle. Aus der Krone tönt ein Vogelruf. Sonne im Geäst. Es fühlt sich an, als unternähme man einen Sommerausflug mit dem Imker. Der Terminaltrubel, die Großstadt, alles weit, weit weg. Fehr klappt die Imkerhaube hoch, um vom Honig zu kosten. Oh, köstlich! Schmeckt nach – er überlegt. Sehr blumig, beinahe nussig, oder? Wilde Kamille? Er ist sich nicht sicher. Sicher ist nur, dass das ein guter Jahrgang wird. Ein dunkler Honig. Im späten April blühen die ersten Gräser, die Bienen schwärmen aus. Zur Juni-­Mitte fährt Fehr seine Frühtracht ein. Die zweite Ernte, die Sommertracht, folgt knapp vier Wochen später.

Imker Ingo Fehr mit einer Bienenwabe

Der Standort an der Wiese ist ideal. Blüten aller Art warten auf die Bienen, ein Weiher im Wald bietet ihnen Wasser, in der Nähe fließt auch der Bach Tarpenbek

© Roman Pawlowski
Bienen auf einer Holzwabe

Schon im alten Ägypten galt Honig als die Speise der Götter

© Roman Pawlowski

  Dabei geht es gar nicht um den Honig. Nicht nur. Der Honig ist Mittel zum Zweck: Die Bienen sind als sogenannte Bio-Detektive im Einsatz, ihr Einsatz hilft bei der Überprüfung der Luftqualität am Airport. Der Honig wird vom Institut für Bienenkunde in Celle auf Immissionen, Chemikalien und Keime getestet. Bienen durchfliegen ihr Suchgebiet intensiv, bilden deshalb die Umweltbedingungen der Gegend ziemlich perfekt ab. Man habe immer grünes Licht bekommen, erzählt Fehr. Gut, einmal war der Chromwert erhöht. Lag aber an ihm, er hatte mit einem Chromspachtel verkostet und Spuren hinterlassen. Die Luft am Flughafen, sie ist in Ordnung. Das Honig-Monitoring gehört zu einem größeren System. Es ergänzt die ständigen Luftgütemessungen der Behörde und eigene Schadstoffberechnungen am Standort.

Auf der Waldwiese setzt Fehr Eierkartons in Brand. Er feuert den Smoker an, ein Gerät, das wie eine Gießkanne aussieht. Der Rauch betäubt die Bienen, sie werden träge. Mit dem Stockmeißel löst Fehr eine neue Wabe, daran klebt, dick und golden, der Honig. „Die Biene ist ein wahrhaft faszinierendes Wesen“, flötet Fehr durch sein Helmnetz. Ihr Fleiß. Ihre Staatsstrukturen. Die Abläufe, die Hierarchien. Thronend eine Königin, ihr zu Diensten Zehntausende Helfer. Um Fehrs Kopf brummt es. Ein umschwärmter Mann, ein Mann, der schwärmt. Auch zum Imkern kam er über die Liebe. Seine heutige Frau traf er in der ersten Schulklasse, mit 16 Jahren werden sie ein Paar. Ihr Vater ist es, der Fehr das Imkern lehrt. Ein aufrechter Eisenbahner, Schrebergarten am Gleis, darin der Bienenstock. Imkern mit Herz oder gar nicht, trichtert er dem Tochterfreund ein. Und bei dem verfängt die strenge Moral. 1999 schreibt Student Fehr seine ­Di­plom­arbeit am Hamburger Airport. Jetzt habe ich hier einen Hobby­imker sitzen, sagt der Abteilungsleiter damals, das muss ich doch nutzen! Fehr darf sein erstes Volk aufstellen. „Das ­Projekt ist aus einer Flurlaune entstanden, aus einem Kaffeeplausch“, erinnert er sich. „Eigentlich Wahnsinn, wenn man sieht, was mittlerweile daraus geworden ist.“ Acht Völker, beheimatet in Styroporkisten, diese mit Ziegeln beschwert. 200 000 Bienen insgesamt. Andere Flughäfen haben das Konzept kopiert. Dortmund, Bremen, Düsseldorf, München, Dresden, sie alle haben heute Flughafenimker. Selbst in Tel Aviv und Malmö stehen Körbe.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Im Video: Ein Imker am Flughafen? In seiner Arbeitskleidung erntet Ingo Fehr auch mal verwunderte Blicke

  Fehr bleibt seinen Bienen treu, auch als er in Lübeck an­heuert. Fährt immer hin und her, um die Völker zu betreuen. Seit 2014 ist er wieder angestellt in Hamburg, Zentralbereich Umwelt, Gebäude 235. Sein Schwiegervater lebt inzwischen nicht mehr, den Beginn des Projekts aber hat er noch mitbekommen. Immer wieder hatte Fehr ihm Tagespässe organisiert. Dann fuhren sie zum Stock, schauten den Bienen zu und den Flugzeugen, zwei Männer im Wald, in der Sonne, schweigend und glücklich.

Bevor Imker Fehr zu seinen Bienen darf, muss er die Sicherheitsschleuse passieren. Ein Ritual fast schon, alle acht Tage: den Ausweis zeigen, sich scannen lassen, Schlüssel und Gürtel ablegen, kurzer Schnack dazu. Danach fährt er seinen Opel Zafira über die Umlaufstraße, den Bienen entgegen. Vorbei am Hubschrauber-Hangar, an den Schrebergärten, am Tower. „Der Airport hat 160 000 Flugbewegungen pro Jahr – das schaffen meine Bienen an einem Tag“, grinst Fehr, großartiger Kalauer, zieht immer. Wenn er morgens in seine Kluft steigt, leuchtet die rein und weiß. Am Abend ist der Imkerschleier gelb verharzt.

