Tierarzt Steffen Kappelmann fliegt zu seinen Einsätzen
@ Andreas Fechner

Der Doktor kommt von oben

  • TEXT JOCHEN BRENNER
  • FOTOS ANDREAS FECHNER

Stau in Stuttgart? Tierarzt Steffen Kappelmann gelangt trotzdem rechtzeitig zu kranken Kühen, Pferden und Schweinen – er fliegt einfach hin

Das Kalb gleitet im Stall aus dem Mutterleib auf den Heuboden, noch feucht und fast blind“, Steffen Kappelmann flüstert jetzt fast, „dort liegt es dann, über die Nabelschnur verbunden mit seiner Mutter. Die Geburt ist geschafft, die Strapazen sind vorüber. Und ich? Mache nichts. Blut und Sauerstoff zirkulieren durch die Nabelschnur. Minuten kann das so gehen. Dann schnappt das Kälbchen kurz nach Luft, ruht wieder. Irgendwann fängt es an, regelmäßig zu atmen, schüttelt sich, bewegt seine Glieder.“ Es tritt ein Glanz in die Augen von Tierarzt Kappelmann, 100 Kilo schwer, 1,90 Meter groß, Halbglatze, Hände wie Baggerschaufeln, „ich sehe still zu, wie neues Leben entsteht.“

Kappelmann ist einer, der ein Auge hat für die Magie der Nutztierhaltung. Trotz der Umstände: Nie mussten Kühe mehr Milch im Jahr geben, nie waren sie öfter trächtig als heute. Kühe sind die kleinste Produktionseinheit der industriellen Landwirtschaft. Die Preise für Milch und Fleisch schwanken, der Druck auf die Bauern nimmt zu. Und Kappelmann ist in diesem System der Mann, der die kleinste Produktionseinheit gesund und leistungsfähig halten soll. Aber niemand kann ihm verbieten, die Geburt eines Kalbs jedes Mal wieder für ein Wunder zu halten.

Das folgende Video ist nicht für Untertitel geeignet. Die Beschreibung finden Sie auf der Seite

Im Video: Tierarzt Steffen Kappelmann erzählt von seiner Arbeit als fliegender Tierarzt

 Man muss das wissen, um zu verstehen, warum Kappelmann fliegender Tierarzt ist, der einzige in Deutschland. Seine Praxis führt der 42-Jährige in Sachsenheim bei Stuttgart, der Metropole im Kessel, der Stauhauptstadt Deutschlands. Durchschnittlich 60 Stunden steckten die Stuttgarter im vergangenen Jahr im Verkehr fest. Die Höfe der Bauern, die Kappelmann betreut, liegen über die vielen kleinen Dörfer rundherum verstreut. Fast immer muss er mit dem Wagen durch den Kessel.

Die Vogelperspektive täte der Politik mal ganz gut.

Steffen Kappelmann, 42, Tierarzt

Vor zehn Jahren impfte Kappelmann gerade Pferde auf ­einem Reiterhof, als ihn ein Notruf erreichte. Ein Kälbchen steckte im Geburtskanal fest und drohte zu ersticken. Kappelmann sprang in seinen Wagen, bog auf die Bundesstraße Richtung Remstal. Und stand im Stau. Die Deutschen essen zwar durchschnittlich 60 Kilo Fleisch im Jahr und kaufen gern günstige Milch. Einem Tierarzt mit Blaulicht auf dem Weg zur Kuh die Straße freizumachen, fanden die meisten unnötig. Das Kälbchen schaffte es nicht, der Kreislauf des Muttertiers machte nicht mehr mit. Für den Bauern, dem das Tier gehörte, bedeutete die misslungene Geburt einen finanziellen Verlust. Für Kappelmann war sie eine persönliche Niederlage. Das Wunder fand nicht statt.

Den Satz, der alles in Bewegung brachte, sagte Kappelmann zunächst nur so dahin, es war ein trotziger Wunsch, mehr Beschwörung als Ernst, ein Kindertraum eigentlich. „Wenn ich nur fliegen könnte.“ Über die Jahre machte Kappelmanns Satz dann Karriere. Erst nur in Gedanken, schließlich in einem Schulungshubschrauber auf dem Stuttgarter Flughafen. Kappelmann sammelte 60 Flugstunden für die Privatpilotenlizenz und flog zwei Jahre lang mit einem viersitzigen Hubschrauber zu den Bauern. Bis ihm einer seiner Lehrer den Tragschrauber vorstellte. Da hatten sich zwei gefunden: der Tierarzt mit dem Traum vom Fliegen und das Leichtflugzeug, Gyrokopter genannt. Der Fahrtwind treibt die Rotoren an, ein Propellertriebwerk verleiht Vortrieb. Je weiter der Pilot das Rotorblatt nach hinten neigt, desto größer ist der Auftrieb. Landestrecke zehn Meter, Startstrecke 100 Meter. „Ideal für die Feldwege neben den Kuhställen“, sagt Kappelmann.

