Illustration: Menschen im Terminal am Münchner Flughafen
© Alec Doherty

Hier bleib ich!

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • ILLUSTRATION ALEC DOHERTY

Schlafkabine, Schlemmerstube, Spa: Am Flughafen München soll sich der Fluggast heimisch fühlen. Zum 25. Geburtstag zieht unser Reporter für 25 Stunden ins Terminal.

12:00  LH 2065 aus Hamburg rollt aus, die ersten Passagiere springen auf. Ach, ihr Menschen, eure Übersprungshektik! Den Gang absichern, das Handgepäck krallen, Tatendrang simulieren, konditioniert auf Weiterreise oder Ankunft. Aber heute mache ich nicht mit. Heute habe ich es nicht eilig. Ich bin schon da, am Ziel, am Flughafen München. Der ist der beste Airport Europas, das T2 das beste Terminal der Welt – sage nicht ich, sagen rund 14 Millionen Fluggäste in einer Umfrage. Hier will ich bleiben. Schauen, was sich verändert, wenn der Flughafen nicht Zwischenhalt ist, sondern Verweilwiese. Ich sitze am -Gate, High Noon. Münchner Monsun wäscht gegen das Panoramafenster. Der Flughafen soll nun meine Heimat sein.

13:45  Sanitärbereich, Spiegelblick. Ich kämme, gele, parfümiere mich nach. Sehen und Gesehenwerden, darum geht es ja auch, man vergleicht, wie schaut der denn aus, auweia, wie schaue ich denn aus, oje. Ein Surfer-Dude, der seine Dreadlocks spült, leiht mir Zahnpasta. Wir könnten Freunde werden, wollen aber nicht. Ich trage eine Granatapfelgesichtsmaske auf, ein asiatischer Zweireiher guckt kopfschüttelnd zu. Ich erkläre, ich wolle fit wirken, hätte gleich mein erstes Date.

15:10  Anneliese Herrmann trägt ein rotes Kleid und rote Haare, und sie legt gleich los, eine Anekdotenmaschine, aber mit Herz. Herrmann leitet die Abfertigung der Lufthansa am MUC. Sie kennt jede Krise, jede Lage, jedes Problem. Sie lässt besoffene Seemänner zum Boarding holen, sie organisiert Anschlussflüge für die Verspäteten und ein Hotel, wenn jemand über Nacht strandet. Bei ihr läuft das Chaos zusammen, sie strickt daraus Ordnung. Hat 5000 Nummern im Handy und für
jeden ein Lächeln. „Der Flughafen ist gewachsen, aber trotzdem überschaubar geblieben“, sagt Herrmann. Sie hat auch das Chaos weggemanagt, als der Eyjafjallajökull 2010 seine Asche auf Europa spuckte. Dann muss sie wieder los, ans nächste Gate, Routinevisite, immer zu Fuß und auf Absatz, „wenn du es machst, mach es mit Stil“, ruft sie, schon halb im Gehen. Dass die Menschen den Airport im Erdinger Moos so lieben, liegt auch an Menschen wie Anneliese Herrmann.

17:25  Die Durchsagen werden zum Soundtrack meiner Zeit. Weil sie nicht mich meinen, kann ich sie genießen, mit ihnen entspannen, ihre Didaktik öffnet eine Tür in mir, von der ich nicht wusste, dass sie existiert. This is the last and final boarding call. We ask all remaining passengers. Please proceed immediately. Ich lehne mich an die Stimme wie an einen Freund.

18:30  Der Shuttlezug trägt mich in den Satelliten, der immer noch nach Neueröffnung duftet und nach Essen. Erik Adlmüller leitet die Gastronomie. Früher hat er im Adlon gekocht und im Kempinski Hotel Bristol Berlin. Ist der Gast hier schwieriger, weil im Transit und gestresst? Im Gegenteil, erklärt Adlmüller. Weniger kritisch sei der Reisende, weil die Gastro an vielen Flughäfen doch eher, Pardon, mau sei. Aber hier, in München, werde was geboten. „Unser kulinarisches Angebot ist auf sehr hohem Niveau“, so der Chef aller Küchen im Satelliten sowie im öffentlichen Bereich des Terminal 2. Er besucht alle regelmäßig und versucht in jeden Topf zu schauen. Ein paar Klassiker müsse man freilich überall anbieten, sagt er, Schweinsbraten zum Beispiel. Als er sich verabschiedet, habe ich großen Hunger. Ich rufe den Schuhbeck-Ober herbei: einmal Schweinsbraten bitte.

Illustration: Nap Cabs am Flughafen München

20:10 Ich portioniere mir meine Langeweile. Wann und wo darf man das denn noch? Immer müssen wir erleben, arbeiten, funktionieren. Am Flughafen nicht, da sind wir auf uns selbst zurückgeworfen. Und so sind die Angebote in München allesamt angenehme Variationen einer Langeweile, die selten geworden ist, also wertvoll. Der MUC legt den Luxus der Zeit frei, in der Betriebsamkeit von Millionen Flügen. Als ich das verstanden habe, flaniere ich Richtung Bar.