Die Biene ist doch ein wahrhaft faszinierendes Wesen!

Ingo Fehr, Airportimker

Die Ausrüstung passt in den Kofferraum. Ein paar Schwämme zum Abdichten des Fluglochs. Ein Handbesen, um entnommene Waben abzufegen. Das Handtuch gegen den Schweiß. Und, ganz wichtig: Zigaretten für die Pause. Fehr, Ring im Ohr, auf den Bizeps eine Bienenkönigin tätowiert, die Gürtelschnalle zeigt das Logo des FC St. Pauli, ruht in sich, und das muss man wohl auch bei diesem Job. Aber jetzt geht sein Blick zum Himmel, in den sich Wolken schieben. Das Wetter ist ein ständiges Risiko. Im Regen fliegen die Bienen nicht, bei Gewitter sind sie aggressiv. „Dann sollte ich mir gut überlegen, ob ich die Kiste öffnen will“, sagt der Honigmann. Heute zieht das Grau vorbei, der 49-Jährige kann weiter die Waben entdeckeln. Er prüft, schwitzt, fleißiger Mann, fleißige Bienen. „Hier ist fast nichts, hier waren sie faul“, murmelt er, eine halb leere Platte zeigend. Hart, aber Fehr.

Bienen sammeln sich auf einer Wabe

Maximales Volumen bei minimalem Materialaufwand: Der Bau einer Honigwabe ist eine logistische Meisterleistung

© Roman Pawlowski
Tätowierungen auf dem Rücken des Imkers

Ingo Fehrs Bienenliebe geht bei ihm bis unter die Haut

© Roman Pawlowski
Ingo Fehr, Imker, im Hintergrund: Eine Germanwings-Maschine

Ingo Fehr imkert nicht nur am Airport, er hat auch einen Bienenstock in seinem Garten – am Ende des Sommers vergleicht er beide Honigernten

© Roman Pawlowski
Airportimker Ingo Fehr mit Schutzmaske

Unter der Haube: Ingo Fehr in Arbeitskleidung

© Roman Pawlowski

  Gelernt hat er Koch, hat sogar in der Küche gearbeitet. Ist schon lange her. Heute kocht und serviert Fehr nur noch privat, und auch dann kommt der Imker durch. Braten mit Honigkruste, Honigsenfdressing auf Salat. Klingt abgedroschen, aber Fehr ist wirklich einer, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Vor Kurzem beobachtete er, wie sich die Königin aus dem Bau gefressen hat. Da war er glücklich, einfach glücklich. Stirbt ein Volk im Winter weg, tut ihm das weh. Er sitzt auch im Büro, er konferiert, mailt, malocht. Zwei Drittel Schreibtisch, sagt Fehr, aber ein Drittel Imkern. Diesen Part genießt er richtig.

Sowieso ist das Imkern am Airport häufig Mathematik. Fehr rechnet vor, dass eine Biene pro Tag 40 Ausflüge unternimmt. Dabei besucht sie rund 4000 Blüten. Für ein Kilo Honig werden drei Kilo Nektar benötigt. Also müssen seine Bienen auf 150 000 Flügen etwa 15 Millionen Blüten anfliegen. Im vergangenen Jahr wog die Gesamttracht 110 Kilo – abgefüllt waren das 440 Gläser Honig, die an Partner und Kunden verschenkt wurden. Dabei ist Fehrs Honig gut genug, um im Supermarktregal zu stehen, jedenfalls theoretisch. Die Kriterien des Imkerbundes erfüllt er. Eine Laborprobe zeigt, wie üppig es am Airport grünt. Linde, Sonnenblume und Streuobst waren schon enthalten. Klee, Schlehe, Akazie. Manchmal Raps, Heide, Vergissmeinnicht. Ahorn und Kastanie, sogar wilder Wein. Die Trachtmenge reicht aber nicht, um kommerziell zu verkaufen. Der Airport-Honig ist eine Rarität.

Es ist spät geworden am Wald hinter der Landebahn, die Sonne schon im Sinkflug. Schlussfrage an den Imker, unter uns, also jetzt mal ehrlich: Zweigt er sich manchmal ein paar Gläser von seiner Ernte ab? Ingo Fehr grinst. Grinst lange und schweigt. „Ich liebe ein gutes Honigbrot“, sagt er schließlich.


Tierische Helfer am Flughafen

Illustration Schaf

Schafe

Schafe grasen an Airports dort, wo es für Rasenmäher zu eng oder schief ist. Gräben und Böschungen sind für hungrige Herden kein Problem – etwa in Hamburg und Chicago.

Illustration Ziegen

Ziegen – und ein Lama

Der Airport Portland setzt auf Ziegen, um das Unkraut zu tilgen. Vermietet werden sie von der Firma Goat Power. Ein Lama gibt es auch, es schützt die Herde gegen Koyoten und Wölfe.

Illustration Beagle

Beagles

Zollschäferhunde kennt jeder. Cooler ist die sogenannte Beagle Brigade, die in den USA Fleisch und tierische Produkte erschnüffelt. Imposante Bilanz: 75 000 Funde pro Jahr.

Illustration Frettchen

Frettchen

In Köln jagt Frettchen Micki die Wildkaninchen aus ihrem Bau, die Tiere gehen ins Netz – statt die Greifvögel der Gegend anzulocken.

Illustration Bussard

Bussarde

An einigen Airports in arabischen Ländern gibt es Falkner, die mit ihren Bussarden kleinere Vögel vertreiben und so Vogelschlag verhindern.

Illustration Biene