Spielen gegen den Ernst des Lebens: In der Pause imitiert Shiraaj einen wilden Gitarristen
© Jens Görlich

Hilfe macht Schule

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Von 13 Lufthanseaten ­gegründet; rund 40 Hilfs­initiativen in aller Welt; 1500 regelmäßige Spender – das sind die Zahlen der help ­alliance. Dahinter stehen ­Projekte wie die ­iThemba-­Vorschule in einer Township bei Kapstadt. Hier wird für Bildung und den Traum von einer besseren Zukunft gekämpft

Wieder ist er einer der Ersten. Er hat gedrängelt, hat an der Hand seiner Schwester gezogen. In die Schule! Schneller! Los! Shiraaj Abrahams stürmt durch das Tor, über den Hof, in die Klasse. Im Stacheldraht sitzen Spatzen. Meerwind lässt die südafrikanische Flagge flattern. Torty, die Schildkröte, kriecht durch das verbrannte Gras. So sieht er also aus, der Ort der Hoffnung. Shiraaj hat keine Zähne im Kiefer, eine Krankheit, von Geburt an. Auf der Straße lachen sie ihn deshalb aus. An der iThemba-Vorschule lacht keiner. Hier wird er respektiert, wird gemocht und umsorgt. Muss sich nicht die Hand vor den Mund halten. Seine Mutter sprach persönlich bei Schulleiterin Veronica Nicholas für einen Platz vor.

Wie hätte Nicholas ablehnen können? Sie muss schon so oft absagen. Die Warteliste für die iThemba ist lang. Schnell hatte sich in Capricorn nahe Kapstadt verbreitet, dass eine spezielle Schule in die Township zieht. iThemba, ein Zulu-Wort, bedeutet Hoffnung. 2006 hat die help alliance das Projekt gestartet, erst in Philippi, 2010 folgte der Umzug nach Capricorn. Nur die Ärmsten der Armen dürfen ihre Kinder schicken. Kinder wie Shiraaj, die viel Zuwendung brauchen, haben Vorrang. Es gibt 75 Plätze, aber die Townships hier sind groß. Capricorn liegt knapp 40 ­Autominuten entfernt von Kapstadt – und gedanklich noch viel ­weiter. Die Metropole erscheint hier wie ein fremder Planet, der Tafelberg nur als Ahnung hinter Wolken. Hinter Capricorn erhebt sich ein eigener Berg, in seiner Form dem Tafelberg gar nicht unähnlich. Es ist eine riesige Müllhalde, die größte der Gegend.

Auch der Heimweg von Shiraaj führt vorbei am Müll. An verdreckten Brachen, verkohlten Autowracks und Friseurläden unter Wellblech. Die Straßen werden zu Wegen, die Wege zu Furchen im Schlamm. Hunde streunen wild. Doch Shiraaj hüpft, lacht und wirft sich in Posen. Ein lustiger Marsch durch tristes Gebiet. Er geht an der Hand der Schwester. Die Mutter wartet zu Hause, im Arm ein Baby, der Fernseher läuft. In Capricorn läuft immer der Fernseher. Shiraaj legt sich auf die alte Ledercouch.

Panorama aus Bergen, Blech, Holz: Townships wie Capricorn sind ein Relikt der Apartheid

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© Jens Görlich
Die kleine Lunathi lässt Hula-Hoop-Reifen kreisen

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Schulleiterin Veronica Nicholas in ihrem Büro

Schulleiterin Veronica Nicholas in ihrem Büro

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Zwischendurch werden die Glieder geschüttelt – man kann nicht nur im Sitzen lernen

Zwischendurch werden die Glieder geschüttelt – man kann nicht nur im Sitzen lernen

© Jens Görlich
Das Tischgebet vor dem Essen: die Kinder sind hingebungsvoll dabei

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Nicht nur für ein Lächeln gut: Die Hilfsinitiativen der help alliance

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© Jens Görlich

 In ein paar Wochen wird der Sechsjährige die iThemba verlassen, noch ist unklar, auf welche Grundschule er wechselt.