21:25 Bairisch ist das Schunkellied unter den Dialekten, und ins Lenbachs gehen sie alle. Die Herren im Trench, die Damen mit Strass, die Turnschuhschüler und Jetset-Prolls, die eleganten Familien, die gestressten Alten, und Börsianer, die sich zuprosten, weil der Dax steigt. Beim Gin Tonic erzählt mir einer von seinem eingetüteten Megadeal, ich erzähle ihm von meinem Dispo, darauf trinken wir. Gehört ja zum Soziotop Flughafen dazu, die verschworene Kumpanei, hinter allen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten finden, und sei es nur das Reisen.

23:55 Die letzten Gäste tröpfeln aus Terminal 2, nur ich fahre auf dem Laufband in die andere Richtung, vorbei am Schuhputzerstand, an der Vitra-Lounge, an der Smoking Lounge, bis Gate G, Ebene 4. Da ist sie also, die NapCab, mein Bett für die Nacht. Der Airport fungiert als Testgebiet für die Schlafkabinen. Die Tür surrt auf, Pritsche, Bezug, Schreibtisch, eine Eremitage auf vier Quadratmetern. Ich stelle mir am Screen ein Ambient Light ein und Schuberts „Unvollendete“, das Allegro rieselt aus den Boxen, wenn das die Zukunft ist, dann ist sie schön.

04:12 Ich erwache, muss zur Toilette. Auf der Videoüber­wachung ist ein Mann in lachsrosa Boxershorts zu sehen, der durch das verlassene Terminal schlurft, in die Wickelräume abbiegt, dann doch noch das Pissoir findet, schließlich wieder vor der NapCab steht – und den Türcode vergessen hat. Man sieht, wie er sich ratlos am Kopf kratzt. Aus Müdigkeit wird Panik, dann Verzweiflung. Als er sich schon abfindet mit der Peinlichkeit, die ersten Anzugträger des Tages halb nackt grüßen zu müssen, fällt ihm der Code doch noch ein.

Illustration: Flugzeug am Flughafen München

09:20 Ich grüße den Putzmann, denselben wie gestern, man kennt sich, ich bin jetzt Dekor, wie Tom Hanks in „Terminal“. Ich gehe im T1 duschen und trockne mich mit meinem Rollkragenpullover ab, weil ich kein Handtuch eingepackt habe, ehe ich merke, dass der Airport Handtücher stellt. Fidel und frisch treffe ich Thomas Meister an der Security. Der Zöllner soll mir erklären, wie man schmuggelt. Will er aber nicht. Erzählt von seinen Zugriffen, schildert Höhepunkte menschlicher Dreistigkeit. Schildkröten aus Griechenland, mit Paketband umwickelt. Das Dutzend Goldreife, unter einem Verband eingegipst. Warane aus dem Oman. Elefantendung aus Südafrika. Wobei der sogar erlaubt war. 1500 Strafverfahren stoßen sie im Jahr an. Manche, klar, wüssten es nicht besser, aber die meisten. Meister, nun grimmig: „Die wollen uns linken, dann erwacht im Zollbeamten der Ehrgeiz.“ Und immer die Frage, ob er nicht mal ein Auge zudrücken könne. Kann er nicht. „Und Sie“, er zeigt lachend auf mich, „Sie hätte ich mir ganz genau angeguckt.“

12:30 Prosit! Ein Pils im Airbräu, einzige Flughafenbrauerei Europas, ich lerne den Braumeister René Jacobsen kennen. „Im Sommer ist hier die Hölle los“, sagt er. Dass schon Passagiere ihren Flug verpasst hätten, weil sie nicht vom Airbräu lassen wollten. Das soll mir nicht passieren. Passiert mir dann aber doch fast. 25 Stunden, um zum Gate zu gehen, aber dann in Stress geraten … Schuld ist das Gästebuch in der Christophorus-Kapelle, Terminal 1. Herr, lass uns sicher ans Ziel kommen, steht dort. Herr, ich wünsche mir einen Urlaub ohne Sorgen. Herr, ich bedanke mich für meine Familie und mein Leben. Die Worte, in ihrer Einfachheit, kurz vor dem Boarding unter das Kreuz geschrieben, rühren mich. Bis plötzlich meine Lieblingsstimme erklingt, aber diesmal meint sie mich. „Passenger Moritz Herrmann. This is the last and final boarding call. Please proceed immediately …“


Zum Ziel

Lufthansa fliegt den Airport München (MUC) von 136 Zielen weltweit an. Das macht den Flughafen zum zweitwichtigsten Hub Deutschlands.

LH.com