Alle Kinder fliegen hoch! Lufthansa Magazin September 2016
© Elias Hassos

Alle Kinder fliegen hoch

  • TEXT ANNE-DORE KROHN
  • FOTOS ELIAS HASSOS

Keine Angst, wir schaffen das: Im „Kinderseminar für entspanntes Fliegen“ lernen junge Reisende, wie man sich im Flugzeug lockermacht

Sechs Kinder sitzen im Halbkreis und atmen sehr konzentriert im Takt. Durch die Nase ein, durch den Mund aus, durch die Nase ein, durch den Mund aus. Sie atmen, um das Angstmonster zu zähmen. Die Psychologinnen haben es erklärt: Wenn man versucht, es zu verscheuchen, wird es immer größer. Besser ist es, das Angstmonster zu seinem Kumpel zu machen. Für die Atemübung sollen sie gelbe Luftballons unter die Pullover stecken und die Hand auf die Kugelbäuche legen. Da müssen jetzt erst mal alle lachen.
Das Angstmonster kommt immer dann, wenn Anna, Harvey, Tim, Felix, Lysander und Livinia ans Fliegen denken, an wackelnde Tragflächen, die rauschenden Durchsagen und den Druck auf den Ohren. Deshalb sind sie heute hier.

Im Lufthansa Flight Operations Center am Flughafen München gibt es Muffins und Brezeln und Willkommensgeschenke, ein Knautschflugzeug, eine Sitzunterlage, eine Badeente. Auf den ersten Blick könnte man denken, man sei auf einem besonderen Kindergeburtstag gelandet. Doch beim „Kinderseminar für entspanntes Fliegen“, das die Psychologinnen Karin Bonner und Franziska Elberg leiten, geht es um Bewältigungs­stra­tegien und technisches Wissen. Und um Konfrontation. Auch in ein parkendes Flugzeug werden sie später noch steigen, zusammen mit
einem echten Piloten.

Dieses Gefühl, einfach zu fallen und nichts dagegen tun zu können – Anna hat am meisten Angst vor den Luftlöchern. Anna ist zehn Jahre alt, sie lebt in Wiesbaden, mit ihren Eltern war sie schon in Dubai, Thailand und Bali. Aber dann kam dieser Flug in die Türkei, einer mit Turbulenzen. Seither weigert sie sich zu fliegen, dabei möchte sie so gerne mal nach Japan.

Alle Kinder fliegen hoch! Lufthansa Magazin September 2016

Noch ein paar Mutmachersätze aufschreiben ...

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Alle Kinder fliegen hoch! Lufthansa Magazin September 2016

... dann geht es in die A320

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 Für den zwölfjährigen Harvey sind die lauten Geräusche und die Landung am schlimmsten. Geschichten, die über den Wolken passieren, gehören in seiner Familie eigentlich zum Alltag, seine Mutter ist Flugbegleiterin. Trotzdem wurde das Angstmonster immer größer. Am Morgen ist er mit seiner Oma aus Gießen nach München gekommen, mit dem Zug. Für den Rückweg haben sie Flugtickets, um gleich zu üben. Man sieht Harvey an, dass er sich nicht darauf freut. „Es ist wichtig, das Erlernte anzuwenden“, sagt Karin Bonner. In den Seminaren für Erwachsene gehört ein Flug dazu.

Kinder dagegen haben mehr Fantasie, oft reichen Trockenübungen. Bonner ist doppelte Expertin, denn die Diplom-Psychologin arbeitet seit 30 Jahren auch als Flugbegleiterin. Ihr bunter Schal leuchtet wie ein fröhlicher Mutmacher in den Raum, sie strahlt die Zuversicht einer Seminarleiterin aus, die schon unzählige Angstmonster gezähmt und geschrumpft hat. „Nehmt mal euren Flugzeugflummi“, sagt sie jetzt, „und drückt ihn ganz fest.“ Wer Angst hat, verfügt über viel Energie, ganz egal, ob man sich nun gerade vor einem hungrigen Bären, einem schweren Referat oder dem Fliegen fürchtet. Das Herz klopft, der Atem wird schneller. Eigentlich eine geniale Schutzfunktion, wie ein Alarm, der die Sinne schärft. Wenn die Angst aber im falschen Moment kommt, muss man die überflüssige Energie wieder loswerden, zum Beispiel, indem man den Flummi platt drückt.

Alle Kinder fliegen hoch! Lufthansa Magazin September 2016

So viele Knöpfe! Pilot Markus Friemer erklärt Anna, 10, das Cockpit

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Don't worry be happy

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Alle Kinder fliegen hoch! Lufthansa Magazin September 2016

In der Kabine der A320 lernen Anna und Livinia, wie man mit der Aufregung vor dem Flug zurechtkommt ...

