Illustration: Arzt in der Kabine
© Danilo Agutoli

Helfer im Himmel

  • TEXT SASCHA BORRÉE
  • ILLUSTRATION DANILO AGUTOLI

Sprechstunde über den Wolken: Mehr als 11 000 Mediziner sind für das Arzt-an-Bord-Programm bei Lufthansa registriert – drei von ihnen berichten von ihren Einsätzen.

Prof.Dr. Günther Faust
80, Allgemeinmediziner in Mainz

Auf einer Reise nach Philadelphia habe ich vor Kurzem eine Flugbegleiterin behandelt. Ihr Gesicht schwoll plötzlich an – ein sogenanntes Quincke-Ödem, meist durch eine allergische Reaktion ausgelöst. Ich habe der Frau dann ein Antihistaminikum injiziert. Die Schwellung ging zurück, für den Rest des Flugs wurde sie aus dem Dienst genommen. Die meisten Notfälle können auch an Bord sehr gut gehandhabt werden. Einmal aber habe ich eine Maschine landen lassen. Das war vor 20 Jahren. Damals klagte ein 85-jähriger Mann über starke Schmerzen in der Brust. Meine Diagnose: Angina pectoris, Herz­enge, im schlimmsten Fall kann das zum Infarkt führen. Ich habe erst einmal Nitrolingual verabreicht – ein Mittel, das die Herzkranzgefäße erweitert. Wir waren auf dem Weg nach Griechenland und hätten noch mehrere Stunden Flug vor uns gehabt. Ich wusste natürlich, dass eine außerplanmäßige Landung richtig teuer wird. Im Zweifel aber geht die Gesundheit der Fluggäste vor. Der Kapitän ist in ­Wien gelandet, der Passagier wurde sofort ins Spital gebracht – und nach drei Tagen wieder entlassen.


 

Illustration einer Pillendose

Dr. Argyrios Velenis
50, Internist, Diabetologe und Notarzt in Drama, Griechenland

Es ging ganz schnell. Eben noch wirkte mein Sitznachbar vollkommen entspannt, dann begann er auf einmal zu krampfen. Er verdrehte die Augen, presste seine Kiefer zusammen, verschluckte sogar seine Zunge. Er hätte ersticken können und hatte großes Glück, dass ich auf dem Flug von ­Mallorca nach Frankfurt zufällig neben ihm saß. Für mich war sofort klar: ein epileptischer Anfall. Ich habe den Unterkiefer des Mannes gelöst und Kopf und Hals von hinten überstreckt – das befreit die Atemwege, er war gerettet. Seit 2009 bin ich im Arzt-an-Bord-Programm und habe auch schon einige Passagiere ­be­handelt. Etwa ein Kleinkind, das an hohem Fieber litt – ­39,7 Grad! Der Grund war eine eher harmlose Grippe. Mit einem Paracetamol-Zäpfchen aus dem sogenannten Doctor’s Kit war die Sache erledigt. Zweimal wurde ich von den Flugbegleitern gerufen, weil Diabetiker an akuter Unterzuckerung litten. Sie hatten ihr Insulin nicht richtig dosiert – bei Reisen mit Zeitverschiebung muss man das Therapieschema anpassen. Die ­Passagiere waren kaum noch ansprechbar. Ich habe dann ­Glukagon injiziert, 20 Minuten später ging es ihnen wieder gut.


 

Illustration eines Stethoskops

Dr. Frank Giordano
37, Radioonkologe aus Mannheim

Notfälle an Bord? Gibt es zum Glück sehr selten, ich habe noch keinen erlebt. Häufiger sind harmlosere Erkrankungen und Beschwerden. So konnte ich auf Flügen nach New York und Washington zwei Damen mit Kreislaufkollaps helfen. Wahrscheinlich hatten sie sich vor dem Flug den Magen verdorben und zu wenig getrunken. Auf dem Rückweg von der Toilette gaben die Beine nach, dazu kamen Übelkeit und Erbrechen. Ich habe einfache Präparate aus dem Notfallkoffer verabreicht, die schnell anschlugen. Entscheidend ist auch der psychologische Faktor: Die Damen waren sehr aufgewühlt, eine ­fürchtete sogar, das Flugzeug müsse ihretwegen landen. Ich ­habe mich dann als Arzt vorgestellt und versichert, alles werde wieder gut – die Frau hat sich gleich spürbar beruhigt. Die gute Nachricht für Passagiere: Ärzte reisen öfter als andere ­Berufs­gruppen. Vor allem auf Langstrecken ist meist mindestens ein Mediziner an Bord. Beeindruckt hat mich die Reaktion der Flugbegleiter: Sie sind ruhig geblieben, waren sofort mit dem Doctor’s Kit zur Stelle und konnten ohne Zögern die richtigen Medikamente anreichen.


 

Illustration: Doctor's Kit im Flugzeug

ARZT an BORD

Ob unter oder über den Wolken: Bei einem medizinischen Notfall ist Zeit der entscheidende Faktor. Das Arzt-an-Bord-Programm von Lufthansa beschert wertvolle Minuten. Ist ein Mediziner einmal registriert, wissen die Flugbegleiter stets, wo er sitzt, bei Bedarf können sie ihn sofort ansprechen. Mit rund 11 000 Teilnehmern weist das Arzt-an-Bord-Programm von Lufthansa unter allen Airlines die meisten eingetragenen Mediziner auf. Viele von ihnen haben sich sogar durch einen speziellen Workshop für Einsätze über den Wolken weitergebildet. Für den Notfall steht im Flugzeug professionelles medizinisches Equipment mit verschiedenen Medikamenten und Instrumenten bereit – das Doctor’s Kit. Die Ärzte erhalten als Dank für ihre Beteiligung unter anderem eine Meilengutschrift und einen Gutscheincode für den nächsten Flug, zudem übernimmt Lufthansa die Haftung für Behandlungsfehler.

Registrieren können sich Mediziner jederzeit unter:
lh.com/de/de/arzt-an-bord