Seine Mutter sagt, sie finde keine, die passt. Lena Koeberg, die Köchin der Schule, die heute mitgegangen ist, sagt, die Mutter suche nicht richtig. „Vielleicht warte ich, bis eure neue Grundschule fertig ist“, sagt die Mutter. „Nein! Du darfst ihn nicht einfach zu Hause lassen“, braust Koeberg auf. „Nur ein Jahr oder so“, murmelt die Mutter. „Shiraaj ist selbstsicherer, als du denkst. Du willst ihn vor der Welt verstecken“, ruft Koeberg. Dann stehen die beiden Frauen voreinander und schweigen ihre unterschiedlichen Meinungen trotzig in die Enge des Hofs.

Eigentlich erziehen wir die Eltern noch mehr als die Kinder

Veronica Nicholas, Schulleiterin

An der iThemba kennen sie diese Haltung und verzweifeln manchmal an ihr. Sechs Lehrerinnen bereiten die Kinder auf das Leben vor. Aber was ist all das wert, wenn nichts darauf aufbaut? Wenn die Eltern ihre Kinder vernachlässigen, nie mit ihnen lesen, malen, spielen? Sie nicht für die Grundschule anmelden? Vero­nica Nicholas steht in ihrem Büro und sagt: „Die Eltern müssen Verantwortung übernehmen. Eigentlich erziehen wir die Eltern mehr als die Kinder.“ Nicholas ist eine resolute Frau, kurzes Haar, früh ergraut, was sie weise aussehen lässt. Aus ihrem Fenster blickt sie auf das Nachbargrundstück. Neben der Schule, hinter der Mauer mit Stacheldraht, steht ein altes Klettergerüst. Kinder sieht man keine, wegen der Dealer, sagt sie, zeigt auf ein Loch im Zaun, da steigen sie durch. Ein Spielplatz, kein Platz zum Spielen. Es gibt kaum Orte in Capricorn, wo man Kind sein darf. Auch darum ist iThemba so wichtig. Als Ausnahme, als Insel der Sorglosigkeit. Bildung sei die mächtigste Waffe, um die Welt zu verändern, hat Nelson Mandela gesagt. An der iThemba wollen sie die Worte des verstorbenen Nationalhelden mit Leben füllen.

An der iThemba wollen sie die Familie einbinden: Dass ein Verwandter die Kinder abholt, ist Pflicht

An der iThemba wollen sie die Familie einbinden: Dass ein Verwandter die Kinder abholt, ist Pflicht

© Jens Görlich

 Die Haltung vieler Eltern leitet sich auch aus der Township selbst ab, in der es nur wenige Regeln gibt. Wo man nicht langfristig denkt, weil das Überleben für die nächste Woche organisiert werden muss. Rund 23 000 Menschen leben im Einzugsgebiet der Schule, fast ein Drittel davon sind arbeitslos. Eine zweite iThemba wäre gut. Die Zusage der Stadt liegt vor, ein Grundstück wurde bewilligt, 2018 könnte die Grundschule eröffnen.

Halb acht am nächsten Morgen. Der Duft von Haferbrei zieht über den Hof, die erste von drei Mahlzeiten pro Tag. Durch das Tor drängeln wieder die Kinder. Ihre Eltern wenden sich zum Gehen, aber Nicholas ruft alle zurück: „Bring ihn in die Klasse! Du musst unterschreiben! Wo wollt ihr hin?“ Als eine Mutter mit Sohn zu spät kommt, redet Nicholas auf sie ein. Sei ein Vorbild! Streng dich an! Sie liebt die Schule. Aber vor ein paar Monaten blieb iThemba geschlossen. Capricorn brannte. Die Regierung wollte illegale Sammeltaxis mit einer Kontrolle abstrafen. In den Townships, wo die Menschen auf die Busse angewiesen sind, wüteten die Fahrer, zündeten Reifen an, Schüsse in der Luft. Lehrerinnen, die zur iThemba wollten, wurden weggejagt. Jeder sollte seine Arbeit niederlegen, sollte sich solidarisieren.

In der Klasse wird gepuzzelt und der Frühling gemalt. Werden Früchte gezählt. Alles fließt ineinander, alles ist immer Spiel und Lernen zugleich. Fragt man die Kinder, was sie werden wollen, rufen sie auf Xhosa, Englisch, Afrikaans: Koch! Astronaut! Lehrer! Rennfahrer! Kühne Träume, kaum zu erfüllen. Aber es geht darum, überhaupt Träume zu haben. Shiraaj sagt, dass er Musik mag. In der Pause holt er einen Holzschläger. Der Junge, von dem sie sagen, er sei schüchtern, spielt darauf Gitarre. Der Junge, der früher nie gelacht hat, er lacht.