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Alle Kinder fliegen hoch! Lufthansa Magazin September 2016

... auch ein Flugzeugflummi hilft dabei

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 Dann klopft es, ein Pilot steht in der Tür. „Hallo“, sagt er, „ich bin der Markus.“ Er sieht aus, als sei er gerade vom Casting für eine amerikanische Fliegerserie gekommen. Groß, strahlend, vier leuchtende Streifen auf der Schulter. Markus Friemer ist seit 20 Jahren Kapitän, er fliegt eine A320. „Ich zeige euch, wie gut die sind“, sagt er. Zuerst aber versucht er zu beantworten, warum so ein Flugzeug überhaupt abheben kann. Das geht nicht ohne Physik, aber Friemer hat selbst zwei Söhne und kann die Wirkung von Pferdestärken und Fliehkräften in kindgerechte Worte fassen. Es macht ihm sichtlich Spaß, die Sorgen zu entkräften. Eine harte Landung zum Beispiel, erklärt er Harvey, sei sogar die bessere, denn „wir wollen ja, dass sich das Flugzeug richtig hinsetzt“. Und wenn es wackelt, sei auch das eher beruhigend, denn „Flugzeugflügel dürfen wackeln, die wackeln für euch“.

Auf runden bunten Karten notieren die Kinder Mutmachersätze. Sätze wie: Wir schaffen das. Fliegen ist sicherer als Auto fahren. Es wartet etwas Schönes auf mich. Manche malen Kleeblätter und Glückskäfer, Anna klebt einen Fußball dazu. Auf ihrer Karte steht: Es ist sicher. Ich denke an das Ziel. Es ist normal, wenn es wackelt. Zur Flugzeugbesichtigung nehmen sie ihre Stifte mit, um weitere Sätze aufschreiben zu können.

Aber vorher passieren sie – wie vor dem echten Fliegen – einen Metalldetektor, Felix muss sein Handy abgeben. Dann stehen sie in der Werft. Hier werden die Flugzeuge überprüft und vorbereitet. Über ihnen thront der lange Rumpf einer A320, darunter sehen auch die Erwachsenen klein aus. „Vor jedem Flug macht man erst mal einen Outside-Check“, sagt Friemer, „dreckig darf das Flugzeug ruhig aussehen, aber technisch muss es topfit sein.“ Die Kinder dürfen die Reifen anfassen und in die Turbinen reingucken. Alle vier bis fünf Jahre werde ein Flugzeug auseinandergenommen, erklärt der Pilot, deshalb sei es eigentlich nie alt. Wieder so ein Mutmachersatz zum Aufschreiben.

Alle Kinder fliegen hoch! Lufthansa Magazin September 2016

Vom Experten lernen: Kapitän Friemer fliegt seit 20 Jahren

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 Über die steile Gangway klettern sie hinein. In der Kabine übernimmt die Psychologin. In einigen Kindergesichtern ist das Angstmonster jetzt wieder gut zu erkennen. Sie üben noch mal die Atemübungen, nur ohne Luftballons. Durch die Nase ein, durch den Mund aus, 21, 22. „Und jetzt krallen wir uns mal ganz fest in die Armlehnen, ganz fest. Und dann fallen wir zusammen und lassen los, wie ein Sandsack.“ Die Kinder gucken ernst, alle machen konzentriert mit. Im Cockpit wird es wieder lustig. Friemer erzählt, dass er dort auch isst und trinkt, und für den Fall, dass er niesen muss, liegen neben seinem Sitz die Taschentücher bereit. Anna darf sich auf den Platz des Kapitäns setzen. „Wie kannst du dir merken, wofür die ganzen Knöpfe da sind?“, fragt sie. Jeder Knopf sei anders, antwortet der Pilot, „damit man fast blind steuern kann“. Manche haben Zacken, manche Noppen, einige sind flach, andere knubbelig. Alle Kinder dürfen mal den Steuerknüppel bewegen. Harvey setzt sich auf den rechten Kopilotensitz. Wenn er und Anna gleichzeitig drücken, ertönt eine mechanische Stimme: „Dual Input“. „Der Flieger überwacht uns“, lacht Friemer, „hier passt sogar das Flugzeug auf.“

Flugzeugflügel dürfen wackeln, die wackeln für euch!

Markus Friemer, Kapitän

Im parkenden Flugzeug, sagt Harvey auf dem Rückweg zum Seminarraum erleichtert, habe er keine Angst gehabt. „Das ist schon mal gut“, stellt er fest. Seine Oma wartet auf ihn, die Eltern der anderen sind auch da. Neugierig hören sie, was die Kinder erzählen. Felix fand interessant, wie sicher das Cockpit ist. Ly­san­der hat beeindruckt, dass die Fenster aus fünf aufeinandergeklebten Scheiben bestehen. „Mich hat beruhigt, dass alle In­strumente mindestens doppelt oder dreifach da sind“, sagt Anna. Sie ist optimistisch: Wenn sie nach Hause kommt, möchte sie mit ihren Eltern den nächsten Flug planen.

Am Ende werden an alle Urkunden verteilt, auf denen dicke Knautschflugzeuge fröhlich durch die Luft düsen und rufen: „Hey, flieg mit mir!“ Harvey und seine Oma müssen jetzt schnell los, sie haben an diesem Abend schließlich noch etwas vor. Zum zweiten Mal an diesem Tag wird sich Harvey in ein Flugzeug setzen. Und dieses Mal wird er auch abheben.