Kranich Lufthansa
© Harry Eggens/Alamy

Na, Logo!

  • TEXT MARC BIELEFELD

Keiner zieht so schön durch den Himmel wie der Kranich: Seit je wird seine Eleganz verehrt, seit knapp 90 Jahren dient er der Lufthansa als Markenzeichen. Ein Porträt des Zugvogels, der sich im Herbst gen Süden aufmacht.

Die Startvorbereitungen für den Langstreckenflug fallen simpel aus: keine Checklisten, kein Auftanken, kein Catering. Erhobenen Hauptes schreitet der Kranich über die Wiese, aufrecht wie eine Giraffe, spitzschnäblig wie eine Concorde. Er steht nun quasi auf Abflugposition an der Startbahn, hält seinen Schnabel in die Brise, registriert jede Böe. Kurz schüttelt er sein Gefieder, dann gibt er einen kräftigen Trompetenruf von sich. Eine Mischung aus Knurren und Fiepen, so kommuniziert er mit den anderen Tieren seines Clans.

Die Stimme eines einzelnen Kranichs ist schöner als das Tschilpen von tausend Spatzen

Japanisches Sprichwort

Dann wird es ernst. Der Kranich biegt sich aus dem staksigen, aufrechten Landmodus in eine areodynamische Flugposition. Jäh kippt er den Oberkörper nach vorn, senkt den langen Hals hinab, wirft sich wie ein Sprinter in einen schnellen Lauf. Seine dünnen Beine galoppieren los, wie eine Pfeilspitze schießt der schlanke Oberkörper knapp über dem Boden dahin. Dann entfaltet er die Tragflächen: Ein mächtiges Kleid aus grauen Federn klappt seitwärts aus dem Körper, breitet sich aus, seine Flügel treiben den Lauf mit weit ausladenden Schlägen an.

Er streichelt die Luft. Schaufelt sie von oben nach unten. Seine gebogenen, zur Seite hin ausgefächerten Flügelenden verharren bei jedem Schlag eine Sekunde lang in höchster Position. Dann aber zieht er sie mit aller Macht durch, drückt die Schwingen so tief nach unten, dass ihre Spitzen fast den Boden berühren. Der Kranich wird immer schneller.

Nur sechs Flügelschläge später hebt er ab. Bäuchlings in einer makellosen Horizontalen liegend, die langen Beine waagerecht nach hinten gestreckt, fliegt er davon. Ohne sich ein einziges Mal umzuschauen. Wehmut kennt dieser Vogel nicht. Es gibt kein Adieu, keinen Gruß an das Fleckchen Erde, das ihn in den sieben Monaten zuvor genährt hat. Der Kranich muss jetzt weiterziehen. Denn eines zeichnet ihn mehr aus als alles andere: das Reisen, das Fliegen.

 

Landeanflug eines Grauen Kranichs am Hornborgasjön, einem der bekanntesten Vogelseen Schwedens

Landeanflug eines Grauen Kranichs am Hornborgasjön, einem der bekanntesten Vogelseen Schwedens

© Stefan Holm

  Auf ihrem Herbstzug fliegen bis Mitte Dezember fast eine halbe Million Kraniche nach Süden, um in warmen Gefilden zu überwintern. Sie fliegen von Russland und Skandinavien bis ins südliche Europa, oft weiter bis nach Afrika. Allein auf dem westeuropäischen Zugweg macht sich jetzt eine Population von mehr als 350 000 Kranichen auf den Weg in die Winterlager.

Viele der Tiere überfliegen Deutschland und legen hier ihre Zwischenstopps ein. Denn landen müssen sie hin und wieder schon. Sie rasten in Vorpommern, im brandenburgischen Rhinluch und Havelländischen Luch gehen die Schwärme nieder, am Helmestausee im Südharz oder in der Diepholzer Moorniederung. Die Mehrzahl steuert danach einen Stausee in Frankreich an, um kurz zu verschnaufen und sich auf den Feldern zu stärken. Dann fliegen sie über die Pyrenäen Richtung Madrid bis in die Extremadura, nach Portugal oder weiter über Gibraltar nach Marokko, Algerien, Tunesien. 15 Arten dieser vornehmen Vögel existieren, nach dem nordamerikanischen Kanada­kranich ist der Graue Kranich die am stärksten verbreitete Art. Dank intensivem Schutz geht es den Tieren gut. Sie werden nicht weniger, sondern mehr. Zu Tausenden ziehen sie über ­Inseln und Sumpfgebiete – und bieten nicht nur Ornithologen einen erhabenen Anblick.

Der Kranich – wissenschaftlicher Name Grus grus – ist der größte europäische Vogel. Schreitet er über die Felder, ist er bis zu 1,30 Meter hoch, im Flug haben seine Schwingen eine Spannweite von bis zu 2,45 Meter. Sein Gefieder ist hellgrau, sein Hals schwarz-weiß gemustert, sein Haupt krönt eine federlose rote Kopfplatte – ein äußerst ansehnliches Flugobjekt.