Der Hubschrauber von Tierarzt Steffen Kappel auf einem Feld © Andreas Fechner

Für wendige Tragschrauber reichen 100 Meter Feldweg als Startbahn

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Steffen Kappelmann und sein Tragschrauber © Andreas Fechner

Die Berufspilotenlizenz will Steffen Kappelmann machen, um mit seinem Tragschrauber häufiger und überall landen zu dürfen

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Steffen Kappelmann ist Experte für Pferde und Rinder © Andreas Fechner

Steffen Kappelmann ist Experte für Pferde und Rinder

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Steffen Kappelmann fliegt in seinem Tragschrauber © Andreas Fechner

Wenn Steffen Kappelmann einen Fehler macht, weiß das sehr schnell jeder Bauer der Region

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Der Tragschrauber von Steffen Kappelmann in der Luft

Der Fahrtwind treibt die Rotoren an, ein Propellertriebwerk verleiht Vortrieb

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Steffen Kappelmann mit Kühen im Stall © Andreas Fechner

Steffen Kappelmann hat ein Auge für die Magie der Nutztierhaltung

© Andreas Fechner

 Ganz so einfach aber ist es nicht. In Deutschland herrscht gesetzlicher Flugplatzzwang, was im Grunde eine gute Idee ist. Er gilt auch für Tragschrauber, die nicht sehr teuer und leicht in Schuss zu halten sind. Nur das Gesetz hält den Hobbypiloten davon ab, aus dem Vorgarten ins Büro zu starten. Doch es gibt Schlupflöcher. Bis Kappelmann bei seinen Kühen landen konnte, lernte er viel über das deutsche Verwaltungsrecht. Dass jede Regel ihre Ausnahme hat. Dass Freundlichkeit hilft. Dass gut Ding Weile haben will.

Er kennt das von sich selbst. Schritt für Schritt ist aus dem kleinen Jungen, der jede freie Minute im Kuhstall verbrachte, der Tierarzt mit Pilotenschein geworden. Als Schüler wechselte er erst von der Hauptschule bis ins Gymnasium, studierte Tiermedizin in München, assistierte, promovierte, sammelte Erfahrungen. 2000 erhielt er seine Approbation, drei Jahre später mietete er eine kleine Wohnung in der Gegend und fing einfach an. „Guten Tag, mein Name ist Dr. Steffen Kappelmann“, so begrüßte er die Bauern in der Region, „Experte für Rinder und Pferde.“ Nach und nach wurde aus 20 Bauern, die er frech seinem alten Chef abgeworben hatte, eine Kartei mit 200 Namen. „Das ist ein Vertrauensgeschäft“, sagt Kappelmann, „wenn ich bei einem Bauern einen Fehler mache, wissen das in Kürze alle Kollegen in der Region.“

Heute darf Kappelmann auf 27 Aussiedlerhöfen landen, für jeden einzelnen erteilte das Regierungspräsidium eine Erlaubnis. Bei der ersten Landung stehen die Bauernfamilien oft vollzählig auf dem Feld und bestaunen ihren Tierarzt, mit Helm, Sonnenbrille und Overall. Dann gewöhnen sie sich rasch an den „Cowboy der Lüfte“, der Gummistiefel, Endoskop, Ultraschallgerät, Schürze und Medikamente in seinem Tragschrauber transportiert.

Eigentlich ist Kappelmann am Ziel. Niemand ist schneller bei den kranken Kühen. Wenn einer wie er aber beharrlich seine Pläne umsetzt, dann hört er damit nicht auf, nur weil er angekommen ist. Es ist das Schicksal der Ehrgeizigen, dass ihre Ziele von früher dann nur noch Etappen sind. Der Tragschrauber zum Beispiel: 50 Flüge darf er mit seiner Sportpilotenlizenz jedes Jahr unternehmen, und er darf nur landen, wo die Behörden es erlauben. Hätte Kappelmann eine Lizenz als Berufspilot, könnte er überall landen. „Ich arbeite dran“, sagt er, „das kostet viel Zeit, aber für Familienlogistik habe ich ein Händchen.“ Sohn, Tochter und Ehefrau, die sich als Ärztin um Kleintiere kümmert, holen den fliegenden Vater immer mal wieder auf den Boden zurück.

Seit 2009 sitzt Steffen Kappelmann für die CDU im Gemeinderat von Sachsenheim, den Kreistag hat er schon ins Visier genommen. „Ich habe Lust, das Thema Verbraucherschutz aus der Sicht des Praktikers in die Politik zu bringen“, sagt er. Auch einen Zeitplan hat er bereits. Mit 50 will der fliegende Tierarzt in ein Parlament gewählt werden, ob nun in Berlin oder Brüssel: „Die Vogelperspektive täte der Politik mal ganz gut.“