Auch seine technischen Daten sind überzeugend. Als Ruderflieger macht er langsame, aber kräftige Schläge. Am liebsten steigt er in Thermiken auf, gleitet in Reiseflughöhen zwischen 500 und bis zu 4000 Meter über weite Distanzen, und das mit bis zu 65 Stundenkilometern. Bis zu 12 000 Kilometer legen manche Kraniche so alljährlich zurück. In keilförmigen Staffeln reisen sie über die Erde, bilden V-Formationen und wechseln immer wieder die Positionen, um im Windschatten des „Vordermanns“ zu fliegen: echte Energiesparer.

Formationsflug: Im Windschatten ihres "Vordermanns" legen Kraniche bis zu 12 000 Kilometer im Jahr zurück

Formationsflug: Im Windschatten ihres „Vordermanns“ legen Kraniche bis zu 12 000 Kilometer im Jahr zurück

© Jeremy Woodhouse/gettyimages

  Die Vögel sind zu enormen Leistungen fähig, nicht nur was ihre spektakulären Balztänze betrifft. 2014 statteten Forscher ein Weibchen mit einem Sender aus. Die Überwachung zeigte: Die Kranichdame flog in fünf Tagen vom nördlichen Weißrussland in den Süden der Sinai-Halbinsel, querte dabei ohne Zwischenlandung das östliche Mittelmeer und setzte ihre Reise nach kurzem Stopp in Israel fort, um bald darauf am Tanasee in Äthiopien zu landen. 5100 Kilometer in elf Tagen, eine starke Leistung. Dabei sind Kraniche auch noch recht anspruchslos, was ihre Energieversorgung angeht. Sie picken Früchte und Getreidekörner, kommen mit Insekten und Schnecken aus, fressen hier und da mal einen Frosch.

Das reicht für echte Höhenflüge. In Asien ziehen Jungfernkraniche von Tibet nach Indien und wagen sich sogar quer über den Himalaja. Kraniche wurden dort schon in 7600 Meter Höhe gesichtet, wobei sie sich tagelang an den sturmgepeitschten Flanken herumdrückten – um dann mit günstigen Winden über die eisigen Bergmassive nach Süden zu gleiten. Die Kraniche wissen, was sie können. Ihre Vorfahren hoben schon im Tertiär ab, vor bis zu 54 Millionen Jahren.

Dass der Kranich verehrt wird, dass er von Lufthansa zum Symboltier erkoren wurde, hat noch einen weiteren Grund. Wohl kein anderes fliegendes Wesen besitzt eine derart archetypische Form: Der Körper des Kranichs erinnert an das perfekte Flugzeug. Er hat nicht die kurzen Beine des Adlers, nicht die Watschelfüße des Albatros. Sein in voller Länge gestreckter Körper entspricht einem aerodynamisch optimal geformten Rumpf, getragen von gravitätischen Schwingen.

Diese Könige der Lüfte haben den Menschen schon früh inspiriert. In der ägyptischen Mythologie taucht der Kranich als „Sonnenvogel“ und „Götterbote“ auf, den alten Griechen galt er als Symbol für Wachsamkeit und Klugheit, auch wenn er in Homers „Ilias“ als gefräßiges Raubtier über die Sümpfe des Nildeltas schwebt. Die Schweden feiern den Kranich als „Vogel des Glücks“, weil er die Ankunft des Frühlings signalisiert. In Musik und Malerei wird er zum Helden, in Lyrik und Literatur fliegt er durch die Zeilen, erwähnt auch von deutschen Geistesgrößen wie Goethe und Schiller, Kleist und Brecht. Schon Jahrtausende zuvor war der Kranich zum Ziervogel geworden, verehrt als ein über die Erde ziehender Weltbürger, der mühelos alle Grenzen überwindet. Die Chinesen sahen in ihm einen „Vogel ersten Ranges“, die Inder nannten ihn den „Vornehmsten aller Gefiederten“.

Sein Auftritt in der Natur aber sagt mehr als alle Hymnen. Jeden, der ihn einmal in Aktion sieht, lässt das Bild nicht mehr los. Der Kranich verleitet uns – wohl mehr als jeder andere Vogel – zu einer impulsiven biologischen Übersprungshandlung: So formvollendet, wie er am Himmel gleitet … man möchte sofort selbst losfliegen.


 

1918 entwarf der ­Grafikdesigner und Architekt Otto Firle das berühmte Lufthansa Markenzeichen. Firle, im Ersten Weltkrieg Pilot, zeichnete den Zugvogel mit großen Flügeln leicht nach oben geneigt, wie bei einem Start – passend für die aufstrebende junge Airline. Ein zeitloses Logo: Seit fast 100 Jahren blieb der Kranich im Wesentlichen unverändert. Das liegt auch an den Werten, die er verkörpert, und seiner Symbolkraft. Er ist auf der ganzen Welt zu Hause, wird fast so groß und alt wie der Mensch und gilt als Glücksvogel und Himmelsbote.